25.07.1977

Peter Wapnewski über Dieter Kühn: „Ich Wolkenstein“Ein neues Mittelalter?

Professor Peter Wapnewski, 54, lehrt deutsche Literatur an der Universität Karlsruhe. -- Dieter Kühn, 42, lebt als Schriftsteller in Düren.
Jübiläen sind eine heikle Sache und
halten nicht immer, was der Jubel verspricht. Ihr Arrangement ist freilich meist durchsichtig, die Veranstalter wollen ihren Lohn, handele es sieh nun um Institutionen, Verbände oder Verlage. gelehrte Gesellschaften oder gar um ein ganzes Bundesland, das, sich zur Feier, die Staufer heftig entdeckt und eingemeindet.
Nun also Wolkenstein. Der Schriftsteller Dieter Kühn setzt sich im Herbst 1975 in ein Flugzeug Richtung Süden und meditiert über das Erscheinungsjahr seines geplanten Buches: "1977, da ließe sich Oswalds 600. Geburtstag feiern:' Ein Gedanke, der sich nicht von ungefähr über der Stadt Frankfurt regt, denn: "Voraussichtlich der Publikationsort des Buchs:' Beide Vermutungen sind eingetroffen, das Buch liegt vor, nahezu 600 Seiten, das grenzt an "Butt"-Format, es scheint, ein neues Zeitalter epischer Behäbigkeit kündigt sich an.
Was aber ist an diesem Oswald von Wolkenstein zu feiern -- außer daß er (vielleicht) vor 600 Jahren geboren wurde? Vielleicht; denn sein Geburtsjahr mag auch 1376 sein oder 1378; und der behauptete Geburtsort, die Burg Schöneck im Pustertal, hat nur dann einige Wahrscheinlichkeit für sich, wenn auch 1377 glaubwürdig ist.
Zu feiern wäre, wenn man feiert, ein adliger Herr von ungebärdigem Temperament, im Zwischenland von Mittelalter und Neuzeit angesiedelt und, wenn wir den Bezeugungen glauben, ein recht bezeichnender Repräsentant dieser wirr-wilden Jahrzehnte kirchlichen Schismas, territorialer und landesherrlicher Streitigkeiten, rational sich regender Wissenschaftlichkeit und jener fast wütenden Besinnung auf das individuelle Ich, mit dem wir das Zeitalter der Renaissance. das der sogenannten Neuzeit. die nun längst schon hinter uns liegt, einsetzen lassen.
Eines Politikers also könnte man gedenken, eines Soldaten. eines Diplomaten, eines Grundherren, eines Desperados und adligen Vaganten. Doch gab es von dieser Art unzählige, und darunter wichtigere als Oswald. Man würde sich seiner nicht erinnern, hätte er nicht auch Lieder gemacht. Und diese Lieder sind es, die den Mann in seiner Gänze aus dem Archivdämmer der Vergangenheit herauslösen. Denn sie führen einen vor, der ganz nach dem Herzen von Liederfreunden gebaut ist.
Ein Mensch in seinem Widerspruch, um es milde auszudrucken. Ein Umgetriebener und Herumtreiber, ein ganzer Kerl, dem schon in seiner Jugend ein Auge ausgeschlagen wurde (beim Tiroler Fastnachtstreiben, heißt es), ein wilder Geselle hei den Weibern und im Krieg, der betrogen wurde und betrog, der nicht zimperlich war in der Art seiner Herrschaftsausübung, der liebte und dafür litt, im Gefängnis schmachtete und vielleicht auch die Tortur kennenlernte -- und zu Hause Weib und Kind, die große Liebe und große Last.
Die ganze Welt kennt er, spricht ein Dutzend Sprachen, war Pferdeknecht und Ruderer und Koch und Pilger, und schiffbrüchig natürlich auch: Kurzum, dieser Oswald stellt sich uns in seinen Liedern dar als das, was wir einen typischen Renaissance-Menschen nennen, Saft und Kraft ist darin, der Kitzel des Anarchischen, Reiz der Gewaltsamkeit und Lust der sinnlichen Libertinage.
Das aber fehlt der deutschen Lyrik, wir haben ein bißchen Johann Christian Günther und ein bißchen jungen Goethe und ein bißchen Biermann, aber wir haben keinen Francois Villon, und weil wir den nicht haben, brauchen wir Wolkenstein: einen Sänger, dem Königinnen dankbar Ringe in seinen Bart flochten. Denn wenn je ein Mann legendenbildend war, dann er. Seine Lieder sind ja auch Erbe des Mittelalters, das aber heißt, sie sind gelernt und gelehrt, sind Absolvierung einer musischen Adelsaufgabe. Man ging kennerisch mit feinen Worten und Tönen um, im Hohen Mittelalter hieß das zierliche Werben Minnesang.
