27.06.2005

RUSSLANDMoskaus ungeliebte Beute

Vor 60 Jahren verschwand Königsberg von der Landkarte, an seiner Stelle entstand Kaliningrad. Gemeinsam mit Präsident Wladimir Putin und Gerhard Schröder feiert die Stadt kommendes Wochenende ihr 750-jähriges Bestehen. Aber was soll aus der russischen Insel mitten in Europa werden?
Als Herzog Friedrich von Sachsen, vorletzter Hochmeister des Deutschen Ritterordens, 1509 nördlich des Schlosses Gartenland "zeunen" ließ, legte er den Grundstein für ein ganz besonderes Königsberger Juwel.
Es war die Geburtsstunde des "Königsgartens", der dann "Paradeplatz" hieß; Jahr für Jahr, zu Kaisers Geburtstag, marschierten an dieser Stelle die sieben Königsberger Regimenter auf.
Später schlug hier das Herz der Stadt. Hier luden die Straßenbahnlinien 5 und 7 das Publikum fürs Stadttheater aus, in Haus Nummer 6, bei Gräfe und Unzer - Europas größter Sortimentsbuchhandlung -, suchten die Leute nach Lesestoff, die "Gelehrte Gesellschaft" lud ein in den Universitätsneubau gegenüber, und zur Weihnachtszeit standen zwischen den Linden und Kastanien die Trödelbuden.
Hier traf man sich im Café Bauer, die Männer kauften Zigarren bei Fachhändler Kohn, während die Frauen Goldschmied Nitsch in Haus Nummer 11 beehrten oder nebenan Stopkas gediegenes Damenhutgeschäft.
Zugig und leer ist der Platz jetzt. Gespenstisch leer, als wäre alles nur ein Spuk gewesen. Die Gruppe deutscher Heimweh-Touristen, die eben einem komfortablen westlichen Reisebus entstiegen ist, traut ihren Augen nicht. Schäbige Plattenbauten stehen ringsherum, es gibt keine Straßen mehr, keine Fußgänger, nur wucherndes Gras - der Platz ist tot und inzwischen sogar namenlos. Einzig Philosoph Immanuel Kant steht noch als Bronzefigur auf seinem Granitsockel. Königsbergs berühmtester Bürger, der "Alleszermalmer", wie man den Aufklärer nannte, wirkt wie ein Bote aus versunkener Zeit. Er trägt Spazierstock und Dreispitz und deutet mit der Rechten zur Alma Mater - von der immerhin ist ein Gebäudeflügel stehen geblieben.
Seit Königsberg russisch ist und Kaliningrad heißt, gibt es in den Augen der neuen Stadtväter eigentlich nur noch eine Sehenswürdigkeit auf dem Platz: das "Bunker-Museum", Eintritt 20 Rubel, für Ausländer 40. Die bejahrten Deutschen tasten sich mühsam die steile Treppe in die feuchten Katakomben hinab.
Hier lag der letzte Befehlsstand von Otto Lasch, dem Kommandanten der von Hitler zur Festung erklärten Stadt. Am Abend des 9. April 1945, als sich Stoßtrupps der 224 000 Rotarmisten nach dreitägigem Sturm an den Bunker herangekämpft hatten, zog der General die Kapitulation dem Heldentod vor.
Das "Räubernest des deutschen Imperialismus wurde liquidiert", jubelte Stalins "Prawda". Daran stimmte, dass der Krieg Ostpreußens Metropole bis zur Unkenntlichkeit ausgelöscht hatte. Königsberg, Wiege Preußens und Krönungsort seiner Könige, Heimat nicht nur von Kant, sondern auch von Johann Gottfried Herder, E. T. A. Hoffmann, Käthe Kollwitz und Hannah Arendt, Symbol von Weltoffenheit und aufgeklärtem Bürgertum - dieses Königsberg gab es nicht mehr. Sein historischer Kern war schon ein halbes Jahr zuvor durch den Angriff von 800 britischen Lancaster-Bombern vernichtet worden.
Gut 45 Jahre lag dann bleierne Finsternis über dem Norden Ostpreußens. Nach
einem beflissenen Vasallen Stalins hieß die Stadt seit 1946 Kaliningrad, war eine mit Atomraketen bestückte Sperrzone und für Ausländer verbotene Region - Moskaus Vorposten an der Ostsee. Den abgeriegelten Distrikt durften selbst Sowjetbürger nur mit Sondererlaubnis betreten.
Zehntausende Russen, Ukrainer und Weißrussen hatte Weltkriegs-Sieger Stalin auf den 15 100 Quadratkilometer großen Landschnipsel zwischen Pregel, Memel und Kurischer Nehrung verpflanzen lassen - Verzweifelte aus den von der Wehrmacht verwüsteten Sowjetgebieten. Die Zugewanderten erlebten das elendige Ende der 140 000 zurückgebliebenen Ostpreußen, von denen ein Großteil an Hunger, Seuchen, Gewalt zugrunde ging - apokalyptische Gräuel, wie sie der Arzt Hans Graf von Lehndorff in seinem "Ostpreußischen Tagebuch" beschrieb. Der Rest der Deutschen wurde bis 1948 nach Westen vertrieben.
