25.07.1977

„Willst du den Herren Sauerkraut servieren?“

Als Martha Voegtling, Wirtin "Zum Ochsen" in Blaesheim bei Straßburg, ihre zufriedenen Gäste so sitzen sah -- Helmut Schmidt die Arme lässig über die Lehne gebaumelt und selbst Valéry Giscard d'Estaing auf feinste Weise räkelig, da kam ihr plötzlich eine Erkenntnis: "Die sind ja ganz einfach. Die wollen ja auch nur ihre Ruhe haben wie wir selbst."
Nun ist es für den französischen Staatspräsidenten und den deutschen Bundeskanzler so einfach nicht, einfach zu sein, zumal nicht bei amtlichen Begegnungen. Und es bedurfte schon eines hohen Maßes von Aufwand und Künstlichkeit, um dem Treffen der beiden Regierungschefs in dem kleinen Dorf im Elsaß am Dienstag vergangener Woche jenen Anschein populärer Biederkeit zu geben, der bezweckt war.
Geplant war eine Begegnung in Straßburg schon lange. Giscards Generalsekretär Jean Francois-Poncet und Schmidts Kanzleramtschef Manfred Schüler übernahmen die Vorbereitungen. Sie einigten sich auf einen Termin nach der USA-Reise des Kanzlers.
Man kann das genüßliche Zungenschnalzen der Public-Relations-Experten an der Seine nachempfinden, als sie den Plan abschmeckten. Was da nicht alles unterschwellig mitschwang: Versöhnung zwischen den früheren Erbfeinden im einst umstrittenen Grenzgebiet. Freundliche Menschen, die ebenso behäbig französisch wie deutsch parlieren, ein Restaurant, das sich genauso stolz "Boeuf" wie "Zum Ochsen' nennt, mit einem Besitzer, der sich dem Hohenpriester der neuen französischen Küche, Paul Bocuse, mindestens ebenbürtig fühlt und zugleich Grand Maitre der Hobbyköche von Mannheim ist.
Alles paßte -- für den Grandseigneur aus Paris, der sich so gern wie Harun AI Raschid unters simple Volk mischt, so gut wie für den Eintopfesser vom Brahmsee.
Doch bedurfte die Wirklichkeit, bevor sie richtig auf der Höhe der Begegnung war, erst ein wenig der Korrektur. Beispielsweise müssen die Leute weg, bevor sich Staatsmänner unter die Leute begeben. Georges Voegtling mußte sein Lokal am Dienstag schließen. Das war ihm gar nicht recht, "weil doch meine Gäste meine Gäste sind". Aber einst als deutscher Fallschirmjäger hat er gelernt, sich zu fügen.
Die heimelige Gaststube mit rotkarierten Vorhängen, breitem weißen Kachelofen, Trachtenbildern und Balkendecke fanden auch die Sicherheitsbeamten schön. Nur nicht sicher. "Hier darf niemand rein, ordneten sie an, und das galt auch für die hohen Gäste. Sie mußten im "Neuen Saal" tafeln, wo man normalerweise nur sitzt, wenn es da voll ist, wo man eigentlich sitzen möchte.
Bequem ist es beim Ochsen-Wirt, einfach und gemütlich. Das fanden die Protokollfachleute zwar alles sehr ansprechend, aber doch nicht für solche Gäste. Also ließ Georges Voegtling Stilsessel und einen ovalen Tisch aus dem rosaroten Empire-Schloß von nebenan herbeischaffen, einst Sitz der Familie Bock von Böcklinsau' heute Besitz eines Papierfabrikanten.
Als die Präfektur in Straßburg dann noch zusätzlich private Räume forderte, zum Telephonieren und Ausruhen. bot der gequälte Maitre an, das ganze Treffen gleich ins Schloß zu verlegen. Aber da hatte er die Herren nun wirklich falsch verstanden -- ein Schloß sollte es doch gerade nicht sein, sondern der "Ochse". Also räumten Voegtlings ihre Privatwohnung.
Was das Haus freilich vor allem bekannt gemacht hat, ist die Kochkunst des Chefs. Und gerade auf diesem Gebiet erlebte Maitre Voegtling seine größte Enttäuschung. Tagelang hatte er sich ausgemalt, was er den Gästen vorsetzen wollte: frischen Lachs als Vorspeise, Rehnüßchen als Hauptgericht vielleicht. Er mußte seine Speisekarte nach Straßburg einschicken, von dort gingen Photokopien nach Paris.