Solche Übung hat auch Oswald noch mitbekommen, und er hat die Elemente der Tradition kühn und geschickt umgewandelt in Verse, die etwas von dem ausdrücken, was man im modernen (also der kollektiven Bewußtseinslage des Mittelalters abgewandten) Sinne "Erlebnis" nennt. Das gibt ihm eine bedeutende Position in der Geschichte der Lyrik und der frühen Neuzeit.
Wenn freilich der Verlag die Monographie Kühns ankündigt mit der Behauptung: "In der Wissenschaft wird Oswald von Wolkenstein als der größte Dichter zwischen Walther von der Vogelweide und Goethe genannt", dann muß man sagen: Der Germanistik ist gewiß dieses und jenes Fehlurteil anzukreiden, aber von der Anklage, jemals derartigen Schwachsinn glaubhaft gemacht zu haben, muß man sie schleunigst freisprechen.
Die Lyrik des Barock, das Kirchenlied, Klopstock und mancher Geringere haben uns Verse hinterlassen, vor denen Wolkensteins saftige Farben verbleichen. Übrigens aber war er -- "auch konnt ich fideln, trommeln, pauken, flöten" -- ein großer Musiker und brillierte in der Kunst der frühen Mehrstimmigkeit. Was aber hat es auf sich mit der "Wahrheit" seiner Dichtung, also ihrem Realitätsgehalt?
Dieter Kühn ragt unter den Schriftstellern seiner Generation hervor durch eine ihm eigene und erfolgreich praktizierte Methode, mit den Mitteln der Literatur die Konturen einer historischen Persönlichkeit in Zweifel zu ziehen und so nicht nur ihre "Wirklichkeit", sondern auch ihre Möglichkeit zu erwägen. Solches Verfahren hat sich bewährt an Napoleon ("N."); an der "Präsidentin" (der inkriminierten Konzernherrin Marthe Hanau); zuletzt an "Josephine" (Baker nämlich). In all diesen Arbeiten Kühns geht es um das intrikate Problem, ob eine historische Figur in einer bestimmten historischen Situation auch wohl anders hätte handeln können, geht es also letztlich um die Spannung von persönlicher Willensfreiheit und der determinierenden Kraft sozialer Materie. Es ist nur konsequent, daß Kühn bei seinen Recherchen in dieser Sache auf Wolkenstein, die Vitalgestalt einer Legende, stieß.
Und wieder bedient seine Methode sieh einer Technik, die nicht neu ist, auch für ihn nicht neu, da er sie schon in der "Präsidentin" mit Erfolg probte. Er läßt sein Spüren und Suchen, sein Verifizieren und Erkunden in die Beschreibung des Gegenstandes selbst einfließen. Kühn referiert, wie er Burgruinen besteigt, Urkunden liest, Experten befragt, Archive durchforstet, und er bewährt sich als Historiker und übersetzender Philologe vortrefflich. Er hebt die histerische Distanz auf, indem er sie bewußtmacht.
Von keinem der mittelalterlichen Dichter ist derart viel an urkundlichen Beglaubigungen überliefert wie von Oswald -- was wiederum beweist, daß er ein eigentlich mittelalterlicher Dichter nicht mehr war. Denn der "interessante", der buchenswerte einzelne, er hat das Mittelalter schon geräumt. "Ich Wolkenstein", das ist Zitat, so redet er mehrfach von sich, und wenn Peter Rühmkorf auch zu Recht die Ich-Besessenheit seines Sängerbruders Walther von der Vogelweide statistisch nachgewiesen hat, so bleibt der doch die dreiste Ausnahme. Wolkenstein aber macht nun die Regel, als Vorbild und Exempel -- auch wenn dieses "Ich", wie Kühn meint, vor allem geistliche Demut ausdrücken sollte.
Und Kühn wird ihm eben dadurch gerecht, daß er seines Helden dichterische Mittel karg verschmäht. Der keucht und tiriliert und stampft und tanzt, der läßt Wortgeglitzer in Kaskaden rieseln und ist durchaus "expressionistischer" Töne mächtig. Kühn aber ist kühl, seine Sätze sind kurz, manchmal überkurz, stakkato, Reportersprache, Umgangston zuweilen.
Er berichtet viel, denn er weiß viel, und er will, daß der Leser alles weiß, was auch Kühn weiß. Und liege etwas noch so weit am Rande, es wird zur näheren Deutung herangezwungen: Rüstung und Femegericht, Kriegsgerät und Währungsgrößen, Belagerungstechnik und Pilgerwesen -- und dazwischen die Liedertexte, lang und ausschweifend wie das ganze Unternehmen. Nichts ist erfunden, und immer wird höchst fair vermerkt, wem der Autor sein Wissen verdankt.
Im Grunde handelt es sich um ein gigantisches Referat zum Thema: Lebensformen im späten Mittelalter, dargestellt an dem Ritter und Sänger O. v. W. Es scheint, Kühn hat die Chance mit geradezu entzückter Leidenschaft wahrgenommen, an diesem Fall die merkwürdige Wechselbeziehung von Leben und Poesie im Detail zu observieren, und das Volumen seines Werks mehrt sich heftig zufolge des spezifischen Verfahrens: Materialien der Werkerarbeitung werden als Teil in das Werk eingefügt, werden zum Werk selbst, und hat man das vermerkt, erinnert man sich des Themas von Kühns Doktorarbeit: Robert Musil.
