23.05.1977

Polen: Schwarze Fahnen über Krakau

Drei Wochen vor der Beigrader Konferenz, die auch über den Stand der Menschenrechte befinden soll, schlug die Polizei in Polen zu -- gegen das Arbeiter-Schutzkomitee. Tausende Demonstranten hatten sich in Krakau mit dem Komitee solidarisiert. Partei, Kirche und auch das Komitee fürchten, die Lage könne außer Kontrolle geraten.
Eines der 24 Mitglieder des "Komitees zur Verteidigung der Arbeiter" ("KOR"), hatte es vorausgesehen:
"In der Parteispitze ist die Entscheidung gefallen, mit physischer Gewalt gegen uns vorzugehen. Sie wollen uns zerbrechen, und zwar mit den geringsten Kosten, das heißt durch Furcht" -- so Jacek Kuron am vorletzten Sonnabend in einem Telephon-Interview mit der Pariser Trotzkisten-Zeitung "Rouge". Wenige Stunden später war der Bürgerrechtler Kuron schon im Gefängnis.
Mit ihm kamen noch am gleichen Tag sechs weitere Komitee-Mitglieder und -Mitarbeiter in Haft, darunter der Historiker Adam Michnik (SPIEGEL 12/1977), der nach seiner Rückkehr aus dem westlichen Ausland erst kürzlich dem Arbeiter-Komitee beigetreten war. Das Delikt: "Verbindungen mit einer ausländischen Organisation, zum Schaden der Volksrepublik Polen."
Vorigen Mittwoch und Donnerstag nahmen die Geheimen 16 weitere KOR-Mitarbeiter fest; ihre Angehörigen erfuhren nicht einmal, in welches Gefängnis sie kommen. KOR-Mitglied Literaturhistoriker Lipski, der sich in dieser Woche einer komplizierten Herz-Operation unterziehen muß, wurde mit seinen beiden Kindern verhaftet. So hat Parteichef Gierek den seit Monaten anhaltenden zähen Kampf der polnischen Opposition mit dem Regime vorerst gewaltsam unterbrochen. Zwei Jahre nach der Unterschrift unter die KSZE-Akte von Helsinki und drei Wochen vor Beginn der Folgekonferenz in Belgrad ist Gierek entschlossen, das Bürgerrechts-Komitee zu liquidieren.
Zusammengetreten war das Komitee im vorigen September, um Demonstranten, Streikenden -- aber auch Unbeteiligten -, die nach den Juni-Unruhen in den Arbeiterstädten Radom und Ursus verhaftet, mißhandelt oder aus ihren Betrieben gefeuert wurden, juristisch beizustehen und ihren Familien finanziell zu helfen.
Das überwiegend mit Intellektuellen, darunter mehreren Staranwälten. besetzte Komitee sammelte Zeugenaussagen über die Protestaktionen und wohnte den Prozessen gegen die Angeklagten bei. Seine im SPIEGEL veröffentlichten Reports deckten auf, was die Parteipresse verschwieg: Polizei und Sicherheitsdienst hatten gegen Arbeiter und Hausfrauen brutale Gewalt geübt.
Mit Rücksicht auf das polnische Prestige im Ausland und den wegen latenter Versorgungsmängel ohnehin labilen Frieden im Lande zeigte sich Gierek anfangs bemüht, die Aktivitäten der Polizei-Kritiker herunterzuspielen. Bis auf fünf wurden alle, zum Teil zu längeren Haftstrafen verurteilten Demonstranten stillschweigend entlassen. Noch Ende Februar lenkte der Parteichef vor Journalisten ein: Die Kritiker am Sozialismus solle man nicht gar so wichtig nehmen.
Doch immer mehr Bürger unterstützten das Arbeiterkomitee: An der Warschauer Universität sammelten Studenten trotz angedrohter Relegation 730 Unterschriften für die Forderung nach einer parlamentarischen Untersuchung der Vorgänge von Radom und Ursus, an der katholischen Universität in Lublin unterschrieben 285 Studenten.
An der Krakauer Uni sammelte im März der Philologie-Student Stanislaw Pyjas, 23, gleichfalls 517 Unterschriften. Mitte April protestierte er mit einem Schreiben an den Staatsanwalt, anonym verschickte Briefe hätten seinen Tod angedroht. Briefzitat: "Die Vertilgung solcher Leute auf jede mögliche Art ist zur Zeit die wichtigste Aufgabe."
