30.05.1977

NIXON„Hamlet“ ohne Hamlet

In vier großen Fernseh-Interviews suchte der aus dem Amt gejagte Richard Nixon sein Bild vor der Geschichte zu korrigieren.
In dem Theaterstück kommt ein Gespenst aus der Vergangenheit nieht zur Ruhe -- und in den USA auch nicht.
Richard Nixon sei der "Hauptdarsteller in der gesamten Watergate-Affäre" gewesen, heißt es in dem Revisionsantrag, den John Ehrlichman, einst höchster innenpolitischer Berater Nixons, beim Obersten Gerichtshof gestellt hatte; den geschaßten Präsidenten im Watergate-Prozeß auszusparen, heiße "einem Shakespeare-Ensemble zuzumuten, den "Hamlet" ohne einen Hamlet zu spielen".
Am Montag voriger Woche wurde Ehrlichmans Antrag vom Obersten Gerichtshof dennoch verworfen und damit zugleich die Wiederaufnahmeanträge seiner Mitverurteilten Haldeman, vormals Stabschef im Weißen Haus, und Mitchell, Justizminister unter Nixon.
Wie Ehrlichman, der bereits sitzt, müssen jetzt auch die beiden anderen mit höchster Wahrscheinlichkeit ins Gefängnis -- für zweieinhalb bis zu acht Jahren.
So brutal wurden die Amerikaner im Mai 1977 von ihrer jüngsten Vergangenheit eingeholt. Und es ging noch weiter:
Die unbehaglichste Konfrontation mit einem noch kaum zugeschütteten Stück ihrer Zeitgeschichte widerfuhr den Amerikanern in jenen vier 90-Minuten-Interviews des britischen Fernsehjournalisten David Frost mit dem aus dem Amt gejagten Ex-Präsidenten Richard Nixon, die in wöchentlichem Abstand gezeigt wurden.
Honorar für Nixon: 600 000 Dollar plus Gewinnbeteiligung an den Werbespots, rund eine Million Dollar also. Leserzuschrift an die "New York Times":" Eine nationale Schande."
Daß ausgerechnet ein Ausländer in Amerikas offenen Wunden herumstochern mußte, fanden viele Amerikaner noch besonders empörend. Das freilich wäre zu verhindern gewesen.
Kaum hatte nämlich Irving ("Swifty") Lazar, Literatur- und Unterhaltungsagent, im Juli 1975 für zwei Millionen Dollar die Buchrechte an den künftigen Memoiren Richard Nixons erstanden, als er auch schon mit dem Angebot für TV-Interviews mit seinem Mandanten bei den großen amerikanischen Fernsehgesellschaften hausieren ging.
Doch Hunderttausende von Dollar für ein Interview mit einer Person der Zeitgeschichte zu zahlen, ging den Verantwortlichen angeblich gegen die Journalistenehre. Im übrigen kamen sie auch mit den Forderungen Lazars nicht mit: 400 000 Dollar war das höchste Angebot aus den USA. David Frost, 38, überbot es spielend um ein Drittel.
Frost fand eine Gruppe überwiegend konservativer Geschäftsleute in Kalifornien, die bereit waren, die Nixon-Befragung zu finanzieren. Produktionskosten der achtundzwanzigeinhalb aufgezeichneten Interviewstunden: 2,5 Millionen Dollar.
Frost fand auch, nach etlichen Anfangsschwierigkeiten, Kunden für die Werbeminuten innerhalb seiner vier Sendungen, darunter das Unkrautvertilgungsmittel "Weed Eater" und das Hundefutter "Alpo".
Und da sich die großen Fernsehgesellschaften weigerten, die von Frost geforderten Preise für die Interviews zu zahlen, gab er sie schließlich, gegen freie Werbezeit, an kleine Lokalstationen ab -- nicht ohne Gewinn,
Was die Nation dann im ersten Auftritt zu sehen bekam, war für die Kolumnistin Harriet van Horne das Bild eines "Fast-Diktators in einem Polizeistaat, in die Enge getrieben von einem Ausländer mit einer Peitsche".
Mit anderen Worten: Richard Nixon mauerte wie eh und je. Alle anderen waren schuld, nur er nicht.
Er habe "kein Verbrechen begangen", beteuerte der Ex-Präsident, sondern lediglich "Fehler", besonders den, sich nicht schnell und radikal genug von den verderbten Gliedern seines Stabs, Haldeman und Ehrlichman zumal, getrennt zu haben.
Nie und nimmer habe er sich der "Behinderung der Justiz" (obstruction of justice) schuldig gemacht, beteuerte Nixon: Und selbst der nachgewiesene Versuch, ein Verbrechen zu vertuschen, sei nicht kriminell: weil "mein Motiv nicht kriminell war
Ähnlich abenteuerliche Interpretationen des US-Staatsrechts brachte Nixon auch in der dritten Sendung vor, in der es um den "Krieg im Innern und im Äußern" ging.
Auf Frosts Frage, ob ein amerikanischer Präsident zu Verbrechen anstiften oder sie vertuschen dürfe, wenn es "im besten Interesse der Nation" liege, antwortete Nixon rundheraus: "Wenn es der Präsident tut, dann bedeutet das, daß es nicht illegal ist." Das klang wie: Der Führer hat immer recht.
Daß sie einen solchen Mann vor nur viereinhalb Jahren per Erdrutsch-Wahl zum zweiten Mal ins Weiße Haus getragen hatten, war für viele Amerikaner eine bittere Erkenntnis. Schon die erste Sendung brachte überwiegend negative Reaktionen.
In seiner Gefängniszelle in Safford, Arizona, hämmerte John Ehrlichman, der sich nach der ersten Sendung besonders auf die Füße getreten fühlte, eine wütende Entgegnung in die Schreibmaschine, die im "New York"-Magazin veröffentlicht wurde. Er enthüllte darin, daß ihm Nixon bei der Entlassung eine "riesige Geldsumme" aus der Kasse des Nixon-Spezi Bebe Rebozo geboten und ihn im übrigen auf ein freudiges Wiedersehen in Camp David vertröstet habe -- "in ein paar Jahren, wenn die ganze Krise erst mal vorbei ist".
Leon Jaworski, Sonderstaatsanwalt im Watergate-Fall, bezeichnete seinen ehemaligen Dienstherrn nach der Sendung als "Lügner"" der "mehr getan" habe, als seine Erklärungen gegenüber David Frost erkennen ließen: Nixon habe "volles Wissen um den (Watergate-)Einbruch" gehabt und sei "aktiver Mitverschwörer" bei der Behinderung der Justiz gewesen, die damals im Weißen Haus betrieben wurde.
Unmut über das Nixon-Spektakel spürten amerikanische Reporter auch in Kneipen auf, in denen sie während der Sendungen dem Volk aufs Maul zu schauen versuchten. Viele Amerikaner waren erbost, daß den Fernsehzuschauern dieser Auftritt überhaupt zugemutet wurde.
"Die sollten doch mal aufhören, auf einem toten Pferd rumzuprügeln", sagte Buchhalter Thomas Catter in der "Lido Bar" an New Yorks East Side; und der Kellner Chi Ko Jen im "China House" am Broadway: "Es ist doch alles vorbei. Warum alles wieder aufrühren?"
Sollte Nixon vorgehabt haben, via Bildschirm nicht nur Dollar zu machen, sondern sich auch vor dem amerikanischen Volk und der Geschichte reinzuwaschen, ist ihm das gründlich mißlungen.
Zwar gaben am Ende 44 Prozent der Zuschauer -- gegenüber 17 Prozent nach der ersten Sendung -- an, sie empfänden nunmehr "mehr Sympathie" als vorher für Richard Nixon.
In der Sache aber richtete das amerikanische Fernsehvolk unerbittlich: Rund 70 Prozent glaubten nach der ersten Sendung, daß Nixon auch während des Interviews noch versucht habe zu vertuschen.
Die "Kaskade von Freimütigkeit", die Frost noch im März von Nixon erwartet hatte, haben die Amerikaner zweifellos nicht bekommen. Dennoch ist das, was sie in den letzten vier Wochen auf ihren Bildschirmen erlebten, sicherlich mehr gewesen als die Entlarvung eines miesen Politikers, dem es, so der Psychohistoriker Daniel Abrahamson, "einfach nicht gegeben ist, die Wahrheit zu sagen, weil die Wahrheit nicht in ihm ist".
Die Sendungen haben vielmehr, wenigstens punktuell, die Diskussion über Watergate und seine Bedeutung für Amerika wieder in Gang gesetzt.
So spürte die Abgeordnete Elizabeth Holtzman, Ex-Mitglied des Kongreß-Ausschusses, der über die Eröffnung des Verfahrens zur Amtsenthebung Nixons zu befinden hatte, bereits Schulbücher auf, die Nixons Unschuld lehren.
"Die Dokumente zeigen eindeutig", heißt es zum Beispiel in einem New Yorker Schulbuch, daß Richard Nixon den Einbruch im Watergate nicht geplant habe; er sei vielmehr, als er davon erfuhr, "sehr ärgerlich gewesen". Gegenüber solcher Verniedlichung müsse den Schulkindern nunmehr gezeigt werden, daß Watergate nicht, wie Nixon in einem der Interviews behauptete, eine "kleine Sache", sondern die "schwerste Verfassungskrise" gewesen ist, "die das Land in den letzten hundert Jahren durchgemacht hat".
Elizabeth Holtzman: "Wir können es uns nicht leisten, daß die Hauptbeteiligten die Geschichte nach Lust und Laune umschreiben."

DER SPIEGEL 23/1977
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