25.07.1977

VIETNAM-FLÜCHTLINGEWie die Tiere

Tausende Vietnamesen verlassen ihr Land per Boot. Viele geraten in Seenot oder fallen Piraten zum Opfer und kaum ein Land ist bereit, sie auf zunehmen.
Drei Monate dauerte die Reise, dann war der Fischer Lam Van Hien an Ziel: Mit einem 13 Meter langen Boot hatte er mit mehreren Gefährten die 6000 Kilometer weite Überfahrt vor Vietnam nach Australien geschafft.
Den Kurs durch den Pazifik bestimmte Hien mit einem kleinen Taschenkompaß und einer aus einem Schulatlas herausgerissenen Karte.
Kopfschüttelnd musterten Australier das vietnamesische Wasserfahrzeug. Es schien ihnen kaum tauglich, damit "einen Fluß zu überqueren".
Nur wenige Vietnamesen wagen wie Hien die weite Flucht nach Australien. Tausende aber treiben derzeit in abenteuerlichen, keineswegs seetüchtigen Booten und Kähnen mitten im südchinesischen Meer -- mit Kurs auf ein nähergelegenes nichtkommunistisches Land, oder in der Hoffnung, von einem Frachter aufgefischt und irgendwo in der Welt, am liebsten in den USA, an Land gesetzt zu werden.
Es ist eine in der modernen Geschichte wohl einzigartige Massenflucht per Boot und Kahn. Die Gefahren auf See und die Ungewißheit über ihr weiteres Schicksal in einem fremden Land erscheinen den Flüchtlingen offenbar erträglicher als das Leben im kommunistischen Vietnam,
Selbst viele Vietnamesen, die den Sieg der Kommunisten über das korrupte, USA-hörige Thieu-Regime begrüßt hatten, sind heute unzufrieden mit der zunehmenden wirtschaftlichen Gängelei und der politischen Gesinnungsschnüffelei durch eine Staatsgewalt, die alles und jedes im Leben des einzelnen per Verordnung regeln will und dazu noch die Vergangenheit jedes Bürgers genau durchleuchtet.
Ähnlich wie die neuen Herren Kambodschas versuchen auch die Regenten Vietnams, allerdings auf mildere Art, die Bevölkerung aus den Städten in sogenannte neue Wirtschaftszonen auf dem Land umzusiedeln. Um dieses Ziel zu erreichen, verknappt die Regierung künstlich die Lebensmittelversorgung für die Bevölkerung.
Besonders in Saigon äußert sich die Unzufriedenheit oft drastisch. Der überall angepinselte Slogan "Nichts ist kostbarer als die Unabhängigkeit und Freiheit" wird heute vielfach mit wenigen Pinselstrichen abgeändert in: "Ist nichts kostbarer als Unabhängigkeit? -Freiheit."
Die Freiheit aber kostet Geld. Wer es hat, dem gelingt meist auch die Flucht. Denn inzwischen hat sich erwiesen, daß die anfangs mit dem Anspruch moralischer Untadeligkeit auftretenden kommunistischen Kader oft ebenso korrupt sind wie die Behörden des alten Regimes.
Wer 8000 Dollar oder den Gegenwert in Gold aufbringen kann, findet leicht einen kommunistischen Fluchthelfer. Dei freilich sorgt nur für den unbehinderten Start mit dem Boot.
Für die Flüchtlinge fangen dann die Probleme meist erst an. Denn kaum ein Nachbarstaat ist bereit, sie aufzunehmen, aus Furcht, damit seine Beziehungen zu Hanoi zu belasten.
Die meisten fanden noch Aufnahme in Thailand -- in Lagern, die zu den schlimmsten der Welt gehören. Rund 80 000 Vietnamesen, Männer, Frauen und Kinder, vegetieren in den streng überwachten Unterkünften, bei Nahrungsmittel-Rationen, die nur knapp fürs Überleben reichen.
"Wir leben hier wie die Tiere", beklagte sich ein Vietnamese im Lager des Ferienortes Songkhla, wo die halbverhungerten Flüchtlinge gleich hinter ihrem Stacheldrahtzaun einen guten Ausblick auf Gartenrestaurants und schmausende Touristen haben "Wir verließen Vietnam, weil das Leben dort unmenschlich war, aber hier ist es nicht besser."
Immerhin aber haben diese Flüchtlinge wenigstens gute Aussicht, aufgenommen zu werden. Wer aber nach Malaysia, Taiwan oder Singapur entkommen will, darf dort nicht an Land.
In Singapur wurden Flüchtlinge, die voller Verzweiflung ihre Boote versenkten, zur Abschreckung für andere zunächst einmal ins Gefängnis gesteckt und erst freigelassen, nachdem sich andere Länder bereit erklärt hatten, sie aufzunehmen.
Schiffskapitäne, die Vietnam-Flüchtlinge aus Seenot retten und dann Singapur anlaufen, müssen eine Kaution von 4000 Dollar pro Person an die Behörden zahlen -- als Sicherheit, daß die unwillkommenen Vietnamesen nicht von Bord gelassen werden.
Wochenlang fuhr der kleine israelische Frachter "Juwali' mit 66 Flüchtlingen an Bord von einem südostasiatischen Hafen zum nächsten, ohne die Vietnamesen absetzen zu können. Schließlich erklärte sich Israel bereit, die Asiaten ins Land zu lassen.
Um derartige Scherereien zu vermeiden, gehen immer mehr Kapitäne dazu über, Vietnam-Flüchtlinge in Seenot grundsätzlich nicht mehr zu bemerken.
Für die Heimatlosen aus Vietnam gibt es nur eine Hoffnung: Die britische Regierung beschloß vor kurzem, den Vietnamesen einen dreimonatigen Aufenthalt in der Kronkolonie Hongkong zu gestatten. Später soll ihnen sogar Übersiedlung nach den USA ermöglicht werden, die außerdem erwägen, einige tausend der in Thailand internierten Vietnamesen aufzunehmen.
Die gute Nachricht können fluchtwillige Vietnamesen in ihrer eigenen Sprache in BBC-Sondersendungen empfangen. Den Seeweg nach Hongkong zu meistern bleibt dann freilich ihr Problem. Viele Flüchtlinge gehen mit ihren Booten unter.
Auch wer die Gefahren des Meeres besteht, hat trotzdem oft noch keine Überlebensgarantie. Denn südostasiatische Piraten haben sich darauf spezialisiert, Vietnamesen-Boote aufzubringen. die Flüchtlinge ihrer letzten Habe zu berauben und dann zu ermorden.
So geschah es vor Monaten einem Konvoi von sechs vietnamesischen Fischkuttern. Einer von diesen war mit Maschinenschaden zurückgeblieben und hatte die anderen Fahrzeuge aus dem Gesichtsfeld verloren.
Als der Kutter schließlich wieder zu den anderen herangetuckert war, machten die Vietnamesen eine grausige Entdeckung: Auf Deck lagen die Körper der Flüchtlinge, ausgeraubt, mit durchgeschnittenen Kehlen.

DER SPIEGEL 31/1977
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