25.07.1977

ALBANIENFarbe gewechselt

Aus Furcht, im Sog der chinesischen Außenpolitik sein Land fremden Einflüssen öffnen zu müssen, sucht KPChef Hodscha den Bruch mit Peking.
Das Lob kam von guten Freunden aus der Ferne: "Albanien ist die Hochburg der Revolution in Europa", schrieb Chinas neuer Mann, Parteichef Hua Kuo-feng Anfang November vorigen Jahres in seine Grußbotschaft an die albanischen Genossen -- vier Wochen nach seinem erfolgreichen Coup gegen die Ultralinken.
Doch nun hat der Burgherr Enver Hodscha die Zugbrücke seiner Balkanfeste hochgezogen. Die ungleiche Allianz zwischen China, dem volkreichsten Land der Erde, und dem Ministaat Albanien, der mit 2,5 Millionen ein Drittel soviel Einwohner wie Peking besitzt, geht nach 17 Jahren zu Ende.
Das Signal für die Burgfehde gab ein Leitartikel in dem albanischen Parteiblatt "Zeri i Popullit" (Stimme des Volkes), der am 7. Juli erschien. Darin rechnet die Balkan-KP in ätzender Schärfe mit der "Drei-Welten-Theorie" ab, die seit drei Jahren ungeachtet der innenpolitischen Erschütterungen die chinesische Außenpolitik bestimmt.
Verkündet wurde diese Global-Strategie ausgerechnet von dem Mann, der zwischendurch gestürzt und erst vorige Woche rehabilitiert wurde: Chinas Teng Hsiao-ping (siehe Seite 90).
Mit viel Sinn für spektakuläre Regie hatte sich damals Teng als Forum für seinen Vortrag die Sondertagung der Uno-Generalversammlung über Entwicklungs- und Rohstoffprobleme Anfang April 1974 in New York gewählt -es war der erste Auftritt eines Mitglieds der chinesischen Führung im Glashaus am East River.
Nicht weniger aufsehenerregend Tengs Thesen: Die bisherige Bipolarität zwischen dem kapitalistischen und sozialistischen Lager mit den Entwicklungsländern und unabhängigen Industrieländern als Zwischenzonen sei durch den Verrat der Sowjet-Union am Sozialismus überholt, es gebe kein sozialistisches Lager mehr.
Die Erde müsse vielmehr aus Pekinger Sicht neu aufgeteilt werden: Die Erste Welt seien die Supermächte Amerika und Sowjet-Union, die letztere durch ihren Sozialimperialismus besonders gefährlich, die Dritte Welt seien die Entwicklungsländer, dazwischen liege die Zweite Welt der entwickelten Industriestaaten.
Um sich gegen die imperialistische Unterdrückung und neokolonialistische Ausplünderung der Supermächte -- zwischen denen es zum "Kampf der Hyänen" kommen werde -- zu wehren, müsse sich die Dritte Welt ungeachtet ihrer unterschiedlichen politischen Systeme zusammenschließen und dabei die Zweite Welt mit einbeziehen; denn auch die Industrieländer hätten unter dem Hegemonialanspruch der beiden Großen zu leiden.
Nach der Drei-Welten-These -- so jetzt das albanische Parteiblatt -- dürfe man nicht gegen die Diktaturen in Brasilien, Chile, Indonesien oder im Iran kämpfen. Auch sei es eine Verdrehung der Tatsachen, daß der US-Imperialismus eine "schüchterne Maus, in einem Wort, friedlich geworden ist".
Schon seit China nach der Kulturrevolution den Kontakt zu den USA und zu Westeuropa suchte, hatte sich das Klima zwischen Tirana und Peking merklich abgekühlt. Nur auf chinesischen Druck und widerwillig war Albanien bereit, sein Verhältnis zum Erbfeind Jugoslawien zu normalisieren; Chinas Wunsch, die Handelsbeziehungen zu den EG-Staaten zu verstärken, widersetzte es sich vor allem aus der berechtigten Furcht, bei einer Lockerung der selbstgewählten Isolation die Kontrolle über das Land zu verlieren.
Nur durch permanente Säuberungen in der Führungsspitze konnte sich Hodscha in den letzten Jahren gegenüber Andersdenkenden durchsetzen: Seit 1971 wurde ein Drittel der 12 Politbüromitglieder wegen "Abweichung" gefeuert, nur vier der 18 Posten im Kabinett sind seit 1973 nicht neu besetzt.
Eine angeblich von Moskau gesteuerte Verschwörung kostete im Oktober 1974 viele hohe Offiziere das Leben, darunter auch den Verteidigungsminister Bequir Balluku. Ein Jahr später ließ Hodscha eine Fraktion von "Ökonomisten" zerschlagen, die sich für Handelsgeschäfte mit dem Westen stark gemacht hatte.
Hinzu kam, daß Tirana im chinesischen Machtspiel nach Maos Tod ganz offensichtlich auf die falsche Karte gesetzt hatte. Aus seinen Sympathien für das Radikal-Programm der chinesischen Ultralinken machte Hodscha nie ein Hehl. Der letzte prominente Gast aus Peking in Albanien war Jao Wenjüan -- einer der "Viererbande".
In der selben Woche, in der albanische Botschaftsangehörige in Peking den brisanten Zeitungstext aus Tirana provokativ an Diplomaten und Journalisten verteilten und die albanischen Studenten aus China abzogen, nahm die chinesische Führung mit einer Delegation aus Brüssel erste Gespräche über ein Handelsabkommen mit der EG auf. Albaniens gehaßter Nachbar Tito ließ verlauten, er werde nach Peking reisen.
Ob Hodschas Armenhaus einen Streit mit China auch wirtschaftlich verkraften kann, ist zweifelhaft: Zwei Drittel des albanischen Handels galt dem großen Bruder. Großprojekte wie das Stahlwerk in Elbasan und die Kupferdrahtfabrik Skutari verdankt das Bergland chinesischen Krediten.
Gleichwohl ist Albanien nie ein chinesisches Kuba geworden. Die rund eine Milliarde Mark, die Peking in 17 Jahren in Albanien investierte, nimmt sich gegen die rund 7 Millionen Mark, die Moskau täglich in die kubanische Wirtschaft pumpt, sehr bescheiden aus.
Albanien hat mit seiner Pump-Politik gute Erfahrungen gemacht: Als es 1948 mit Jugoslawien Krach bekam, blieben jugoslawische Vermögenswerte in Höhe von 667 Millionen Mark im Lande. Beim Bruch mit den Sowjets im Jahr 1960 mußte der Kreml 1,5 Milliarden Mark Kredite abschreiben.

DER SPIEGEL 31/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ALBANIEN:
Farbe gewechselt

  • Dokumentarfilm "Warsaw - A City Divided": Bisher unbekannte Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto
  • Weltraumschrott: Aufräumen in der Umlaufbahn
  • Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Webvideos der Woche: Einfach umgedreht