27.06.2005

„Überall schneller werden“

Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld über den Verkauf seiner Handy-Sparte, die für Deutschland chancenreichsten Wachstumsfelder und die Lehren aus der Armut in seiner Jugend
SPIEGEL: Herr Kleinfeld, angenommen, jemand schenkt Ihnen ein Handy und legt noch 100 Euro obendrauf. Was halten Sie von dem Mobiltelefon?
Kleinfeld: (lacht) Ich würde mich über Geld und Gerät freuen. Aber im Ernst: Wenn Sie auf unser eigenes Handy-Geschäft anspielen ...
SPIEGEL: ... Sie haben's erraten ...
Kleinfeld: ... dann war das zwar nicht erfreulich, das weiß jeder, und wir mussten eine vernünftige Lösung suchen. Aber die haben wir mit dem Verkauf der Sparte an BenQ nun auch gefunden.
SPIEGEL: Diesen "Verkauf" mussten Sie den Taiwanern noch mit 350 Millionen Euro schmackhaft machen. Wollten Sie am Ende einfach raus - koste es, was es wolle?
Kleinfeld: Darum ging es nicht. Wir wollten mithelfen, gute Rahmenbedingungen für die
Zukunft zu schaffen. Das Geld nutzt BenQ, um seine Patent-Situation auszubauen und die Produktlinien anzupassen. Die Siemens-Mitarbeiter werden übernommen. Unsere Kunden werden weiter gut bedient. Und auch die Aktionärsseite reagierte freundlich auf den Ausstieg. Das Geschäft machte also auch ökonomisch Sinn.
SPIEGEL: Sie reden sich ein jahrelanges Desaster schön.
Kleinfeld: Wir können natürlich in neuer deutscher Tradition alles schlecht machen. Aber wenn Sie ein Geschäft haben, das allein im letzten Quartal mehr als 130 Millionen Euro verloren hat, dann stehen Sie als Unternehmen und Vorstandschef vor einem verdammt schwierigen Problem. Ich bin mir sicher, dass ein US-Konzern gepriesen worden wäre für eine weitsichtige Lösung, wie wir sie nun gefunden haben.
SPIEGEL: Sie sind nun mal Vorstandschef von Siemens, der als größter deutscher Technologiekonzern immer auch ein Symbol für Chancen und Risiken des Standorts ist - egal, ob es um Arbeitszeiten oder Jobverlagerungen geht.
Kleinfeld: Dieser Verantwortung sind wir uns auch bewusst. Deshalb war es uns wichtig, dass für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre gleichermaßen eine tragfähige Lösung gefunden wird.
SPIEGEL: Eigentlich könnte Ihnen jetzt egal sein, was aus den über 3000 deutschen Beschäftigten in der Handy-Sparte wird.
Kleinfeld: Natürlich ist mir das absolut nicht egal. Im Gegenteil, alle Verträge, die wir unterschrieben haben, werden eingehalten.
SPIEGEL: Die reichen nur bis 2006. Man kann schon jetzt darauf wetten, dass viele der Jobs dann nach Asien verlagert werden.
Kleinfeld: Das Hauptquartier der neuen Einheit wird München. Das bisherige BenQ-Geschäft wird darin aufgehen. Alle Standorte und Mitarbeiter werden übernommen. So etwas macht ein Unternehmen
doch nicht, wenn es für einen Standort keine Zukunft erwartet. Und das sehen, glaube ich, auch unsere Mitarbeiter eher positiv. Sie wissen, dass sie eine Chance bekommen - und das unter einem Eigentümer, der voll auf Wachstum setzt.
SPIEGEL: Ihr Vorgänger Heinrich von Pierer drohte noch, die Handy-Produktion nach Ungarn zu verlagern, und trotzte den Gewerkschaften die 40-Stunden-Woche ab, was aus heutiger Sicht auch nichts nutzte.
Kleinfeld: Schon da wäre ich vorsichtig, denn unser Weg hat seither viele Nachahmer gefunden. Und er half, das Bewusstsein für flexiblere Lösungen zu schaffen. Es geht auch nicht um längere Arbeitszeiten an sich, sondern darum, sich für die Weltmärkte fit zu machen. Das ist nur zum Teil eine Frage der Kosten.
