16.05.1977

Arbeitslos - feines Leben auf fremde Kosten?

Die Autokonzerne suchen dringend Bandarbeiter und Fachkräfte, das Gaststättengewerbe hat Tausende von offenen Stellen, und sogar auf dem Bau fehlt es an Facharbeitern. Zur gleichen Zeit ist rund eine Million Arbeitslose registriert. Sind die Deutschen zu einem Volk von Drückebergern und Faulenzern geworden?
Pünktlich um neun Uhr erscheint, fünfmal die Woche, die Bonner Dekorateurin Ingrid Schäfer* bei ihrem Arbeitgeber. Sie putzt die Vier-Zimmer-Wohnung, kümmert sich um die Kinder und macht kleine Besorgungen. Mittags um zwölf Uhr geht sie.
Am Ende des Monats stimmt für sie die Rechnung: 600 Mark netto hat sie sich durch ihre Putzarbeiten verdient, weitere 1000 Mark überweist pünktlich das Arbeitsamt: Ingrid Schäfer nämlich ist arbeitslos, Ende April eine unter 1 040 000 Westdeutschen.
Das Arbeitsamt weiß nichts von ihrem Nebenjob. Und das ist Ingrid Schäfer gerade recht. Denn die Summe aus Unterstützung und Nebenverdienst ist immerhin mehr, als sie in ihrem letzten Engagement bei einem Bonner Kaufhaus bezog.
Der Monteur Ulrich Krämer mag sich nicht einmal für Stunden verdingen. Im letzten Jahr arbeitete er sechs Monate als Monteur in Saudi-Arabien, um dann, angewidert von der harten Arbeit, in seine Heimatstadt Nürnberg
* Alle Namen der Arbeitslosen wurden verändert.
zurückzukehren. Seither läßt er sich vom Arbeitsamt mit 1200 Mark im Monat unterstützen. An einem neuen Job ist er nicht interessiert, "dazu ist er viel zu faul", meint seine Freundin, eine Nürnberger Taxifahrerin.
Die gelegentlichen Versuche des Arbeitsamtes, seine Arbeitsruhe zu stören, fängt Krämer geschickt ab. Die Einstellungsgespräche mit Firmen, zu denen das Amt ihn schickt, pflegt er mit dem Hinweis zu eröffnen, er zöge eine Arbeit im Ausland eigentlich vor und werde die nächste sich bietende Chance jenseits der Grenzen wahrnehmen.
Der Taxifahrer Horst Krüger läßt das Arbeitsamt zum Aufbau eines eigenen Kleinunternehmens beisteuern. Der frühere Angestellte einer Werbeagentur bekommt Monat um Monat etwa 1100 Mark Stempelgeld. Weitere 1800 Mark macht er mit Schwarzarbeit. Im Auftrage eines Hamburger Taxiunternehmers fährt er Nachtschicht. "Nach einem Jahr", meinte er letzte Woche, "kann ich mir einen nagelneuen Mercedes kaufen."
Atypische Sonderfälle, Glücksfälle für empörtes Gezeter an westdeutschen Stammtischen? Oder verbergen sieh in dem Millionenheer der Arbeitslosen einige Hunderttausend, die auf Rechnung anderer, aber zum eigenen Vorteil den Sozialstaat Bundesrepublik ausbeuten?
Diffus, aber immer häufiger wird der Verdacht laut, daß viele der bei den Arbeitsämtern Registrierten eigentlich gar keinen Job suchen, sondern sich im enggeknüpften Netz der in 30 Jahren Nachkriegsgeschichte erlassenen Sozialgesetze entspannen wollen. Von Parasiten ist da die Rede, von Arbeitsscheuen und Schmarotzern, die auf Kosten der Gemeinschaft sich ein geruhsames Leben einrichten.
Und rasch sind dann die Konsequenzen gezogen: Das Arbeitslosengeld sollte gekürzt, die Auszahlung an notorisch Faule gestrichen werden.