Sonderlich viel haben sie dann nicht gemacht, die Neuansiedler, aus einem Gebiet, das einst Kornkammer des Deutschen Reichs gewesen war. Es wurde "verstümmelt bis unter die Grasnarbe", schrieb der ostpreußische Schriftsteller Arno Surminski ("Sommer vierundvierzig").
Doch nun, am kommenden Wochenende, darf das alte Königsberg wiederauferstehen. Jedenfalls teilweise, in russischer Verfremdung und bisweilen geradezu grotesk anmutender Geschichtsklitterung. Denn gefeiert werden soll mit großem Spektakel der "750. Geburtstag Kaliningrads", so Vizebürgermeisterin Silvia Gurowa - das Jubiläum einer "russischen Stadt mit ereignisreicher Geschichte, in der es auch preußische Zeiten gegeben hat".
Wer sich schon 1987 als Ausländer in das Sperrgebiet schmuggelte, machte erschreckende Entdeckungen. Er stieß auf eine russische "Stadt ohne Vergangenheit und Seele", wie der russische Dichter Lew Kopelew Kaliningrad treffend beschrieb. Auf eine stalinistische Zitadelle im Sowjetmief, auf Kolonnen von Plattenbauten und im Zentrum auf ein unvollendetes Betonmonster - das "Haus der Räte", errichtet an jenem Platz, an dem bis Ende der sechziger Jahre die auf Befehl Breschnews gesprengte Schlossruine stand.
"Wir verkamen zum Flugzeugträger der sowjetischen Armee", sagt Andrej Kraini, früher Flottenoffizier und heute Chef des Fischereihafens. "Für den Kreml war unser Gebiet ein Koffer ohne Träger, ein Gegenstand, mit dem Staats- und Parteiführung nichts anzufangen wussten."
"Ausschlachten" war die Devise, als wäre Kaliningrad nur eine Eroberung auf Zeit. Noch in den sechziger Jahren, weiß Kraini von seinem Vater, habe Moskau Pflastersteine des alten Königsberg nach Litauen exportiert - und so den Ausverkauf einer Stadt betrieben, die nun Heimat für 400 000 Sowjetbürger werden sollte.
Erst die Öffnung der Stadt 1991 bei Implosion des Sowjetreichs verschaffte Kaliningrad einen wirtschaftlichen Aufbruch, ohne dass die Selbstzweifel und Existenzängste geschwunden waren. Noch 2001 geisterten bedrohliche Gerüchte durch die Gazetten. Würde Moskau, das schon die DDR geopfert hatte, nicht auch sein ostpreußisches Beutestück gegen einen guten Preis verscherbeln wollen? Von 70 Milliarden Mark war einst die Rede gewesen. "Alles Quatsch", versicherte Michail Gorbatschow noch unlängst dem SPIEGEL, "bei den Verhandlungen mit Helmut Kohl war von Kaliningrad nie die Rede."
Und nun also eine große Geburtstagsfeier.
Umgerechnet 44 Millionen Euro hat die Moskauer Zentralregierung zum Stadtjubiläum spendiert - für einen historischen Festumzug, die Weihe einer orthodoxen Kathedrale und die Bewirtung von 3000 internationalen Gästen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich angesagt und wird hier kommenden Sonntag seinen nunmehr in die Bredouille geratenen deutschen Freund Gerhard Schröder treffen, um eine Tafel für den Denker Immanuel Kant einzuweihen - auch Frankreichs Präsident Jacques Chirac will dazustoßen.
Seit Wochen lebt die Stadt wie im Rausch: Marode Straßen und abblätternde Häuserfassaden werden repariert, triste Ruinen in frische Farben getaucht, neue Brücken über den Pregel gelegt. Das alte Schauspielhaus wird gewaltig aufgehübscht und selbst die holprige Landebahn des Flughafens asphaltiert. Eine Jubelfeier vom Feinsten soll es werden, mit allem Pomp und drei volle Tage lang. Das bunte Szenarium überdeckt, dass es um die Jubilarin nicht gerade zum Besten steht.
Monatelang war heftig umstritten, was an diesem ersten Juliwochenende eigentlich gefeiert wird. Offiziell ist es der 750. Geburtstag der Stadt. Doch welche Stadt ist gemeint? Das deutsche Königsberg oder das russische Kaliningrad? "Eine russische Stadt im Zentrum Europas", heißt es jetzt im Festprogramm.
Die Auseinandersetzung, auf welches historische Erbe sich das russische Kaliningrad berufen darf, ist keine akademische Frage. Es geht darum, welche Zukunft eine Stadt eigentlich haben kann, die sich nicht wirklich zu ihrer Vergangenheit bekennt. Ob Kaliningrad tatsächlich zum neuen Europa gehören wird oder nicht - das treibt die meisten der 968 000 Einwohner dieses Ostsee-Sprengels um.
Aber auch die Führung in Moskau. Seit die angrenzenden Republiken Litauen und Polen EU- und Nato-Mitglieder geworden sind, ist der Oblast Kaliningrad endgültig zur isolierten Exklave mutiert. Dass ihre Bewohner
nun 500 Kilometer über ausländisches Territorium reisen müssen, um die eigene Hauptstadt zu erreichen, mag Moskau nur schwer akzeptieren. Schon wegen der Transitprobleme ist die Stadt 60 Jahre nach Kriegsende zu einem neuralgischen Punkt der europäischen Landkarte geworden.