SPIEGEL: Die IG Metall will nicht zulassen, dass Siemens sich "einfach verabschieden kann", und droht bereits mit einer Rückkehr zur 35-Stunden-Woche.
Kleinfeld: Eins ist doch klar: Nur erfolgreiche Geschäfte schaffen sichere Arbeitsplätze. Dabei kommt es auf die Leistung genauso an wie auf die Kosten. Unsere Mitarbeiter wissen, wie hart es ist, sich jeden Tag beim Kunden durchzusetzen. Und sie verstehen auch, dass dies nur mit wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen funktioniert. Im Sinne des örtlichen Betriebsrats und der Belegschaft ist die von Ihnen angesprochene Diskussion jedenfalls nicht.
SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben Sie als Vorstand noch Mobilfunk- und Festnetzgeschäft zusammengelegt. Nun wurde die Handy-Sparte wieder abgetrennt. Ein gradliniger Kurs sieht anders aus.
Kleinfeld: Bitte schauen Sie sich die Fakten an! Die beiden Felder wachsen immer stärker zusammen. Also haben wir gehandelt - wie danach übrigens auch viele Kunden und Wettbewerber. Insofern war die Fusion zur richtigen Zeit der richtige Schritt und wirkt sich auf das nun verbleibende Kerngeschäft durchaus positiv aus. Dies zeigen auch die in jüngster Zeit gewonnenen Aufträge. Aber natürlich bleiben in diesem dynamischen Markt die Herausforderungen groß.
SPIEGEL: Was lernt Siemens aus dem Handy-Desaster? Dass man den Endkunden einfach nicht versteht?
Kleinfeld: Schauen Sie sich unser erfolgreiches Konsumentengeschäft mit schnurlosen Telefonen oder mit Bosch-Siemens-Haushaltsgeräten an! Wir verstehen den Endkunden durchaus. Aber bei den Handys waren wir offenbar nicht in der Lage, ein Geschäft über Jahre kontinuierlich erfolgreich zu führen.
SPIEGEL: Seit Ihrem Start als Vorstandschef ging der Siemens-Kurs zunächst bergab und erholte sich erst wieder durch den BenQ-Deal.
Kleinfeld: Mein Wechsel an die Spitze wurde im vergangenen Sommer angekündigt. Seither ging der Kurs eher nach oben. Er ist auch nur einer von vielen Indikatoren für den Erfolg eines Unternehmens. Natürlich irritierte die Debatte ums Handy-Geschäft Kunden, Mitarbeiter und Investoren. Umso wichtiger war es, gerade da einen konsequenten Schritt zu machen.
SPIEGEL: Sie haben keine Angst vor den "Heuschrecken" spekulativer Hedgefonds, die auf eine weitere Zerlegung des "Gemischtwarenladens" Siemens drängen könnten, der von der Glühbirne bis zum Kraftwerk alles produziert?
Kleinfeld: Nein, ich mag schon den "Heuschrecken"-Begriff nicht. Hedgefonds können auch nur dann aktiv werden, wenn ein Unternehmen keine überzeugende Strategie hat.
SPIEGEL: Ihre besticht durch hochgesteckte Ziele: In den nächsten 18 bis 24 Monaten wollen Sie alle 13 Unternehmensteile "auf Linie" bringen. Was sind Ihre größten Sorgenkinder?
Kleinfeld: Von unseren dreizehn Bereichen liefern sieben bereits jetzt jene Renditen, die wir weltweit anstreben. Dort gilt: halten und wachsen. Vier sind auf gutem Weg. Zwei sind noch deutlich von den Vorgaben entfernt ...
SPIEGEL: ... die Sparten Communications und Siemens Business Services. Wie sollen die so schnell erfolgreich werden?
Kleinfeld: Dort ist wie bei allen anderen die Innovationskraft der Schlüssel. Kostenstrukturen sind letztlich nur ein Hygienefaktor.
