25.07.1977

„Ein Dirigent, ja, das bin ich“

Arturo Toscanini, dessen Aufführungen jetzt fast alle in einer Schallplatten-Edition vorliegen, war ein gefürchteter Orchesterchef. Im Zorn über kleinste Fehler seiner Musiker zerbrach er Taktstöcke, stieß Notenstander um und zertrampelte seine Taschenuhr, erreichte aber eine bis dahin unbekannte Vollendung des Zusammenspiels.
Mit 54 Einzelplatten und 14 Kassetten ist sie nun nach fast fünf Jahren komplett: die Toscanini-Edition der amerikanischen Weltfirma RCA (Radio Corporation of America) -- ein Unikum in der 100 Jahre alten Geschichte der Schallplatte.
Zwar gibt es andere große Kollektionen. Aber sie alle sind Komponisten wie Bach, Beethoven. Mozart oder Haydn (und in der DDR Schumann) gewidmet -- doch die Toscanini-Edition gilt einem Dirigenten, einem reproduktiven Musiker also*.
Der 1867 in Parma geborene Arturo Toscanini hatte sich mit beispielloser Leidenschaft der Interpretation von Musik verschrieben. Er drückte das einmal in einem emphatischen Bekenntnis aus: "Ich bin kein schöner Mensch. Ich bin kein Genie. Ich bin kein Komponist. Aber ein Dirigent, ja, das bin ich."
Er war -- neben dem Deutschen Wilhelm Furtwängler (1886 bis 1954) -- der bedeutendste Dirigent und auch der einflußreichste Musiker seiner Zeit. Der 1970 verstorbene George Szell aus Budapest, der nach Toscaninis Vorbild das amerikanische Cleveland Orchestra zu einem Weltspitzenorchester erzogen hatte, urteilte über ihn: "Was man auch über seine Interpretation gewisser Werke denken mag, daß er die gesamte Konzeption des Dirigierens veränderte
Inzwischen hat die Toscanini-Editjon von RCA begonnen, Schule zu machen. Seit 1976 gibt die Konkurrenzfirma CBS eine Bruno-Walter-Edition heraus. vergebens warten Musikliebhaber allerdings bislang auf eine Wilhelm-Furtwängler-Edition.
und zahlreiche Willkürlichkeiten einer Generation von Dirigenten vor ihm zurechtrückte, ist heute eine geschichtliche Tatsache."
Toscanini räumte auf mit dem üblichen Schlendrian der Orchester-Routine -- für ihn "der Tod jeder Musik' und "die allerschlechteste Aufführung". An seinen Kollegen störte ihn vor allem die Manie, einen Notentext tiefsinnig-willkürlich ausdeuten' also erheblich von ihm abweichen zu wollen: "Das Merkwürdigste an den Dirigenten, sogar an den besten unter ihnen, ist die Art, wie sie eine Partitur gegen das Licht oder verkehrt herum halten. Sie schauen immer auf etwas, was gar nicht da ist, und sehen niemals das, was wirklich dasteht."
Für Toscanini gab es nur einen Maßstab: den Text des Komponisten, die Partitur. 1937 schrie er die Musiker des Londoner BBC-Orchesters an -- und zwar während einer Probe zum ersten Satt von Beethovens (ursprünglich Napoleon Bonaparte gewidmeter) "Eroica": "No! No! Nein! Is-a not Napoleon! Is-a not "Itler! Is-a not Mussolini! Is Allegro con brio! From the beginning -- Bitte! Da-caaaaa-po!"
Berüchtigt war Toscaninis unerbittliche Probendisziplin. Die Berichte über seinen legendären Jähzorn, über seine Tobsuchtsanfälle während der Proben, bei denen er Notenpulte umstieß, Taktstöcke zerbrach, seinen Kragen zerriß und seine Taschenuhren zertrampelte, wären unglaubwürdig. wären da nicht Bandaufnahmen, die heimlich von Toningenieuren mitgeschnitten wurden. Auch in der Bundesrepublik gab es zeitweilig zwei teure Importplatten mit denkwürdigen Proben-Dokumenten des Maestro zu kaufen.
Toscanini beschimpfte freilich auch sich selbst unflätig während solcher Ausbrüche. Wegen seiner Aufrichtigkeit, seines Kampfes allein um die Vollkommenheit der Wiedergabe, sahen ihm die Musiker sein Benehmen nach. Auch die amerikanische Musiker-Gewerkschaft, die sonst jeden Dirigenten sofort zwang, sich wegen jeder kleinen Ermahnung zu entschuldigen, griff gegen den Musik-Moralisten Toscanini niemals ein.
