25.07.1977

„Wir haben gelernt zu töten“

Die Hintergründe eines geheimen Krieges, den Exil-Kubaner von den USA aus gegen Castro führen, enthüllt eine Fernsehdokumentation des CBS-Chefkorrespondenten Bill Moyers, einst Pressesprecher des Weißen Hauses. 1961 befahl Präsident Kennedy geheime Operationen zur Vernichtung der kubanischen Wirtschaft. Die CIA plante mit Wissen des Weißen Hauses Mordanschläge auf Castro und rekrutierte Mafia-Bosse zur Ausführung der Attentate. Wie sich von da an Kubakrise, Kennedy-Ermordung, Watergate-Einbruch und ein neuer Terrorkrieg gegen Kuba miteinander verknüpften, ergeben Aussagen amerikanischer Geheimdienstier, kubanischer Terroristen und auch Fidel Castros. Moyers: „in der amerikanischen Geschichte gibt es nichts Vergleichbares“
MOYERS: Sie gehören zu einer Terroristenorganisation, die verantwortlich ist für eine neue Weile von Bombenanschlägen, Entführungen. und Morden.
Sie arbeiten nicht von Belfast aus oder im Nahen Osten. Sie sind kubanische Emigranten, die einen Terror-Krieg gegen Fidel Castro fuhren und ihre Operationsbasen in einer amerikanischen Großstadt haben.
MASKIERTER: Egal was auch passiert, wir werden weiter kämpfen gegen die Kommunisten in unserem Land.
CRILE (CBS): Wenn Sie aufgefordert würden, an einem Bombenanschlag oder der Entführung eines kubanischen Diplomaten teilzunehmen, würden Sie das tun?
MASKIERTER: Ich würde zu jeder Zeit das tun, was man mir befiehlt.
MOYERS: Die größeren Terroranschläge des vergangenen Jahres waren gegen folgende Ziele gerichtet:
Lissabon. 22. April, Bombe auf die kubanische Botschaft, zwei Botschaftsangehörige getötet.
New York, 5. Juni, Bombe in (ler kubanischen Mission bei den Vereinten Nationen.
Merida, Mexiko, 23. Juli, ein Kubaner getötet.
Buenos Aires, 9. August. Entführung von zwei kubanischen Beamten.
Panama IX. August, Bombenanschlag auf das Büro der staatlichen kubanischen Luftfahrtlinie.
Trinidad und Tobago, 1. September, drei Verletzte bei einem Bombenanschlag auf das Konsulat des Staates Guayana.
Diese Liste ist nicht vollständig. Während der letzten drei Jahre hat es viele solcher Aktionen gegeben, die bedeutendste vergangenen Oktober, als eine Bombe an Bord des Air-Cubana-Fluges von Barbados nach Havana detonierte. Damals starben 73 Insassen. Glauben Sie, daß die Ermordung 73 unschuldiger Menschen beim Air-Cubana-Absturz gerechtfertigt war?
MASKIERTER: Keinesfalls würde ich sie als unschuldig bezeichnen. Sie waren Beamte und kubanische Kommunisten. Und jeder Kommunist, ob nun Kubaner oder nicht, der dasselbe Spiel spielt wie Castro, sollte wie sie behandelt werden.
MOYERS: Diese Männer sind Terroristen. Aber, vor nicht allzu langer Zeit, haben sie für die amerikanische Regierung gearbeitet. Sie waren unsere Soldaten, auch wenn wir es nicht wissen sollten. Sie haben 17 Jahre lang unsere Geschichte mitbestimmt, so bei der Schweinebucht-Invasion und in der Raketenkrise von 1962, bei der Ermordung John F. Kennedys und bei Watergate.
Seit 17 Jahren bevölkern Exilkubaner die Straßen von Miama und tragen Geheimnisse mit sich herum, die zu den bestgehüteten unserer Regierung gehören. Unter ihnen sind Männer, die ins Watergate einbrachen, und andere, die die amerikanische Regierung angeworben hatte, um Fidel Castro zu ermorden.
Es sind Soldaten, die im Auftrag des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA einen Geheimkrieg gegen Kuba geführt haben. Gleichgültig, wo man auch anfängt, ihre Geschichte zu erzählen, alle Fäden führen hierher, in Miamis Kubaner-Viertel Little Havana. Vergangenen Herbst erklärte sich zum erstenmal ein kubanischer Terro-
* Am 22 April 1976 in Lissabon.
ristenführer bereit, vor der Kamera zu sprechen.
Armando Lopez Estrada war 20, als ihn die CIA für die Schweinebucht-Invasion anwarb. Bis 1963 arbeitete er für den Geheimdienst, danach für die amerikanische Armee. Heute ist er Grundstücksmakler. Doch das ist nur ein Nebenjob. Seine wirkliche Aufgabe ist der Terroristenkrieg.
ESTRADA: Wir versuchen, Fidel Castro und sein Regime zu bekämpfen, sowohl in Kuba wie auch anderswo. Zu unseren Zielen und Methoden gehört es, kubanische Botschaften und deren Angehörige anzugreifen.
CRILE: Haben Sie in der letzten Zeit viele Operationen durchgeführt?
ESTRADA: Allein acht in diesem Monat.
MOYERS: Die lockere Offenherzigkeit Lopez Estradas läßt leicht vergessen, daß er über einen Terror-Feldzug spricht, dessen Operationsbasis die US-Großstadt Miami ist. Und es fällt schwer zu verstehen, daß einst die Spitzen der US-Regierung diese Männer, zu deren Kampf Verschwörung und Gewalt gehören, dazu angeregt und ermutigt haben.
CRILE: Was Sie heute machen, kann man das etwa mit dem vergleichen, was einige von Ihnen in den 60er Jahren im Auftrage der CIA gegen Castro unternommen haben?
ESTRADA: Natürlich.