SPIEGEL: Bitte was?
Kleinfeld: Die Prozesse optimieren und - wie es im Managerjargon heißt - "downsizen", das ist doch Handwerk, das jeder beherrschen sollte. Damit gewinnt man aber keine Perspektive. Auf Innovation und Wachstum kommt es an. Da zählen andere Punkte: Siemens gibt allein fünf Milliarden Euro jährlich für Forschung und Entwicklung aus. 45 000 Mitarbeiter arbeiten in diesem Bereich, darunter 30 000 Software-Spezialisten. Wir sind damit bereits heute eines der größten IT-Unternehmen der Welt. Den "Krieg" gewinnen Sie mit Ideen, nicht mit Sparmaßnahmen.
SPIEGEL: Verbinden Sie Ihr persönliches Schicksal mit der Erreichung der selbstgesteckten Rendite-Ziele?
Kleinfeld: Was wird aus Jürgen Klinsmann, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nächstes Jahr schlecht abschneidet? Das sind müßige Diskussionen für den
Stammtisch. Dort gehören sie hin. Wichtig ist erst mal, dass man klare Ziele formuliert und sie auch umsetzt. Wir kündigen nicht nur an, wir treiben auch voran.
SPIEGEL: Sie wollen auch, dass der Konzern unter Ihrer Führung doppelt so kräftig wächst wie die Weltwirtschaft. Auch das ist mehr als ehrgeizig ...
Kleinfeld: ... aber zu schaffen. Wir haben seit Anfang des Jahres drei große Zukäufe getätigt: VA Tech, CTI Molecular Imaging und Flender. Das honoriert inzwischen auch der Kapitalmarkt. Übernahmen sind ein wichtiges Instrument. Doch mindestens die Hälfte unseres angestrebten Wachstums muss organisch von innen heraus kommen.
SPIEGEL: Früher hatte Siemens noch die Ausdauer, marode Unternehmensteile über Jahre selbst zu sanieren. Wird künftig abgestoßen, was nicht funktioniert?
Kleinfeld: Abstoßen ist kein Wert an sich. Siemens ist 158 Jahre alt und war immer geprägt davon, eine Balance zwischen Kontinuität und Wandel zu finden. Unser Lebenselixier sind Innovationen. Da müssen wir die Nase permanent im Wind haben.
SPIEGEL: Der Gegenwind wird durch die Globalisierung aber rauher. Hat Arbeit in Deutschland überhaupt noch eine Chance?
Kleinfeld: Siemens ist mit 164 000 Beschäftigten in Deutschland einer der größten industriellen Arbeitgeber. Viele unserer Geschäftsfelder haben weltweites Hauptquartier, Entwicklung und Produktion hier. Sie schaffen es von hier aus, weltweit erfolgreich zu sein. Der Standort ist nicht apriori das Problem. Er wird nur dann eines, wenn unsere Produkte es nicht schaffen, sich auf den Weltmärkten zu behaupten.
SPIEGEL: Alles also eine Frage der Ideen ...
Kleinfeld: ... und der Umsetzung. Sie müssen sich mal vorstellen, dass wir heute 75 Prozent unserer Umsätze mit Produkten tätigen, die nicht älter sind als fünf Jahre. In unserer sehr erfolgreichen Medizintechnik werden sogar 90 Prozent mit Produkten generiert, die jünger als drei Jahre sind. Innovation ist unser Haupttreiber. Das ist einem Konzern wie Siemens quasi in die Wiege gelegt. Und wir müssen höllisch aufpassen, dass wir uns das immer vor Augen halten.
SPIEGEL: In Deutschland arbeitet nur noch ein Drittel der Belegschaft, und die erwirtschaften nur 20 Prozent des Umsatzes. Die Richtung scheint klar: Raus aus der Heimat.
Kleinfeld: Die Zahl unserer deutschen Beschäftigten ist stabil. Immerhin haben wir im vergangenen Jahr in Deutschland 7000 neue Leute eingestellt. Das würden wir doch nicht machen, wenn wir darin keinen Sinn mehr für die Struktur unserer Wertschöpfung sähen.
