25.07.1977

BUNDESWEHRBegelschterter Flieger

Darf ein Starfighter-Pilot der Bundeswehr nebenher ein Fitness-Center betreiben und sich als Bauträger betätigen?
Alle drei, vier Wochen hat Major Josef Kathan, 39, Strahlflugzeugführer beim Jagdbomber-Geschwader 34 in Memmingen, "Höchstbereitschaft direkt an der Maschine", einem Starfighter. Binnen weniger Augenblicke muß er dann Helm auf- und Fliegerkombination anhaben, um, "wie bei den Raketenleuten auch", voll einsatzfähig zu sein -- 24 Stunden hintereinander, 100 Stunden in der Woche.
Am Dienstag letzter Woche zum Beispiel hatte der Major früh um neun Uhr Feierabend, als andere Leute gerade zur Arbeit gingen. Doch Kathan legte da erst richtig los: Zuerst schaute er im "Dr.-Miller-Park" nahe der Josefs-Kirche vorbei, wo er "in sehr ruhiger Lage inmitten von altem Baumbestand" als Bauträger "neun Häuser für höchste Ansprüche" errichtet.
Dann verhandelte er in seinem Bauträger-Büro in der Dr.-Berndl-Straße mit etlichen Kaufinteressenten (drei Häuser sind schon verkauft), anschließend sah er in seinem eigenen Fitness-Center (drei Angestellte) nach dem Rechten, sodann diktierte er seiner Sekretärin im Bauträger-Büro Briefe. Nach dem Mittagstisch bei der Familie (zwei Kinder) fuhr er nach Buxheim hinaus, wo er sechs Doppelhäuser ("Das besondere Haus") errichtet, und um 17 Uhr kümmerte er sich noch um die Vermietung einer Wohnung.
Geschwindigkeit ist für den vielseitigen Jet-Piloten nun mal keine Hexerei: "Ich mach' halt schon von Beruf her alles ein bißchen schneller als andere." Und den Dienst beim Bund -- die nächste 25-Stunden-Schicht begann für Kathan letzte Woche am Mittwoch um acht Uhr -- sieht er auch nicht weiter beeinträchtigt. Der Pilot, ohne Arg: "Dort können wir im Regelfalle schlafen."
Ob sich freilich solche Arbeitsteilung -- Schlaf im Dienst, Rührigkeit im Zivilberuf -- auch mit den Regeln des Wehrrechts deckt, ist nicht so klar. "Die Frage ist durchaus berechtigt", räumt selbst der unermüdliche Kathan ein, "wie geht so was eigentlich?" Nach Paragraph 20 des Soldatengesetzes wird eine Nebentätigkeit dann versagt, wenn sie "die dienstlichen Leistungen oder andere dienstliche Belange beeinträchtigt". Wann dies zutrifft, ist in der Praxis nur schwer auszumachen. Die Bundeswehrbehörden sind deshalb, jedenfalls in Memmingen, dazu übergegangen, vorab fast jede beantragte Genehmigung erst mal zu erteilen. Personalchef Major Fredy Ackermann: "Vielfach kann man den Einzelfall erst beurteilen, wenn die Genehmigung erteilt ist."
Ackermann, für den Nebentätigkeit bereits beginnt, wenn einer "einer alten Frau die Tasche vom Markt heimträgt", kann sich an "eklatante Fälle" in seinem Geschwader erinnern: Soldaten, die nebenher als Taxifahrer, Fahrlehrer oder Tankwarte arbeiteten und dann "fürchterlich müde" oder "sichtlich erschöpft" zum Dienst anrückten. Da war für den Major sofort "Schluß, aus, Feierabend".
Kathan freilich kennt keinen Feierabend. Weder so noch so. Und um die Genehmigung seiner Nebentätigkeit braucht er auch nicht zu fürchten. "Bei mir isch alles geklärt", sagt der tüchtige Schwabe, der "ein begeischterter Flieger" ist und daneben so viele Häusle baut: "Das isch alles den Dienstweg von oben bis unten und dann wieder zurück gegangen."
Die Beurteilung des Falls Kathan klang freilich in den diversen Etappen des Dienstweges recht unterschiedlich. Auf eine Beschwerde eines Kathan-Kameraden hin reagierte Oberst Schauder, der stellvertretende Divisionskommandeur, noch ganz aufgebracht: Für den Fall, daß die Vorwürfe "ganz oder teilweise zutreffend sind", kündigte er forsch "dienstliche Maßnahmen' an.
Wenig später reduzierte der damalige Divisionskommandeur Brigadegeneral von Bergh die Empörung seines Vizes auf die Frage, "ob hier ein Fall nicht genehmigter Nebentätigkeit vorliegt", und teilte dem Beschwerdeführer vorsorglich gleich mit, "daß ich nicht berechtigt bin, Ihnen jetzt oder später Auskunft darüber zu geben, ob Dienstpflichtverletzungen von Soldaten festgestellt worden sind".
Immerhin, fast ein Jahr später räumte der Generalmajor ein, daß er nunmehr "das Jagdbomber-Geschwader 34 zur Stellungnahme aufgefordert" habe, weil "mir der derzeitige Stand der Angelegenheit nicht bekannt ist".
Einen Monat später war Stellvertreter Schauder wieder an der Reihe. In einem Fünf-Zeilen-Brief teilte er dem Petenten kurz und bündig mit, daß er keinen Anlaß sehe, "einen Widerruf der genehmigten Nebentätigkeit von Major Kathan auszusprechen".
Der Bundestagsabgeordnete und Vizepräsident des Europäischen Parlaments Hans August Lücker (CSU), an den sich der Beschwerdeführer ebenfalls gewandt hatte, konnte bei diesem Sachstand auch nicht mehr helfen.
Nach Erkundigungen im Bundesverteidigungsministerium, in der Division und beim Geschwader stellte er lediglich fest, "daß die Beurteilung dieser Angelegenheit und Auseinandersetzung sehr unterschiedlich bewertet wird". Er sehe keine Möglichkeit, "in irgendeiner Form Stellung zu beziehen", fügte in dem Brief an den Beschwerdeführer aber etwas geheimnisvoll hinzu: "Sie können versichert sein, daß Ihr Anliegen verstanden worden ist."
Verstanden wohl, aber auch folgenlos für Kathan, der nun weiter "so zehn Häuser im Jahr" baut und auch schon mal "vom Kasino aus telephoniert, wenn was ganz dringend ist". Auch in der Kaserne spricht er ab und an über seine Häuser -- "wie man halt so redet wie übers Tennisspielen" -- und manchmal sogar mit Erfolg; Kameraden wurden schon zu Kunden.
Der tüchtige Kathan, der in zwei Jahren mit 41 Jahren und netto fast 2000 Mark in Pension gehen und sich dann ganz ins Baugeschäft stürzen will, hat derweil erkannt, daß sein Doppelleben den Neid herausfordern könnte. Er ahnt, was andere von ihm denken: "Was tut'n der eigentlich? Der hat beim Bund sein Sicheres und macht nebenher ein Schweinegeld."
Zuweilen überkommt den Starfighter-Piloten, Geheimnisträger der Stufe eins, auch das Gefühl, daß sein Glück in Bund und Beruf eigentlich gar nicht wahr sein könne. Als der SPIEGEL zu recherchieren begann, wurde dem Major jedenfalls klar: "In dem Moment, in dem so was an die Öffentlichkeit kommt, wird es erst Realität."

DER SPIEGEL 31/1977
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