Der Geiger Samuel Antek, der mehr als 16 Jahre lang in Amerika bei ihm im Orchester gespielt hatte, schrieb über Toscaninis Wutgeschrei: "Es waren wohl die erschreckendsten Töne, die ich je gehört habe; sie schienen aus seinem Innern zu kommen. Er schien fast doppelt so dick zu werden, sein Mund öffnete sich weit, sein Gesicht rötete sich wie vor einem Schlaganfall. Dann brach eine wahre Explosion von heiseren Lauten aus ihm heraus."
Nachdem bei der Rundfunkaufführung von Puccinis "La Bohème" die Blechbläser kurz vor Schluß um Sekundenbruchteile zu früh eingesetzt hatten, demolierte der Maestro seine Garderobe, versuchte seine Kleider zu zerreißen und das Klavier und den Schreibtisch mit Fußtritten umzustürzen.
Dann ließ er die neun Musiker kommen, stellte sie nebeneinander an die Wand, marschierte vor ihnen auf und ab und brüllte mit italienischer Theater-Grandezza: "Ich verhülle mein Haupt vor Scham. Nach dem, was sich heute abend ereignet hat, ist mein Leben zu Ende ... Aber Sie" -- dabei deutete er auf den ihn zunächst stehenden Flügelmann -, "Sie werden heute nacht mit Ihrer Frau schlafen, als wäre nichts geschehen. Ich kenne Sie!"
Mit seinem Probenfanatismus brachte der Choleriker Toscanini seine Musiker dazu, deutlich, durchsichtig und genau zu spielen. Er erreichte eine bis dahin nie gekannte Vollendung der Orchesterbalance und des Zusammenspiels bei strengster Beachtung aller dynamischen Schattierungen.
Gleichwohl fanden sich Kritiker, und zwar eben wegen Toscaninis Kunst des vollkommenen Gleichmaßes. Sie führte zu einem immer noch nachwirkenden Standard-Vorurteil gegen Toscaninis Dirigierweise: die angeblich fast immer viel zu schnellen Tempi.
Der Kritikerpapst Harold C. Schonberg von der "New York Times" bemerkte hierzu: "Seine Tempi galten als rasch, und manchmal waren sie es auch. Aber häufig wirkten sie nur so, weil alles so vollkommen gleichmäßig war. Die Instrumentalisten wußten das."
Als erster Ausländer dirigierte Toscanini 1930/31 in Bayreuth. Er leitete damals nicht den schnellsten, sondern den langsamsten "Parsifal" der Festspielgeschichte: Das vermeintliche "menschliche Metronom" nahm Wagners Bühnenweihfestspiel langsamer als die Deutschen Hans Knappertsbusch und Wilhelm Furtwängler, die für ihre breiten Tempi bekannt waren. Und Richard Strauss gar dirigierte allein schon den ersten Akt 27 Minuten schneller als Toscanini: 95 gegen 122 Minuten.
Kein Wunder, daß nicht etwa Toscanini' sondern Strauss den Geschwindigkeitsweltrekord für Beethovens 9. Symphonie hält. 1952 brauchte Toscanini für seine Plattenaufnahme 63 Minuten 55 Sekunden. Strauss hingegen dirigierte 1930 bei einem Gedächtniskonzert für Richard Wagners verstorbenen Sohn Siegfried die 9. in genau 45 Minuten, "ohne auch nur einen feuchten Kragen oder einen Tropfen Schweiß", wie ein Beobachter notierte.
Toscanini hingegen dröhnte seine Musiker an: "Ich arbeite, ich schwitze. Und Sie? Schämen Sie sich! Wo ist Ihr Schweiß? Warum sind Sie nicht ebenso naß wie ich?"
Im Jahre 1936 schien die Laufbahn des 69jährigen Dirigenten beendet zu sein. Nach acht Jahren hatte er sich von der Leitung der New Yorker Philharmoniker zurückgezogen. Aus Abscheu vor dem Faschismus hatte er schon seit 1931 nicht mehr in Italien, seit 1933 nicht mehr in Deutschland dirigiert.
Zwar leitete er bei den Salzburger Festspielen 1935 bis 1937 noch denkwürdige Aufführungen von Wagners "Meistersinger", Verdis "Falstaff", Beethovens "Fidelio" und Mozarts "Zauberflöte" und gab auch Konzerte in Luzern, Tel Aviv und London, aber die Zeit seiner großen Triumphe schien vorbei zu sein.
