27.06.2005

LITERATURKrach auf dem Flachdach

Der brillante britische Humorist Nick Hornby wagt sich mit „A Long Way Down“ ans große Romanformat: ein Kleinmeister im Schwergewicht. Von Urs Jenny
Seine innere Stimme flüstert dem, der sich seit je als Versager fühlt, höhnisch zu: "Es gibt nichts, was du nicht versauen kannst, wenn du dir nur genug Mühe gibst." Also erst das eigene Leben, dann den eigenen Tod. Denn: Die meisten Selbstmordversuche misslingen.
Es wollen sich angeblich ja oft gerade jene Leute das Leben nehmen, von denen man das nie gedacht hätte, und angeblich üben dabei bestimmte Orte und bestimmte Zeitpunkte eine eigene Anziehungskraft aus - als gäben sie der Sache damit eine eigene Bedeutung.
Also zum Beispiel, im vorliegenden Fall, die Silvesternacht und der Sprung von einem überragenden Bau namens Topper's House im Londoner Norden. Der Möchtegern-Selbstmörder Martin, ein abgehalfterter Frühstücksfernsehmoderator mittleren Alters, der sich selbst auf der Selbstmord-Entschlossenheits-Skala des amerikanischen Suizidforschers Aaron T. Beck 21 von möglichen 30 Punkten bescheinigt, hat sich mit Leiter und Drahtschere gerüstet, um von dem rundum vergitterten Flachdach den Absprung zu schaffen.
Doch dann stört ihn bei dieser intimen Verrichtung eine freundliche ältere Dame namens Maureen - ihrerseits, wie sich zeigt, Silvesternachts-Selbstmord-Kandidatin -, die seine Leiter mitbenutzen möchte. Zu ihnen stößt eine hysterisch selbstmordwütige 18-Jährige mit reichlich Liebeskummer, Selbsthass sowie ein paar Bacardi Breezer und schlechtem Ecstasy im Leib, die sich vordrängeln will: Gerangel, Geraufe, Geschrei, da erscheint ein aufgeregter Bursche mit zwei quadratischen Schachteln auf dem Arm: "Hat von euch jemand Pizza bestellt?" Auch er möchte nur noch rasch seine Ware abliefern und dann vom Dach springen.
Was nun? Immer der Reihe nach oder alle auf einen Rutsch? So geht das natürlich nicht. Erst einmal werden die Pizzas verputzt, obwohl, aber andererseits, ob mit vollem oder leerem Magen ...
Es ist ein herrlich tragikomischer Einakter mit Gitter und Leiter, Schere und Pizza-Kartons als Slapstick-Requisiten, den Nick Hornby da auf dem silvesternächtlichen Hochhausdach in Szene setzt, flink und witzig auf der Kippe zwischen Leben und Tod: eine Art Casting-Show für Selbstmörder, als wollten da vier Stand-up-Comedians mit verzweifeltem Übereifer dem Publikum ihre Verzweiflung verkaufen - doch ihnen allen, kein Wunder, kommt mit der Einsamkeit als Conditio sine qua non die Entschlossenheit zur Tat abhanden.
Einerseits gibt es ja nie einen wirklich zwingenden Grund zum Selbstmord, andererseits kann einem jeder recht sein, solange man nicht an der unchristlichen These festhält, dass Leben jedenfalls besser als Totsein sei. Die vier auf dem Dach verständigen sich darauf, ihre "Deadline" bis auf weiteres zu vertagen (der Freitod bleibt ihnen ja als Option offen, gewissermaßen als "ein Notgroschen für klamme Tage"), doch dann - "noch eine Spur unglücklicher" als vorher, weil mit dem Gefühl einer weiteren Niederlage belastet - machen sie sich an den Abstieg, 15 Etagen hinunter, zu Fuß: "A Long Way Down"*.
"Es ist doch so, die Idee war einfach zu gut, um sie wegzuwerfen, oder?" Wenn nur nicht schon in der Morgendämmerung nach ihrer silvesternächtlichen Begegnung auf dem Flachdach den vier Unglücksmenschen ernüchternd klar würde, dass sie - über das beschämende Geheimnis hinaus, das sie eint - einander nichts zu sagen haben. Doch das Wunschdenken des Autors lässt in ihnen, obwohl sie sich hauptsächlich streiten, das Selbstverständnis einer Art Schicksalsgemeinschaft und Lebenshilfegruppe auf Gegenseitigkeit (als "Topper's House Four") entstehen: Sie kommen einen langen Roman lang nicht voneinander los.
Nick Hornby, 48, ist in den neunziger Jahren durch zwei oder drei autobiografisch grundierte Bücher berühmt geworden, in denen er der Spezies Mann in der Spielart des lebenslänglichen Kindskopfs und Losers und Frauenverstehers eine unverwechselbare Stimme gab, mit so viel selbstironischer Schlagfertigkeit, dass auch Frauen Erkenntnisgewinn darin fanden.
