25.07.1977

PHILOSOPHENOptimismus ist Pflicht

Den Philosophen Karl Popper, der am Donnerstag dieser Woche 75 Jahre alt wird, schätzen deutsche Politiker mehr und mehr wegen seiner Marxismus-Kritik.
Vor zwei Jahren empfahl Bundeskanzler Helmut Schmidt seinen Genossen, nicht nur Karl Marx, sondern auch Karl Popper zu lesen.
Seither, so spottet der Mannheimer Soziologe Helmut Spinner, gelte der 75jährige Philosoph "als eine Art heiliger Patron" für die "aktuelle deutsche Partei- und Tagespolitik". Es "wird der Zeitpunkt kommen, wo Popper sich gezwungen sehen wird zu sagen: Ich bin kein Popperianer"*.
Der "fast unaufhaltsame Aufstieg" von Poppers Kritischem Rationalismus "zur bundesrepublikanischen Staatsphilosophie" (Spinner) markiert eine gesellschaftspolitische Wende. Der utopische Elan der sechziger und frühen siebziger Jahre ist verpufft, der kryptoreligiöse Rausch neomarxistischer Heilserwartungen ist verflogen.
Popper avancierte zum Philosophen der "Tendenzwende" -- nicht nur wegen seines Eintretens für eine rationale Politik, für eine "Stückwerk-Sozialtechnik"' sondern auch weil er sich als Nothelfer gegen Alt- und Neu-Marxisten anbot, die nach seiner Meinung zwar den Himmel auf Erden versprechen, in Wirklichkeit aber nur eine Hölle auf Erden schaffen.
Er habe "wissentlich nichts dazu beigetragen, um eine solche Rolle zu spielen", gab Popper kürzlich gegenüber dem SPIEGEL zu Protokoll. Das ist sicherlich richtig. Aber seine demnächst auf deutsch erscheinende Autobiographie macht durchaus deutlich, wie sehr Poppers intellektuelle Entwicklung von der Auseinandersetzung mit dem Marxismus geprägt worden ist und schließlich zu der schärfsten wissenschaftlichen Marx-Kritik geführt hat**.
Als 17jähriger war Popper nach dem Ersten Weltkrieg Kommunist geworden. Der Vater -- er war Notar in Wien Und als Freimaurer aktiv in sozialen Einrichtungen tätig -- hatte das Interesse des Sohnes an sozialen Problemen geweckt. Doch die Hoffnung, der Kommunismus könnte diese Probleme lösen, wurde durch ein Ereignis zerstört, das Popper zu den wichtigsten seines Lebens rechnet. Im Juli 1919 versuchten Demonstranten, inhaftierte Kommunisten aus dem Wiener Polizeipräsidium zu befreien. Dabei wurden einige Arbeiter getötet.
Der junge Kommunist Popper war über die Brutalität der Polizei entsetzt, aber auch über sich selbst: "Ach fühlte, daß ich als Marxist zumindest prinzipiell an dem Unglück mitschuldig war. Denn die marxistische Theorie behauptet, daß wir um so schneller zum Sozialismus kommen würden, je mehr sich der Klassenkampf verschärft, und daß die Revolution zwar Opfer verlange, der Kapitalismus aber mehr Opfer fordere ..."
Das war für Popper eine grausame, menschenfeindliche Rechnung. Zugleich wurde ihm in diesem Erlebnis auch der Verstrickungsmechanismus deutlich, in den der Mensch dann gerät, wenn er unkritisch eine Theorie akzeptiert. Hat man nämlich einmal sein intellektuelles Gewissen einer Sache geopfert, gibt man sie nicht so leicht wieder auf, man bringt immer wieder neue Opfer. Diesen Gedanken hat Popper in seiner "Logik der Forschung' weiter ausgeführt, die ihm den Ruf des bedeutendsten Wissenschaftstheoretikers der Gegenwart eintrug.
Trotz seiner Abkehr vom Kommunismus blieb Popper Sozialist, und er würde es, wie er gesteht, noch heute sein, wenn sich der Sozialismus mit der individuellen Freiheit vereinbaren ließe. Doch der große von Kommunisten organisierte Wiener Arbeiteraufstand vom Juli 1927 bewies ihm endgültig,
* Helmut Spinner: "Popper und die Politik" Verlag
J. H. W Dietz Nachf. Bonn-Bad Godesberg: ca. 280 Seiten: ca. 20 Mark.
** Karl R. Popper: "Ausgangspunkte" Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg: ca. 288 Seiten; 28 Mark.
"daß dies nicht mehr als ein wundervoller Traum ist".
Popper gelangte zu der Überzeugung, daß die marxistische Idee "einer utopischen sozialen Planung großen Stiles ein Irrlicht ist, das uns in einen Sumpf lockt". In einer bereits in den zwanziger Jahren begonnenen Studie, die jedoch erst 1965 in der Bundesrepublik unter dem Titel "Das Elend des Historizismus" erschienen ist, versuchte er nachzuweisen, daß die marxistische Lehre "von der geschichtlichen Notwendigkeit der reinste Aberglaube ist und bleibt, wie sehr sie sich auch als "wissenschaftlich" gebärden mag".
Zwar sei unzweifelhaft, daß "der Ablauf der menschlichen Geschichte durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflußt" werde, aber es sei unmöglich, "mit rationalwissenschaftlichen Methoden das zukünftige Anwachsen unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse" vorherzusagen. Das aber bedeute: "Wir können den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen."
Für Popper kann es also keine letzten Ziele politischen Handelns geben, die durch wissenschaftliche Methoden bestimmt sind. Deshalb sei es auch unmöglich, über die "ideale Gesellschaftsform", über eine Utopie also, rational zu diskutieren. Dem Utopisten bleibe nichts anderes übrig, als seine Ideen mit Gewalt durchzusetzen.
Seine Kritik "des pseudowissenschaftlichen, pseudohistorischen und mythologischen Charakters" der marxistischen Geschichtsphilosophie setzte Popper in seinem politisch-philosophischen Hauptwerk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" fort. Es erschien 1945 in englischer Sprache.
Es war "mein Kriegsbeitrag", schreibt Popper in seiner Autobiographie. Er hatte 1937 Österreich verlassen und eine Dozentur am Canterbury University College in Neuseeland angenommen. Mit "polemischer Militanz" (Spinner) prangerte Popper in der "Offenen Gesellschaft" Platon, Hegel und Marx als "falsche Propheten", als Ideologen des modernen rechten und linken Terrorismus an.
Popper wandte sich vor allem gegen die marxistische Auffassung, daß nur in einer zentral geplanten Gesellschaft die politischen Probleme wissenschaftlich gelöst werden könnten. Erfolgreiche Problemlösungen seien nur in einer freien, offenen Gesellschaft möglich, denn sie beruhten auf der Konkurrenz alternativer Lösungsvorschläge.
Aus diesem Grunde sind für Popper die westlichen Demokratien den östlichen Diktaturen weit überlegen -- bis auf eine Ausnahme: Ihnen fehle das Selbstvertrauen. Die gegenwärtige Mode, "eine pessimistische Beurteilung unserer Zeit zu predigen", könnte auch den Westen "ins Unglück treiben Deshalb, so mahnt Popper eindringlich, "ist es unsere Pflicht, Optimist zu sein".

DER SPIEGEL 31/1977
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