11.07.1977

BANKGEBÜHRENKeine Bewegung

Eine forsche Methode zum Schröpfen privater Kunden erklügelte die größte deutsche Sparkasse.
Gern rühmt sich die Hamburger Sparkasse der Vielfalt ihrer Leistungen. Selbst Bankkenner, so verheißt die Werbung des größten deutschen Sparkasseninstituts ("Haspa"), würden im Angebot des Hauses noch "sicher das eine oder andere Neue entdecken
Kostproben solcher verborgenen Überraschungen werden offenbar auch ganz unverhofft zuteil. Inhaber kleiner Girokonten etwa, die seit längerem kein Geld bewegt haben, können sonderbare Post von der Bank bekommen: So der Kunde nicht binnen vier Wochen von sich hören lasse, werde das Konto geschlossen. "Die meisten Kunden", weiß denn auch die Haspa, "kommen innerhalb der Frist."
Wenn einer trotzdem erst mal nicht kommt, kann es ihm ergehen wie jüngst einem Hamburger Kunden. Der hatte sein Konto zehn Monate zuvor eröffnet, dort teils fünfstellige, von der Bank nicht verzinste Beträge stehen lassen, seit einem halben Jahr jedoch nur noch eine geringe Einlage unterhalten. Im Mai noch, zum Zeitpunkt der Abmahnung, betrug nach Abzug aller bis dahin abgebuchten Bankspesen das Guthaben 30,90 Mark.
Als der Mann im Juni wieder mal bei der Kasse vorbeischaute, vermerkte er die erste nennenswerte Kontobewegung seit langem -- das Geld war weg.
Wie angedroht, hatte die Bank das Konto geschlossen und das dort deponierte Kundengeld als "Kontoschießungsgebühr" (Schalterauskunft) eingestrichen, ein Verfahren, das laut Haspa nicht etwa durch Allgemeine Geschäftsbedingungen oder Aushang, sondern nur "intern" geregelt ist. Und erst auf Drängen des Abkassierten, dessen Konto nun nicht mehr geführt wird, bestätigte die Bank schriftlich, "das Restguthaben von DM 30,90 für Kontoführungsgebühren vereinnahmt" zu haben.
Wie viele Haspa-Kunden bei Androhung der Kontoschließung schriftlich zu mehr Umsatz animiert werden, ist laut Bank nicht zentral zu überblicken. Bei einer Zweigstelle mit 6000 Konten, so weiß ein Haspa-Sprecher jedoch, geschehe das "zehn- bis fünfzehnmal im Jahr" -- Gesamtzahl der Haspa-Privatgirokonten: 635 000.
Andere Hamburger Geldinstitute, wiewohl bei Gebühren alleweil hart im Nehmen, wollen von solchen Schalterbräuchen nach Haspa-Art denn doch nichts wissen. Zwangsweise Konten zu schließen oder gar Einlagenreste zu konfiszieren lehnen Sprecher von Konkurrenzunternehmen wie Deutsche Bank ("Bei uns nicht!") oder Bank für Gemeinwirtschaft ("'ne Frechheit") ab.
Für den "hanseatischen Sparkassenriesen" (Lokalpresse) kommt freilich Schelte nicht ganz ungewohnt. Einmal ist es dem Riesen sogar gelungen, mittels Zinspolitik selbst Hamburgs biedere Sozialdemokraten derart in Braß zu bringen, daß "intensive Gedanken über die Verstaatlichung von Großbanken und Sparkassen" umgingen (so 1973 der jetzige Erste Bürgermeister Hans-Ulrich Klose).
Haspa-Manager finden nichts weiter dabei, wenn trägen Kleinkunden das Konto ausgefegt wird. Nach Angaben eines Haspa-Sprechers jedenfalls bewege sich solches Inkasso noch im Rahmen des Hausbrauchs und gehöre nun mal zum notwendigen "Spielraum" des jeweiligen Zweigstellenleiters: "Anders kann man ein so großes Institut mit 232 Zweigstellen nicht führen."

DER SPIEGEL 29/1977
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DER SPIEGEL 29/1977
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