CRILE; Die gleichen Methoden?
ESTRADA: Ja. Wir haben von Ihnen gelernt. Wir wenden Kampfmethoden an, die uns die CIA beigebracht hat. Wir wurden für alles ausgebildet. Wir haben gelernt, Bomben zu legen, zu töten, nach Kuba zu infiltrieren. Weil wir im Moment nicht gerade die Unterstützung der amerikanischen Regierung genießen, müssen wir es eben allein machen.
MOYERS: Möglicherweise sind nicht mehr als zwei- oder dreihundert kubanische Emigranten mit Terroranschlägen befaßt, von über einer halben Million Kubaner, die heute in Miami leben, sich angepaßt und es zu etwas gebracht haben und die dennoch vom Rassenschmelztiegel Amerikas nicht aufgesogen wurden.
Anfangs bemerkte kaum jemand, daß die Terroristen Ziele außerhalb der USA angriffen. Erst als 1974 plötzlich mitten in Miami Bomben hochgingen, konnte die amerikanische Gesellschaft den geheimen Krieg nicht mehr ignorieren.
In den vergangenen drei Jahren wurden hier über 100 Bombenattentate verübt. Allein an einem einzigen Tag gingen zwei Postämter in die Luft, Bomben explodierten in einer Bank, bei der Staatsanwaltschaft, im FBI-Büro und im Polizeihauptquartier des Dade County.
Einem Funkreporter zerriß eine Bombe die Beine, kurz nachdem er etwas über die Terrortaten der Kubaner veröffentlicht hatte. Auch Max Lesnick, Herausgeber der größten spanischsprachigen Tageszeitung in Little Havana -- "Réplica" -, wurde Opfer des Terrorismus.
LESNICK: Sie ließen zwei Bomben in der "Réplica" hochgehen. Dann versuchten sie, mich in Little Havana zu erschießen.
CRILE: Was machen Sie jetzt, um sich zu schützen?
LESNICK: Okay. Ich habe sozusagen meinen Nachrichtendienst, der mich warnt. Und ich habe eine Menge Freunde. Außerdem, ich habe auch noch eine kleine Kanone.
CRILE: Brauchen Sie die wirklich? LESNICK: Ja, ich muß eine haben. Als Selbstschutz. Wenn meine Gegner wissen, daß ich nicht bewaffnet bin, also auf Angriffe nicht sofort antworten kann, bin ich in kurzer Zeit ein toter Mann.
MOYERS: Hunderte von Exil-Kubanern sind Veteranen von Kampagnen der CIA gegen Kuba, im Kongo und in ganz Lateinamerika. Einige dieser Männer waren an Watergate beteiligt, etliche von ihnen leben in Miami, dazu ein ganzer Haufen Zivilfahnder, EBI-Agenten und, wie wir vermuten, Spione von Kuba und anderen lateinamerikanischen Ländern.
Wenn wir den Weg der Terroristen verfolgen und den Terrorismus verstehen wollen, der heute in dieser amerikanischen Stadt herrscht, müssen wir bis zur Geheimpolitik Amerikas gegenüber Kuba zurückgehen -- bis dahin, wo alles begann: der Entscheidung in Washington, den Mann zu vernichten, den diese Leute noch heute so vehement angreifen.
Vor 16 Jahren, als sie am Strand von Kuba landeten, waren sie jung und voller Hoffnung, 1400 tapfere und eifrige Soldaten in der Geheim-Armee der CIA. Sie kämpften, um ihr Land zu befreien.
Unter ihnen Rolando Martinez, er begann 1960, für die CIA zu arbeiten. Als er später in das Watergate-Hotel einbrach, stand er immer noch auf der Gehaltsliste der CIA. Viele von ihnen sind heute um die 4<) Jahre alt, und einige zählen zu den heutigen Terroristen.
Amerikaner sollten in der Schweinebucht nicht mit an Land gehen, aber ein Amerikaner führte die Brigade bei der Landung an. Er feuerte sogar die ersten Schüsse auf die kubanischen Verteidiger ab.
Sein Name ist Grayston Lynch. Jetzt ist er aus der CIA ausgeschieden und lebt in Miami, weil er wie die Exil-Kubaner um ihn herum von der Idee besessen ist, betrogen worden zu sein. Er versucht noch immer zu verstehen, was falsch lief während dieser drei blutigen Tage im April vor 16 Jahren.
LYNCH: Es sind jetzt 16 Jahre vergangen seit der Nacht im April 1961, als diese Brigade am Strand der Schweinebucht landete.
Es wird jetzt Zeit, daß wir über einige Fakten reden.
MOYERS: Kein Mann weiß über die Wahrheit der Schweinebucht-Aktion mehr als Richard Bissell.
Er war der CIA-Chef für "Geheime Operationen" und der Planer der Schweinebucht-Invasion. Sein Auftrag vom Weißen Haus: Fidel Castro loszuwerden.
BISSELL: 1960 war es wirklich schockierend, vor unserer Küste in der Karibik das Entstehen eines kommunistischen Staates mit ansehen zu müssen. Heute hat sich jeder daran gewöhnt, aber damals war es eine schockierende Tatsache.
Als Castro an die Macht kam, gab es in Washington und selbst in der CIA große Zweifel, ob er ein überzeugter Kommunist sei oder doch so linkslastig, daß er für uns nicht zurückgewonnen werden konnte.
Und ich erinnere mich: Als Castro an einer Uno-Sitzung teilnahm, kurz nachdem er ins Amt gekommen war, traf er in New York heimlich einen Geheimdienstoffizier, der ihn zwei Stunden lang über die Gefahren des Kommunismus in Kuba unterrichtete und vermutlich auch Namen nannte.
MOYERS: Namen von Leuten in Kuba, die für die Kommunisten arbeiteten?
BISSELL: Richtig.
MOYERS: Die versuchen wollten, Castro gewaltsam zu beseitigen?