SPIEGEL: Vergangenes Jahr wirkten Sie tatkräftig an einem neuen Management-System mit, das neben Wachstum und Innovation auch die forcierte Verlagerung von Jobs ins billigere Ausland thematisierte.
Kleinfeld: Das stimmt so doch gar nicht. Es ging vor allem um den Fokus auf den Kunden, die Innovation und selbstverständlich auch um die globale Wettbewerbsfähigkeit. Das Wort Verlagerung taucht dabei nicht auf. Aber es kann ja wohl auch keine Lösung sein, vor den Realitäten den Kopf in den Sand zu stecken. Frühzeitig zu reagieren heißt auf allen Feldern: Wir müssen schneller werden. Schneller die Zukunft sehen, schneller Patente anmelden, schneller auf Kundenwünsche eingehen ...
SPIEGEL: ... und im Zweifel schneller verlagern?
Kleinfeld: Nein, aber wir dürfen in Deutschland auch nicht dem Irrglauben verfallen, uns über Stillstand absichern zu können. Siemens ist letztlich auch davon abhängig, wie sich das Land weiter entwickelt. Klar, heute wachsen andere Regionen der Welt deutlich schneller. Doch das hilft uns ja auch - Siemens wie Deutschland, das als Exportweltmeister wie kaum ein anderes Land von der Öffnung der Märkte profitiert. Isolationismus ist keine Lösung.
SPIEGEL: Kann es nicht auch sein, dass nur multinationale Unternehmen wie Ihr Konzern von der Globalisierung profitieren, weil sie immer dahin gehen können, wo Löhne und Steuern am niedrigsten sind?
Kleinfeld: Das sehe ich anders. Unsere gesellschaftliche Verantwortung beginnt schon bei der Zahl der Ausbildungsplätze in Deutschland. Bei uns sind es zurzeit 10 000. Zudem ist das Wohlstandsniveau dank der Globalisierung weltweit gestiegen - in den Schwellenländern, aber auch in den alten Industriestaaten. Dem dadurch entstehenden neuen Wettbewerb müssen wir uns aber auch stellen ...
SPIEGEL: ... indem Sie zum Beispiel Teile des Automobil-Zulieferers VDO von Würzburg ins billigere Tschechien verlagern.
Kleinfeld: Jetzt kommen Sie schon zum dritten Mal mit dem Verdacht, wir wollten verlagern. Die Lösung, die wir für Würzburg gefunden haben, ist doch geradezu vorbildlich. Die Produktion von Standardmotoren übernimmt ein neues Schwesterwerk in Tschechien. In Würzburg investieren wir nun 60 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Produkte, die dort anlaufen. Das Geld kann ich aber nur bereitstellen, wenn rechtzeitig gehandelt wird. Das sehen übrigens inzwischen alle Beteiligten so.
SPIEGEL: Tatsächlich?
Kleinfeld: Ich denke schon. Umso wichtiger sind faktenorientierte Diskussionen. Was uns nicht gut tut, sind ideologisch emotionalisierte Debatten. Und dazu muss man sich auch mal anschauen, wie Deutschland es nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Nichts wieder an die Spitze geschafft hat. Das gelang nur mit einer Reihe von Faktoren: Fleiß, Disziplin, hervorragender Ausbildung, starker Export-Orientierung, dem Willen zu gewinnen und der Bereitschaft, Neues zuerst im eigenen Land auszuprobieren. Die großen deutschen Gründer-Geschichten wurden alle in einer Zeit geschrieben, als das Land völlig darniederlag. An dieses Unternehmertum mit seiner Wertschätzung müssen wir wieder anknüpfen.
SPIEGEL: Geht es uns womöglich noch nicht schlecht genug, um richtig zu reagieren?
Kleinfeld: Ehrlich gesagt: Diese Frage muss man sich manchmal stellen. Andererseits ist sie nicht fair. Den Reichtum und die Strahlkraft dieses Landes können wir aber nur verteidigen, wenn wir einen Leuchtturm nach dem anderen bauen. Wir müssen die Chancen der Globalisierung sehen, nicht immer nur deren Bedrohungen.