Eine neue Generation wuchs heran. Sie hatte fast schon Toscaninis legendären Ruf als Dirigent der Mailänder Scala von 1898 bis 1908 (mit einer Unterbrechung) und 1921 bis 1929 vergessen, als er neue Maßstäbe für die Aufführung der Opern Giuseppe Verdis setzte, Italien mit Wagner, Debussy und Richard Strauss vertraut machte, und 1926 Giacomo Puccinis letzte und bedeutendste Oper "Turandot" uraufführte -- zwei Jahre nach dem Tode des Komponisten.
Ebensowenig erinnerten sich die Jüngeren noch an das Goldene Zeitalter der New Yorker Metropolitan Opera ("Met"). Toscanini hatte es von 1908 bis 1915 eröffnet und mit den Erstaufführungen von Wagners "Götterdämmerung" und Mussorgskis "Boris Godunow" amerikanische Operngeschichte gemacht. Ebenso erfolgreich war er mit italienischen Opern, in denen die größten Sänger der Zeit auftraten, darunter der Tenor Enrico Caruso, dem er freilich wegen dessen Star-Unsitte, vom Notentext abzuweichen, nur wenig Sympathien entgegenbrachte.
Da geschah 1937 eine Art Wunder. Der 70jährige Maestro ließ sich in Mailand von seinem langjährigen Freund Samuel Chotzinoff dazu überreden, einen Vertrag mit der amerikanischen Rundfunkgesellschaft NBC (National Broadcasting Company) zu unterschreiben: für zehn Konzerte -- aus denen dann eine Konzertsaison von mehr als 16 Jahren wurde.
Damit begann ein neues Zeitalter der Musik-Rezeption: zuerst durch das Massenmedium Rundfunk, und dann. seit 1948, durch die Schallplatte. Das Interesse für Musik nahm nicht nur in den USA enorm zu. Toscaninis Platten erreichten nach dem Krieg ein neues Hörer-Publikum in aller Welt.
Schon mit den New Yorker Philharmonikern hatte Toscanini einige bedeutsame Schallplatten gemacht, die von Experten wie den amerikanischen Kritikern Bernard H. Haggin und Robert C. Marsh für seine besten Aufnahmen gehalten wurden.
Schallplatten-Geschichte machte Toscanini jedoch erst mit dem eigens für ihn gegründeten NBC Symphony Orchestra. Die große. abgeschlossene Toscanini-Edition enthält mit wenigen bedauerlichen Ausnahmen -- die bedauerlichste: Beethovens Violinkonzert mit Jascha Heifetz (1941) sämtliche Langspielplatten des Dirigenten, ebenso Rundfunk-Aufnahmen und von den früheren Einspielungen den Haydn von 1929 und den Beethoven von 1936 wobei seine Opernmitschnitte am eindrucksvollsten wirken.
Seinen jungen Zeitgenossen mußte der "old man", wie ihn seine NBC-Musiker nannten, als lebende Musikgeschichte erscheinen. Am 26. März und 2. April 1949 dirigierte er zum Beispiel in Rundfunk und Fernsehen der NBC die konzertante Aufführung von Verdis "Aida". Fast 63 Jahre zuvor, am 30. Juni 1886, hatte er, ein 19jähriger Cellist, auf einer Gastspielreise in Rio de Janeiro zum erstenmal dirigiert, und zwar ebenfalls die "Aida". Von diesem Datum an bis zum Schluß seiner fabulösen Karriere am 4. April 1954 dirigierte er jede Partitur auswendig, wobei er auch die Operntexte auswendig wußte.
* Mit (v. r.) Winifred Wagner, Heinz Tietjen und Wilhelm Furtwängler.
Ebenso: Am 5. Februar 1887 hatte Toscanini bei der Uraufführung von Verdis "Otello" in der Mailänder Scala das zweite Cello gespielt. Fast 61 Jahre später, am 6. und 13. Dezember 1947, leitete er eine Rundfunkaufführung des "Otello", die dann auf Platten überspielt wurde.
Und er, der als noch nicht Dreißigjähriger am 1. Februar 1896 im Turiner Teatro Regio Puccinis " La Bohème" uraufgeführt hatte, dirigierte fast genau 50 Jahre später, am 3. und 10. Februar 1946, Puccinis Welterfolg noch einmal für Rundfunk und Schallplatte.
Eine ungewöhnliche Willensleistung an intellektueller Kontrolle und Konzentration vollbrachte Toscanini am 25. Mai 1944. Während einer amerikanischen Groß-Gala zugunsten des Roten Kreuzes führte er in New Yorks Box-Arena Madison Square Garden den vierten Akt von Verdis " Rigoletto" auf und trieb seine Künstler zu einer Leistung, die -- auf Platte überliefert -- wie seine anderen Verdi-Aufführungen noch immer maßstäblich ist.
