25.07.1977

ZAHNMEDIZINWarten auf die Dritten

Frankfurter Forscher haben Kunstzähne entwickelt, die biologisch so gut verträglich sein sollen, daß sie wie Naturzähne im Kiefer einwachsen: Revolution in der Dentalbranche?
In der Zahnmedizin galt bislang das Ein-Weg-System: Zähne wurden gezogen -- doch selbst wenn die Lücken durch aufwendige Brücken, Spangen oder Plattenkonstruktionen geschlossen wurden, blieb es letztlich Ersatz.
Nun scheint es, daß der Wunschtraum von dritten Zähnen, die so fest sitzen, als seien sie gewachsen, Wirklichkeit werden könnte: Ein Team des Frankfurter Battelle-Instituts hat ein Zahnersatzmaterial entwickelt, das fest mit dem Kieferknochen verwächst.
Der neue Werkstoff, eine "bioaktive" Keramikmischung aus Kalziumphosphat und einem gewebeverträglichen Kunststoff, wurde fünf Jahre lang an mümmelnden Kaninchen und nagenden Ratten getestet; zuletzt erprobten die Forscher die Kunstzähne an über 200 Hunden, weil vom Hundekiefer eher Rückschlüsse auf das Verhalten der menschlichen Kieferknochen möglich sind.
Seit kurzem laufen nun auch die ersten Versuche, menschliche Lücken dauerhaft mit den Kunststoffzähnen zu schließen. Als Knochen-Füllmaterial, etwa nach der Entfernung von Zysten, Tumoren und Falschgelenken ("Pseudarthrosen"). hat sich die Grundsubstanz der
Kunstzähne bereits bewährt. Dr. Kari Köster, Leiterin der Abteilung für experimentelle Medizin am Battelle-Institut, sieht "keine Probleme mehr" und prophezeit: "In zwei Jahren kann jeder Zahnarzt beliebig viele Keramikzähne verankern."
Die Idee, fehlende Zähne durch "Spender"-Zähne oder aus Fremdmaterial nachgebildeten Backen-, Eck- und Frontzähnen zu ersetzen, ist nicht neu. Die Ersatzzähne wurden in die (notfalls mit dem Knochenbohrer eingefrästen) "Zahnfächer" eingepflanzt. Schon römische Wundärzte hatten so gesunden Sklaven die Zähne herausgebrochen, und diese morbiden Patriziern eingesetzt. Und Fachblätter berichteten bereits Ende des vorigen Jahrhunderts über Versuche mit Kunstzähnen.
Doch erst seit 25 Jahren etwa werden Implantationen nicht nur von Forschern, sondern auch von Praktikern als eine "praxisgerechte Methode in der Zahnheilkunde" ("Münchener Medizinische Wochenschrift") angesehen, freilich mit Vorbehalt.
Ungeachtet der oft dringlich vorgetragenen Patienten-Wünsche nach "festen Dritten" befürworten angesehene Zahnärzte wie Dr. Heinz Hoyer (vom Hamburger Allgemeinen Krankenhaus Altona) Implantate bisher "nur, wenn alle herkömmlichen Mittel versagen". Etwa als Brückenpfeiler, wenn die zwei oder drei hintersten Backenzähne auf einer Seite fehlen ("Freiendlücken"), oder zur Verankerung einer totalen Unterkiefer-Prothese, wenn der Kiefer zu flach ist und eine Prothesenbasis nicht hält.
Die generelle Zurückhaltung der Ärzte gegenüber der Methode war begründet. Allzuoft landeten Implantat-Patienten über kurz oder lang wieder auf dem Behandlungsstuhl -- mit wackelndem Lückenbüßer. Denn im Gegensatz etwa zu künstlichen Schädelplatten oder Hüftgelenken hatten diese "offenen Implantate" im Kiefer meist nur eine begrenzte Lebensdauer.
An der Stelle, an der der Implantat-Pfeiler aus dem Zahnfleisch tritt, können Bakterien aus der Mundhöhle eindringen und eine Entzündung hervorrufen. Auch hält die mechanische Befestigung (durch Stahlgerüste, Schrauben, Nadeln und Klingen) der enormen Kau-Belastung auf Dauer kaum stand: Der Knochen zersetzt sich, das Implantal beginnt zu wackeln.
Diese Anfälligkeit und auch den Abnutzungseffekt haben die Battelle-Forscher von vornherein auszuschalten versucht. Das neue Zahnmaterial wird vom Knochen nicht als Fremdkörper empfunden.
Zudem ist die Kunststoffwurzel (die ohne Operation in das Zahnfach des Kiefers gedrückt wird) "makroporös". Das heißt, nach dem Einbau lösen sich kleine Kalziumphosphat-Kugeln aus der Kunstwurzel, die vom umgebenden Knochengewebe resorbiert werden -- es bildet sich in den so entstandenen Wurzel-Poren zunächst eine knorpelähnliche Masse ("Kallus"). In acht bis zehn Wochen soll die Wurzel auf diese Weise mit dem sie umgebenden Knochengewebe verwachsen. Auf dem Metallkern des Kunstzahns kann dann eine Jacketkrone befestigt werden.
Erst an vier deutschen Universitätskliniken und ebenso vielen Privat-Praxen werden nun Zahnlücken mit dem Bio-Material gefüllt, das im Auftrag des Bundesforschungsministeriums entwickelt wurde. Aber schon berichten auch Zahnärzte von Extraktionsverweigerern, die einen durch Plomben oder Kronen nicht mehr zu rettenden Zahn wenigstens so lange im Mund halten wollen, bis das Keramikmaterial für alle greifbar ist.
Die neue Ära beginnt mit Warten -- notfalls unter Schmerzen,

DER SPIEGEL 31/1977
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