Der Kreml hat das Kaliningrader Gebiet zwar tapfer zur "europäischen Fassade Russlands" erklärt, zum Pilotprojekt eines neuen Verhältnisses zur Europäischen Union. Engagiert allerdings hat er sich für seinen Außenposten an der Ostsee bislang eher wenig. Kaliningrad ist in Wirklichkeit für Russland eine Last, mit der es nicht viel anzufangen weiß. Stalins Eroberung - heute ist sie Moskaus ungeliebte Beute.
Das offizielle Geburtstagslogo zeigt das stilisierte, mit der russischen Trikolore hinterlegte Königstor - eines der wenigen Baudenkmäler aus dem 19. Jahrhundert, das Krieg und Vandalismus überstand. Es trägt die Skulpturen dreier Fürsten, die prägend waren für die Geschichte dieser Stadt. Im Eilverfahren haben Restaurateure der St. Petersburger Eremitage die kopflosen Sandsteintorsi notdürftig wiederhergestellt.
Links außen in neun Meter Höhe ist Königsbergs Gründervater Ottokar II. am Giebel angebracht. Der Böhmenkönig war mit dem Deutschen Ritterorden gen Osten gezogen, um im Zeitalter der Kreuzzüge die heidnischen Prußen zu christianisieren. Die Clans dieser rauhen, rotgesichtigen Gesellen und bekennenden Trinker hausten in der Sumpflandschaft des Samlands. Er muss ein harter Bursche, gar ein Schlächter gewesen sein, dieser tschechisch-deutsche Fürst. Zeitgenössische Chroniken rühmen, Ottokar habe bei seiner Mission "viel Volks erschlagen", große "Gemetzel" angerichtet und "das Verheeren mit aller Macht betrieben". Zum Dank nannten die Schwertritter 1255 die neue Burg über dem Pregel, die sie auf den Resten der prußischen Feste "Tuwangste" errichteten - Königsberg.
Rechts am Königstor ist Albrecht von Brandenburg-Ansbach zu sehen. Er machte, sehr zum Zorn von Kaiser und Papst, aus dem Ordensstaat Königsberg das weltliche Herzogtum Preußen mit einer protestantischen Uni, der zweiten nach Marburg. Und in der Mitte wacht Brandenburgs Kurfürst, der sich im Januar 1701 in der Schloss- kirche als Friedrich I. selbst zum ersten König in Preußen krönte.
Königsberg hatte damals mit 40 000 Einwohnern doppelt so viele wie Berlin. Kulturell und politisch begann die Stadt am Pregel nun den Aufstieg zu einer europäischen Metropole. Jürgen Manthey hat dieser "Geschichte einer Weltbürgerrepublik" ein nobles literarisches Denkmal gesetzt**.
Für das Bild von Urbanität, Freiheitssinn und Toleranz stand über allen Immanuel Kant. Der Großaufklärer verließ trotz verlockender Offerten anderer Hochschulen nie seine Heimatstadt, nannte sie "einen schicklichen Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis, wo diese, auch ohne zu reisen, gewonnen werden kann".
Das alte Königsberg wurde zwar ausgelöscht, doch Spuren seiner früheren Bewohner finden sich noch zur Genüge. Allen voran die Zwingburgen der Hauptstadt des untergegangenen Preußen: Kasernen, Gefängnisse, Befestigungstürme und Stadttore, Behördengebäude und Schulen. Bisweilen wurden üble Vorbilder einfach nachgeahmt: Wo die Gestapo NS-Gegner malträtierte, im karmesinroten Ziegelsteingebäude am früheren Hansa-Platz, ist jetzt die Residentur der KGB-Nachfolger.
Erhalten blieb das Grabmal Immanuel Kants an der Rückseite des Doms, der mit deutschen Geldern wiederaufgebaut wurde - ein wenig orthodox umgeschminkt zwar, aber mit würdigem Kant-Museum und protestantischer Kapelle.
Keine größere deutsche oder ehemals deutsche Stadt ist durch Krieg und Nachkriegszeit so zerstört worden wie Königsberg, fand die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff, die nahe der Stadt aufgewachsen war. Und keine sei so "in ihrer Geschichtlichkeit getroffen" worden.
Andererseits: Es gibt auch keine russische Stadt, die 14 Jahre nach dem Ende des Sowjetreichs noch immer so auf der Suche nach sich selbst ist wie Kaliningrad. Und die unter ihrer Lage leidet wie kaum ein zweiter Ort im Putin-Reich.
"Hongkong an der Ostsee"? "Russlands Fenster nach Europa"? Anderthalb Jahrzehnte nach Öffnung der Stadt hat Ernüchterung die Superlative der Politiker verdrängt. Die Pläne von Russlands aufstrebender Insel an der Ostsee - allesamt inzwischen Makulatur.
"Seht euch an, wie gemütlich die alte Stadt war, wie menschenfreundlich. Kaliningrad aber ist die langweiligste Stadt des Baltikums", schreibt die "Kaliningradskaja prawda" jetzt voller Bitterkeit, das führende Blatt der Provinz.
