03.10.1977

ÖSTERREICHDie große Schröpfung

Österreichs Fiskus startete eine Aktion scharf gegen Prominente, um bei den Superverdienern Steuern einzustreichen.
Ich kriege schweißnasse Hände, wenn ich zwei Wochen lang nichts verdiene", stöhnte Udo Jürgens. "Wo soll ich denn das viele Geld für die Steuer hernehmen?"
Der bestbezahlte deutschsprachige Sänger schwitzt zu Recht. Er muß Monat für Monat eine Viertelmillion Schilling -- mehr als 35 000 Mark -- an den österreichischen Staat abführen. Jeden Morgen, noch ehe er das Bett verläßt, ist er 1170 Mark los.
Wiens Finanzminister Hannes Androsch braucht Geld und nochmals Geld. Denn er steuert 1977 auf ein Budgetdefizit von sieben Milliarden Mark zu -- bei Gesamtausgaben von rund 34 Milliarden Mark.
Um dieses Rekorddefizit im nächsten Jahr auch nur auf gleicher Höhe zu halten, werden den Steuerzahlern massive Notopfer abverlangt. Androsch bittet alle zur Kasse.
Steuerfahnder haben in Österreich Hochkonjunktur. Innerhalb von zwölf Monaten gab es 23 000 Betriebsprüfungen -- mehr als je zuvor. Sie nahmen der Wirtschaft zusätzliche 500 Millionen Mark ab. Nicht einmal die Shopping-Touristen nach London und Rom blieben ungeschoren. Der Zoll läßt sie für jeden Pullover zahlen.
"Da ist es nur billig, daß auch die Prominenz zahlt", so Androsch. Er wollte die große Schröpfung auch auf jene ausdehnen, denen traditionell ein gestörtes Verhältnis zum Steuerzahlen anhaftet: den Stars von Bühne, Pult und Piste.
Als ersten erwischte es den singenden Kärntner Udo Jürgens. Der hat zwar von 1969 bis 1973 primär in Deutschland gearbeitet und, wie die deutschen Finanzer meinen, auch gewohnt, somit drei Millionen Mark Steuerschulden gesammelt, soll aber auch noch drei Millionen Mark fürs teure Vaterland hinblättern.
Begründung: Jürgens habe sich mehr als 180 Tage pro Jahr in Österreich aufgehalten. Damit steht Androsch das Recht zu, an den Auslandseinkünften des Troubadours voll mitzunaschen.
Pension und Hühnerfarm in der Nähe von Klagenfurt konnte der singende Unternehmer gerade noch retten. Er überschrieb sie blitzartig seinem Vater Rudolf Bockelmann. Udos 16-Zimmer-Villa in Kitzbühel dagegen wurde gepfändet.
Die Republik Österreich setzte sich selbst mit einer Steuerforderung von 14 902 943 Schilling (über zwei Millionen Mark) ins Kitzbüheler Grundbuch. Sobald Jürgens das Haus verkauft, wird sie den Löwenanteil abkassieren. Die restlichen Schillingmillionen treibt sie schon heute in Monatsraten ein.
"Für Österreichs Fiskus", erkannte die "Neue Kronen-Zeitung", "ist Udo die goldene Gans, die so lange gerupft wird, bis sie darauf verzichtet, hierzulande goldene Eier zu legen."
Ermutigt durch den Jürgens-Erfolg ließ das Wiener Finanzministerium seine "Aktion scharf gegen Prominente" auf breiter Front anrollen. Eine interne Schätzung rechnete mit 30 bis 40 Millionen Mark Kasse.
Inzwischen sind die Hoffnungen geschrumpft. Androschs Jagd verlief bislang fast ergebnislos. Es zeigt sich nämlich, daß die meisten großen Herren auch große Steuerberater haben: > Dirigent Herbert von Karajan zum Beispiel, Herr über Salzburg und die deutsche E-Musik auf Platten, kann einkommensteuerlich nicht belangt werden, weil er offiziell bloß mittlerer Angestellter ist. Sämtliche Honorare fließen einer Firma im Steuerparadies Liechtenstein zu, die ihn ihrerseits mit einem mäßigen Gehalt abspeist. Daß Karajan es schafft, mit so bescheidenen Bezügen Weib, Kinder und Haus in Salzburg zu unterhalten, findet Familien- und Hausbesitzer Androsch "einfach bewundernswert". > Rennfahrer Niki Lauda, schon wieder Weltschnellster in der Formel 1, entwischte den Häschern ins Ausland. Er gründete eine Briefkastenfirma in Hongkong (Niki Lauda Ltd.), "weil dies momentan das einzige Land ist, wo man unter sieben Prozent Steuern zahlt". Aus der britischen Kronkolonie fließt ein Großteil seiner Millionen-Gagen auf Schweizer Nummernkonten. > Skiprofi Karl Schranz, Dauergast auf Amerikas Pisten, kam mit einer Nachzahlung unter 130 000 Mark glimpflich davon. Dies deshalb, weil Österreichs Brettelhelden zwecks Förderung des Nationalsports nur mit 25 Prozent ihrer Gewinne besteuert werden.
* Allrounder André Heller, im Paß als "Poet" ausgewiesen, hat sein Steuergeld rechtzeitig an den pleitegegangenen Zirkus Roncalli verloren.
* Showmaster Peter Alexander ist schon vor Jahren auf einen offiziellen Wohnsitz in der Schweiz ausgewichen. Wie viele Tage er trotzdem in Wien verbringt, konnten die Finanzer "leider nicht eruieren".
* Surrealist Leherb schließlich, alias Helmut Leherbauer, erinnerte die Steuerfahnder an ein Gratis-Bild, das er seinerzeit "aus patriotischer Begeisterung" für die österreichische Fremdenverkehrswerbung gemalt hatte und das "unter Brüdern viereinhalb Millionen Schilling wert war". Diese 4,5 Schillingmillionen will er von der Steuer abziehen. Am Ende seines Anti-Jet-set-Feldzugs dürfte Hannes Androsch nicht viel bleiben: Auch das Paradeopfer Udo Jürgens wird künftig nicht mehr zur Verfügung stehen.
Er bezog vor kurzem eine Zehn-Zimmer-Villa in der Züricher Aurora-Straße. Dort zahlt er maximal 46 Prozent Steuer -- statt 56 in Deutschland und 62 in Österreich.

DER SPIEGEL 41/1977
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