In der Tat: Vom Stempelgeld läßt es sich leben. Laut Gesetz erhalten Arbeitslose im günstigsten Fall zunächst für ein Jahr Arbeitslosengeld, 68 Prozent des zuletzt verdienten Nettogehaltes bis zu einem Höchstbetrag von 370 Mark pro Woche. Danach setzt die Arbeitslosenhilfe ein, je nach Bedürftigkeit bis zu 58 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Krankenkasse und Versicherung werden in beiden Fällen den Staatsinstitutionen aufgebürdet.
Das mag denn schon den Versuch nahelegen, eine Zeitlang auf Staatskosten auszuruhen und, wie Christel Ponat vom Kölner Arbeitsamt weiß, eine "schöpferische Pause" einzulegen.
Die Hamburger Sekretärin Ilse Schwartze zum Beispiel hielt Ibiza für den geeigneten Pausenort. Ihr alter Job gefiel ihr ohnehin nicht mehr, der Raum war zu dunkel, das Arbeitsklima zu hektisch. Es gelang ihr mühelos, ihren Arbeitgeber zu einer fristgerechten Kündigung zu veranlassen und einen neuen zu finden. Ihre einzige Bedingung war nicht unbescheiden: Sie wollte zwischen beiden Jobs lediglich eine zwanglose Arbeitslosenzeit von vier Monaten einlegen.
Der Langzeit-Urlauberin ist dabei kaum bewußt, daß sie inzwischen in der Statistik als Arbeitslose ausgewiesen ist. Und der Vorwurf, sie mißbrauche die Arbeitslosenversicherung, will ihr nicht einleuchten: Sie habe ja acht Jahre lang Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gezahlt.
Arbeit als Pflichterfüllung, Arbeitslosigkeit als Makel -- das wird zumindest von manchen jüngeren, ausgebildeten Stemplern nicht akzeptiert. In den Kneipen von Hamburg-Eppendorf oder München-Schwabing, in Berlin oder Frankfurt mag es fast als Ausweis fortschrittlicher Lebensart gelten, eine Weile "auf Alu" (Arbeitslosenunterstützung) zu gehen.
Der vorsätzliche -- vielleicht gar kriminelle -- Mißbrauch der Vorschriften gilt dann, anders als noch vor zehn Jahren, allenfalls als Kavaliersdelikt, vergleichbar etwa einer gelungenen kleinen Steuerhinterziehung.
Schon vor anderthalb Jahren hatte Richard Wanka vom Frankfurter Arbeitsamt Stellungslose ausgemacht, denen der Job, obwohl abhanden gekommen, durchaus nicht fehlte. Wer mit Unterstützung und Nebenverdienst zu jonglieren weiß, bekäme leicht "seine 110 Prozent von früher".
So kommt es denn, daß ein von Amts wegen zur Vorstellung bei einem einstellungwilligen Unternehmen geschickter Arbeitsloser den Termin wegen "Regenwetter" absagte. Ein anderer war für (las Einstellungsgespräch unabkömmlich, weil er "für den Tag eine Butterfahrt geplant" hatte.
Ein dritter schließlich mochte die von den Continental Gummi-Werken in Hannover angebotene Schichtarbeit nicht antreten: Dann könne er seine Nebentätigkeit als Musiker nicht ausüben.
Die arbeitsscheuen drei -- ausnahmslos Vermittlungsfälle des Arbeitsamtes Hannover aus den letzten Wochen -- hatten es zu durchsichtig angefangen: Sie bekamen eine sogenannte Sperrzeit auferlegt, die den Fluß der Hilfsgelder für einen Monat unterbricht.
Rückfällige Drückeberger, die zweimal gesperrt wurden, bekommen überhaupt kein Arbeitslosengeld mehr. Und wer, wie der taxifahrende Alu-Empfänger, die Unterstützung zu Unrecht nimmt, muß mit einem Betrugsverfahren rechnen.