Das westdeutsche Publikum, scheint es, hat den Ausnahmerang von Toscaninis Verdi-Aufnahmen besser begriffen als mancher Kritiker, der noch immer am Dirigat der "Traviata" oder an anderem herummäkelt. Bisher wurden aus der Toscanini-Edition 5000 Kassetten des "Requiem" (1951), an die 5000 von "Ein Maskenball" (1954), an die 4000 von "La Traviata" (1946), 3500 des "Falstaff" (1950), je rund 3000 von "Otello" und "Aida" verkauft.
Aber nicht nur bei Opernaufnahmen -- bis zur letzten, der ungemein eindrucksvollen, aber zum erstenmal Verdis Tempi generell beschleunigenden Aufführung von "Ein Maskenball" durch den fast 87jährigen Maestro -- zeigte Toscanini seine Meisterschaft.
Er tat es ebenso bei Gluck, Haydn und Beethoven, bei Schubert und bei Weber-Ouvertüren, bei Mendelssohn, Schumann und Brahms, bei Richard Wagner (leider nur in Ausschnitten und Orchesterstücken) und Richard Strauss, bei Debussy und Ravel, bei Cherubini. Rossini-Ouvertüren und Respighi, bei Berlioz (dessen dramatische Symphonie "Romeo und Julia" zu den schönsten Kassetten der Edition gehört), bei Dvorák und Smetana, bei Tschaikowski und Sibelius, aber auch bei den Russen Prokofjew und Schostakowitsch.
Nur einem Komponisten wurde Toscanini selten gerecht: Wolfgang Amadeus Mozart. Der alte Mann wußte es selbst. Er gab zu, als er einmal über die Oper "Figaros Hochzeit" sprach: "Daran ist etwas, was ich nicht verstehen kann, was mir entgeht und was in mir fehlt."
Toscaninis Lieblingskomponisten waren Verdi, Beethoven, Wagner und Brahms. Auch der Norddeutsche Brahms, meinen Kritiker hierzulande, werde von Toscanini nicht angemessen erfaßt.
Aber Toscaninis klarer, strenger, rhythmisch geschärfter, doch nie überhitzter und auch nicht überhetzter Brahms-Stil orientierte sich neben der Partitur auch an den Aufführungen des Deutschen Fritz Steinbach, dem Lieblingsdirigenten des Komponisten. Brahms wird daher von Toscanini ohne Zweifel adäquater wiedergegeben als von vielen anderen Orchesterchefs. Nach Meinung Ulrich Schreibers sind Toscaninis Aufnahmen "an "Modernität' fast allen später entstandenen überlegen".
Und auch Toscaninis Beethoven -- zumal in den Symphonien und in der "Missa Solemnis" (1953), aber auch im "Fidelio" (1944) und in den Ouvertüren -- bleibt ein Monument der Interpretations- und Schallplattengeschichte, mag in diesem Fall auch erkennbar genug Wilhelm Furtwängler 1947 bei der 5. und 1951 bei der 9. Symphonie die vorerst "endgültigen" Platten-Aufführungen eingespielt haben.
Fast drei Jahre nach seinem letzten Konzert, in dem er zeitweilig das Gedächtnis verlor, starb Arturo Toscanini am 16. Januar 1957 in New York. Er wurde nach Italien übergeführt. Bei seinem Begräbnis in Mailand füllten 300 000 Menschen die Straßen. Auf dem Friedhof wurde der berühmte Gefangenenchor aus Verdis Oper "Nabucco" gesungen -- der Chor, den Toscanini 56 Jahre zuvor bei Giuseppe Verdis Begräbnis in Mailand dirigiert hatte.
In seinem Toscanini-Nachruf gab der berühmte britische Richard-Wagner-Biograph Ernest Newman das höchste Lob wieder, das einem Dirigenten erwiesen werden kann: "Eines Abends, nachdem einige von uns einer Rundfunksendung von Beethovens Neunter gelauscht hatten, sprachen meine Gefährten und ich noch eine Weile über das soeben Gehörte. Einer von ihnen sagte schließlich: "Es ist merkwürdig, aber nach den meisten Konzerten diskutieren wir die Qualitäten der Aufführung, doch nach einem Toscanini-Konzert sprechen wir über das Werk. Das ungefähr faßt alles zusammen, wenigstens für mich."

DER SPIEGEL 31/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ein Dirigent, ja, das bin ich“

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte