25.07.1977

FRANKREICHDarf nicht sterben

25000 Menschen besteigen und befahren in der Hochsaison täglich den Eiffelturm. Notwendige Reparaturen unterbleiben.
Der Eiffelturm nur noch Schrott?
Paris müßte ohne diesen "schwarzen gigantischen Fabrikschornstein" (so 47 Künstler vor der Eröffnung im Jahre 1889) wie Pisa ohne Schiefen Turm, Kairo ohne Pyramiden sein.
"Stirbt der Eiffelturm?" hatte der Pariser "Express" im Juni auf dem Titelblatt gefragt. Dieses 7000 Tonnen schwere, 320,70 Meter hohe Monument der Technik, aus 18 000 Gerüstteilen und 2,5 Millionen Nieten zusammengesetzt, verroste zum Schrottskelett.
"Unsinn, übertrieben, unmöglich", erwiderte Andre Garoux, Direktor der "Société de la tour Eiffel" auf die Nachricht vom Siechtum, "unser Turm ist absolut sicher, er bleibt der Welt noch unendlich lange erhalten."
Aber: In zweieinhalb Jahren läuft der Pachtvertrag zwischen dem Konzessionär, der Eiffelturm-Gesellschaft, deren Aktien derzeit für rund 80 Franc an der Börse gehandelt werden, sowie dem Turm-Besitzer, der Stadt Paris, aus. Notwendige Modernisierungs-Arbeiten, so recherchierte "L'Express~, unterbleiben deshalb.
Wohl wurden Fahrstuhl-Laufschienen mit Ultraschall nach Schwächestellen abgetastet, die Eisenträger regelmäßig auf Rostfraß untersucht, mit TV-Kameras mögliche Altersschwächen gefilmt.
Alle sieben Jahre wird zudem der ganze Turm mit 50 Tonnen graubrauner Farbe in unterschiedlichen Tönungen (unten heller, oben dunkel) gestrichen. Aber der hydraulisch betriebene Fahrstuhl zur dritten Etage, der von der zweiten per Hand gesteuert wird, müßte nach 88 Jahren Dauerbetrieb ersetzt werden.
In der Touristensaison transportieren die Fahrstühle an manchen Tagen so viele Besucher, wie zu einem durchschnittlichen Bundesliga-Fußballspiel kommen: 25 000. Dennoch wurde der Tragekorb des oberen Lifts seit der Eröffnung lediglich mit einer automatischen Notbremse ausgestattet. Fällt der einzige Fahrstuhl zwischen der zweiten und dritten Etage aus, müssen die Besucher über eine Nottreppe absteigen.
An der Plattform der ersten Etage ist die Blechverkleidung angegriffen, Zierbögen drohen abzufallen.
Die insgesamt notwendigen Renovierungsarbeiten werden auf rund 90 Millionen Franc geschätzt. Bei einem Jahresumsatz in Hohe von 29 Millionen Franc, von dem die Gesellschaft zudem an Staat und Stadt etwa 15 Millionen Franc abführen muß, "eine erhebliche Summe", wie Direktor Garoux erläutert. "Dafür brauchen wir Garantien", nämlich einen Kredit über 20 Jahre Laufzeit und eine Verlängerung des Konzessionsvertrages um 30 Jahre.
Eigentlich sollte dieses "teuflische Unternehmen eines Kupferschmiedes im Größenwahn", wie der Schriftsteller Guy de Maupassant den Bau des Ingenieurs Gustave Eiffel nannte, bereits 1910 abgetragen werden. Eiffel hatte sein Weltausstellungs-Werk weitgehend privat finanziert (Kosten: 7 799 400 Franc) und dafür das Recht erhalten, den Turm zwanzig Jahre lang kommerziell zu nutzen.
Nach dem ersten Jahr hatte der Turmhauer, der sich in der dritten Etage eine Wohnung einrichtete, bereits seine Kosten gedeckt. Der Turm schien manchen Franzosen, so 1889 das "Bulletin officiel", wie die "Wiedererstehung des Turms von Babel".
Aber die Entwicklung des Morse-Systems und des Funkverkehrs brachte die Stadt davon ab, das Eisengerippe als Schrott zu verkaufen -- das Weltausstellungs-Wahrzeichen bekam zusätzlich die Funktion einer Relaisstation. Heute sind 165 Tonnen Rundfunk-Gerät auf dem Turm installiert, der Funkverkehr der Polizei wird über seine Spitze gelenkt. Eiffels Werk steht inzwischen gar unter Denkmalschutz.
3,5 Millionen Menschen bestiegen den Turm allein im vorigen Jahr. Amerikaner bitten schriftlich um Übersendung alter Nieten, deutsche Ex-Soldaten lassen sich vor dem ehemaligen Kasino der Besatzungstruppen photographieren. Bergsteiger versuchen, das Monument zu erklimmen -- erst kürzlich wurden zwei Kletterer abgefangen. Und annähernd 400 Menschen stürzten sich von dem Pariser Wahrzeichen in den Tod.
Die Meldungen vom "vermeintlichen Ende", registrierte die Betriebsgesellschaft, habe überall schockiert und erhebliche Aufregung verursacht. Denn der Eiffelturm ist mehr als nur ein "Denkmal vergangener Zeiten", er symbolisiert Paris und Frankreich: "Er kann, er darf nicht sterben."

DER SPIEGEL 31/1977
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