25.07.1977

AFFÄRENAstlöcher und Spalten

Nicht nur Hessens geschaßter Ministerpräsident Osswald, auch ranghohe Sparkassenmanager sind mitschuldig am Milliarden-Debakel der Hessischen Landesbank.
Im Wiesbadener Schloß, Sitz des Landesparlaments. müht sich der Untersuchungsausschuß 2/8 um die Hessische Landesbank (HLB).
Fünf Dutzend Zeugen, die Akteure von damals, sollen ein denkwürdiges Puzzle lösen: Warum kam die Staatsbank unter ihrem Präsidenten Wilhelm Hankel in den Jahren 1972 bis 1974 so gefährlich ins Schleudern, daß Steuerzahler und Sparer Milliarden einschießen mußten, um den Bankrott des Instituts zu verhindern? Letzter, noch immer vorläufiger Sanierungsbedarf: 3406 Millionen Mark.
Am letzten Donnerstag, zu Ferienbeginn, vertagte sich der Ausschuß -- für immer, ginge es nach dem Willen des Hessischen Sparkassen- und Giroverbandes, dem die HLB zur Hälfte gehört. Adolf Schmitt-Weigand nämlich, dem Verbandspräsidenten, ist die Fragerei schon lange lästig.
Galt bislang als ausgemacht, daß sich der ehemalige hessische Ministerpräsident Albert Osswald als Vorsitzender des HLB-Verwaltungsrates -- das Land Hessen hält die andere Hälfte der HLB-Anteile -- durch fehlenden Sachverstand ausgezeichnet hat, so wurde in den letzten Wochen auch die Kompetenz der Sparkassen-Vertreter immer zweifelhafter.
Diese Experten, die im HLB-Verwaltungsrat und im Kreditausschuß neben dem Bank-Laien Osswald saßen, haben nach den Ermittlungen des Ausschusses ein deutliches Defizit an Sachverstand eingebracht. Und Adolf Schmitt-Weigand war seit 1971 immer dabei.
Über diese reichen Erfahrungen mochte der Sparkassenpräsident dem Ausschuß allerdings nichts berichten. Die Fragen der Parlamentarier seien eine Art "Ausforschung", meinte Schmitt-Weigand und konterte mit dem Gutachten eines Professors, der den Ausschuß wegen angeblicher Formfehler für verfassungswidrig hält.
Peinlich genug ist allerdings, wie sich gerade die Bankexperten im Verwaltungsrat durch "mangelnde Oberwachungsinitiativen" hervorgetan haben: "In zahlreichen Fällen", moniert ein vertraulicher Prüfungsbericht des Landesrechnungshofes, wäre "die Einschaltung dieses Aufsichtsorgans -- auch durch Eigeninitiative -- dringend notwendig gewesen".
"Fachleute, die im Kreditausschuß ihr Votum abzugeben haben", weiß auch der Leiter der HLB-Revisionsabteilung, Hermann Kiessling, müssen "auch Risiken erkennen, die sich aus der Größe des Objekts, aus den Wertansätzen und dergleichen ganz zwangsläufig aufdrängen".
Beispiel Investitions- und Handels-Bank. "Für mich ist die IHB keine Bank, sondern höchstens ein bankähnliches Gebilde, dessen Vorstand sich seit Jahren über alle Regeln der Kunst hinwegsetzt", hatte der Marburger Sparkassendirektor Karl Schmidt gegen den Mehrheitserwerb der IHB-Aktien durch Hankel protestiert.
Alles in Ordnung, fand hingegen Präsident Hankel. Ein "Gutachten" der größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit habe die Risiken mit 165 Millionen Mark "maximal" ermittelt -- die HLB verlor 778 Millionen Mark.
"Ich persönlich habe keine weiteren Untersuchungen für erforderlich gehalten", meinte Adolf Schmitt-Weigand vor dem Ausschuß, das "Gutachten" der Treuarbeit "mit Siegel und Kordel" habe ihm ausgereicht.
Doch weder von Siegel noch von Kordel kann die Rede sein. Die Treuarbeit hatte lediglich einen vier Seiten langen Brief geschrieben, aus dem jeder Experte die "Risikokonzentration erkennen konnte und mußte', wie später die Vereinigte Deutsche Treuhand feststellte.
Schmitt-Weigand, heute Vorsitzer des HLB-Verwaltungsrats, machte sich da vor dem Ausschuß ganz klein: "Ich bin davon ausgegangen, daß der Vorstand ... selbst die notwendigen Fachkenntnisse besitzt."
Auch in anderem Zusammenhang, etwa bei der Finanzierung des fallierten Großbauprojekts "Sonnenring", ist dem Landesrechnungshof "von einer Kontrolle des Verwaltungsrats nichts bekannt" geworden.
Ähnlich unkontrolliert lief auch das 326-Millionen-Geschäft mit dem Landmaschinenhändler und Baulöwen Otto Schnitzenbaumer, der in München das triste Gaudicenter "Schwabylon" hochzog. Urteil der Prüfer vom Landesrechnungshof: "Keiner der mit dem Engagement Schnitzenbaumer-Schwabylon befaßten Abteilungen (waren) Ergebnisse von Standort- oder Marktuntersuchungen, Rentabilitätsberechnungen, Angemessenheit der Baukosten, des Grundstückspreises usw. bekannt" und: "Die Bank hatte zu keinem Zeitpunkt einen Überblick."
Ein anderes Bankgeheimnis lüftete der Landesrechnungshof in den "Auflistungen über Kredite, die der Vorstand, die leitenden Angestellten und die Mitglieder der Aufsichtsorgane von der HLB erhalten haben".
Von 47 Millionen auf mehr als 80 Millionen Mark hat die Landesbank zwischen 1972 und 1974, in Hankels Amtszeit, diese Organkredite aufgestockt. Nutznießer war neben Präsident Hankel selber, der, mitten in der Hochzinsphase "ich glaube vier oder fünf Prozent" (Hankel) zahlte, unter anderen auch HLB-Aufseher Adolf Schmitt-Weigand.
"Das Jahr 1972 war das Jahr mit dem größten Erfolg der Bank", erinnerte sich Hankel vor dem Ausschuß: "Bis zu einem gewissen Grade schäme ich mich heute. Ich hätte vielleicht nicht so erfolgreich sein sollen."
Für Hankel ist da nur Neid im Spiel, wenn etwa der Landesrechnungshof (siehe Kasten) für den als "Vorratsfahrzeug" angeschafften Mercedes 450 Coupé (59 000 Mark) "keine Notwendigkeit" sieht. Hankel hält den Zweisitzer für ein gutes Investment, eine Limousine dagegen für unangebracht: "Ich mochte nicht als Transportunternehmer der Bank auftreten."
Auch mit seinem Büroluxus sei es nichts. Die Ausstattung seines Dienstzimmers bestand laut Hankel "im wesentlichen darin, die Wände mit einer rohen Fichtenverkleidung auszustatten mit vielen Astlöchern. Ich lege Wert auf Astlöcher und Spalten".

DER SPIEGEL 31/1977
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