25.07.1977

DOLLARHilfe verweigert

US-Finanzminister Blumenthal sorgte dafür, daß der Dollarkurs fast unaufhaltsam fiel -- nach Ansicht von Währungsexperten ein schwerer Fehler.
John D. Wilson, Vizepräsident der New Yorker Chase Manhattan Bank, setzte volles Vertrauen in die Ware, mit der er handelt.
"Der Dollar wird weiterhin eine starke Währung sein", prophezeite der US-Bankier zu Beginn des Jahres, "ich erwarte keine merkliche Änderung des Dollar-Mark- oder Dollar-Yen-Kurses."
Von da an ging es immer schneller bergab mit dem Außenwert des Dollar. In japanischen Yen gerechnet, verlor die US-Währung seit Anfang Januar rund zehn Prozent ihres Werts.
Hatte der Dollar Ende Januar noch 2,42 Mark gekostet, so notierte er vergangenen Donnerstag an der Frankfurter Devisenbörse mit 2,2592 Mark so tief wie nie zuvor. Allein seit Beginn dieses Monats stürzte der Mark-Kurs des Dollar um fast 3,5 Prozent.
Der schlechte Dollar-Prophet aus der Chase Manhattan Bank hatte bei seiner Voraussage vor allem US-Finanzminister W. Michael Blumenthal nicht auf der Rechnung. Denn der seit Januar amtierende Chef des Washingtoner Schatzamtes hatte in den vergangenen Monaten keine Gelegenheit ausgelassen, den Dollar-Absturz herbeizureden.
Auf internationalen Konferenzen in Tokio und Paris beispielsweise forderte Blumenthal die devisenstarken Japaner, Westdeutschen, Schweizer und Niederländer auf, ihre Binnenkonjunktur stärker anzukurbeln und den Wechselkurs ihrer Währung steigen zu lassen.
Der Importsog, der von diesen Maßnahmen ausgelöst werde, helfe den Entwicklungs- und außenhandelsschwachen Industrieländern wie Italien und Großbritannien, ihr Exportdefizit zu verringern, und gebe der immer noch flauen Weltkonjunktur neuen Schwung.
Als vorbildlich stellte der neue Währungspolitiker den Überschußländern in Fernost und Westeuropa die Handelsbilanz-Entwicklung im eigenen Lande dar. In den Vereinigten Staaten sei der Außenhandelsüberschuß von 11,1 Milliarden Dollar im Jahre 1975 auf ein Defizit von 5,9 Milliarden Dollar im Jahre 1976 abgesackt.
In den ersten fünf Monaten dieses Jahres waren die Amerikaner, jedenfalls in Blumenthals Weitsicht, noch besser. Sie importierten bereits für 9,8 Milliarden Dollar mehr Waren, als sie exportieren konnten. Das Loch in der Handelsbilanz des gesamten Jahres 1977 wird auf rund 25 Milliarden Dollar geschätzt.
Diese gewaltige Schieflage des US-Handels leiste einen "großen Beitrag zur Stabilität des Weltwährungssystems", meinte der US-Finanzminister. Zugleich warf er den Überschußländern vor, sie rafften ihre Devisenbestände auf Kosten der USA zusammen und verweigerten den Amerikanern die fällige Unterstützung bei deren Hilfe für die chronischen Defizitländer.
Zum Beweis für diese These machte Blumenthal den Handelspartnern eine einfache Rechnung auf: Dem voraussichtlichen Leistungsbilanz-Defizit der USA in diesem Jahr werde ein fast gleich hoher kombinierter Überschuß Japans, Westdeutschlands, der Schweiz und der Niederlande entsprechen.
Vor allem bei den Europäern stieß Blumenthals "Doktrin tugendsamer Defizite" (US-Wirtschaftsmagazin "Business Week") jedoch auf Widerstand. Denn gegenüber dem Handelsblock der Europäischen Gemeinschaft holten die Amerikaner noch stets einen Überschuß heraus.
Deshalb sei den Europäern nicht vorzuwerfen, sie hätten sich durch ein Unterbewerten ihrer Währungen künstliche Wettbewerbsvorteile verschafft. Die Hauptursachen der amerikanischen Import-Schlagseite seien vielmehr der Japan-Handel und die rasch steigenden Öleinfuhren der Amerikaner.
Das Land, das noch in den sechziger Jahren Selbstversorger war, importiert mittlerweile fast die Hälfte seines Ölbedarfs. Die Ölimport-Rechnung der Amerikaner wird in diesem Jahr voraussichtlich auf über 40 Milliarden Dollar steigen -- ein Zuwachs von rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein zwanzigmal so hoher Betrag wie noch vor sechs Jahren.
Auch Währungsexperten in den USA lehnen Blumenthals Defizit-Strategie ab. "US-Defizite gegenüber Opec und Japan tragen nichts dazu bei, die globale Verteilung der Zahlungsbilanzdefizite zu verbessern", belehrte etwa der führende Währungsfachmann im Washingtoner Repräsentantenhaus Henry Reuss den Finanzminister.
Nicht ein niedrigerer Dollarkurs, sondern allein ein geringerer Energieverbrauch, so die Blumenthal-Gegner, könne den amerikanischen Außenhandel wieder ins Lot bringen.
Zwar würde ein anhaltend niedriger Dollarkurs Japanern und Deutschen das Exportieren erschweren und das Handelsbilanzdefizit der Amerikaner verringern. Indirekt würden Japaner und Deutsche so den Amerikanern helfen, ihre immensen Öleinfuhren mitzufinanzieren.
Aber das Kurs-Kalkül, meinte Rimmer de Vries, Chefökonom der New Yorker Großbank Morgan Guaranty Trust Co., sei ohne die Partnerländer aufgestellt: "Ich kann mir mir nicht vorstellen, daß die Deutschen und Japaner genügend aufwerten, damit wir unsere Energieverschwendung aufrechterhalten können."

DER SPIEGEL 31/1977
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