25.07.1977

TECHNIKChemie auf See

Stahlkochereien und Chemie-Werke auf künstlichen Inseln, weit draußen in der Nordsee, werden geplant -- Chance für eine reinere Umwelt?
Mitten in der Deutschen Bucht liegt die Insel Helgoland, zernarbt von Stürmen wie kein anderer Flecken deutscher Küste. Sie ist knapp einen Quadratkilometer groß, und ein durchschnittlich geübter Marschierer kann sie in weniger als einer Stunde umschreiten.
Dreißigmal so groß wie das felsige Nordsee-Eiland sollen sich, womöglich noch in diesem Jahrhundert, weitab im Südwesten die beiden größten künstlichen Inseln erheben, die je gebaut wurden. In ähnlich kabbeligem Seegebiet, wo sich Sturzseen hoch wie Häuser türmen können, sollen nach den Vorstellungen der Planer dereinst jeweils 27 000 Arbeiter und Ingenieure Stahl kochen, Rohöl aufbereiten, Farben, Kunstdünger, Plastikmaterial und Schädlings vertilger herstellen sowie Abfälle verwerten.
Die je 3300 Hektar großen, seeumtosten Industrie-Inseln -- eine 50 Kilometer vor Hock van Holland, die andere 30 Kilometer vor Great Yarmouth an der britischen Ostküste gelegen -- kosten samt den sich über 1700 Hektar erstreckenden Hafenanlagen jeweils rund vier Milliarden Dollar. Für die Ölraffinerien, petrochemischen Anlagen und Hüttenwerke müßten weitere zehn Milliarden investiert werden.
Gegenüber derart geballter insularer Industriemacht verblaßt ein ähnliches Projekt amerikanischer Techniker vor der US-Atlantikküste (Größe: 720 Hektar, ohne Hafen).
"Ich bin überzeugt", verkündete Professor Eugene Chesson von der Delaware-Universität, Mitglied des US-Entwicklungsteams für künstliche Industrie-Inseln, "daß eine oder mehrere solcher Inseln noch vor dem Jahr 2000 in Betrieb und weitere in der Entwicklung sein werden." Die Planer, hüben wie drüben, suchen nach einer schönen, neuen Industrie-Welt, weil die alte zu eng und zu schwierig zu werden droht.
Länder wie Frankreich, England, Holland, Belgien und die Bundesrepublik haben beispielsweise für die nächsten zehn bis 15 Jahre rund 100 000 Hektar neues Gelände für Ölraffinerien, Petrochemie-Werke und Stahlgewinnung eingeplant. Doch selbst von den 50 000 Hektar, die sie tatsächlich brauchen, bleibt wahrscheinlich der größte Teil im Maschendraht der Umweltschützer und Gesellschaftspolitiker hängen -- und dies häufig genug aus guten Gründen.
Den Ausweg aufs weite Meer hat die holländische Firma Hydronamic aus Sliedrecht in einer umfänglichen Studie dargelegt, die sie im Auftrage des vorwiegend holländischen Firmen-Konsortiums "North Sea Island Group" (NSIG) verfertigte. Eine einzige der geplanten Inseln, so kalkuliert die NSIG, würde bei vollem Betrieb nahezu ein Prozent des niederländischen Bruttoinlandprodukts erbringen -- und die Plan-Studie fand sogleich das Wohlwollen der niederländischen Regierung.
Zehn bis 15 Jahre würde der Bau dauern. Zuerst wären Caissons und stählerne Plattformen in 20 bis 30 Meter tiefem Wasser zu versenken, um der See Schritt für Schritt einen Basishafen abzuringen. Danach soll die Insel nach den Planungen durch das Auffüllen mit über einer Milliarde Kubikmeter Sand aus dem Wasser wachsen. Und obwohl die Ingenieure die strömungsgünstige Form einer Ellipse wählen, steht schon vor dem ersten Handgriff fest, daß jedes Jahr, an ihrer besonders gefährdeten Westseite, rund sechs Millionen Kubikmeter Sand ersetzt werden müssen.
Steht das Bauwerk erst einmal in allen Teilen betriebsbereit da, soll fast alles kostengünstiger als auf dem Festland werden. Riesige Tanker und Frachter könnten in tiefem Wasser ihre Rohstoffe direkt an die Verarbeitungsstätten liefern.
Die 27 000 Arbeitnehmer der Insel, jeweils für drei Tage per Hubschrauber oder Tragflächenboot (das US-Konzept hat eine Tunnelzufahrt geplant) an ihren meerumspülten Werkplatz befördert, werden erheblich mehr verdienen als an Land. Die Unternehmen müßten ihnen zudem für die Schichtdauer eine Heimstatt sowie Kurzweil wie etwa Bars oder Kinos bieten.
Demgegenüber würden die Firmen für Maßnahmen des Umweltschutzes spürbar weniger als auf dem Festland auszugeben haben -- laut Studie winken Einsparungen bis zu sieben Prozent. Feste Abfälle zum Beispiel ließen sich gar als Baumaterial für die Vergrößerung der Insel verwenden.
Den Fischen, so meinen jedenfalls die Planer, könne durch die industrielle Ansiedlung offenbar überhaupt nichts passieren. Die schuppigen Meeresbewohner könnten tägliche Hitzeabstrahlungen von sieben Milliarden Kilokalorien, dosiert abgelassen und das Wasser in der Ausflußzone um nur zwei Grad Celsius erwärmend, wohl gefahrlos verkraften. Alarmierend wäre erst, würden je Tag größere Emisstonsmengen als 310 Tonnen Nitrate, 2700 Tonnen Schwefeldioxid, je eine Tonne Kupfer und Zink sowie eine halbe Tonne Blei, gleichmäßig auf die ganze Nordsee verteilt, ins Wasser gepumpt.
Mancherlei, so auch rechtliche Probleme, sei noch abzuklären, räumen die Insel-Planer ein. Doch "ihr wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Nutzen", so Befürworter Chesson, "lassen uns die künstlichen Inseln eines Tages gewiß als wichtige und gerechtfertigte Alternative ansehen".
Fischer sehen das schon heute ganz anders. Vergrätzt stellten sie fest, daß die künstlichen Nordseeinseln mit ihren Umweltgiften in den Laichgebieten der Scholle und des ohnehin stark überfischten Herings geplant sind.
"Da sollte man tatsächlich sagen, dann essen wir keinen Fisch mehr, dann ist Schluß", schimpfte Joachim Fock, Vorsitzender des Finkenwerder Seefischervereins. Als Alternative für seine Kollegen sieht er: "Fischer, nehmt eure Zampel. geht nach Hause, ihr kriegt Rente, wir machen jetzt Chemie auf See."

DER SPIEGEL 31/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"
  • Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer