23.05.1977

ISRAELFünfter Gang

Bei Israels Wahlen Siegte der Rechtsnationalist Begin, der „keinen Zoll“ besetzten Araberlandes zurückgeben will. Palästinenser sprechen jetzt von einem neuen Krieg.
Die Besatzungsmacht ergriff zwei Terroristen. Sie wurden des illegalen Waffenbesitzes angeklagt und zu je 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Dazu verordnete das Militärgericht noch jedem 18 Peitschenhiebe.
Ihre Organisation drohte mit Vergeltung -- Schlag für Schlag. Die Besatzer hielten das für Bluff und peitschten den ersten Verurteilten aus. In den Tagen danach entführte die Organisation einen Major und drei Sergeanten und verabreichte ihnen, wie angekündigt, je 18 Hiebe.
Die Besatzer prügelten daraufhin nicht mehr. Aber sie henkten Terroristen, die bei Anschlägen Menschen getötet hatten. Auch dafür hatte die Organisation Rache -~ Strick für Strick -geschworen. Zwei blutjunge Sergeanten baumelten bald darauf von Orangenbäumen.
Die Gewalt schraubte sich immer weiter hoch. Tausende starben bei Terror und Gegenterror. Die Organisation sprengte Kasernen, Züge und das berühmteste Hotel des Landes in die Luft -- allein dabei kamen 91 Menschen ums Leben.
Auf den Kopf des Untergrund-Führers wurden 10 000 Pfund Sterling ausgesetzt. Doch er wurde nie gefangen. Später massakrierten seine Leute 254 Zivilisten -- die gesamte Bevölkerung des Dorfes Dir Jassin, wie der Schriftsteller J. Bowyer Bell in seinem Buch "Terror out of Zion" berichtet. Schließlich versuchte er auch noch einen Aufstand gegen den eigenen, eben erkämpften Staat.
Damals schwor der Staatsgründer, er werde mit allen zusammenarbeiten, nur nicht mit Kommunisten und diesem Mann.
Seit letzter Woche ist der "Vater des modernen Terrorismus", wie ihn der britische "Daily Express" taufte, Wahlsieger und designierter Premier eben dieses Landes -- des Judenstaates Israel.
Als 64jähriger erhielt Menachem Begin und sein rechtsnationalistischer "Likud"-Block bei der Wahl des neunten israelischen Parlaments die meisten Stimmen und Mandate." Das Volk wird über dieses Ergebnis noch Tränen vergießen", prophezeite daraufhin der Abgeordnete Jizchak Ben Aharon von der erstmals geschlagenen israelischen Arbeitspartei.
Es könnte durchaus sein, daß nicht nur in Israel Tränen fließen. Denn so wie Begin vor drei Jahrzehnten als Chef der zionistischen Terrororganisation Irgun Zwai Leumi gegen die britischen Besatzer Palästinas und gegen die Araber in dem Land kämpfte, das er am liebsten zum zionistischen Großreich zwischen Nil und Euphrat ausdehnen wollte, so kämpfen seit einem Jahrzehnt palästinensische Terrororganisationen gegen die israelischen Besatzer arabischen Bodens.
Die Extremisten unter ihnen freuen sich über den Sieg des Extremisten Begin. Denn mit ihm, so sind sie sicher, wird es keine Friedenslösung geben.
In Israel selbst machte sich außer bei den begeisterten Begin-Anhängern Katerstimmung breit. Denn die Israelis hatten wohl kaum Begin zum Sieger machen wollen -- seine Partei erhielt mit 41 nur zwei Sitze mehr als bei der letzten Wahl. Sie hatten vielmehr ihrer seit 29 Jahren regierenden und im Amt verbrauchten Arbeitspartei einen Denkzettel für Affären, miserable Wirtschaftspolitik, Personalquerelen verpassen wollen: Die Sozialisten fielen um 18 Sitze auf 33 zurück auf den zweiten Platz.
Außenpolitisch kann das Wahlergebnis nur als Katastrophe für den ganzen Nahen Osten und für den Frieden in der Welt angesehen werden. Denn der Uralt-Veteran des jüdischen Kampfes um die Heimat Israel ist mit dem Alter zwar körperlich schwächer geworden -- er hat mehrere schwere Herzattacken hinter sich -, aber er denkt noch immer wie in seinen Terror-Jahren.
Auch nur das geringste Anzeichen von Nachgeben gegenüber den Arabern, so sein Kredo, sei ein Selbstmord Israels. Der 1942 aus Polen nach Palästina gelangte Begin will "keinen Zoll" besetzten Gebietes herausgeben.
Begin gilt als Asket, als Eiferer, als Hasser und Kalter Krieger. Er wohnt noch immer in einer bescheidenen Zweieinhalbzimmerwohnung in Tel Aviv, die ihm schon in seinen Terroristenjahren als Unterschlupf diente.
Er hat, wie seine Anhänger rühmen, im Gegensatz zu Sozialistenführern, die illegale Konten im Ausland unterhielten, "nicht mal ein Konto im Inland".
Sein Deutschenhaß ist exemplarisch. Die Nazis ermordeten seine Eltern und seinen Bruder. Deshalb führte er 1952 seine Anhänger in den Straßenkampf gegen die Reparationsverträge mit Bonn. Er bekämpfte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Bundesrepublik, mied jeglichen Kontakt zu Deutschen -- mit einer Ausnahme: Der in Israel als Nazi-Jägerin geschätzten Beate Klarsfeld schüttelte er die Hand.
Mit gleichem Starrsinn kämpft er gegen die Kommunisten, für ihn Handlanger des Israel-Feindes Moskau.
Mit den Arabern will er, wie er nach seinem Wahlsieg sofort erklärte, zwar verhandeln, aber ohne Vorbedingungen: "Sie wissen, daß sie uns nicht zerstören können."
Zugleich jedoch brüskierte er sie durch Worte und Taten. Ein Mini-Palästina im Westjordanland -- von Amerikas Präsident Carter schon zur "Heimat" der Palästinenser erklärt -- wäre für Begin nur "ein Pulverfaß in unserem Rücken".
Als ihn ein Reporter nach dem Schicksal der "besetzten Gebiete" fragte, bellte er zurück: "Welche besetzten Gebiete? Wenn Sie Judäa, Samaria und den Gazastreifen meinen, so sind das befreite Gebiete, integrale Teile des Staates Israel."
Nur einen Tag nach seinem Wahlsieg besuchte Begin in "Judäa und Samaria" die jüdische Siedlung Kaddum. Dort hatten sich 1975 gegen den Willen der damaligen israelischen Regierung extremistische Groß-Israel-Ideologen Land inmitten arabischen Gebietes genommen.
Zwar hoffen besonnene Israelis und gemäßigte Araber im Westjordanland noch, daß auch Begin "Wasser in seinen Wein wird gießen müssen", doch die Aussichten auf eine Friedenslösung, mit der noch in diesem Jahr in Genf begonnen werden sollte, sind auf Null geschrumpft.
Sowjet-Außenminister Gromyko, der Ende letzter Woche mit seinem amerikanischen Kollegen Vance in Genf zusammentraf, nannte die Lage in Nahost "potentiell gefährlich". Uno-Generalsekretär Waldheim hielt die Situation für "komplizierter" als zuvor: "Ich bin besorgt."
Jene Araber-Führer, die auf Frieden gesetzt hatten -- Ägyptens Präsident Sadat, Syriens Assad und der saudische König Chalid -, trafen sich Donnerstag zu einer Blitzkonferenz in Riad. Thema: Alternativen zu einer kaum noch möglich erscheinenden Verhandlungslösung mit Israel.
Für den Palästinenser-Sprecher Daud Barakat in Genf war die Alternative bereits klar: "Es gilt jetzt den fünften Waffengang vorzubereiten."

DER SPIEGEL 22/1977
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