25.07.1977

SPIONENummer eins

Um einen eigenen Spion bei den Sowjets auslösen zu können, drängt Washington auf Bonner Beistand: Die Bundesregierung soll das Agentenpaar Guillaume laufenlassen.
Gerade hatte US-Präsident Jimmy Carter sein letztes Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Schmidt beendet, die Delegationen den "Cabinet's Room" des Weißen Hauses verlassen, da verschwanden zwei Herren unauffällig in einem Nebenzimmer: Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, und Manfred Schüler, Staatssekretär im Bonner Bundeskanzleramt, zugleich Aufseher der deutschen Geheimdienste.
Die beiden Spitzenbeamten wollten zum Abschluß der Washington-Visite des Bundeskanzlers am vorletzten Freitag Klarheit in eine mysteriöse Spionageangelegenheit bringen, die seit Monaten Geheimdienstler und Politiker beider Staaten beschäftigt.
Die Amerikaner versuchen seit geraumer Zeit, einen CIA-Mitarbeiter namens Nicholas Shadrin aus der Sowjet-Union zurückzuholen. Der Mann, der 1959 als Nikolai Fedorowitsch Artamonow, Kapitän der sowjetischen Marine, samt einem Bündel brisanter Militärakten in die USA desertiert war, ist seit dem 20. Dezember 1975 verschollen.
Im Auftrag des FBI hatte er sich mit zwei KGB-Agenten auf den Stufen der Wiener Votiv-Kirche verabredet. Seither warten seine amerikanischen Dienstherren ebenso vergeblich auf ein Lebenszeichen wie seine Frau Blanka, Dentistin in Mc Lean (Virginia).
Was den deutschen Staatssekretär am vorletzten Freitag dazu brachte, Carters Brzezinski auf den Fall Shadrin anzusprechen, war die Sorge, aus dem sowjetisch-amerikanischen Agentenstück könne sehr leicht innenpolitischer Wirbel in Bonn entstehen. Denn, so teilte Schüler dem Amerikaner mit, der Bundesregierung sei aus der DDR zugespielt worden, die US-Administration habe durch den Washingtoner Anwalt Richard Copaken in Ost-Berlin bereits einen Preis für Shadrin ausgelobt.
Dem Gerücht zufolge sei Bonn bereit, das 1974 geschnappte DDR-Agentenpaar Christel und Günter Guillaume, 1975 verurteilt zu 13 und acht Jahren Gefängnis wegen Spionage im Kanzleramt Willy Brandts, an die DDR auszuliefern.
Den Hintergrund für das dubiose Vierecksgeschäft Moskau-Washington-Bonn-Ost-Berlin hatten just zu Helmut Schmidts US-Besuch einige amerikanische Zeitungen und das Fernsehen geliefert. Blanka Shadrin hatte ausgepackt und US-Präsident Carter der unterlassenen Hilfeleistung für einen US-Bürger bezichtigt.
Ermutigt durch beschwichtigende Zeilen von White-House-Berater Brzezinski ("I fully sympathise with your frustration and anxiety"), verlangte Blanka Shadrin von Carter öffentlich, er möge gefälligst seinen deutschen Gast dazu bringen, die Guillaumes gen Osten laufenzulassen.
Es war nicht das erstemal, daß sich Bonn mit dem Fall Shadrin konfrontiert sah. In den letzten Tagen der Amtszeit von US-Präsident Gerald Ford erschien im Bonner Kanzleramt ein amerikanischer Beamter und bat um Hilfe. Ford möchte rasch noch den Fall Shadrin bereinigen, da Frau Blanka sonst mit einem öffentlichen Eklat drohe.
Der Amerikaner wünschte Kontakt-Vermittlung zu dem einflußreichsten Personen-Makler zwischen Ost und West, dem Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel. Der Advokat, der seit 1964 die deutsch-deutschen Gefangenen-Freikäufe regelt, managte auch eine der spektakulärsten Spionen-Tauschaktionen der Nachkriegszeit: 1962 vermittelte er das russisch-amerikanische Wechselgeschäft U-2-Pilot Gary Powers gegen Sowjet-Spion Rudolf Abel.
Das Bonner Kanzleramt half den Amerikanern wie gewünscht. US-Anwalt Copaken traf Wolfgang Vogel. Staatssekretär Schüler: "Damit war der Vorgang für uns abgeschlossen."
Nicht so für die Amerikaner. Denn Copaken präsentierte Vogel -- so konnte Schüler in der vorletzten Woche der US-Presse entnehmen -- einen umfangreichen, mit einer Vollmacht des Weißen Hauses versehenen CIA-Katalog mit Namen von östlichen Spionen in westlichen Gefängnissen -- alles Personen, die zum Tausch gegen Shadrin angeboten wurden. Vogel entschied sich schnell für die Nummer eins auf der Liste: für die Guillaumes.
Denn den ehemaligen Brandt-Gehilfen und seine Ehegenossin hätte die DDR gern rasch wieder. Mit großer Penetranz versucht der Ost-Berliner Bonn-Botschafter Michael Kohl seit langem, auch über Oppositionskanäle, mit der Bundesregierung ins Geschäft zu kommen -- bislang vergeblich.
Zu groß ist die Sorge der Sozialliberalen, Guillaumes Entlassung aus dem Gefängnis Rheinbach bei Bonn könnte vom Wahlvolk mißbilligt werden. "Sie müßten eigentlich wissen, daß dieses nicht läuft", erklärte Schüler im Weißen Haus seinem Gegenüber Brzezinski, "das macht große innenpolitische Unruhe.
Pflichtgemäß bestritt der Carter-Intimus: Die US-Administration habe Anwalt Copaken nicht ermächtigt, die beiden Guillaumes in Ost-Berlin zu offerieren. Dies sei, so wiegelte er ab, eine Geschichte zwischen zwei Anwälten.
Schüler blieb skeptisch. Und damit in Washington nur ja kein Zweifel aufkomme, sagte er es dem Amerikaner zum Abschied noch mal ganz deutlich: "Guillaume steht nicht zur Verfügung. Er ist für uns kein Tauschobjekt."

DER SPIEGEL 31/1977
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