25.07.1977

ARCHÄOLOGIEBlutstein im Grab

Auf einem Maisfeld am Illinois-Fluß wurde die reichhaltigste Fundgrube für Relikte der archaischen Indianer erschlossen.
Seit er als Junge einmal eine indianische Pfeilspitze auflas, hat US-Farmer Harlan Alec Helton vorgeschichtliche Relikte gesammelt. Aber was er dann auf einem Maisfeld seines Nachbarn Theodore Koster in Greene County (Illinois) entdeckte, war zuviel für den Amateur.
"Alec hat mich mit seinem Fund so genervt, daß ich eines Nachmittags im Jahre 1968 mit ihm loszog", erinnert sich Archäologie-Professor Stuart Struever. "Wir gingen durch den Mais auf Kosters Farm, und tatsächlich lagen überall Scherben."
Die Töpferware konnte der Experte von der Northwestern University leicht bestimmen: Jersey Bluff Indian, aus der Zeit zwischen 800 und 1000 nach Christus.
Zudem schien das Gelände als Siedlungsplatz günstig. Es liegt in einem fruchtbaren Seitental des Illinois-Flusses mit eigenem Bach und ist von Steilhängen gegen Wind und Unwetter geschützt. Deshalb entschloß sich Struever zu einer Probegrabung.
Die Löcher in dem entlegenen Acker 45 Meilen nördlich von St. Louis erwiesen sich als die wohl reichhaltigsten Fundgruben für die Prähistorie Nordamerikas. Jüngst begann dort bereits die neunte archäologische Kampagne -- mittlerweile in einem hektargroßen Tagebau -- für indianische Hinterlassenschaften.
"Wir nennen es unsere Fossilien-Schichttorte". erläutert Struever: Wann immer die Forscher eine Lage fundträchtigen Humus abgetragen hatten und testweise den unberührten Boden darunter anbohrten, stießen sie auf weitere Lebensspuren.
Angespülter Löß hat jeweils die Artefakte fast so erhalten, wie sie verlassen worden waren -- Feuerstellen und Hüttengrundrisse, Werkzeug, Küchenabfälle und Gräber.
Gleichsam Stufe um Stufe konnten die Wissenschaftler in der Entwicklung des archaischen Amerika zurückklettern (siehe Graphik). Den vorerst letzten, den 15. Fundhorizont in über 13 Meter Tiefe datierten sie auf ein Alter von mehr als neun Jahrtausenden.
Zwar sind anderwärts, in New Mexico, Colorado und Arizona, noch frühere Zeugnisse der Ur-Indianer entdeckt worden. Doch besser als irgendwo sonst ließen sich die Existenzbedingungen der Menschen, die auf dem Subkontinent nach dem Ende der Eiszeit von der übrigen Welt abgeschnitten waren, aus der Schichtenfolge unter Kosters Farm erschließen.
Das Leben der ersten Amerikaner "galt allgemein als kurz, gefährlich und schwierig", erklärt Struever. Doch diese Vorstellung von rastlos jagenden Wilden erwies sich nun als falsch -- "unsere Ureinwohner waren ziemlich weit entwickelte Leute, die ihre Umwelt gut zu nutzen verstanden".
Auf dem erst teilweise freigelegten Horizont 11 aus einer Epoche vor 8500 Jahren, berichtet Struever in der Fachzeitschrift "Archaeology", häufen sich bereits die Indizien für zumindest zeitweilige Seßhaftigkeit.
Stellenweise liegt dort der steinzeitliche Müll fußhoch. Die Feuergruben, in denen Wild und Flußmuscheln zubereitet wurden, sind sorgsam mit Steinen ausgelegt und augenscheinlich jahrelang benutzt worden. Daneben fanden die Forscher granitene Mahlsteine, Ahlen und Nadeln aus Horn, wie sie zum Nähen von Lederkleidung und zum Korbflechten gebraucht werden, und Bodenverfärbungen, die typisch für vermoderte Pfosten sind -- Anzeichen für den Bau von Schutzhütten.
Auf feste Riten dieser Kulturstufe lassen die Gräber schließen. Die Toten wurden in offenen Gruben in gekrümmter Haltung beigesetzt und erst nach der Verwesung mit Kalksteinplatten oder Holzbohlen bedeckt.
Beigaben wie eine Steinklinge oder eine Schale aus einem Schildkrötenpanzer zeugen von Vorsorge für das Jenseits. Die Gebeine eines anderthalbjährigen Kindes waren -- frühestes Beispiel dieser Zeremonie -- mit rostrotem Blutsteinpulver bestreut.
Sogar Hunde haben die Menschen der Fundschicht 11 beerdigt. Daß für die offenbar zahmen und mutmaßlich zur Jagd abgerichteten Tiere Totenfeiern abgehalten wurden, bezeugen Häufchen von Holzkohle.
