25.07.1977

CHINAFrische Luft

Zum zweitenmal kehrt Teng Hsiaoping, Repräsentant der neuen Klasse Chinas, nach seinem Sturz zurück an die Macht: Nach Mao kommt, absurd, der Anti-Mao.
Es begann mit einer Korrektur in der gelehrten Zeitschrift "Scientia Sinica": Dem fünften Heft des 19. Bandes lag zu Jahresanfang ein Zettel bei, anstelle des aus gedruckten Textes " Der reulose kapitalistische Erzmachthaber in der Partei, Teng Hsiao-ping", möge man nur lesen: "Teng Hsiao-ping".
Dann wurde das seit 1966 geschlossene Pekinger Restaurant "Tschengtu" mit der guten Szetschuan-Küche plötzlich wieder geöffnet -- dort hatte der Genosse Teng stets geschlemmt.
Vorige Woche beriet das Zentralkomitee, dann gab es bekannt: Tschiang Tsching, die inhaftierte Witwe des Staatsgründers Mao Tse-tung. und ihr nächster Anhang ("Die Viererbande") werden "ein für allemal aus der Partei ausgeschlossen und gehen aller ihrer Posten innerhalb und außerhalb der KP Chinas" verlustig.
Genauso hatte vor über einem Jahr Gegenspieler Teng Hsiao-ping laut ZK-Beschluß "alle Ämter innerhalb und außerhalb der Partei" verloren; ihm wurde allerdings "gestattet. seine Parteimitgliedschaft beizubehalten, um zu sehen, wie er sich in Zukunft verhält".
Vorigen Freitag beschloß das ZK gleichzeitig mit dem Ausstoß der Mao-Witwe, Daß Teng Hsiao-ping, 73, wieder das wird, was er vorher gewesen war: Vizevorsitzender der Partei, Vizepremier und Generalstabschef der Volksrepublik China.
Für die Massen Chinas bedeutet das baldige Hebung ihres Lebensstandards. denn Teng hatte ihnen schon voriges Jahr die erste Lohnerhöhung seit über einem Jahrzehnt bescheren wollen.
Vom Nutzen materieller Arbeitsanreize hatte Pragmatiker Teng den Ideologen Mao nie überzeugen können. Einmal mißlang es Mao. Tengs Enkel -den Mao auf dem Schoß hatte -- dazu zu bringen, statt "Großer Vorsitzender" einfach "Onkel" zu ihm zu sagen. Teng reichte dem Kleinen einen Apfel -- unter der Bedingung, daß er endlich Onkel sage. Der Knabe biß in den Apfel und sagte Onkel. Teng: "Da siehst du, Großer Vorsitzender, was materielle Anreize bewirken können."
Teng, genannt "Der pfeffrige Napoleon" -- vom physischen, intellektuellen und womöglich politischen Format des Korsen -, kam nicht nach der ersten Verbannung für 100 Tage zurück in die Hauptstadt, um wieder verbannt zu werden -- für ihn hat sich das Karussell gleich zweimal gedreht:
Der Kommunist der ersten Stunde und Veteran des "Langen Marsches" hatte es bis zum Vizepremier und Generalsekretär der KP Chinas gebracht. als ihn bei Beginn der Kulturrevolution 1966 Rotgardisten in Handschellen und mit Narrenkappe über Pekings Straßen trieben. Sie verübelten ihm Kritik an Mao:
"Der Verräter Teng attackierte unseren großen Führer rückhaltlos und behauptete absurderweise, daß der Vorsitzende Mao nicht frei sei von Mängeln und Fehlern", hieß es in einem Pamphlet. "Er schrie hysterisch, der Vorsitzende Mao solle herabsteigen und abdanken, er müsse gestürzt werden."
Teng leistete damals eine doppelsinnige Selbstkritik: "Herrlich erleuchtet von den Ideen Mao Tse-tungs muß ich mich bemühen, aus eigener Kraft wieder da aufzustehen, wo ich gefallen bin." Dann sammelte er, wahrscheinlich in frischer Luft beim Reiszupfen auf einer Volkskommune, sechs Jahre lang Kraft.
Mit etwas linkischen Bewegungen, in einem zu großen braunen Anzug. tauchte er 1973 auf einem Staatsempfang in (ler Hauptstadt wieder auf -- als Vizepremier. Chinas Staatsmann Tschou En-lai hatte Teng (mit dem zusammen er einst in Frankreich als Werkstudent gearbeitet hatte) zu seinem Nachfolger auserkoren -- als den einzigen Mann, der nach Maos und Tschous Tod das Reich regieren konnte.
Doch im vorigen April betrieb das Ehepaar Mao die zweite Abdankung Tengs: Frau Mao griff nach der
* SPIEGEL-Titel 3/1976.
Macht. Dem ZK-Beschluß, der Teng zum einfachen Parteimitglied degradierte, huldigten in Peking vier Millionen, in Schanghai fünf Millionen Demonstranten.
Die Pekinger Studenten forderten von Teng eine zweite Selbstkritik. Auf ihr Brüllen und Schimpfen reagierte er diesmal ungerührt: "Ich bin ein alter Mann und höre schlecht. Ich verstehe kaum, was ihr sagt"'
Mao bedankte sich bei dem Tschou-Nachfolger seiner Wahl, dem Staatssicherheitsminister Hua, für die Anti-Teng-Kampagne mit den Worten: "Mit dir an der Spitze (dieser Kampagne) bin ich beruhigt." Ein halbes Jahr später, nach Maos Tod, benutzte Hua eben dieses Zitat als Legitimation, selbst Maos Nachfolger zu werden -- anstelle der Mao-Witwe.
Bei ihrer Verhaftung sträubte sich Tschiang Tsching, so daß ihre Perücke herunterfiel. Als Hua nun eine Anti-Tschiang-Tsching-Kampagne veranstaltete, zeigten Wandzeitungen die langjährige Lebensgefährtin Mao Tsetungs mit kahlem Kopf.
Neun Monate dauerte es noch, bis Teng wiederkam -- sei es, weil das Volk auf den permanenten Figurenwechsel an der Spitze nur langsam vorbereitet werden kann, sei es, weil im Politbüro sich Widerstand zeigte: Hua, der Nachfolger von Teng, Tschou & Mao, muß mit einer Minderung seiner Macht rechnen, zumal er außer dem Staatssicherheitsdienst über keinerlei Hausmacht verfügt; das Politbüro-Mitglied Wu Teh, Pekings Bürgermeister, hatte einst eine Sympathiekundgebung für Teng -- Vorwand für seinen zweiten Sturz -- auseinandergejagt und bei Huas Inthronisation Teng noch öffentlich verdammt.
Teng allerdings hat die Armee hinter sich, deren südchinesische Garnisonen (bei ihnen hielt sich Teng während seiner zweiten Verbannung auf) bereits auf Wandzeitungen mit einer Spaltung des Reiches gedroht hatten. Auch die Pekinger Studenten hat er wieder auf seiner Seite -- sie klebten schon Plakate: "Teng Hsiao-ping, vergib uns."

DER SPIEGEL 31/1977
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