Und was er zu sagen hatte, kam so wunderbar locker herüber, ganz ohne Literaturkrampf auf Augenhöhe mit der geballten Banalität des zu bewältigenden Lebens, als gelänge es ihm, einfach jene leise innere Stimme zu Papier zu bringen, mit der man sich selbst fortwährend sein Leben erzählt. Passend dazu erklärte Hornby mit trotzigem Stolz, dass er literarische Literatur absolut nicht leiden könne.
Inzwischen aber hat er - sagen wir: wohl oder übel, da es sich nicht vermeiden ließ - die Selbstwahrnehmung eines auch literarisch anerkannten Welterfolgsautors gewonnen, und deshalb legt er sich nun die Latte künstlerisch erheblich höher. Es sind in "A Long Way Down" die vier Hauptfiguren selbst, die in einer heikel ausbalancierten Konstruktion abwechselnd ihre Geschichte erzählen. Gemeinsam ist ihnen, unabhängig von der Individualität, eine Grundausstattung an Selbstironie sowie das unbändige Hornby-Talent für drollig treffsichere Vergleiche.
Natürlich hat jede der vier Figuren eine gewisse sprachliche Charakteristik: Bei Martin steht dafür das oft etwas zu fixe Gelaber des TV-Routiniers; bei JJ, dem in London zum Pizza-Austräger heruntergekommenen Möchtegern-Rockstar aus den USA, sind es gewisse hemdsärmelige Amerikanismen; und bei der altjüngferlichbetulichen Maureen werden die im Dialog leider unvermeidbaren Schmutzwörter gern diskret mit drei Pünktchen als "F..." oder "Sch..." angedeutet, während die Postpunk-Göre Jess gern pubertär provozierend herumpöbelt, sich dann aber sogar Gedanken über die korrekte Interpunktion ihrer Suada und deren Wirkung auf ihre Leser in einer sehr fernen Zukunft macht:
"Schiebt euch euer Lächeln in euren schlaffen alten Arsch."
Leider aber - und auf der Höhe von Hornbys Kunstanspruch ist das gravierend - bleibt diese gekünstelte Rollenverteilung wirkungslos, weil die vier doch so gleichartig, so ordentlich der Reihe nach ohne jede Vorwegnahme (und gern in "Wir"-Form) erzählen, dass der stafettenstabsmäßige fliegende Wechsel vom einen zum anderen Erzähler stets glatt und widerspruchsfrei klappt: Die vermeintliche Vierstimmigkeit bleibt bloße Behauptung, wie das mit verstellter Stimme forcierte "Wir"-Gefühl überhaupt, in dem sich ein innerer Zusammenhalt darstellen soll.
Natürlich kann man solche Einwände wegwischen und sagen: Scheiß drauf, dass diese vermurkste Konstruktion nicht funktioniert, folglich stört sie den Lesefluss auch nicht. Wahrscheinlich war sie sowieso nur ein nachträgliches Notbehelfsgerüst für eine Stoffmasse, mit der anders irgendwie nicht zu Potte zu kommen war. Ist denn das alles nicht amüsant? Nicht voll von widerspenstig lebendigen Details? Und hampelt Hornby mit seinem tragikomischen Melancholikercharme nicht wie gehabt und gekonnt von Nummer zu Nummer?
Das schon. Aber kann es sein, dass der Vorwurf, seine hochgelobten Bücher seien doch ein wenig zu witzig und ein wenig zu schmal, tief in Nick Hornby frisst? Und dass er deshalb beschlossen hat: Diesmal muss es ein unanzweifelbar großer Roman sein, ein unanzweifelbar bedeutender, in dem es wirklich um die berühmten letzten Dinge geht? Also einer, der den Vorschuss von einer Million Pfund wert ist? Und also kein witziger, sondern ein sentimentaler?
Martin als Hobbyheimwerker bringt das Grundproblem auf Seite 86 auf die hübsche Formel: "Vielleicht ist das Leben an sich ein zu großer Riss, um es ohne weiteres zuspachteln zu können." Aber 200 Seiten später will Nick Hornby das nicht mehr wahrhaben und greift zum Spachtel. Wer sagt denn, dass Happy Ends Mist seien? Sogar die zutiefst untröstliche Rotzgöre Jess (die rührendste der vier Figuren) will unbedingt eines hinkriegen. Und doch: Es gibt selten ein dermaßen kluges Buch, in dem sich auf eine dermaßen enttäuschende Weise am Ende alles zum Wohlgefälligen hinsuppt.
"A Long Way Down" ist ein Welthit. Johnny Depp hat für Millionen die Filmrechte gekauft und würde am liebsten selbst alle vier Rollen spielen. In den USA lesen manche Telefonseelsorger ihren suizidgefährdeten Anrufern Episoden aus dem Buch vor, um sie aufzuheitern ("The message is that they are not alone"), was aber andere Telefonseelsorger für überhaupt keine gute Idee halten. Hornby könnte sagen, das habe er nicht gewollt (was er niemals sagen wird, weil er so nett ist und niemanden vor den Kopf stoßen will). Er kann aber nicht sagen, er könne nichts dafür.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 26/2005
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