Ein Rätsel ist noch, weshalb die Gemeinschaft der Sammler, Fischer und Jäger das Tal wieder verließ. Struever vermutet, daß sie zwar nicht mehr ein Nomadenleben führten, aber immer dann ein Stück weiterzogen, wenn ihnen die Abfälle zu lästig wurden oder das Feuerholz in der näheren Umgebung ausging.
Sicher ist, daß Menschen der gleichen Kulturstufe die Flußterrasse immer wieder aufsuchten. Manchmal kampierten sie nur kurze Zeit; einige der Fundhorizonte zwischen den Schichten von Löß, die beständig abgelagert wurden, sind kaum wahrnehmbar.
Dann wieder siedelten dort wohl ganze Generationen. Horizont 6 etwa enthält Artefakte aus fünf Jahrhunderten von 3500 vor Christus an.
In dieser Zeit hatten die archaischen Indianer schon feste Häuser. Sie legten dafür parallele Gräben an, in denen die Stützbalken festgestampft wurden. Die Wände bestanden aus Flechtwerk zwischen den Balken, das mit Lehm beworfen war.
Diese Leute, berichtet Struever, lebten keineswegs kärglich: "Die Täler des Mittleren Westens hatten den stärksten Pflanzenbewuchs und die dichtesten Tierpopulationen Nordamerikas." Und aus den Seen der Flußebene "konnten sie die Fische buchstäblich ernten"; in der Bodenschicht einer einzigen der mit Ton ausgekleideten Feuergruben identifizierte ein Zoologe 22 000 Gräten, einige von nur halbfingerlangen Elritzen -- offenbar wurde der gesamte Fang zu einer Art Bouillabaisse gekocht.
Solche Deutungen der Funde können durchaus als verläßlich gelten. Denn Kosters Farm wurde im Laufe der Grabungen zu einem Experimentierfeld für neue archäologische Methoden.
Zum Ausgräber-Team gehören Biologen, Ernährungswissenschaftler. Geologen und Statistiker, die in einem Basislager alle eigene Feldlabors eingerichtet haben. Aus Art und Zahl der Schneckengehäuse einer Fundschicht beispielsweise kann auf das jeweilige Klima geschlossen werden. Blütenpollen zeigen den Pflanzenbestand an.
Dr. Struevers Frau Alice hat eine spezielle Schwemmtechnik zur Trennung der Bestandteile von Bodenproben entwickelt. Mit Flüssigkeiten unterschiedlichen spezifischen Gewichts kann sie so Sand, Knochenreste, Gräten, Holzkohlebröckchen und Pflanzenfasern einer Probe innerhalb einer knappen Viertelstunde sortieren; das Verlesen von Hand dauerte früher bis zu fünf Stunden.
Bislang sind auf Kosters Farm auf diese Weise gut 25 000 Proben aufbereitet worden. Mehr als fünf Millionen organische Reste wurden bestimmt; Übersicht behält ein eigens installierter Computer.
Beispiet einer Erkenntnis mittels derart verfeinerter Spuren-Interpretation: Die Samenkörner des Sumpfholunders, dessen Früchte die Menschen des Horizonts 6 sammelten, sind so klein wie die der üblichen Wildpflanzen. Zwei Jahrtausende später tauchen plötzlich größere Samenkörner auf -- der Sumpfholunder muß also auf irgendeine Art kultiviert worden sein.
Mais wurde am Illinois bereits vor drei Jahrtausenden geerntet, doch lange nicht als Grundnahrungsmittel entdeckt. Erst um 100 nach Christus wurde die Kolbenfrucht planmäßig angebaut; erst um 800 trieben die Vorläufer des Farmers Koster regelrecht Ackerbau.
Zur Erklärung könnte dienen, daß sie sich vorher solche Mühe gar nicht zu machen brauchten, Denn daß die archaischen Indianer vom Morgengrauen bis zum Abenddämmern hart ums Überleben hätten kämpfen müssen, nennt Struever "schiere Folklore". Er fand an keinem Skelett Merkmale von Mangelkrankheiten.
Schwere Zeiten brachen erst in der letzten Siedlungsphase an. In den Horizonten zuvor wurde kein Grab eines Menschen gefunden, der gewaltsam ums Leben kam. In Skeletten aus der Zeit um 1000 nach Christus hingegen entdeckten die Archäologen mehrfach Pfeil- und Speerspitzen.
Der Menschenschlag, der mindestens acht Jahrtausende bei der Quelle gehaust hatte, die noch heute Kosters Farm bewässert, wurde von Eindringlingen aus der Mississippi-Region bedrängt und schließlich vertrieben. Vom Jahr 1200 an findet sich von den archaischen Indianern keine Spur mehr.

DER SPIEGEL 31/1977
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