SPIEGEL: Auf welchen Feldern lägen Ihrer Meinung nach die größten Wachstumschancen der Bundesrepublik?
Kleinfeld: Nehmen Sie das Beispiel Gesundheit: Es würde uns gut tun, nicht nur eine Gesundheitskarte einzuführen, sondern auch bei der Entwicklung elektronischer Patientenakten international voranzumarschieren. Oder die dritte Generation des Internets, die Gentechnologie, das große Feld der Energiegewinnung. Das sind global gesehen riesige Bereiche. Und da könnten wir Vorreiter sein.
SPIEGEL: Auch bei alternativen Energien?
Kleinfeld: Wir haben weltweit zurzeit eine Unterversorgung - mit drastisch steigenden Gas- und Ölpreisen. Wir selbst haben in den letzten Jahren Windkraft-Aktivitäten erworben und sind dort praktisch ausverkauft. Deshalb werden wir weitere Kapazitäten aufbauen. Und zu einem gesunden Energiemix gehört auch die enttabuisierte Kernkraft.
SPIEGEL: Kernkraft, Gentechnik, elektronische Patientenakte - alles keine sonderlich beliebten Themen bei der rot-grünen Regierung.
Kleinfeld: Politik kann nur den allgemeinen Willen in der Bevölkerung reflektieren. Natürlich kann man am Ende sagen: Dieses oder jenes wollen wir als Gesellschaft nicht. Dann muss uns aber auch klar sein, dass uns potentielle Wachstumszweige absterben. Und dass dann selbst deutsche Firmen hier nicht mehr investieren können.
SPIEGEL: Versprechen Sie sich von einer unionsgeführten Regierung mehr Durchschlagskraft?
Kleinfeld: Rot-Grün hat mit der Agenda 2010 und der Innovationsinitiative die richtigen Akzente gesetzt. Kanzler Gerhard Schröder engagiert sich extrem stark für die deutsche Exportwirtschaft. Der Wille zu Reformen ist da. Ich kann uns allen nur wünschen, dass das Tempo noch zunimmt - egal, wie die Bundestagswahl ausgeht.
SPIEGEL: Wer Kanzler ist, kann Ihnen egal sein?
Kleinfeld: Das ist albern. In allen Parteien müssen die Politiker verstehen, dass man die Bundesrepublik auch und vor allem ökonomisch voranbringen muss. Die Wirtschaft muss im Gegenzug begreifen, dass dazu ein gesamtgesellschaftlicher Konsens nötig ist.
SPIEGEL: Verstehen Sie als hochbezahlter Topmanager die Job-Angst der Deutschen?
Kleinfeld: Absolut.
SPIEGEL: Ist sie gerechtfertigt?
Kleinfeld: Wenn die Menschen diese Angst umtreibt, muss man sie ernst nehmen und zugleich zeigen: Sichere Arbeitsplätze ergeben sich nur durch Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Innovationen. Jammern ist kein deutscher Wesenszug. Ich halte uns für viel offener und optimistischer, als manche glauben. Aber jeder muss sich auch selbst fragen: Wie kann ich mein persönliches Angebot attraktiver machen und eine höhere Wertschöpfung für mein Unternehmen generieren?
SPIEGEL: Die Sehnsucht nach Hochleistung verfolgt Sie bis ins Privatleben. Inwiefern helfen Ihnen die Erfahrungen als Marathonläufer an der Siemens-Spitze?
Kleinfeld: Sie unterstützen das persönliche Durchhaltevermögen. Wenn man es überhaupt vergleichen will, ist mein jetziger Job sicher ein Ultra-Marathon, gespickt mit Zwischensprints. Aber das Laufen hat für mich eher meditativen Charakter.
SPIEGEL: Sie gelten als jung, amerikanisch orientiert und forsch. Ist Ihre Inthronisation auch ein Symbol für einen Generationswechsel in deutschen Vorstandsetagen?
Kleinfeld: Solche Kategorisierungen haben mit der Realität wenig zu tun. Leistungsorientiert war ich auch schon vor meiner USA-Zeit.