Ein literarischer Ingenieur ist hier zu beobachten, und Werkstatt und Gerät erreichen nahezu das Volumen des mit ihrer Hilfe zu erstellenden Produkts. Was Kühns Sprache in hohem Maße auszeichnet: Straffung, Disziplin, Verhaltenheit, das hätte, auf die auswuchernden Dimensionen des Ganzen angewandt, ihm Handlichkeit und damit ein höheres Maß an Wirkung gegeben. Das Weitwinkel-Objektiv bringt zwar vieles, aber es verwirrt auch, denn es ignoriert das organische Maß.
So bleibt vor allem das Gefühl des Respekts vor dieser Biographie, die in der Tat vor allem Biographie ist, eingebettet in einen persönlichen Rechenschaftsbericht. Literatur also, gewiß auch Neues bringend, nicht aber neue Literatur. Will sagen. Kühn hat nicht die Absicht, mit dem spezifischen Mittel der Sprache einen bisher nicht geleisteten Erkenntnisvorgang, Erweiterung des Bewußtseins anzustreben. Sondern er vollzieht die höchst honorige Leistung des Historikers: Er trägt Material vor und deutet es.
Daß Geschichtsschreibung ein literarisches Genre ist, wissen wir nicht erst -- aber wieder -- durch Golo Mann. Kühn steht in dieser Tradition, und die Germanisten und Historiker sind zu beneiden, die künftig dank seinem "Wolkenstein" ein großes Lehrbuch vom späten Mittelalter haben werden. Denn es hat Gelehrsamkeit die Fülle und bezeugt zudem, daß Fülle nicht allemal gleich Gelehrsamkeit ist.
Bleibt schließlich die große Frage: Bezeugt ein Buch wie dieses ein neuerwachendes geschichtliches Bewußtsein? Bestätigt, beweist es im Verein mit anderen, parallel zu sehenden Ereignissen, daß Geschichte wieder ein gegenwärtiges Problem ist?
Man erinnert sich: Die große Kulturrevolution, die im Aufstand der Studenten 1967 ff. manifest wurde, predigte Ideologie und erschaute Zukunft. Die Gegenwart offenbarte sich nur unter dem Aspekt ihrer dringlichen Verbesserungsbedürftigkeit; die Vergangenheit (oder Geschichte) nur unter dem ihres Versagens, ihrer Fehler, ihrer Unmenschlichkeit. Der Mensch ist Basis und Überbau, aber ohne Unterbau, der geschichtslose Mensch. Erbe als Last, Tradition als Muff.
Das ging nicht an, sehr bald zeigte sich, daß der Mensch (unter anderem) das Wesen ist, das Information will über sein Herkommen, damit es sein Auskommen habe; das versteht, was ist und werden kann aus dem Versuch, das, was war, zu verstehen.
Solche Erkenntnis, mag sein, ist inzwischen wieder auf dem Wege ins Bewußtsein, ins altmodische Bildungsbewußtsein. Ob sie indessen sich vital ausdrückt in dem Zustrom zu Kunst- und Geschichts-Ausstellungen, ob sie sich bezeugt in der Beliebtheit historischer Biographien. ob sie sich niederschlägt in Rühmkorfs "Walther"-Buch, in Torbergs Roman über den spruchdichtenden Juden Süßkind, in dem Respekt vor der Monumentalität Barbarossas, der magieumwitterten majestas seines Enkels Friedrich II., ob Bauernkrieg-Gedenken und Walsers "Sauspiel" in der Tat Stufen sind hin zu einem fortschreitenden Geschichtsbewußtsein, in das also auch Kühns "Wolkenstein" einzubauen wäre: Das wird man bezweifeln.
Denn allzu deutlich fehlt solcher Neugier von Museumsbesuchern und Romanlesern jenes strikte Engagement, das man "existentiell" nennen würde. Es geht, scheint es, eher um eskapistische Übungen, heraus aus Umwelt-Ruinen, aus gesellschaftlichen Miseren, aus dem Gift von Wasser und Milch, dem Bazillenflor der Air-Condition. Es geht also ehestens um unverbindliche Unterhaltung. um des Lebens Buntheit als Breitwand-Vorführung, um Fluchtpunkte in Fluchtburgen.
So betrachtete man sich wohl auch die Stuttgarter Staufer, und diese 700 000 Menschen, sie werden kaum bemerkt haben, daß sie in der Absicht geladen waren, durch erneuertes Geschichtsbewußtsein neues Staatsbewußtsein zu erfahren. Denn dessen bedarf der Staat, um zu bestehen. Freilich ist es nicht nur seine Aufgabe, mangelndes Traditionsgefühl zu rügen, sondern auch das Entstehen eines falschen Traditionsgefühls zu verhindern.

DER SPIEGEL 31/1977
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