BISSELL: Genau.
MOYERS: Wir sprachen dieses Jahr mit Fidel Castro in Havana über die Ironie seiner Reise von 1959 in die Vereinigten Staaten, seine freundliche Begegnung mit der CIA in New York und ein verhängnisvolles Treffen mit dem amerikanischen Vizepräsidenten in Washington.
CASTRO: Ich war eingeladen worden, mit Nixon zu sprechen. Über eineinhalb Stunden dauerte das Gespräch. Wenn ich mich recht erinnere, redete ich sogar über zwei Stunden mit Nixon. Und ich erinnere mich, daß er sehr an Kuba interessiert war.
Er fragte mich, welche Ideen wir hätten, ich erläuterte die realen Bedürfnisse, die Kuba habe, um eine Reihe sozialer Änderungen durchzuführen. Ich erinnere mich, daß Nixon sehr jung aussah. Er war wohl so um die 40 Jahre alt. Er hörte mir aufmerksam zu. Dann verabschiedeten wir uns voneinander.
Erst später fand ich heraus, daß Nixon bereits kurze Zeit nach unserem Gespräch ein Memorandum an Eisenhower sandte, in dem er ihm mitteilte, ich sei ein Kommunist und müsse eliminiert werden.
MOYERS: Well, waren Sie ein Kommunist?
CASTRO: Ich persönlich war Kommunist.
MOYERS: Kam Ihnen der Gedanke, daß die erste kommunistische Gesellschaft in dieser Hemisphäre die Vereinigten Staaten nervös machen würde?
CASTRO: Ich glaube, sehr viel nervöser mußten wir uns fühlen, mit einem so mächtigen kapitalistischen Land wie den USA als Nachbarn.
MOYERS: Die Vereinigten Staaten waren in der Atmosphäre des Kalten Krieges noch nicht in der Lage, einen Kommunisten als Führer eines Landes zu akzeptieren, das nur 90 Meilen entfernt ist.
Washington wurde durch die Nachrichten von Kuba zunehmend alarmiert: keine Wahlen, die Anfänge einer Massenflucht des kubanischen Mittelstandes, die Beschlagnahme amerikanischen Besitzes. Am alarmierendsten: die unverkennbare Allianz, die Castro mit den Sowjets anstrebe. Wenn er vielleicht auch kein Kommunist war, wurde er zumindest für jemanden gehalten. der sowjetischen Interessen diente. Im März 1960 autorisierte Präsident Eisenhower die CIA, Castro zu stürzen.
Die ursprünglichen Pläne der CIA sahen eine kleine Guerilla-Operation vor. Im Januar 1961 Kennedys Amtseinführung -- schlug die CIA aber eine Groß-Operation vor, mit einer militärischen Invasion als Kernstück.
Der neue Präsident war einer fürchterlichen Entscheidung konfrontiert
entweder die Invasion zu genehmigen oder sie abzublasen. Irgendwie überzeugte CIA-Direktor Allen Dulles aber den Präsidenten, daß eine amerikanische Beteiligung geheimgehalten werden könne, und warnte vor schwerwiegenden Konsequenzen, falls die Invasion nicht stattfinde.
Die CIA hatte zu dieser Zeit schon eine Exil-Armee rekrutiert -- viele der Männer hatten Training in Guerillataktik und Kommandounternehmungen erhalten. Ohne enormes politisches Aufsehen konnten sie nicht mehr entlassen werden.
Laut Arthur Schlesinger bereitete der Plan Kennedy Kummer. Kurz bevor er die Invasion genehmigte, bemerkte er: "Wenn wir die Kerle loswerden müssen. ist es doch viel besser, sie in Kuba auszuladen als in den Vereinigten Staaten, besonders wenn Kuba der Ort ist, wo sie sowieso hin wollen."
Was in der Schweinebucht geschah, ist der Schlüssel zur Geschichte der Geheimarmee. Diese Geschichte reicht bis Watergate und noch weiter. Die Schweinebucht-Invasion stellt die größte CIA-Aktion dar. Sie begann unter fast absoluter Geheimhaltung. Das Unternehmen stand von Anfang an unter einem ungünstigen Stern. Weniger als 200 der Invasoren hatten eine reguläre militärische Ausbildung. Die anderen waren Ingenieure, Musiker, Ärzte, Künstler, Mechaniker, Büroangestellte, Geistliche, sogar ein paar Journalisten gab es darunter.
Einige wußten noch nicht einmal, wie man ein Gewehr abfeuert. Viele waren so vertrauensselig, daß sie nicht glauben konnten, die Regierung der Vereinigten Staaten, die sie angeworben und ausgebildet hatte und zur Schweinebucht schickte, werde sie dort allein lassen.
Von ihrem Sieg waren die Exil-Kubaner so überzeugt, daß sieh etliche an jenem ersten Morgen sogar Zeit nahmen, für ihre eigenen Kameraleute zu posieren.
Um Erfolg zu haben, mußten die Invasoren zunächst den Luftraum über Kuba beherrschen. Aber die CIA setzte ihre ersten wirkungsvollen Luftangriffe nicht fort. Daheim in Washington strich Kennedy -- betroffen von Uno-Beschwerden, daß Amerika eine Invasion Kubas unterstütze, und aus Angst, daß noch mehr B-26-Angriffe das Engagement der USA zu offen zeigen würden -- alle weiteren Bombenflüge. Castro behielt die Herrschaft über seinen Luftraum.
Am dritten Tag ging der Exil-Brigade, dic noch immer auf Unterstützung aus der Luft wartete, die Munition aus.
CRILE: Wir fragten den Brigade-Führer Pepe San Roman: Zwanzig Monate hatten Sie Zeit. im Gefängnis darüber nachzudenken, was an der Schweinebucht geschah. Welche Gedanken bewegten Sie?