SPIEGEL: Sie entstammen einer armen Flüchtlingsfamilie und mussten schon im Alter von zwölf in Bremen mit Gelegenheitsjobs die Haushaltskasse aufbessern ...
Kleinfeld: ... einfach, weil mein Vater starb, als ich zehn war.
SPIEGEL: Prägt Sie Ihre Herkunft noch?
Kleinfeld: Absolut. Armut macht erfinderisch. Und sie lehrt einen vielleicht auch die Grundprinzipien des Lebens besser. Davon bin ich überzeugt.
SPIEGEL: Eine der ersten Amtshandlungen Ihres PR-Stabs war, auf offiziellen Fotos Ihre Rolex wegretuschieren zu lassen. War die Uhr der Fehler oder die Kosmetik?
Kleinfeld: Eindeutig die Retusche. Erstens ist das gar kein so protzig-teures Modell. Zweitens sorgte das für mehr Aufruhr, als wenn die Uhr drangeblieben wäre. Drittens wird jetzt schon gefragt: Kann der sich nicht mehr leisten? (lacht) Die leidige Diskussion führte immerhin dazu, dass mir eine mitfühlende Kollegin eine Swatch geschenkt hat mit dem schönen Namen "Irony".
SPIEGEL: Herr Kleinfeld, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Klaus Kleinfeld
wurde 1957 in Bremen geboren und studierte in Göttingen Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik. 1987 begann er bei Siemens, wo er unter anderem in den Bereichen Strategien und Planung aktiv war und eine interne Unternehmensberatung aufbaute. 1998 wechselte er in die Medizintechniksparte, 2001 stieg er ins US-Geschäft ein, das er dann erfolgreich sanierte. Drei Jahre später wurde er in den Zentralvorstand berufen. Ende Januar übernahm der Opernfreund und Marathonläufer die Führung des Konzerns.
Von Dinah Deckstein und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 26/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Überall schneller werden“

Video 07:49

Videoreportage zu seltenen Krankheiten "Du denkst, das Kind stirbt"

  • Video "Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?" Video 02:12
    Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Video "Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott" Video 00:56
    Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Video "Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS" Video 01:16
    Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Video "Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug" Video 01:26
    Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug
  • Video "Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?" Video 03:51
    Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?
  • Video "Exosuit: Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug" Video 01:37
    "Exosuit": Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug
  • Video "Die Bundesliga-Prognose im Video: Im Tabellenkeller prügeln sich viele, absteigen zu dürfen" Video 03:07
    Die Bundesliga-Prognose im Video: "Im Tabellenkeller prügeln sich viele, absteigen zu dürfen"
  • Video "Dale Earnhardt Junior: US-Rennfahrer überlebt Flugzeugunglück" Video 01:09
    Dale Earnhardt Junior: US-Rennfahrer überlebt Flugzeugunglück
  • Video "Manöver im Stadion: Peking lässt Soldaten Einsatz gegen Demonstranten trainieren" Video 01:15
    Manöver im Stadion: Peking lässt Soldaten Einsatz gegen Demonstranten trainieren
  • Video "USA: Airline fliegt mit nur einem Passagier an Bord" Video 01:02
    USA: Airline fliegt mit nur einem Passagier an Bord
  • Video "Hongkong: Augenklappe wird zum Symbol der Proteste" Video 01:58
    Hongkong: Augenklappe wird zum Symbol der Proteste
  • Video "Vögel im Triebwerk: Passagiermaschine muss in Maisfeld notlanden" Video 00:55
    Vögel im Triebwerk: Passagiermaschine muss in Maisfeld notlanden
  • Video "Arktis: Forscher finden Mikroplastik im Schnee" Video 01:08
    Arktis: Forscher finden Mikroplastik im Schnee
  • Video "Amateurvideo: Freizeitskipper auf Kollisionskurs" Video 00:41
    Amateurvideo: Freizeitskipper auf Kollisionskurs
  • Video "Videoreportage zu seltenen Krankheiten: Du denkst, das Kind stirbt" Video 07:49
    Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"