Die Bestellung, die dann eintraf, hat er "kulinarisch gesehen nicht genossen". Die Vorspeise "La petite marmite Henri IV" klingt gut und schmeckt gut. Aber es ist -- und man muß den traurigen Chef dieses Wort verächtlich ausspucken hören -- "nichts als ein Suppeneintopf". Als Hauptspeise wollten seine Gäste Filetsteak nach Straßburger Art -- "das ist für mich als Koch ein Bettel".
Immerhin hatte er sich vorbehalten, daß sein Sohn Richard und drei Helfer ungestört kochen und die Fenster dabei öffnen dürfen, während sonst alles im Kaus verriegelt und verrammelt wurde. Zunächst blieben die Topfkünstler auch mit ihren Düften allein, am Ende aber saßen 42 Sicherheitsbeamte in Voegtlings Küche. Und vor dem offenen Fenster standen auch noch welche.
Alle Vorverhandlungen, weiß der Ochsen-Georges. verliefen unter höchster Geheimhaltung über knapp zwei Wochen. "Sicherheitsstufe eins", schaudert der Wirt noch nachträglich. Voegtling wußte nur, daß ihm "hochgestellte Persönlichkeiten" ins Haus standen, "höher als Minister", wie er nach hartnäckigem Bohren erfuhr.
Er tippte auf einen sowjetischen Minister, "weil Russen hier öfter Werke besichtigen". Seine Frau war sicher, sie wurden den Schah von Persien beherbergen. Direkte Nachbarn aus dem Osten schlossen sie dagegen von vornherein aus: "Um Deutsche machen die hier nicht so viel Tamtam."
Die denkwürdige Wahrheit erfuhr der Wirt dann telephonisch um halb elf Montag vormittag. Streng ermahnt schwieg er danach weiter. Sein Kellner Raymond erfuhr erst am Dienstag mittag aus dem Radio, wem er vorlegen sollte.
Noch später wurden die 952 Dörfler eingeweiht in das, was heute im stolzen Blaesheim "das Ereignis" heißt. Bürgermeister Paul Baur erreichte die hochamtliche, geheime Nachricht am Montag abend um acht.
Am Dienstag morgen um acht Uhr, längst hatte Radio Luxemburg den "Ochsen" in Blaesheim als Ort der Begegnung enttarnt, trafen Bürgermeister Baur -- in seiner Eigenschaft als Sauerkraut-Belieferer des "Ochsen" -- und Maitre Voegtling zusammen. Zehn Kilogramm Sauerkraut hatte der Ochsenwirt beim Bürgermeister bestellt. Jeder der beiden Geheimnisträger wußte wofür, aber keiner wußte, ob der andere wußte. Augenzwinkernd rang sich Baur zu der Frage durch: "Willst du den Herren Sauerkraut servieren?" Und ebenso augenzwinkernd zuckte Maitre Voegtling die Achseln.
Aber dann war nichts mehr zu verbergen: Das Fernsehen schwärmte aus, das deutsche und das französische, Kabel wurden gelegt, die Möbel aus dem Schloß geschleppt (Voegtling kriegte dabei amtliche Hilfe: "Zwei Mann zum Tragen und 25 zum Aufpassen"). Die Nachbarn des "Ochsen" mußten sich streng auf ihre Zuverlässigkeit überprüfen lassen. In jedem Haus quartierten sich zwei Sicherheitsbeamte ein, die mobile Gendarmerie besetzte Blaesheims Wahrzeichen, den Glöckelsberg (196,5 Meter) mit Turm, und als Hauptfrage diskutierte die Bevölkerung, "ob der Schmidt wohl seine komische Mütze mitbringt".
Als Schmidt und Giscard dann eintrafen, waren sie von "mindestens 50 Motorrädern eskortiert" und tausend Polizisten beschützt, wie Einwohner gezählt haben wollen. Rund 700 Blaesheimer jubelten unauffällig, aber sorgsam bewacht, "Vive le Präsident" und "Vive le Bundeskanzler". Die schüttelten Hände und zeigten Spaß an der Blasmusik.
So waren in Blaesheim alle miteinander recht zufrieden. Die Herren Regierenden genossen Bürgernähe und Gemütlichkeit, so "richtig frisch gelockert", wie der Staatssekretär Schüler noch heute schwärmt, und die Blaesheimer bewunderten die Obrigkeit. "So", mutmaßte ein alter Dörfler sinnend' "muß das schon zur Zeit meines Großvaters gewesen sein mit den Edlen von Bock."

DER SPIEGEL 31/1977
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