SAN ROMAN: Ich war schon an (dem Punkt angelangt, mir ein Gewehr
* Am 29. Dezember 1962 im Orange-Bowl-Station von Miami. Links: der Chef der Kuba-Brigade José Perez San Roman. Rechts: Kennedy-Ehefrau Jacqueline.
** An Präsident Kennedy in Miami.
zu greifen und gegen die Vereinigten Staaten zu kämpfen. Es war eine schlimme Zeit für mich. Es war schlimm für jedes Mitglied der Brigade, sehr schlimm.
Unsere Hoffnungen waren vollkommen vernichtet. Für mich hatte die Regierung der Vereinigten Staaten einmal das Non plus ultra bedeutet -- mehr als Vater und Mutter, mehr als Gott. Es war ein unheimlicher Tiefschlag für mich, bei all den Plänen und Hoffnungen, die man für sein Land hatte. Und ich glaube, als sie uns losschickten, wußten sie schon, daß sie es nicht durchziehen würden.
MOYERS: Für Amerika begann mit der Schweinebucht eine Ära, die uns genau das Gegenteil von dem bescherte, was wir anstrebten. Statt Castro davonzujagen, halfen wir nur, seine Position auf Kuba zu festigen. Anstatt die Russen aus unserer Hemisphäre hinauszudrängen, brachten uns die Ereignisse in der Schweinebucht dazu, ihre Präsenz zu akzeptieren.
Wahrscheinlich trug das Schweinebucht-Debakel direkt zu der Konfrontation mit den Sowjets in der Kuba-Raketen-Krise zwei Jahre später bei. Der Geheimkrieg gegen Kuba endete nicht an der Schweinebucht. Er war, wie wir sehen werden, nur der Anfang.
Miami 1962. Das Land verfolgt, wie Präsident Kennedy die freigelassenen Schweinebucht-Gefangenen willkommen heißt. Anderthalb Jahre hatte es gedauert und 53 Millionen Dollar Lösegeld gekostet, diese Männer aus Castros Gefängnissen herauszuholen. Warum jubelten die Exil-Kubaner Kennedy zu, als sei er ihr Held und Erretter?
Sie teilten ein Geheimnis mit ihm. Das Land glaubte, der CIA-Krieg gegen Castro habe an der Schweinebucht geendet. Nur wenige Amerikaner wußten, daß er uns in einen unerklärten Krieg gegen Kuba hineingezogen hatte, in den Tausende von Männern verwickelt würden, der Milliarden Dollar kosten sollte. Ray Cline war damals CIA-Vize.
CLINE: Ich glaube, es gab niemanden in unserer Regierung, der nicht herabsetzend und bitter über Castro sprach und über alles, was er den Völkern der Hemisphäre zufügte, und darüber, wie notwendig es sei, ihn loszuwerden, ihn aus der weltpolitischen Landschaft zu tilgen, getreu dem Wahlspruch des Kennedy-Vaters: "Nicht wütend werden, sondern abrechnen."
MOYERS: Und so ordneten die Kennedys den Geheimkrieg an. Sie selbst heuerten dafür sogar einige der ersten CIA-Krieger an.
Armando Lopez Estrada, der Terroristenführer, mit dem wir uns schon befaßt haben, war nach der Schweinebucht-Niederlage aus Kuba entkommen. Wieder in den Vereinigten Staaten, erhielt er einen Anruf aus dem Weißen Haus.
ESTRADA: Ich befand mich in meinem Haus, als ich den Anruf von einem Mitglied des Weißen Hauses erhielt. Man drängte mich, mir eine gute Garderobe zuzulegen und alles, was ich sonst noch brauche, und nach Washington zu kommen, denn der Präsident wolle mit mir sprechen.
MOYERS: Ein anderer, der mit Lopez Estrada entkam, war Roberto San Roman, Bruder des einsitzenden Brigadekommandeurs. Auch er ging nach Washington, um die Kennedy-Brüder zu treffen.
ESTRADA: In einem meiner Gespräche mit Bobby Kennedy fragte er mich, ob ich abermals gegen Fidel Castros Regime arbeiten wolle. Ich sagte natürlich sofort ja. Dann rief er jemanden herein. Ich freute mich riesig, denn es war Gray (Grayston Lynch), den ich von der Schweinebucht her kannte.
Zu jener Zeit wurden wir in den Florida Keys ausgebildet. Wir übten das Landen von einem Mutterschiff aus. mit Hilfe eines Schlauchbootes. Wir hatten es schwarz angestrichen und den Motor mit einem Schalldämpfer versehen. Wir landeten und schlugen uns (durch Mangroven und die Hintergärten von Privathäusern und so. Und all dies inmitten der Zivilisation.
MOYERS: Die Angriffe gegen Kuba begannen nur wenige Wochen nach der Schweinebucht-Affäre. Zuckerrohrfelder wurden in Brand gesetzt Später wurden die Angriffe auf Industrie-Ziele ausgedehnt. Aber es waren keineswegs nur Kommando-Unternehmen. Die CIA war schon dabei, Pläne auszuarbeiten, nach denen die ganze kubanische Wirtschaft zerstört werden sollte.
CLINE: Ich erinnere mich, daß einige Geheimaktionen auch die Vergiftung nach Kuba verschiffter oder von dorther kommender Waren einschloß sowie die Manipulation von Maschinen -- sogenannte subtile Sabotage: Wenn Sie ein Maschinenteil verschicken, das ganz prima aussieht, aber die Kugellager sind uneben statt glatt, so daß die Maschine nach einigen Monaten hin ist, das ist subtilere Sabotage. als wenn ein Sprengkörper eingebaut wird, der alles hochjagt. Einige dieser Sabotage-Aktionen waren ziemlich erfolgreich.
MOYERS: Sieben Monate nach der Schweinebucht-Affäre hielt Präsident Kennedy vor der University of Washington eine außenpolitische Grundsatzrede. Er sprach über die im Kampf gegen den Kommunismus einzuhaltenden Regeln und sagte: "Als freie Nation dürfen wir mit unseren Gegnern nicht mit Terror, Mord, falschen Versprechungen und Falschmünzerei konkurrieren."
MOYERS: Das sagte Präsident Kennedy am 16. November 1961. Zur gleichen Zeit gab er seine Genehmigung zur Operation Mongoose (Mungo) der Code-Name für die nächste Etappe im CIA-Geheimkrieg gegen Kuba.
Der Name war romantisch nicht aber die Taktik. Sie umfaßte alles was Amerika laut Kennedy eigentlich nicht wollte.
In der amerikanischen Geschichte gibt es nichts, das diesem Kuba-Krieg gleicht. Eigentlich ist es gegen das Gesetz, daß die CIA in den USA tätig wird. Um aber ihre Geheimarmee zu führen, baute sich der Geheimdienst in Miami die größte CIA-Station der Welt auf. Fragen wir Cline, wie groß sie war.
CLINE: Ich würde schätzen, so 600 bis 700 US-Agenten. Darin sind natürlich die Kubaner nicht eingeschlossen, mit denen sie arbeiteten.
MOYERS: Nach den meisten Schätzungen beträgt deren Zahl etwa 2000. Rolando Martinez, dem wir in der Watergate-Affäre wieder begegnen werden, war einer dieser kubanischen Agenten. Er führte über 350 Geheimmissionen in Kuba durch.
MARTINEZ: Wir hatten unsere geheimen Stützpunkte in Miami. Wir hatten unsere Geschütze und Kanonenboote dort, haben dort unsere ganze Ausrüstung eingeladen.
MOYERS: Jedesmal, wenn Martinez und seine kubanischen Agenten mit 50 schweren Maschinengewehren losfuhren, verstießen sie ganz klar gegen die Neutralitäts-Gesetze. Anfangs waren sie ein Problem für die nicht eingeweihte Küstenwacht.
CRILE: Was haben Sie gesagt, als Sie gestoppt wurden?
MARTINEZ: Zuerst war ich halsstarrig und sagte etwa: Nehmt Kontakt mit euren Bossen auf und erzählt denen, was für ein Schiff ihr aufgebracht habt.
MOYERS; Später wurde mit der Küstenwacht eine annehmbarere Vereinbarung getroffen. Doch wie war es möglich, solch provokative Operationen von Miami aus zu starten?
Erstens legte sich die CIA ein Netz von Deckadressen zu, um ihre Aktivitäten zu verbergen. Es gab Hunderte solcher geheimen Stützpunkte zwischen Miami und Key West. Strandhäuser an verschiedenen Orten dienten den CIA-Kommandos als Strecken-Stationen.
Die Agenten hatten viele Helfer, in Küstenwache, Zoll, FBI, den Steuerämtern und großen Teilen des Miami- und Südflorida-Establishments Die Presse zu gewinnen war wichtig. Zwei höhere CIA-Leute sagten uns, es gebe detaillierte Absprachen mit der hiesigen Presse, über Geheimaktionen nicht zu berichten, es sei denn, es wäre von beiderseitigem Interesse.
Neunzehn verschiedene Polizei-Abteilungen mußten vergattert werden, die waffenstrotzenden Kubaner nicht festzunehmen. Bankiers waren nötig, um CIA-Leuten Kredite zu geben, die Scheinjobs hatten und unter falschem Namen lebten. Es war eine große Verschwörung, um die Neutralitäts-Gesetze des Landes sowie andere Bundes-, Landes- und Gemeindegesetze zu brechen.
CLINE: An der Spitze der Regierung stellte niemand die Frage, ob diese Aktivitäten klug oder moralisch gerechtfertigt seien. Die Frage war nur, ob man genug tat, um den Zielen der US-Regierung zu dienen.
MOYERS: Hier ist ein Beispiel für den Druck, der ausgeübt wurde:
Robert Kennedy erklärte bei einer Konferenz der sogenannten Cuban Task Force: Der Sturz Castros habe "für die Regierung der Vereinigten Staaten absoluten Vorrang ... alles andere ist dagegen zweitrangig. Es soll weder an Zeit, Geld noch dem Einsatz von Menschen gespart werden".
Der frühere Verteidigungsminister Robert McNamara erinnert sich: "Zur Zeit der Schweinebucht-Invasion und danach waren wir geradezu hysterisch, was Kuba anbetrifft."
Und General Edward Lansdale -- der Mann, den Robert Kennedy beauftragt hatte, den geheimen Krieg gegen Kuba zu führen -- damals: "Wir sind in einer kriegsähnlichen Auseinandersetzung, und man hat uns freie Hand gegeben."
In einem der Vorschläge, die von Lansdales Gruppe dem Weißen Haus unterbreitet wurden, war der Gebrauch biologischer und chemischer Waffen gegen kubanische Zuckerarbeiter vorgesehen.
Diese Vorschläge -- insgesamt 32 -- unterbreitete der General 1962 dem Justizminister in einem Memorandum. Es schloß mit folgender Feststellung: "Meine Übersicht enthält nicht die Ihnen schon persönlich unterbreiteten Vorschläge für delikate Operationen. Ich hatte den Eindruck, daß Sie den Präsidenten darüber persönlich unterrichten wollten."
September 1975: Der für Geheimdienste zuständige Ausschuß im US-Senat zeigt ein von Technikern der CIA entwickeltes Gerät für Mordanschläge. In den frühen sechziger Jahren glorifizierten die Amerikaner James Bond, den fiktiven englischen Agenten mit seiner 007-Lizenz, die es ihm erlaubte zu töten. Aber zugleich dachten wir, daß seine typischen Waffen im tatsächlichen Leben nur von totalitären Regimen verwendet würden, die Bond ja bekämpfte. Im Zuge dieser Senatsuntersuchungen haben wir mehr über uns selbst erfahren: Unser geheimer Krieg gegen Kuba schloß den Mordanschlag als eine Waffe unserer Außenpolitik ein.
MOYERS: Wie war Ihnen zumute, als sie zum erstenmal erfuhren, daß die CIA. versuche, Sie zu stürzen?
CASTRO: Das ist schon so lange her, daß ich mich kaum noch daran erinnere. Aber für mich scheint es eine Tatsache, die offen auf der Hand liegt. Dies war schon seit Beginn unserer Revolution so, und nur für die Nordamerikaner waren offenbar die Berichte von den gegen unser Leben gerichteten Plänen etwas Neues.
MOYERS: Haben Sie dieses Dokument schon früher gelesen, diesen Report des US-Senats?
CASTRO: Ich habe das meiste davon gelesen, besonders alles, was Kuba betrifft. Aber ich kann Ihnen verraten, daß Sie darin nur einen der Teil-Pläne finden, die von der CIA ausgeheckt wurden und die Ermordung der kubanischen Revolutionsführer zum Ziel hatten.
MOYERS: Fidel Castro behauptet, es habe 24 Mordanschläge der CIA auf ihn gegeben. Der Senatsausschuß hat acht belegt.
Die ersten CIA-Pläne zur Ermordung Castros gehen noch zurück auf die Regierung Eisenhower.
Aber erst in den ersten Wochen der Kennedy-Präsidentschaft begann der Geheimdienst, die Voraussetzungen für ihre Durchführung zu schaffen. Der Verantwortliche dafür war Bissell, damals Chef für "Geheime Operationen" der CIA. Er nimmt hier zum erstenmal öffentlich dazu Stellung.
Die CIA hatte eine kleine Abteilung gegründet mit dem Namen "Executive Action" -- eine Abteilung, dazu bestimmt und ausgerüstet, bestimmte Personen zu beseitigen.
BISSELL: Nun, sie war nicht nur dafür gerüstet, Menschen zu beseitigen. Sie sollte auch Menschen unglaubwürdig machen oder Menschen abschieben, aber sie natürlich eventuell auch -- umbringen.
MOYERS: Die ersten Pläne der CIA gegen Castro zielten darauf ab, ihn nur zu diskreditieren und ihn auf diese Weise loszuwerden.
Beispielsweise sollten Zigarren des kubanischen Anführers mit LSD imprägniert werden. Die CIA hoffte, Castro werde dann unter dem Einfluß der Droge eine Ansprache halten und sich in der Öffentlichkeit lächerlich machen.
Dann gab es einen Plan, seine Schuhe mit einem Pulver einzustäuben, das Castros Barthaare ausfallen lassen sollte -- die CIA dachte, das könne Castro um sein Charisma bringen.
Aber aus dem einen oder anderen Grund wurden all diese Pläne wieder aufgegeben. Und im August 1960 begann man sich mit einem Mordanschlag zu befassen.
Richard Bissell nimmt an, daß der damalige CIA-Direktor Allen Dulles sowohl Präsident Eisenhower wie auch dessen Nachfolger, John Kennedy, davon unterrichtete, aber Bissell gibt zu, daß er dies nicht mit Sicherheit sagen kann.
Das Verfahren, beziehungsweise der Weg, auf dem der Präsident die Erlaubnis für so diffizile Aufträge erteilte, sollten absichtlich im dunkeln bleiben.
BISSELL: Der Präsident sagt etwa, er wolle jemanden los sein. Und ganz offensichtlich ist es ihm und allen anderen, die damit zu tun haben, lieber, wenn das in einer halbwegs manierlichen Art geschieht. Doch wenn die Betonung auf dem Loswerden liegt, gleichgültig auf welche Art und Weise, dann würde ich das für eine Genehmigung halten.
MOYERS: Sie sind nicht der erste, der uns von dieser eigenartigen Methode berichtet, die CIA-Beamte im Umgang mit dem Präsidenten benutzten, diese Umschreibungen, wie Sie es nannten, und Euphemismen. Warum hat man so verschlüsselt gesprochen?
BISSELL: Ich glaube, das ist ganz einfach. Nach meiner Ansicht ist es die Pflicht eines guten Geheimdienstbeamten, nichts zu tun, was nicht die Billigung seines Staatschefs finden würde. Und er sollte Unterhaltungen mit dem Staatschef stets so führen, daß man diesem nie nachweisen kann, er habe bestimmte Aktionen ausdrücklich genehmigt.
MOYERS: In die Ägide von Richard Bissell -- unmittelbar nachdem Eisenhower der CIA den Auftrag erteilt hatte, Castro zu stürzen -- fiel auch die wohl am härtesten kritisierte Unternehmung der CIA: das Abkommen mit der Mafia zur Ermordung Castros.
Der Mann, der für die CIA die Verbindung zur Mafia herstellte, war Robert Maheu, eine der zwielichtigsten Figuren unserer Zeit. Im Zweiten Weltkrieg war er FBl-Agent, dann Privatdetektiv, der Sonderaufträge für die CIA erledigte. Als er für die Durchführung des Mafiakomplotts angeheuert wurde, war er gerade bei Howard Hughes eingestiegen.
MAHEU: Ich hatte den Eindruck, daß wir in einen Krieg verwickelt waren. Und deshalb habe ich mich bereiterklärt, den Kontakt herzustellen.
MOYERS: Die Männer, die Maheu für die CIA rekrutierte, waren John Roselli, Mafioso aus Las Vegas; Sam Giancana, der Pate von Chicago; Santos Trafficante, Mafia-Boß von Tampa.
MAHEU: Ich bin überzeugt, diese Männer waren bereit, den Auftrag zu übernehmen, weil sie tatsächlich glaubten, damit einen Beitrag für unsere nationale Sicherheit zu leisten.
MOYERS: Die Widersprüche in dieser Geschichte scheinen endlos. Die Mafia-Verschwörung, begonnen in der Eisenhower-Ära, ging bis zum Frühjahr 1963. Zu dieser Zeit wußte Robert Kennedy einerseits als Justizminister vom Geheimkrieg der CIA. Auf der anderen Seite führte er gleichzeitig einen Krieg gegen das organisierte Verbrechen -- Giancana und Trafficante standen auf seiner Sonderliste von Mafia-Figuren, gegen die Anklage erhoben werden sollte.
Während ein Arm der Regierung also versuchte, diese Männer hinter Schloß und Riegel zu bringen, hatte ein anderer sie bereits angeheuert, mit dem Auftrag, Fidel Castro zu töten.
Der Bruder des Präsidenten wurde über die Mafia-Verbindung 1962 informiert, von der CIA.
Vielleicht hat er geglaubt, daß das Mafia-Komplott nicht weiter verfolgt werde. Aber seine Reaktion scheint bezeichnend. Kennedy gab keine Aufträge oder Weisungen, derartige Aktivitäten künftig zu unterlassen ... nur folgende Maßregel: "Ich vertraue darauf, daß Sie, wann immer Sie in Zukunft das organisierte Verbrechen einschalten -- Verbindung mit Gangstern aufnehmen -, daß Sie dann den Justizminister informieren."
MOYERS: Sie sagen, daß Sie es heute für einen Fehler halten, aber zur damaligen Zeit hielten Sie es doch offenbar für gerechtfertigt?
BISSELL: Ja, in der Tat.
MOYERS: Warum glauben Sie jetzt, daß es ein Fehler war?
BISSELL: Vor allem weil ich glaube, wir hätten uns nicht mit der Mafia einlassen sollen. Eine Organisation, die das tut, gefährdet die Sicherheit ihrer eigenen Informationen. Wir hätten, glaube ich, fürchten müssen, erpreßbar zu werden.
MOYERS: Wenn ich Sie recht verstehe, stört Sie vor allem die Zusammenarbeit mit der Mafia, aber nicht die Notwendigkeit oder die Entscheidung, einen fremden Staatsmann zu ermorden.
BISSELL: Richtig.
MOYERS: Wirklich gar keine Zweifel im nachhinein?
BISSELL: Nein, keine ernsthaften. Aus der Zeit heraus, da diese Entscheidungen getroffen wurden, habe ich allenfalls einen Zweifel oder einen Vorbehalt. Ich bin der Überzeugung, daß eine solche Aktion nur unternommen werden sollte, wenn sie in tiefster, auf alle Ewigkeit nicht zu brechender Geheimhaltung durchgeführt werden kann.
MOYERS: Sie ist, also in Ordnung. wenn sie nicht aufgedeckt wird?
BISSELL: Nie aufgedeckt, und es darf nicht einmal ein Verdacht aufkommen. Darf ich hier etwas hinzufügen?
MOYERS: So viel Sie wollen.
BISSELL: Ganz offensichtlich sollten solche Aktionen nur unternommen werden als praktisch allerletzter Ausweg. Und ich meine, daß nicht nur der Einsatz der Mafia ein Fehler war. Unsere ganze Einstellung zur Möglichkeit von Mordanschlägen war damals ein wenig zu leichtfertig und oberflächlich.
MOYERS: John McCone, der frühere CIA-Direktor: "Irgendeiner sagte damals immer: "Wir sollten uns Castros entledigen ...
Richard Helms, ebenfalls früherer CIA-Direktor: "Wenn ihn zu töten eines der Dinge war, die getan werden mußten ... dann war das innerhalb dessen, was erwartet wurde."
Admiral Arleigh Burke vom Nationalen Sicherheitsrat: "Jeder "Plan für die Beseitigung kubanischer Anführer sollte eine Art Sammelauftrag sein, da viele der Anführer um Castro schlimmer waren als er selbst."
General Edward Lansdale, Leiter der "Operation Mongoose": "Elemente aus der Unterwelt sind vielleicht das beste Rekrutierungs-Potential für Aktionen (gegen kubanische Politiker):
Dies ist nur ein Teil der Aussagen aus den amtlichen Dokumenten.
Im Sommer 1962 war dieser Mann Soldat im geheimen Krieg der CIA. In diesem Sommer wurde Washington durch die russische Aufrüstung in Kuba alarmiert. Journalisten fragten Kennedy, was an Gerüchten über eine neue Offensive gegen die Insel sei. Kennedy antwortete:
"Ich bin nicht dafür, Kuba zu diesem Zeitpunkt zu besetzen. Diese Worte sind in keiner Weise zweideutig gemeint. Ich glaube, eine Invasion Kubas wäre ein Fehler."
MOYERS: Heute können wir die Ironie in den Sätzen des Präsidenten verstehen. Er brauchte sich nicht der Marinesoldaten zu bedienen, um Castro loszuwerden. Er hatte bereits den CIA damit beauftragt.
Zwei Jahre lang beherrschten der geheime Krieg mit den Kommandotrupps und die Abwehr von Meuchelmordversuchen Fidel Castros Leben. Lassen Sie uns für einen Moment die Welt so sehen, wie Castro sie damals sehen mußte -- und mit all dem Wissen vom geheimen Krieg der CIA, das wir heute haben.
An der Ostküste seines Landes liegt die amerikanische Marinebasis Guantánamo, Erinnerung an die Tage, als die Mannes noch ganz Kuba beherrschten.
Nur knapp 200 Meilen entfernt die zweitgrößte kubanische Stadt der Welt, Miami, voll von Scharen erbitterter Castro-Gegner.
Von dort bis zur Inselkette Key West die Häuser und paramilitärischen Ausbildungszentren der größten CIA-Garnisen der Welt, mit etwa 2000 Exil-Agenten. Ihre Infiltrationskommandos landen an allen Küsten seiner Insel.
* Nach seiner Aussage Vor dem Senatsausschuß zur Untersuchung der CIA-Pläne zur Ermordung Castros: am 29. Juli 1975 in Washington.
In Washington planen die höchsten Beamten der US-Regierung die Zerschlagung der kubanischen Wirtschaft. Rund um den Erdball ist in fast jedem wichtigeren CIA-Büro mindestens ein Agent damit beschäftigt, die kubanischen Handelsbeziehungen zu stören. Schließlich stimmten die meisten unserer Verbündeten einem totalen Handelsembargo gegen Kuba zu. Die Insel war nicht nur insgeheim belagert, ihr drohte der wirtschaftliche Hungertod.
Ohne die Sowjet-Union hätte Castros Revolution nicht überlebt. Über den Ozean erstreckte sich eine 13 000 Kilometer lange Nabelschnur, durch die öl und Maschinen gegen Zucker und Nickel ausgetauscht wurden, daneben unterstützten die Sowjets Kuba mit über einer Million Dollar pro Tag.
Dies war Castros Lebensader im Sommer 1962, als Journalisten Kennedy zu den Invasionsgerüchten befragten. Castro hielt die Gerüchte für begründet.
CASTRO: Nachdem sie es mit (der Wirtschaftsblockade, mit Unterwanderung und kriegerischen Unternehmungen wie dem in der Schweinebucht versucht hatten, blieb ihnen nur die Invasion Kubas. Wir haben diese Gefahr tatsächlich so gesehen. Dies war auch der Hintergrund für die Entscheidung, hier strategische Raketen zu stationieren.
Im Herbst des Jahres trafen die ersten russischen Schiffe mit den getarnten Atom-Raketen in Havana ein. .Am Abend
des 22. Oktobers begaben sich die Amerikaner an ihre Fernseh-Geräte und vernahmen, wie ihr Präsident von der kubanischen Raketenkrise sprach: "Unsere Regierung hat, wie wir es versprochen haben, die Errichtung sowjetischer Militäreinrichtungen auf Kuba genauestens beobachtet. Seit der letzten Woche gibt es unzweifelhafte Beweise dafür, daß auf der Insel eine Reihe von Rampen für Offensiv-Raketen vorbereitet werden. Der Zweck solcher Startrampen kann nur sein, die Voraussetzungen für einen nuklearen Überraschungsschlag gegen die westliche Hemisphäre zu schaffen."
MOYERS: Die schlimmsten Befürchtungen des Kalten Krieges hatten sich plötzlich bestätigt. Ein lokaler Konflikt war zu einer Konfrontation zwischen den Atommächten eskaliert: In Washington und Moskau wurde die Weltuntergangs-Maschinerie in Bewegung gesetzt.
Das alles hatte mit der Frage nach dem Recht Fidel Castros begonnen, 90 Meilen von den USA entfernt als Kommunist überleben zu wollen.
Nun mobilisierte er in Havana seine Leute für den Krieg. Aber das war nichts als eine Geste. Castro mußte -- wie wir alle -- hilflos zusehen, wie unser Schicksal sich entscheiden würde.
Für Rolando Martinez jedoch war es ein erhebender Augenblick. Gerade einen Tag zuvor hatte er ein Kommando hier auf Kuba abgesetzt. Während er auf die Männer wartete, hörte er den Präsidenten über seinen Kurzwellen-Empfänger.
MARTINEZ: Als wir Kennedy hörten, mit seiner wichtigsten Rede -- da sagten wir: "Jetzt ist es soweit." Und: "Wir sind die ersten, die nach Kuba gelangen."
CRILE: Sie waren ja schon in Kuba gewesen.
MARTINEZ: Wir waren schon in Kuba gewesen. Und wir wären jetzt die ersten, die wieder nach Kuba kämen. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, mit welcher Freude uns das erfüllte und mit welchem Gefühl. Später erlebten wir die Blockade. Ich sah all die Schiffe, die gewaltige Flotte, und ich sagte nur: "Jetzt geht's los." Mein Gott, war ich glücklich. Wir sagten: "Mensch, jetzt machen wir's anständig."
Ich will damit sagen, jetzt war Schluß mit den heimlichen Touren. Jetzt marschieren wir kühn nach Kuba hinein und zerstören es. Wie es im Leben so geht, es wurde leider nichts daraus. Es war einfach nur ein neuer Schlag für uns Kubaner.
MOYERS: Die Kuba-Flüchtlinge reagierten mit gemischten Gefühlen auf die Raketenkrise um Kuba, die meisten Amerikaner aber glaubten, Präsident Kennedy habe da seine größte Stunde gehabt -- einen Auftritt, bestimmt von Härte und Zurückhaltung.
Wir triumphierten geradezu, daß die Russen so zurückgedrängt wurden. Castros Unternehmen, Kuba zur sowjetischen Raketenbasis zu machen, schien auch unseren Versuch zu rechtfertigen, ihn durch das Schweinebucht-Unternehmen zu stürzen.
Was zu der Zeit niemand bedachte -- weil es vor der amerikanischen Öffentlichkeit verborgen wurde -, war die Möglichkeit, daß gerade unsere Kuba-Politik dazu beigetragen hatte, die Krise so schnell herbeizuführen.
Schon während jenes ganzen Jahres hatte sich der Geheimkrieg gesteigert. Vor kurzem erst haben wir erfahren, daß die Einsatztruppe, die den Geheimkrieg leitete, Castros Sturz schon für Oktober 1962 vorgesehen hatte, jenen Monat also, den wir als den Monat der kubanischen Raketenkrise kennen. Im nächsten Heft
Kennedys Ermordung -- Die Exil-Kubaner und der Watergate-Einbruch -- Ihr Krieg gegen die Interessen der USA

DER SPIEGEL 31/1977
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