25.07.1977

TOURISMUSLieber weniger

Drastische Erhöhungen der Hotelpreise und Urlauber-Enttäuschungen im Boom-Jahr 1976 bereiten Griechenland eine magere Saison.
Warum nur", so fragt vorwurfsvoll der oberste Fremdenverkehrsmanager der Hellenen, "führen Sie in Deutschland diesen Krieg gegen den griechischen Tourismus?"
Tzannis Tzannetakis, Generalsekretär der mächtigen Touristikbehörde E. O. T., gibt angesichts wortloser Verblüffung die Antwort selbst: "Das liegt nur daran, daß die deutschen Reise-Unternehmen in Spanien viel mehr investiert haben und deshalb mehr verdienen, wenn sie ihre Kunden dorthin schicken:'
Doch der ehemalige U-Boot-Kommandant ist siegessicher: Trotz deutscher Treulosigkeit will er den griechischen Tourismus nach dem sogenannten Boom von 1976 (ein Drittel Zuwachs, über 4,2 Millionen Touristen) in diesem Jahr zu neuen, noch höheren Höhen führen: "Wir haben schon jetzt", so frohlockte er eingangs der Spitzensaison vor 14 Tagen. "wieder eine Steigerung der Besucherzahlen um insgesamt über neun Prozent auch wenn weniger Deutsche kommen."
Auf Athens Flughafen Ellinikon indes, wo eine riesige Tafel die Belegung in den verschiedenen tonristischen Zonen des Landes anzeigt, stehen zur gleichen Zeit noch alle Signale auf Grün: Betten sind, im Gegensatz zum letzten Jahr, noch überall zu haben. Die Hoteliers auf Rhodos etwa, wo derzeit noch nahezu jedes vierte Gästebett leer steht, beobachten denn auch das statistische Hokuspokus der Funktionäre ungläubig und wütend. "In Athen", erläutert ihr Präsident Nondas Solounias, "werden immer nur Nasen gezählt, und das ist Quatsch. Wichtig sind die Übernachtungszahlen."
Und da bringen die Deutschen am meisten ein: Sie bleiben im Durchschnitt 18 Tage im Land, doppelt so lang wie die Skandinavier, sechsmal so lang wie die Amerikaner auf ihren eiligen "See Europe in 15 Days"-Rundreisen.
Deshalb ist der gut zehnprozentige Schwund an deutschen Touristen durch die verstärkte Invasion von Amis und von Schweden nicht auszugleichen, und schon gar nicht durch das stolz registrierte Mehr an Jugoslawen. die übers Wochenende, oft gar ohne Übernachtung, zum Einkaufen nach Saloniki einreisen
Die reichen, in Athen weidlich unbeliebten Hoteliers auf Rhodos haben zum Schaden auch noch den Spott ihres Touristik-Chefs zu tragen: "Dort sind natürlich 1976 viele Fehler gemacht worden", sagt Tzannetakis, und gibt nun nachträglich gar die bislang standhaft geleugneten Überbuchungen zu: "In der Spitzensaison waren da manchmal 43 000 Touristen, das mußte doch Ärger geben." Allerdings, denn die gesamte Kapazität von Rhodos betrug
nur 23 000 Hotelbetten und etwa 5000 Privatquartiere.
Daß der Boom des letzten Jahres dem griechischen Tourismus eher geschadet als genützt hat, spricht sich allmählich herum: "In einem Wettbewerb um den schlechtesten Service", urteilte nach der Rekord-Saison der ADAC in seinem Hellas-Reiseführer. "hätte die griechische Hotellerie gute Aussichten auf einen Spitzenplatz."
Und Dimitri Antoniou, in Deutschland studierter Byzantinist, Lyriker und Chef der überall gegenwärtigen "Plotin"-Reise-Agentur. nennt das große Erfolgsjahr des Griechenland-Tourismus "einfach verrückt und ungesund
dann doch lieber 20 Prozent weniger und dafür zufriedene Gäste".
Doch die meisten Touristiker wurmt es, daß von den rund 225 000 griechischen Hotel-Betten in diesem Jahr möglicherweise 40 000 unbenutzt bleiben sollen; und die Fahndung nach den Schuldigen des Rückschlags ist derzeit das beliebteste Gesellschaftsspiel der einheimischen Fremdenverkehrsbranche. Angeklagt werden reihum Touristik-Kommandant Tzannetakis' die griechischen Hoteliers und die deutschen Reise-Unternehmer.
Tzannetakis entdeckte plötzlich im letzten Jahr, daß die Hoteliers "Griechenland allzu billig verkaufen". Er verordnete für 1977 eine Anpassung der Tarife um durchschnittlich 22 Prozent und drohte strenge Überwachung der Minimalpreise an: "Wir wollen eine andere, qualitativ höhere Art von Tourismus", verkündete er hochgemut, "denn wir haben auch mehr zu bieten."
