25.07.1977

Begin bei Carter: „Macht des Glaubens“?

Während sich libysche und ägyptische Panzer in der Wüste ein regelrechtes Gefecht lieferten, verhandelte US-Präsident Carter mit Israels Premier Begin. Doch die Er-Wartung der Ägypter, Amerika werde Israel unter Druck setzen, erfüllte sich nicht: US-Waffenlieferungen an die Araber haben Amerikas Spielraum in Nahost eingeengt.
Israels Oppositionsführer Menachem Begin wollte Anfang des Jahres in Washington Jimmy Carter treffen. Doch der neue Präsident winkte ab: Er wolle sich nicht in den israelischen Wahlkampf einmischen.
Das war nur die halbe Wahrheit: Die CIA hatte Carter versichert, Begin werde zum neuntenmal in der Geschichte Israels die Wahlen verlieren. Doch wieder einmal erwies sich eine CIA-Voraussage als falsch.
Vorige Woche witzelte Menachem Begin im Weißen Haus: Er müsse sich wohl dafür entschuldigen, daß er nun Regierungschef sei.
Ober fehlende Aufmerksamkeit brauchte Begin jetzt nicht mehr zu klagen. Carter hatte dem Mann aus Jerusalem eigens die Boeing Nummer 31 681 der US-Luftwaffe für die kurze Strecke von New York nach Washington zur Verfügung gestellt. Die Maschine war mit Israels blau-weißen Nationalfarben geschmückt. Sogar die zur Erfrischung gereichten Pfefferminzbonbons trugen den Davidstern.
Der fromme Carter begrüßte den bibelfesten Begin mit einem Zitat aus der Heiligen Schrift: "Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Gerechtigkeit Nutzen wird ewige Stille und Sicherheit sein" (Jesaja 32, Vers 17). Der Israeli begann seine Antwort in hebräischer Sprache, deren gutturale Töne Carter sichtlich beeindruckten.
Die zwei Glaubenskrieger Golda Meir: "Beide halten sich für den Messias" -- entdeckten offenbar Gemeinsamkeiten. "Unser gemeinsamer Glaube an die göttliche Fügung", so Begin, "hat uns nähergebracht" Aber ihrem Ziel, dem Nahen Osten einen dauerhaften Frieden zu bescheren, sind sie mitnichten nähergekommen.
Im Gegenteil: Während Carter die Sowjet-Union durch Menschenrechtskampagne und Rüstungspolitik erkennbar in die Defensive gedrängt hat, ist er im Nahen Osten der Gefangene politischer Zwänge und Eigengesetzlichkeiten, die auch das mächtige Amerika nur schwer steuern kann.
Begin weilte noch in Washington, da beleuchtete Geschützfeuer an der libysch-ägyptischen Grenze, wie labil die Lage sogar auf reiten der Araber-Staaten ist.
Jahrelang hatten Ägyptens Sadat, der für einen Verhandlungsfrieden in Nahost eintritt, und Libyens Gaddafi, der die sogenannte Ablehnende Front anführt, ihren Wortkrieg eskaliert. Sadat über Gaddafi: "Ein Verrückter: Gaddafi über Sadat: "Ein Verräter:'
* Am 19. Juli mit Ehefrauen Akisa Hegin und Rosalynn Carter.
Vorige Woche entlud sich die bis zum Zerreißen gestiegene Spannung in Panzergefechten: Die militärisch weit überlegenen Ägypter schossen nach eigenen Angaben 40 Gaddafi-Panzer ab. Später bombardierten ägyptische Kampfflugzeuge libysche Luftstützpunkte und setzten sogar Fallschirmjäger ein.
Die euphorischen Friedenstöne zum Abschluß des Begin-Besuches in Washington schienen somit nicht zeitgemäß -- auch nicht mit Blick auf Israel.
Zwar ließ Begin den Präsidenten im vertraulichen Gespräch wissen, daß er zu einigen Zugeständnissen bereit sei: > Er würde als Alternative für eine Wiederaufnahme der Genfer Nahost-Konferenz und die von ihm öffentlich geforderten direkten Kontakte mit den Arabern auch sogenannten Hotel-Gesprächen zustimmen -- Verhandlungen, bei denen ein Vermittler zwischen in verschiedenen Räumen tagenden Delegationen hin und her geht.
Er könne auf eine forcierte Besiedelung Westjordaniens zunächst verzichten.
1> Er würde den Arabern die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen fast vollständig zurückgeben. Doch das waren eher Freundlichkeiten für Carter. Im Prinzip gab Begin seinen politischen Maximalismus in keinem Punkt auf, sondern bekräftigte: keine Verhandlungen mit den Palästinensern, keine Rückgabe Westjordaniens. Vor allem aber: "Was man als Palästinenser-Staat zu bezeichnen pflegt, wäre eine tödliche Gefahr für Israel. Einen solchen Staat wird es nie geben?
"Das ist ein Kriegsplan, kein Friedensplan", protestierte die PLO. Ägyptens Außenminister Fahmi verurteilte die "für die Welt nicht zumutbaren israelischen Manöver".
Die Ägypter hatten Carter zum Begin-Besuch durch versöhnliche Gesten gegenüber Israel beeindrucken wollen: Sie zogen 1000 Soldaten von der Sinai-Halbinsel zurück, übergaben den Israelis mit vollen militärischen Ehren die Leichen von 19 im Oktoberkrieg 1973 gefallenen Soldaten, die man erst jetzt gefunden hatte. Präsident Sadat sprach erstmals von der vollen diplomatischen Anerkennung Israels und der Normalisierung der Beziehungen zum jüdischen Staat "in fünf Jahren", wenn Israel die besetzten Gebiete zurückgebe.
Solche Worte und Gesten reichten schon aus, um Arabiens Ultras aufzubringen. "Wer mit Israel verhandelt, wird hingerichtet", drohte die Volksfront zur Befreiung Palästinas.
Und wenn Libyens Gaddafi vorigen Donnerstag das Grenzgefecht mit Ägypten provozierte, dann wohl in der unrealistischen Erwartung, ein Anstoß von außen genüge, um in Kairo den Volksaufstand gegen den Verbandlungspolitiker Sadat auszulösen.
Sadat jedenfalls hoffte, daß Carter seine Friedensgesten mit verstärktem Druck auf Israel lohnen werde. Darin sieht er seit Jahren schon die einzige Chance, seine verlorenen Gebiete ohne Krieg zurückzubekommen. Und deshalb fand er auch nach anfänglicher Verbitterung über den Wahlsieg des Extremisten Begin schnell zu einer gelasseneren Betrachtung zurück.
"Wie übertrieben die arabischen Erwartungen von Carters Einfluß auf Israel auch sein mögen", urteilte das US-Magazin "urne", "diese Nationen glauben ernsthaft, daß der Weg zum Frieden durchs Weiße Haus führt.
Hier aber scheint, von Kairo bislang nicht zur Kenntnis genommen, die Fehlrechnung des Realisten Sadat zu liegen, hier könnte der irrationale Gaddafi die Wirklichkeit besser sehen: Washington kann Israel gar nicht übermäßig unter Druck setzen, und zwar nicht nur, weil die mächtige jüdische Lobby in Amerika vor Begins Besuch alle Kräfte mobilisierte, um Jimmy Carter, dem die meisten US-Juden ihre Stimme gaben, für Israel einzunehmen.
Vielmehr bekommt Washington im Nahen Osten immer mehr die Kehrseite seines eigenen Erfolgs zu spüren: Um im Orient wieder Fuß zu fassen und den russischen Rivalen zurückzudrängen, hatten die Amerikaner in den letzten Jahren den Arabern viele Wünsche erfüllen müssen:
Jordanien erhält jährlich Entwicklungshilfe (70 Millionen Dollar) aus Washington. Syrien bekam in diesem Mai eine Zusage für eine Milliarde Dollar für Bewässerungs- und Industrieprojekte. Den Ägyptern bewilligten die Amerikaner für dieses Jahr ebenfalls eine Milliarde Dollar Entwicklungshilfe. Hinzu kommen Millionen-Kredite für den Kauf von Weizen. Hinzu kommen aber vor allem auch Waffen. Seit dem Oktoberkrieg von 1973 schickte der Westen militärische Ausrüstung im Wert von rund 15 Milliarden Dollar in die arabische Welt -- Israel erhielt nur Material für rund sieben Milliarden. Washington machte weitere Zusagen:
* Dem Präsidenten Sadat versprachen die Amerikaner bei seinem US-Besuch im April 14 C-130-Transportflugzeuge, sechs moderne Dronen-Aufklärungsmaschinen, zwei elektronische Abwehrsysteme.
* Jordanien soll zehn mit Tow-Panzerabwehrraketen ausgerüstete Hubschrauber erhalten.
* Saudi-Arabien erwartet aus Washington 60 F-15-Jagdbomber. Angesichts der von Amerika aufgerüsteten arabischen Armeen aber können die Amerikaner die Israelis heute mit viel weniger moralischem Recht unter Druck setzen, sich aus arabischem Gebiet zurückzuziehen, als vor dem Krieg von 1973.
Denn ein solcher Rückzug, so argumentierten die Israelis, sei für sie heute viel zu riskant. Begin hatte drei Karten mit in Amerika, um Carter zu erklären, daß praktisch ganz Israel im Schußfeld eines westjordanischen Palästinenser-Staates läge.
Und weil Amerika die Araber so gut gerüstet hat, kann Amerika als nahöstliche Ordnungsmacht nicht nein sagen, wenn auch die Israelis immer mehr und bessere Waffen verlangen: Das Gleichgewicht der Kräfte muß erhalten bleiben.
So verschob denn Carters Verteidigungsminister Harold Brown vorige Woche eine Reise nach Südkorea, um mit Begins Mannschaft über die Lieferung von F-16-Jagdbombern an Jerusalem zu verhandeln.
Außerdem wünscht Israel mehrere Tragflügel-Schnellboote sowie eine finanzielle Beteiligung der USA an den Entwicklungskosten des mittleren israelischen Kampfpanzers "Merkava'.
Während vor dem Weißen Haus Sympathisanten der PLO für das von Carter vor einigen Wochen in Aussicht gestellte "Heimatland der Palästinenser" demonstrierten, mußte der Moralist Carter seinen israelischen Gästen schließlich versprechen, ihre Waffenwünsche weitgehend zu erfüllen -- und erkennen, daß sein Spielraum in Nah-Ost recht begrenzt ist.
Vor aller Welt lag nun zutage, daß trotz aller palästinenserfreundlichen Erklärungen Carters "Interesse an der Erhaltung des Status quo stärker ist, als er öffentlich zugibt". wie Londons "Daily Telegraph" schrieb.
In Israel aber wurde Begins Treffen mit Carter als voller Erfolg gewertet. Es war, so schrieb die religiöse Zeitung "Hazofeh", ein "Sieg der Macht des Glaubens".

DER SPIEGEL 31/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Begin bei Carter: „Macht des Glaubens“?

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "Nach Kritik an Steinmeier: Schäuble weist AfD-Politiker zurecht" Video 01:18
    Nach Kritik an Steinmeier: Schäuble weist AfD-Politiker zurecht
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle