25.07.1977

ZENSURENTag der Rache

Noten in deutschen Schulen sind weder vergleichbar noch objektiv. Eine neue Untersuchung bestätigt: Selbst in Mathematik gibt es für die gleiche Leistung mal eine 2, mal eine 5.
Tagein, tagaus, rund fünfmillionenmal pro Schultag, werden westdeutsche Schüler und Schülerinnen von ihren Lehrern zensiert, durch Eintragung ins Notiz- oder Klassenbuch, durch Personalgutachten oder Zwischenzeugnis.
Ärger nach Noten, Angst vor dem blauen Brief, Streit zwischen Eltern und Lehrern, Gezänk zwischen Eltern und Kindern -- kaum ein Schulthema ist so emotionsgeladen. Ein neues Buch zu diesem Thema begnügt sich denn auch mit dem Titel: "Zensuren? Zensuren!"*
Autor ist der Kieler Pädagogik-Professor Gottfried Schröter, der über 268 Seiten deprimierend aufschlußreiche Erkenntnisse über die Zeugnisvergabe in Westdeutschland zusammenträgt. Seine im Vorwort geäußerte Hoffnung, sein Buch möge "dazu verhelfen, die Zensurengebung etwas gerechter werden zu lassen", umschreibt nur den Kern, daß das Zeugnisschreiben im Grunde ungerecht ist.
Was da von Pädagogen in Noten von 1 bis 6, mit Plus- und Minuszeichen oder mit wertenden Worten amtlich zu Papier gebracht wird und zumeist auch über den Lebensweg entscheidet, hängt allzuoft vom Lehrer und häufig nur vom Zufall ab.
In allen Schulfächern fehlt es an verbindlichen Maßstäben für die Beurtei-
* Gottfried Schröter: "Zensuren? Zensuren Aloys Henn Verlag, Kastellaun: 268 Seiten; 16,80 Mark.
lung der Leistung eines Schülers; Lehrer aller Schularten werten nach eigenem System. Die Folge: Die Notengebung ist subjektiv, ihre Aussagen sind nicht einmal bei Parallelklassen vergleichbar.
Die Tendenz hatte Schröter bereits 1970 mit einer Untersuchung der Notengebung bei Deutsch-Aufsätzen überzeugend aufgezeigt. Damals hatte der Hochschullehrer beispielsweise ein- und denselben Aufsatz eines Schülers 18 Deutschlehrern zur Beurteilung übersandt. Ergebnis des Tests: Fachkundig wurden die Noten von 1 bis 6 erteilt -- alle für dieselbe Arbeit. In den folgenden Jahren dehnten Schröter und seine Mitarbeiter die Forschungen auf die Zeugnisgebung aller Schulfächer aus -- mit ähnlich bedenklichen Ergebnissen, wie sein Buch zeigt. >Mündliche Zensuren: Von 34 Geschichtslehrern der Hauptschule, die nach der Bewertung vorgegebener Kriterien bei der Notengebung gefragt wurden, gab jeder eine andere Rangfolge der Maßstäbe an. > Gymnasialaufsätze: Die Notengebung von Deutsch-Studienräten bei einem Schröter-Test mit mehreren Aufsätzen reichte von 1 bis 6 -- "die Ungleichheit in der Beurteilung von Schüleraufsätzen in den Oberklassen der Gymnasien ist eher noch größer als in den Grund- und Hauptschulen".
* Erdkunde: Nach einer Befragung von Lehrern fließt in die Gesamtnote die mündliche Mitarbeit mal zu 20, mal zu 70 Prozent ein, Klassenarbeiten werden zwischen zehn und 45 Prozent berücksichtigt, die Führung eines Fachhefts zwischen null und 40 Prozent. "Es steht zu vermuten", daß die "Versuchung" groß sei, aus dem "Tag des Zeugnisschreibens" gelegentlich einen "Tag der Rache" zu machen. > Betragen: Von 33 befragten Geschichtslehrern zensiert jeder dritte auch das Betragen des Schülers mit der Geschichtsnote.
Daß in Fächern wie Religion, Sport und in den musischen Bereichen die Wertvorstellungen des Lehrers noch stärker in die Bewertung der Leistung eines Schülers eingehen, liegt auf der Hand. Um so überraschender aber ist das von Schröter präsentierte Ergebnis, daß selbst Mathematik-Kenntnisse offenbar nicht objektiv und wertfrei bei Schülern abgefragt und benotet werden können (siehe Auszug Seite 78).
Mathematik-Lehrer erwiesen sich beim Zensurensehreiben sowenig frei von Vorurteilen wie andere Pädagogen. Schröter beschreibt ein Experiment, in dessen Verlauf 100 Lehrer zwei Mathematik-Klassenarbeiten (4. und 5. Schuljahr) zur Begutachtung vorgelegt bekamen. 50 Pädagogen erhielten folgende Zusatzinformationen -- zur Arbeit 1: "Die Arbeit stammt von Fritz H., einem mathematisch begabten Buben mit einer Neigung zu originellen Lösungen." Zur Arbeit 2: "Diese Arbeit stammt von Hans L., einem durchschnittlich begabten Buben. Die Original-Arbeit fiel durch unsaubere Form und schlampige Schrift auf." Den anderen Lehrern wurden diese Angaben in umgekehrter Reihenfolge an die Hand gegeben.
"Eigentlich", so Schröter, "hätten sich die Lehrer durch diese Hinweise in keiner Weise in ihrer Eigenschaft als Zensoren beeinflussen lassen sollen." Das Ergebnis des Experiments war in entgegengesetzter Hinsicht aufschlußreich:
Es zeigte "eindeutig, daß bei vermeintlich positiver Vorinformation wesentlich freundlicher zensiert wurde als bei negativer". So bewerteten elf Prozent der positiv beeinflußten Lehrer die Rechenarbeit des Viertkläßlers mit "sehr gut", aber keiner der negativ Vorinformierten. Nur fünf Prozent der positiv Beeinflußten sagten "ausreichend" und niemand "mangelhaft".
Bei den negativ Voreingenommenen dagegen urteilten 15 Prozent "ausreichend" und zwei Prozent gar "mangelhaft". Auch bei der Arbeit aus dem 5. Schuljahr ließ sich ein ähnliches Bild ablesen. "Zudem", so Schröter, "macht die große Zensurenspanne für die gleiche Arbeit in einem als objektiv bewertbar bezeichneten Fach wie Mathematik doch betroffen. Sie beträgt genau vier verschiedene Zensuren bei jeder der eben genannten Beurteilergruppen und bei jeder der beiden Klassenarbeiten."
Bei einem anderen Versuch wurden 37 sechste Klassen eines Berliner Bezirks mit Hilfe eines geeichten Rechenleistungstests überprüft. Innerhalb der Klassen stimmten die Bewertungsmaßstäbe dabei nahezu überall. Vergleiche zwischen Klassen hingegen ergaben: "Die Zensuren spiegelten nicht den Leistungsstand einer Klasse im Gegensatz zu einer anderen wider, sondern nur den Leistungsstand eines Schülers im Verhältnis zum Leistungsstand eines anderen Schülers seiner eigenen Klasse.
Der Leistungsunterschied zwischen besten und schlechtesten Klassen hingegen war "gravierend": Wer in der einen Klasse eine glatte 2 erhalten hatte, bekäme für die gleiche Leistung in seiner Parallelklasse ein "Mangelhaft".

DER SPIEGEL 31/1977
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