13 in Moskau residierende EU-Botschafter, die das Außenministerium im März dieses Jahres zu Studienzwecken nach Kaliningrad einfliegen ließ, kamen zu einem besonders niederschmetternden Schluss. Ein Konzept für Russlands westlichstes Territorium sei nicht in Sicht. Stattdessen wirke die Stadt "schmutzig, unaufgeräumt und voller Müll", übermittelte der ungarische Diplomat Ferenc Kontra den Gastgebern die Eindrücke seiner Kollegen: "Ihre Probleme haben nichts mit der Europäischen Union zu tun, sondern mit dem schweren sowjetischen Erbe."
Selbst der ehemalige Sonderbeauftragte des Präsidenten im Kaliningrader Gebiet, Dmitrij Rogosin, änderte seine Meinung radikal. Hatte der großrussisch gesinnte Duma-Abgeordnete früher mit deftigen Worten die Brüsseler EU-Zentrale und ihr angebliches Desinteresse an einer Lösung des Kaliningrad-Problems angeprangert, beklagt er nun die "totale Wurstigkeit" der Führung in Moskau. "Jedes andere Land würde an eurer Stelle binnen kürzester Zeit großen Wohlstand erreichen", gab er bei einem seiner Besuche zu Protokoll: "Das habt ihr davon, dass unsere liebe Regierung euch im Stich gelassen hat."
Weder Kraft noch Geld hatte der Kreml früher in die zivilen Strukturen dieser Gegend investiert. Im viel weiter nördlich gelegenen Estland dagegen finanzierte er einen Großhafen, im litauischen Klaipeda, früher Memel, einen modernen Fähranleger. Alles auf Kosten Kaliningrads, obwohl das frühere Königsberg über eine bessere Infrastruktur verfügte und wesentlich kürzere Wege nach Europa.
Kein Wunder, dass das Gebiet vom Zusammenbruch der Sowjetunion besonders hart getroffen wurde. Die Idee des Gebietsparlaments, Kaliningrad in eine Sonderwirtschaftszone zu verwandeln, war schlichte Überlebensstrategie: Man führte zollfrei Waren aus dem Westen ein, veredelte sie ein wenig in Kaliningrad und lieferte sie dann zollfrei weiter ins Mutterland. Das machte zwar einige Provinzpolitiker und -unternehmer reich. Impulse für ein russisches Hongkong brachte diese Schraubenzieherproduktion jedoch nicht.
Seit Kaliningrad zur Exklave geworden ist, verspricht Moskau seinem Außenposten fast im Monatstakt mehr Eigenständigkeit. Die Zusagen werden später entweder vergessen oder von Moskauer Bürokraten konterkariert.
Dabei hatte Präsident Putin bereits 2001 dem russischen Sicherheitsrat einen klaren Auftrag erteilt: Das Gremium sollte möglichst schnell "Hauptrichtungen zur Entwicklung Kaliningrads" formulieren. Das Papier gibt es vier Jahre später noch immer nicht.
Stattdessen binden aufgeblähte Beamtenapparate, finanzielle Abhängigkeiten und ein Netz überkommener Vorschriften den 1000 Kilometer entfernten Außenposten weiterhin an die Zentrale, mit zum Teil bizarren Folgen. Einen Brief aus Hamburg mit Bestimmungsort Kaliningrad zum Beispiel befördert die Post keineswegs direkt in die Ostseestadt, das Schreiben nimmt meist den 2000 Kilometer langen Umweg über die russische Hauptstadt; Zeitverlust: drei oder vier Wochen.
Seit Einführung der EU-Grenzregelungen durch Polen und Litauen hatten die Kaliningrader inständig an ihre Regierung appelliert, für sie wenigstens eine gesonderte Visa-Regelung auszuhandeln. EU-Bürgern sollte die visumfreie Einreise in das Gebiet gewährt werden, im Gegenzug sollten Einwohner der Exklave Mehrfach-Sichtvermerke
für alle Schengen-Staaten erhalten. Der Austausch von Menschen und Waren ließe sich auf diese Weise befördern, hofften die Abgeordneten des Gebietsparlaments.
Der Kreml aber legte sein Veto ein: Schengen-Visa für alle Russen oder für gar keinen, so seine Position - damit war auch diese Idee wieder tot. Mehr noch: Weil Moskau dem ersten deutschen Generalkonsul in Kaliningrad seit anderthalb Jahren eine standesgemäße Unterkunft verweigert, müssen sich Reisende den deutschen Sichtvermerk - nach einer Übergangsregelung - wieder in der fernen Hauptstadt oder in St. Petersburg holen. Kaliningrad sei zur "Geisel Moskaus" geworden, zu einer "Karte im geopolitischen Spiel", kommentiert Raimundas Lopata, Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen im benachbarten Vilnius.
Selbst über die bevorstehende Geburtstagsfeier entschieden nicht etwa die Kaliningrader. Erst verbot Moskau das Gedenken an die sieben Jahrhunderte alte Vorkriegsgeschichte der Stadt, dann lenkte Putin ein und genehmigte den Jubiläumsakt - möglicherweise hatte ihn Ehefrau Ljudmila umgestimmt, die frühere Stewardess stammt selbst aus Kaliningrad. Das Jubiläum gerate nun zu einem "PR-Gag des Präsidenten", empört sich der Politologe Solomon Ginsburg, der für die Opposition in der Gebietsduma sitzt.
Hinter der Debatte, ob man den Geburtstag der Stadt feiern dürfe oder nicht, steckt die Furcht der Zentrale vor politischen Alleingängen der Exklave. Schon geringste Angriffe auf seine Hoheitsrechte stuft der Kreml als versuchten Landesverrat ein; erst recht jetzt, da Patriotismus landesweit als letzter ideologischer Anker gilt.
Sergej Pasko, 54, Chef des örtlichen Kleinunternehmerverbandes, hat das zu spüren bekommen. Wie die meisten seiner Generation kam er als Offizierskind nach Kaliningrad. Dort gründete er 1992, gleich nach dem Untergang der Sowjetunion, die Baltische Republikanische Partei und strebte mit ihr eine Volksabstimmung an. Die Kaliningrader sollten selbst entscheiden, ob sie den Status einer Republik innerhalb der Russischen Föderation erlangen wollten. Das Plebiszit sollte ermöglichen, so Paskos Gedanke, die Exklave "zu einem gleichberechtigten Partner" Europas werden zu lassen.
Pasko fand lediglich 650 Parteigänger und kaum Unterstützung im Gebietsparlament. Doch Moskau nahm die Idee so ernst, dass es die Tätigkeit der "Separatisten-Partei" 2003 gerichtlich unterbinden ließ.
Der zähe Jurist ließ sich nicht entmutigen. Im Februar dieses Jahres brachte er die "Gesellschaftliche Bewegung ,Respublika'" auf den Weg, die Kaliningrad nur noch als assoziiertes Mitglied der Russischen Föderation gelten lassen will. Am Kant-Denkmal trafen sich seine Anhänger jüngst unter den neuen Vereinsfahnen: Sie hatten Orange gewählt - die Farbe der ukrainischen Revolution.
Pasko mag ein exaltierter Einzelgänger sein, für Aufregung im politischen Moskau sorgt er allemal. Vehement erboste sich der Vorsitzende der Kommunistischen Partei wegen "jener antirussischen Kräfte", die auf eine "Zerstückelung des Landes" zielen: "Wenn man in den USA öffentlich für eine Abtrennung Alaskas einträte, käme man dafür ins Gefängnis."
Doch auch Politiker des Moskauer Establishments denken mitunter laut darüber nach, wie man die immer lästiger werdende, weil auf den Geldbeutel drückende Exklave loswerden könnte - ohne sie aus dem Staatsverband zu entlassen. Ilja Klebanow zum Beispiel, der Präsidenten-Bevollmächtigte in Russlands Nord- westregion.
Der Kreml-Beamte startete im Februar einen überraschenden Testballon: Kaliningrad müsse den Status eines russischen "Auslandsterritoriums" erhalten, forderte Klebanow, vergleichbar etwa französischen Überseeterritorien wie Neukaledonien. Das würde dem Gebiet den Weg nach Westen öffnen, die Anpassung an europäisches
Recht und möglicherweise sogar den Eintritt in die Eurozone. Noch am selben Tag wies das Moskauer Außenministerium den Vorschlag als "nicht verfassungskonform" zurück.
So gleicht das Verhältnis zwischen Moskau und Kaliningrad einer zerrütteten Ehe: Der Kreml ist seiner Eroberung überdrüssig geworden. Aber er spielt den Platzhirsch und torpediert ihre Versuche, eigene Wege zu gehen. Auch dadurch, dass er immer mehr Symbole zur Betonung seines Eigentumsanspruchs setzen lässt - als werde die Zugehörigkeit Kaliningrads zu Russland von irgendjemandem im Westen noch ernsthaft in Frage gestellt.
Mitten im Stadtzentrum, am Siegesplatz, funkelt nun die marmorweiße Christ-Erlöser-Kathedrale mit ihren fünf goldenen Kuppeln, Kaliningrads erste neugebaute orthodoxe Kirche, in Rekordzeit und mit Moskauer Staatsgeldern errichtet - Russlands Patriarch Alexij II. höchstselbst soll sie am Sonntag weihen.
Wer von der See her Kaliningrad ansteuert, wird bei der Einfahrt in den Hafen Baltijsk, früher Pillau, indes von einer monumentalen Bronzestatue begrüßt: der Zarin Elisabeth. Die Tochter Peters des Großen war zwar nie in Königsberg, doch hielten ihre Truppen die Gegend im Siebenjährigen Krieg über vier Jahre lang besetzt.
Historiker hatten zudem wunschgemäß herausgestellt, Ostpreußen sei ursprünglich slawischer Boden, und selbst der große Immanuel Kant habe einen Eid auf Russlands Zarin abgelegt. Ein erstmals herausgegebenes Lexikon "Russen in Ostpreußen" zählt akribisch mehr als 1500 Namen von Diplomaten, Militärs, Wissenschaftlern und Reisenden auf, selbst wenn die in Königsberg einst nur die Pferde gewechselt hatten.
Bei solch großzügigem Umgang mit der Historie Königsbergs wundert es nicht, wie sensibel das offizielle Russland andererseits auf vermeintlich deutsche Ansprüche reagiert. So hatte eine harmlose Bundestagsanfrage der Opposition vor zehn Monaten zu diplomatischen Verstimmungen geführt. "Der deutsche Reichstag ist bereit, das Königsberger Gebiet zurückzuholen", titelte die Moskauer "Nesawissimaja gaseta" - nur weil sich 71 CDU/CSU-Abgeordnete nach einer geplanten "Euroregion" erkundigt hatten. "Der Revanchismus einiger Bundestagsabgeordneter" beweise die "Notwendigkeit unserer permanenten Gefechtsbereitschaft", schwadronierte daraufhin ein Admiral der Baltischen Flotte.
Wer dieser Tage nach Kaliningrad fährt, ohne den Umweg über Moskau, ohne sich dort mit politischer Aufgeregtheit infizieren zu lassen, ist eher verblüfft: Die Stadt gibt sich, als habe sie mit dem Gezerre um ihre Zukunft nicht das Geringste zu tun.
Bunter ist sie geworden, quirliger, etwas wohlhabender auch. Hochhäuser im verspielten Stil der neorussischen Architektur schießen aus dem Boden. Am Lenin-Prospekt kaufen kurzberockte Schönheiten bei Armani oder Gucci ein, und die Konsumtempel der "Wiktorija"-Kette konkurrieren spielend mit jedem deutschen Supermarkt.
Hinterm Nordbahnhof hat ein gläserner "Mega-Markt" aufgemacht, der rund um die Uhr die Möglichkeiten grenzenlosen Shoppings demonstriert - und nebenbei den ideologiefreien Umgang mit der Stadtgeschichte:
Im Atrium hängt über mehrere Etagen ein Bild vom längst verschwundenen Königsberger Schloss.
Wenn es um Kommerz geht, kennt Kaliningrads Geschäftswelt sowieso keinerlei historische Hemmungen. Antikläden bieten NS-Devotionalien, deutsche Stahlhelme, preußische Wappenschilde oder Originalgeschirr aus der historischen Weingaststätte im Schloss an, dem "Blutgericht". Die Hotel-Shops hoffen bei der Jubiläumsfeier auf einen Reibach unter deutschen Touristen mit T-Shirts, Kaffeetassen oder Wimpeln mit alten Stadtansichten.
Fit für das Großereignis zeigt sich auch die alte Königsberger Brauerei, nun in der Hand der postsowjetischen Kompanie PIT. Die stellt für 18 Rubel, etwa 50 Cent, ein durchaus schmackhaftes Jubiläumsbier in die Supermarktregale, "Königsberg 750", mit der deutschen Inschrift auf dem Etikett: "Nach dem Reinheitsgebot aus dem Jahre 1516 gebraut".
Es sind vor allem die jungen Kaliningrader, die keine Berührungsängste mehr mit der Stadtgeschichte haben. Jene, die nachts im Club "Planeta" vor der Striptease-Bühne tanzen, im "Universal" an den Tischen der Spielbank balzen oder sich im "City-Park" am alten Sackheimer Tor treffen - dort, wo die Kaliningrader Band LP aufspielt, die mit ihren Songs "Pro kotow" (Über die Kater) und "Ona ulybajetsja" (Sie lächelt) derzeit die russischen Charts aufrollt.
Kaliningrads Statistiken sind grauer, trostloser. Glaubt man ihnen, liegt das Durchschnittseinkommen in der Region bei 178 Euro, das Pro-Kopf-Einkommen macht zwei Drittel des litauischen aus und nicht mal die Hälfte des polnischen, 25 Prozent der Einwohner leben unter der Armutsgrenze - mehr als im übrigen Russland.
Auch Stephan Stein, seit Jahren Kaliningrad-Statthalter der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Russland, verbreitet wenig Optimismus. 350 deutsche Unternehmen oder solche mit deutscher Beteiligung zählt er in seinem Bereich, das macht 300 000 Dollar Direktinvestitionen pro Jahr - "ein Klacks für diese Gegend".
BMW montiert hier ein paar tausend Autos pro Jahr, verkauft werden sie im russischen Hinterland; die Teile werden alle aus Bayern zugesandt. Thomson und Hitachi lassen in Kaliningrad Fernsehapparate zusammenschrauben. Einziger russischer Großunternehmer vor Ort ist der Kreml-nahe Ölkonzern Lukoil. Er fördert 22 Kilometer vor der Küste der naturgeschützten Kurischen Nehrung Öl, sponsert den Wahlkampf von Gouverneur und Bürgermeister, den örtlichen Fußballclub "Baltika" und hat sich wohl auch bei der größten Zeitung eingekauft.
Für eine Region, die das Privileg genießt, Waren zollfrei zu importieren, ist das eine magere Bilanz. Woher also der Bauboom, woher der neue Reichtum einer aufstrebenden Mittelklasse?
Andrej Kraini, 47, der Direktor des Fischereihafens, blickt zum Fenster seines Chefzimmers hinaus, hinüber zu den renovierten großen Speichern, welche die Deutschen vor 81 Jahren auf über 5000 Pfählen am Hafenbecken IV errichtet hatten - und grinst. Zum einen, weil gerade auf seinem Handy die alte Sowjethymne erklingt, sein Lieblingsklingelton. Zum anderen, weil die Erklärung ein offenes Geheimnis für ihn ist: Wohl nirgendwo in Russland triumphiere die Schattenökonomie so wie in Kaliningrad, sagt er. Experten beziffern ihren Anteil an der Gesamtwirtschaft auf 80 Prozent.
Er meint nicht nur den Schmuggel mit Zigaretten und Alkohol in die nahe EU oder den umgekehrten Handel mit westlichen Gebrauchtwagen, sondern dass die Löhne in den Unternehmen meist noch im Umschlag ausgezahlt werden, also schwarz - an Steuerkasse und Rentenfonds vorbei.
Kaliningrads größte Plage aber sei die Korruption: Als Schmiergeld für Auftragsvergaben verlangten örtliche Beamte inzwischen mindestens zehn Prozent. Und das Zollfrei-Regime habe zum Missbrauch geradezu eingeladen. Ob Autos, Bier oder Toilettenpapier: Um den Strom von Importwaren zu steuern, werden inzwischen Warenquoten verkauft. Oft so ungeniert, dass Gouverneur Wladimir Jegorow vor kurzem sogar seinen Vize entlassen musste - der hatte 150 000 Dollar Bestechung kassiert, für die Einfuhr von Importautos, wie die Staatsanwaltschaft vermutet.
Die Führung des Gebietes nutze Kaliningrads Sonderlage und Moskaus Unentschiedenheit in Sachen Exklave aus, sie wirtschafte nur in ihre eigene Tasche, sagt Kraini: "Solange hier nicht Transparenz einzieht, kommen keine größeren Unternehmen her, solche wie Ikea oder Mars, die in Moskau einst den großen Investitionsboom auslösten."
Man brauche für eine Gegend wie diese zündende Ideen, doch sei "das intellektuelle Niveau der Regionalpolitiker begrenzt". Als Siemens/Bosch jüngst Bedingungen für eine Kühlschrankfertigung bei Kaliningrad sondierte, habe der Gouverneur den Deutschen nicht mal Gas und Strom garantieren können, die Investoren zogen weiter nach St. Petersburg. "Die Administration", sagt der Hafenchef, "unterstützt nur Projekte, bei denen sie selbst am meisten klauen kann."
So reden kann nur einer, der unabhängig von den Provinzmächtigen ist. Tatsächlich untersteht der Fischereihafen noch Moskau. Der Kreml aber sieht der Provinzführung immer misstrauischer auf die Finger - es verschwindet einfach zu viel Geld am Ostseehaff.
Das Gesetz über die Sonderwirtschaftszone hat die Modernisierung der Industrie in Wirklichkeit nicht vorangebracht und die Kaliningrader zu einem Volk von Grenzhändlern degradiert. Die Importe steigen jedes Jahr rasant, zuletzt auf rund 1,4 Milliarden Euro - während auf der Exportseite nahezu Flaute herrscht. Klar, dass der Kreml sich ärgert, weil er Kaliningrads Haushalt trotzdem fast zur Hälfte subventionieren muss.
Die Regierung will die Zollfreiheit für Konsumgüter nun abschaffen. Steuerfrei wird nur noch der gestellt, der innerhalb von drei Jahren mindestens 4,3 Millionen Euro in sein örtliches Unternehmen investiert. Was Wirtschaftsfachmann Stephan Stein wiederum für verhängnisvoll hält, denn dann kämen deutsche Mittelstandsbetriebe gar nicht mehr nach Kaliningrad.
Vorerst aber wird weitergewurstelt, die Kluft zwischen Exklave und Zentrale vertieft sich mit jedem Tag. Auch Walerij Bugrow merkt das, Chef der privaten Kaliningrader Baufirma Rossbahn.
Rossbahn möbelt die "Berlinka" wieder auf, die unter Hitler gebaute Autobahn, die ab 1938 Königsberg mit Elbing verband und dann weiter als "Reichsstraße 1" über Berlin bis nach Aachen führte. Seit zwölf Jahren ist Bugrow dabei, sie zu asphaltieren und auf vier Spuren zu erweitern, aber es geht nur scheibchenweise voran. Denn für das Projekt gibt allein Moskau Geld, und das schickt alle paar Jahre vielleicht mal 100 Millionen Rubel, sagt Mechaniker Peter Rene Schwarz, der einzige Deutsche in der Firma. Auch dieses Jahr ist die versprochene Tranche nicht gekommen.
Die "Berlinka" ist eine Geisterbahn ins Nichts, endet derzeit an der polnischen Grenze, vor einem rostigen Eisentor. Ein paar hundert Millionen Rubel noch, und der Bau wäre perfekt, und vielleicht könnte er später tatsächlich Teil der erträumten "Via Baltika" bis hoch nach Riga werden. Aber wer wagt so weit zu denken in einer Exklave, deren Zukunft ungewiss ist?
Im Gegensatz zu Bugrow ist Alexander Jaroschuk ein Freund des Bürgermeisters und wohl auch deswegen besonders erfolgreich. Früher ebenfalls Flottenoffizier, betreibt er jetzt vier Baumärkte in Kaliningrad, ein gläsernes Geschäftszentrum in bester Lage, und er baut Wohnungen. "Seit drei Jahren boomt bei uns der Bau", freut sich Jaroschuk, "kaum hast du den Bauzaun errichtet, sind die Wohnungen schon verkauft: Die Leute, die jetzt Geld haben, wollen es auch anlegen; die Immobilienpreise der Stadt liegen landesweit bereits an vierter Stelle." Es gehe aufwärts in Kaliningrad, sagt der Unternehmer: Mit seinen 39 Jahren zählt er inzwischen zu den reichsten Männern der Stadt.
Damit die Geschäfte reibungslos laufen, hat er dem Volk zwei Kirchen gespendet und sitzt nun sogar im Stadtrat, für die Kreml-nahe Partei Einiges Russland. Die hat dort die absolute Mehrheit, man ist quasi unter sich und betreibt Protektionismus. Baugrundstücke gibt der Bürgermeister bevorzugt an die eigenen Leute ab, "wir wollen kein Moskauer Geld hier, auch keine ausländischen Investoren", rechtfertigt das Jaroschuk: "Wenn ich ein Haus für mich baue, brauche ich keine Fremden dazu."
So funktioniert der Mikrokosmos Kaliningrad. So auch verschärfen sich die Ungleichheiten in der Stadt. Denn zwischen der Schicht der Provinzialobrigkeit und jener der Neureichen, die vom Schwebezustand der Exklave profitieren, gibt es noch andere Kaliningrader: die alten Mütterchen, die auf der Straße Zwiebeln oder Kartoffeln aus Plastikeimern verkaufen, die Behördenangestellten, die mit weniger als 100 Euro Gehalt auskommen müssen, jene, die noch immer über die schlechte Strom- oder Wasserversorgung und die maroden Straßen klagen, denn die Stadt hat bisher wenig in die Infrastruktur investiert - und die intellektuelle Elite.
Für sie sind die Machtkämpfe zwischen Moskau und Provinzführung Nachrichten aus einer anderen Welt. "Die haben sich in Statusfragen und Budgetgeschacher verbissen", sagt Andrej Klemeschow, der Rektor der Universität, die seit kurzem den Namen Kants tragen darf: "Aber es geht auch um Kultur und Geschichte der Stadt."
"Ich hätte mir gewünscht, dass wir das Jubiläum nutzen, um an das Erbe der Weltbürgerstadt Königsberg anzuknüpfen", unterstützt ihn Schriftsteller Wjatscheslaw Karpenko, der Vorsitzende des örtlichen PEN-Clubs. Und Duma-Abgeordneter Ginsburg sagt, Kaliningrad liege heute "nur rein geografisch in Europa: Montreal oder Wellington sind längst europäischer".
Ginge es ohne Abhängigkeit von Moskau vielleicht doch besser voran? Nein, meint der Rektor, die Separatismus-Idee sei "künstlich und verlogen". Autonomie ja, aber bitte "innerhalb des russischen Kulturraums", so träumt Karpenko.
Auch Ginsburg sieht es real: Kaliningrad sei ein kleines Modell der früheren Sowjetunion. Rund hundert Nationalitäten sind unter der Einwohnerschaft vertreten, fast jeder Zweite sei Migrant und stamme nicht von hier. Da gebe es keine einigende "nationale Idee", keinen Boden für ethnischen oder religiösen Separatismus.
Ginsburg will Schluss machen "mit all den Träumereien". Es gebe "nur eine Mission Kaliningrads: mit dem eigenen Beispiel für ein anständiges Bild Russlands in Europa zu sorgen". Die Exklave will kein Ort der Depression mehr sein, soll das heißen - keine politische Geisel, kein Las Vegas für Neureiche. Sondern ein Ort, der wieder zur Drehscheibe wird zwischen Ost und West. Und der trotz seiner exponierten Lage endlich zu Normalität und gewissem Wohlstand findet.
Die Gefahr, dass Kaliningrad irgendwann nicht mehr auf Moskau hört, lauere ganz woanders, meint Rektor Klemeschow: in der wachsenden Wohlstandslücke, die sich zwischen Kaliningrad und seinen Nachbarn Litauen und Polen auftut.
"Das Schlimmste", was den Jungen hier passieren könne, räsoniert der Herr über 13 000 Studenten, wäre eine Entwicklung, die sie als interkulturelle Surfer zwischen Ost und West "zu heimatlosen Burschen macht". Ginsburg sieht das fast schon als Realität: "Für die Jugend hier ist der Mercedes wichtiger als Roter Platz und russische Birke zusammen."
Er ist wohl nahe an der Wahrheit. Viele Kaliningrader sind inzwischen öfter in Deutschland gewesen als in Groß-Russland. Kein Wunder, bis Berlin sind es bloß 530 Kilometer, nach Moskau doppelt so viele. OLAF IHLAU, CHRISTIAN NEEF
Von Olaf Ihlau und Christian Neef

DER SPIEGEL 26/2005
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RUSSLAND:
Moskaus ungeliebte Beute