Zwei Wochen später war Student Pyjas tot. Anwohner fanden seine Leiche mit schweren Kopfverletzungen im Treppenhaus der Krakauer Altstadtstraße Szewska Nummer 7.
Die Parteipresse beeilte sich, den Tod als Unfall eines Volltrunkenen darzustellen: "Der junge Mann hatte 2,6 Promille Alkohol im Blut." Regierungssprecher Janiurek sprach vor der Auslandspresse von einem "unglücklichen Unfall", einen möglichen Treppensturz des Studenten mochte er aber nicht präzisieren.
Zeugen, die den Toten gesehen hatten, schilderten denn auch Verletzungen unter den Augen und einen zertrümmerten Kiefer; Blessuren, die nach Ansicht von Ärzten von schweren Schlägen herrühren. Den Obduktionsbericht bekamen nicht einmal die engsten Familienangehörigen des Toten zu sehen.
Selbst wenn die amtliche Version die richtige sein sollte -- im aufgebrachten Krakau wollte sie nach den Erfahrungen mit dem Psychoterror der Geheimpolizei gegen die Komitee-Mitglieder keiner glauben.
Die Mehrheit der Studenten boykottierte das am vorletzten Sonntag traditionell als ausgelassenen Mummenschanz geplante Frühlingsfest und zog statt dessen mit schwarzen Fahnen vor das Todes-Haus.
Als die Polizei mit Hilfe von Funktionären des kommunistischen Studentenverbandes SZSP versuchte, die Gedenkstunde zu stören, riefen die Demonstranten einen neuen, unabhängigen Verband aus und kündigten an, sie würden "zum Schutz vor Repressalien eine Selbstverteidigung organisieren".
Doch für Gierek gibt es noch einen anderen Grund, Härte zu demonstrieren. Mitte März, von der polnischen Parteipresse erst nachträglich gemeldet, fuhr der kürzlich zum ZK-Sekretär ernannte Ex-Außenminister Stefan Olszowski für fünf Tage nach Moskau und wurde dort -- für das Kreml-Protokoll völlig untypisch -- von Parteichef Breschnew in Einzelaudienz empfangen.
Moskau, das bisher in der Warschauer Parteiführung auf seinen Vertrauten Premier Jaroszewicz gesetzt hatte, scheint sich nach neuen Gesichtern umzusehen: Jaroszewicz hat sich als Verantwortlicher für die Preiserhöhungen von Juni unmöglich gemacht, Parteichef Gierek seine Popularität weitgehend verloren. Zudem gilt in Moskau -- so West-Kommunisten -- nicht mehr als sicher, daß es Gierek noch gelingt, seine innenpolitische Krise vor der Belgrader Konferenz geräuschlos beizulegen.
Wie brisant Giereks stärkster Widersacher, der Kardinal Wyszynski, die Lage einschätzt, zeigt ein Kirchenbeschluß: Die katholische Kirche in Polen, in den vergangenen Monaten mächtiger Verbündeter der Bürgerrechtler, hat eine für vorigen Freitag in der Warschauer Studentenkirche Heilige Anna geplante Trauermesse für den toten Studenten Pyjas wieder abgesagt, "um ein Blutbad zu verhindern".
Auch das Arbeiter-Komitee befürchtet das Schlimmste: Nach der Verhaftung von Kuron und Michnik gab das KOR sein vorerst letztes Kommuniqué heraus, das mit der Forderung schließt:
"Die Freilassung der Verhafteten ist auch deswegen notwendig, damit der gesellschaftliche Frieden aufrechterhalten und eventuelle Ereignisse vermieden werden können, die niemand voraussehen kann und die zu beherrschen niemand imstande sein würde."

DER SPIEGEL 22/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1977
Kein Titelbild vorhanden
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Polen: Schwarze Fahnen über Krakau

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Golanhöhen: Siedlung Beruchim heißt jetzt Trump Heights" Video 00:53
    Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"