Und dieselben Hotelmanager, die das unverhohlene Schielen auf die besseren Leute und ihre dickeren Brieftaschen heute als "vollständig verfehlte Tourismus-Politik" kritisieren, nutzten die amtlich verfügte Preisanhebung weidlich. Nach drei Jahren, in denen die Preise trotz laufender Drachmen-Abwertung eingefroren waren und ausländische Reise-Unternehmen zudem mit Dumpingpreisen (bis 40 Prozent unter dem amtlichen Limit) geködert wurden, fiel die Korrektur nun kräftig aus: Die Hochkonjunktur ermutigte auf Rhodos (ähnlich auf Korfu) zu Erhöhungen von durchschnittlich nahezu 60, auf Kreta immerhin noch um über 40 Prozent -- in Einzelfällen verdoppelten sich schlichtweg die Preise.
"Doch nicht die Kunden haben einen Preis-Schock gekriegt" glaubt auf Rhodos der Hotelier-Präsident Solounias, "sondern die deutschen Reise-Unternehmen, die ja auch sofort ihre Betten-Kontingente reduziert haben." Damit wäre der Schwarze Peter wieder außer Landes.
Richtig daran ist, daß die deutschen Reise-Veranstalter die Preiserhöhungen nur sehr gebremst weitergaben. Die Gesellschaften der Touristik Union behaupten, ihre Rhodos-Reisen hätten sich um nur 15 Prozent verteuert. Bei Neckermann kosten drei Wochen im "Creta Maris", dem Renommierhotel der augenblicklich vielleicht beliebtesten Insel, jetzt etwa 18 Prozent mehr; Direktor Apostolos Giannos ("Creta Maris ist das schönste Hotel Griechenlands und immer voll") hatte die Preise um zwei Drittel heraufgesetzt.
Das bedeutet aber auch, daß für das Abwandern der deutschen Pauschaltouristen nicht allein die Preisfrage entscheidend gewesen sein kann: Viele Griechenland-Reisende des letzten Jahres waren ja umgeleitete Spanien-Urlauber, denen ihr Wunschziel derzeit zu unruhig erschien. Und die wären auch für viel weniger Geld nicht wieder nach Rhodos oder Korfu, Attika oder Chalkidike gekommen.
"Die Dunkelziffer der Unzufriedenen im letzten Jahr war ganz enorm", glaubt auch Neckermanns Athener Chefreiseleiter Harald Oberkirch' "ich schätze die auf über 25 Prozent."
Denn eingeschworenen Benidorm- und Torremolinos-Germanen muß das Ersatzland vieles schuldig bleiben: In Spanien ist das Bier billiger und die Küche deutscher, die Diskotheken sind zahlreicher, und die Schlager- "Evviva Espana!" -- sind leichter zu erlernen.
Die Verlegenheits-Hellenen hüpften nur eine Saison im knickbeinigen Alexis-Serbas-Schritt über die heißen, spitzen Kiesel, aus denen die meisten griechischen Strände bestehen. Nach diesem "vorübergehenden Flirt" kehren sie, so das Fachblatt "Touristik aktuell", nun zu "ihrer alten treuen Geliebten zurück, die nun einmal die schöneren und weicheren Strände besitzt" -- nach Spanien.
Dazu paßt, daß bei Firmen mit klassischer Griechenland-Klientel, wie Tigges oder Touropa, kein Rückgang zu notieren ist, ebenso wie bei den Rund- und Bildungsreisen Neckermanns. Von den Aufenthaltstouristen dagegen droht ein Drittel auszubleiben.
Und die klassischen Griechenland-Besucher, die nicht nur mit Bikini, sondern auch mit Baedeker an- und umherreisen, sind sowieso froh' daß "die verirrten Spanier" (so ein bärtiger Kultur-Tourist in Athen) wieder außer Landes sind.
Sie, die Eingeweihten, schätzen an Griechenland gerade, daß es noch nicht so touristisch ist (das ganze Land hat weniger Hotelbetten als Mallorca). Daß die Weine hier besser und billiger, die Mahlzeiten schmackhafter sind als in der Costa Brava, vermag höchstens zu bestreiten' wer niemals sein Hotel verläßt.
Auf einem der billigen Inlandflüge (Athen-Kreta 48 Mark) kommentiert denn auch ein Hamburger Ehepaar, das im letzten Jahr erstmals seinen jährlichen Griechenlandurlaub vorzeitig abbrach' den Touristenrückgang befriedigt: "In diesem Jahr kann man wieder kommen, ohne Angst, daß hier zuviel Rummel ist."
Und auch die Griechen selbst gewinnen nun der touristischen Rezession etwas Gutes ab: "Endlich mal gibt es auch für uns einen Platz an der griechischen Sonne", freut sich die Illustrierte "Epikaira", "um ein kleines Zimmer in einem drittklassigen Hotel zu bekommen, müssen wir diesmal nicht einmal besondere Beziehungen haben."

DER SPIEGEL 31/1977
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