25.07.1977

ARCHITEKTURIdylle für Anleger

In München wurde eine vorbildlich. Hinterhofsanierung beendet: die „Amalienpassage“, mit Wohnhöfen, Fußgängerbereich und Ladenstraße.
Keine der 203 Wohnungen gleicht einer anderen: Neben dem kammerkleinen Apartment mit Kochnische liegt eine zweigeschossige Maisonette mit Wendeltreppe und Atelier, neben der verwinkelten Dachstube mit zwei Terrassen ein Schlafgemach mit gläsernem Erker.
Den ausgefallenen Grundrissen und einem irrgartengleichen Gängesystem mit Treppchen und Nischen entspricht auch die Außenarchitektur eines Münchner Neubaus, der jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Geschachtelt aus mehr schiefen als rechten Winkeln, mit reliefhaft ausgebildeten Fassaden und vielförmig gefalteter Dachlandschaft, getönt in vielerlei Pastellfarben -- so bietet sich die "Amalienpassage" in der Maxvorstadt im Süden von Schwabing dar.
Neben dem Wohnungsbau liefert das ehrgeizige Objekt auch einen Beitrag zum Städtebau: Nur 20 Prozent der Wohnungen liegen zur Straße -- die anderen sind an vier miteinander verbundene Innenhöfe gelegt.
Dort sind 21 Läden (vom mexikanischen Kunstgewerbe bis zu Kräutern und Keramik), drei Gaststätten (Bistro, Café und "Wurstkuchl"), Brunnen in der Form alter Pferdetränken und eine 15 Meter lange berankte Pergola für jedermann eingerichtet: das Wegerecht auf den 3000 Quadratmetern Freifläche traten die Bauherren an die Stadt München ab.
Der "Münchner Merkur" notierte über die neue Einkaufs-Oase in der Maxvorstadt: "Schwabing ist um eine Fußgängerzone reicher!", und die "Abendzeitung" lobte: "Wie man aus drei Innenhöfen eine Stadtoase zaubert".
Dabei ist die neunjährige Entstehungsgeschichte des 50-Millionen-Baus eine Chronik voller Wehen und Widerstände. Noch vor vier Jahren urteilte der SPD-Stadtrat Siegmar Geiselberger über das Modell: "Wenn's mi fragen, find's greislich."
Bereits während der Jahre 1969 bis 1973 erwarben die Firmen Baufinanz und Eichbauer auf zwei Seiten eines Wohnblocks vis-a-vis der Universität -in der Amalienstraße und in der Türkenstraße -- einige heruntergewirtschaftete Abbruchhäuser und die dazwischenliegenden Hinterhofparzellen und gründeten die "Amalienpassage Beteiligungs GmbH & Co. Immobilien KG". Für die Finanzierung wurde die Württembergische Kommunale Landesbank in Stuttgart (WKL) gewonnen.
Der Architekt Jürgen von Gagern, 46 -- der schon so renommierte Wohnhausgruppen wie "Max und Moritz" und "Orpheus und Eurydike" entworfen hatte -, übernahm Entwurf, Gestaltung und Durchführung der Neubebauung; die Planung besorgte die Architekten-Gemeinschaft von Gagern, Ludwig, von der Mühlen.
Doch lange Zeit drohte das Projekt an einer breiten Widerstandsfront aus Bürgerverbänden und Behörden zu scheitern: die "Aktion Maxvorstadt" protestierte gegen den Abbruch alter Häuser, der Stadtrat lehnte die vorgesehenen Fassaden als "unpassend" ab, und der Kreisheimatpfleger Alexander von Branca war überhaupt gegen die Erneuerung.
Architekt von Gagern rettete das Werk mit einem Trick: Als Alternative bot er einen verwaschenen Kompromißvorschlag an, für den freilich niemand die Verantwortung übernehmen wollte. Da die Altbauten inzwischen für den Abbruch freigegeben waren, erhielten die Unternehmer schließlich die Baugenehmigung.
Mit der gleichen Sorgfalt, mit der sie die Wohnungen schnitten, gingen die Baumeister auch an die Gestaltung der Höfe. Sie verlegten sieben verschiedene Klinker- und sechs verschiedene Natursteinpflaster sowie Keramikplatten in fünf verschiedenen Farben. Sie pflanzten Platanen, Baumhasel und Zypresseneichen sowie eine bereits 3Ojährige, acht Meter hohe rotblühende Kastanie.
Auch Kunst am Bau fehlte nicht: An einer zehn Meter breiten alten Betonwand, die nicht zugebaut werden konnte, soll Professor Gerd Winner nächsten Monat ein Relief aus Stahl, Emaille und Aluminium anbringen. Die Farbgestaltung und Innenausstattung aus vielfarbigen Teppichböden besorgt von Gagerns Ehefrau Eva-Maria Hübsch.
Derlei qualitätsvolle Hinterhofsanierung ist freilich nicht für jedermann. Als "Eigentumswohnungen für Eigenwillige" preist die WKL-Tochter "IG Immobilien Gesellschaft" die neue City-Idylle "für Anleger und Anlieger" -- zum Kaufpreis von 75 000 bis 350 000 Mark.
In der "Amalienpassage". so kann das Beuleyardblatt "tz" denn auch leicht prophezeien, werden "demnächst nur noch schicke Leute wohnen". Die schickste Wohnung ist bereits verkauft. Käuferin: Esther Vilar.

DER SPIEGEL 31/1977
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