25.07.1977

URANSchlange stehen

In einem Monat will Australien entscheiden, ob es den Europäern Natur-Uran liefert. Einer der Hauptinteressenten ist schon vor Ort: Bonns Wirtschaftsminister Friderichs.
Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs, auf Reisen in Australien, dementierte, so oft er nur konnte: Er sei nicht als "Uran-Einkäufer" in den fünften Erdteil gekommen.
Betont selbstsicher versuchte Friderichs darzutun, daß er nicht 17 000 Kilometer geflogen sei, um als Bittsteller beim australischen Premierminister Malcolm Fraser anzuklopfen, der bei seiner Europa-Reise vor wenigen Wochen die EG-Partner verärgert hatte.
"Wie ein Holzfäller", so ein EG-Beamter, hatte der Premier in rüdem Ton den Europäern klargemacht, daß sie Australien mit ihrer Handelspolitik -- vor allem auf dem Agrarmarkt -- schon sehr weit entgegenkommen müßten, wenn sie vom begehrten Uran etwas abbekommen wollten.
Fraser weiß um seine Stärke. Die Vereinigten Staaten ausgenommen, die ihre Vorkommen langfristig selber benötigen, verfügt Australien nach Kanada und Südafrika über die drittgrößten Uran-Lagerstätten der Welt. Dabei habe man mit der Prospektion erst begonnen, ließ Rohstoffminister John Douglas Anthony den Gast aus Bonn wissen.
Die Australier setzen darauf, daß der Bau-Boom von Kernkraftwerken trotz aller Widerstände anhält. In wenigen Jahren schon hätte Uran dann die gleiche Bedeutung für die Energie-Erzeugung wie das Öl heute. Die Preise bestätigen diese Tendenz: 1973 war ein Pound Uran für sechs Dollar zu haben, heute kostet es rund 40 Dollar.
Zwar versicherte Friderichs, die Bundesrepublik sei durch Verträge, vor allem mit Südafrika und Kanada, die zusammen gut 80 Prozent des deutschen Bedarfs an Natur-Uran decken, bis 1982 versorgt. Aber sein Interesse an den australischen Vorräten konnte der Deutsche dennoch nicht verhehlen -- und das nicht nur, weil Bonn neben den Kanadiern und dem politisch unsicheren Apartheid-Staat einen weiteren Hauptlieferanten anwerben möchte.
Um die Versorgung der Milliarden-Investition "Kernkraftwerke" auf Dauer zu garantieren, soll etwa die Hälfte des benötigten Urans über Beteiligungen deutscher Firmen an Erschließung und Förderung des wertvollen Erzes herangeschafft werden -- was nur noch in Australien möglich scheint.
Die Chancen solcher Pläne stehen nicht schlecht. Mit Tochtergesellschaften sind die Frankfurter Urangesellschaft und die Bonner Uranerzbergbau-Gesellschaft schon seit Jahren in Australien im Prospektionsgeschäft.
Es steht jedoch noch mehr und politisch Heikleres auf dem Spiel. Als einen der Fixpunkte ihrer Uranpolitik hat die Regierung Fraser bereits verkündet, daß Australien sobald wie möglich das eigene Uranerz selbst anreichern und dann als fertiges Brennmaterial für Kernkraftwerke exportieren möchte.
Die australische Atom-Energiekommission entwickelt seit einigen Jahren schon eine eigene Anreicherungs-Technologie, aber Experten gehen davon aus, daß sie erst in den späten 80er Jahren brauchbare Ergebnisse vorweisen kann. Deshalb stehen Japaner, Amerikaner und Franzosen Schlange, das Milliarden-Geschäft mit den Australiern zu machen.
Mit dabei ist auch die deutsch-britisch-niederländische Gemeinschaftsgründung Urenco. Die Deutschen und ihre Partner haben den Australiern angeboten, Technologie und Anlagen zu liefern, wenn dafür Natur-Uran für die Urenco-eigenen Anlagen in Europa und die beteiligten Staaten abfiele Vorsichtig ließen die Urenco-Teilhabei von Friderichs vorfühlen, ob nicht im Spätherbst eine Abordnung der europäischen Anreicherer in Australien emp· fangen werden könnte.
Für australisches Uran, das ließ Friderichs trotz aller Zurückhaltung durchblicken, ist Bonn bereit, einige: zu tun. Denn Premier Fraser braucht im der Kritik im eigenen Lande am Export des Energie. und Bombenrohstoffs zu begegnen, sichere Zusagen der Empfängerländer, Uran nicht zu mißbrauchen und nicht in unbefugte Hände fallen zu lassen.
So machten die Bonner Gäste deutlich, daß sie in einem Vertrag, den Canberra mit der europäischen Atomgemeinschaft Euratom abschließen müßte, umfassende Sicherheitsauflagen hinnehmen würden.
Einem anderen Ansinnen Frasers mag die Bundesregierung jedoch nicht nachkommen: das Verlangen der Australier, die Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe -- bei der neben neuem Uran auch der Bombenstoff Plutonium anfällt -- von ihrer Zustimmung abhängig zu machen.
Kanzler Helmut Schmidt hatte dem australischen Premier bei dessen Besuch in Bonn schon klargemacht, daß er dies als einen "gravierenden Eingriff in nationale Kernenergie-Programme~' betrachte. Auf die uneingeschränkte Wiederaufbereitung könne die Bundesrepublik unter gar keinen Umständen verzichten.
Noch haben der Kanzler und sein Wirtschaftsminister Zeit, ihre Uranpolitik mit Canberra zu überdenken. In einem Monat, so ließ Rohstoffminister Anthony seinen Gast aus Deutschland in vertraulichem Gespräch wissen, so mit der lange hinausgezögerten Entscheidung der australischen Regierung zu rechnen, ob das Spalterz gefördert und unter welchen Bedingungen es verkauft wird.

DER SPIEGEL 31/1977
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