25.07.1977

MUSIKSchwindel in D

Mozarts erstes Violinkonzert ist nicht von Mozart.
Manche Wissenschaftler hielten das Werk schon immer für eine Fälschung, andere durchaus für echten Mozart. Auf Schallplatten wurde es schlicht als Mozart-Opus verkauft, in Musik-Lexiken wird seine Authentizität als "zweifelhaft" bezeichnet.
Mit solcher Ungewißheit, sie hielt sich fast ein halbes Jahrhundert, ist es nun vorbei: Mozarts erstes Violinkonzert, Köchel-Verzeichnis Anhang 294 a D-Dur, ist nicht von Mozart, sondern von Marius Casadesus -- der französische Geiger hat es jetzt, im Alter von 84 Jahren, eingestanden.
Casadesus hatte das Konzert nach Mozart-Fragmenten als ein, wie er heute sagt, "Mozart-Pastiche" arrangiert und' 1931 erstaufgeführt. Als "Adélaide-Konzert", angeblich 1766 vom zehnjährigen Wolfgang Amadeus in Versailles komponiert und einer Bourbonen-Prinzessin gewidmet, wurde das Schwindelstück berühmt und, vor allem dank einer Aufnahme mit Yehudi Menuhin 1934, ein Platten-Hit.
Die Echtheitsfrage konnte von Musikforschern nicht definitiv geklärt werden: Mozarts Notenhandschrift, so hieß es immer, sei im Besitz eines Privatsammlers, der anonym bleiben wolle und jeden Einblick in die Originalnoten verweigere.
Daß Casadesus sein so lange bewahrtes Geheimnis doch noch lüftete, hat einen eher unmusikalischen Grund: Der Künstler hatte für seine "Adélaide"-Manipulation stets Tantiemen bezogen -- offiziell ausgewiesen als Honorar für "Orchestrierung" des Mozart-Originals. Als unlängst die Firma Pathé-Marconi EMI ein "Adélaide"-Remake herausbrachte, ohne auf dem Plattencover den Namen Casadesus zu vermerken, verklagte dieser die Firma und bekannte sich zugleich als der wahre Urheber des "apokryphen Werks".
Pathé-Chef Bonnet: "Er wollte wohl bei dieser Gelegenheit endlich doch für seinen Nachruhm sorgen."
Daß er überhaupt geschwindelt hat, erklärt der alte Geiger so: Das Konzert sei damals, vor 46 Jahren, "mit einstimmigem Lob" aufgenommen worden, er sei "ein Gefangener seines Erfolgs" gewesen und habe "nicht den Mut gehabt, das Geheimnis aufzudecken." Casadesus: "Ich dachte, daß viele meiner Freunde lächerlich dastehen würden, wenn sie zugeben müßten, ein falsches Werk gepriesen zu haben."

DER SPIEGEL 31/1977
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DER SPIEGEL 31/1977
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