Doch die Gewitzteren, deren Namen niemand kennt? Nur zu gerne verallgemeinern viele Bundesbürger Fälle erwiesener oder yermuteter Faulheit. Die persönliche Erfahrung mit einem Schwarzarbeiter, der sich anbietet, die Wohnung zu streichen, und beiläufig erwähnt, er beziehe auch Arbeitslosengeld, gilt leicht als verläßliche Aussage über die Moral von einigen hunderttausend Arbeitslosen.
Dankbar auch werden Erhebungen und Studien aufgegriffen, die diese These zu belegen scheinen.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hatte es genau wissen wollen, als sie im Herbst letzten Jahres 156 Firmen befragte. Nach den Erfahrungen dieser Unternehmen, resümierte die BDA schockiert, seien etwa 30 Prozent der von den Arbeitsämtern geschickten Stellenbewerber offenbar an der Aufnahme einer Tätigkeit überhaupt nicht interessiert.
Die Arbeitslosen seien häufig im "Absehreckungsanzug" erschienen, angetrunken oder mit lockeren Sprüchen ("Das Arbeitslosengeld ernährt mich ganz gut"), die ihr Desinteresse am Job deutlich erkennen ließen. Viele hätten auch ausdrücklich erklärt, daß sie ohne Arbeit gut und gern lebten.
Es werde immer wieder beklagt, registrierte die BDA, daß viele der vom Arbeitsamt zur Vorstellung geschickten Arbeitslosen in den betreffenden Betrieben überhaupt nicht erschienen. Und von denen, die sich meldeten, lehnten die meisten eine Anstellung ab, weil ihnen die Bezahlung zu schlecht schien oder die Arbeit zu schwer und zu schmutzig.
Ein niedersächsisches Unternehmen, in der BDA-Studie zitiert, belegt seine Zweifel an der Schaffensfreude der Deutschen mit handfesten Zahlen. Innerhalb von fünf Monaten seien 700 Einstellungsgespräche geführt worden; 600 Bewerber habe der Personalchef sofort wieder nach Hause geschickt -- allerdings davon nur jeden zehnten, weil er ihm "wegen körperlicher oder geistiger Mängel" nicht geeignet schien.
Die anderen wurden nicht eingestellt, weil sie nach Ansicht des Unternehmens nur brav mit der Karte des Arbeitsamtes gekommen waren, um nicht ihren Anspruch auf Unterstützung zu verlieren. Jeder fünfte Bewerber war -- so die Unternehmensleitung -- "der Gruppe Gammler- und Stadtstreichertypen zuzurechnen
Endergebnis: 99 Bewerber bekamen einen Vertrag. Nach einigen Tagen waren 35 schon wieder entlassen. Die Gründe: unentschuldigtes Fehlen schon während der Probezeit, Schnaps und Bier am Arbeitsplatz.
Sicher scheint nach Ansicht der Arbeitgeber, daß deutsche Stellungssuchende wählerischer geworden sind. Aus den gesammelten Stichproben zieht die BDA den Schluß, daß Wechselschichten, Bandarbeit sowie Stellen mit "vergleichbar ungünstigen Arbeitsbedingungen und mit traditioneller Ausländerbeschäftigung" (Umgangssprache: "Türkenjobs") bei Deutschen unbeliebt sind.
Die Bauwirtschaft und der Bergbau, Gießereien, Konservenfabriken, der Fahrzeugbau sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe hätten besondere Schwierigkeiten, leere Posten zu besetzen. In Metallberufe würde so gut wie niemand vermittelt.
Nicht viel besser sei die Lage im Steinkohlenbergbau. Junge Leute wollten kaum noch unter Tage; insgesamt würden die Arbeitsämter nur etwa 25 bis 30 Prozent der angeforderten Kräfte schicken.
Noch während des Einstellungsgespräches, so berichtet der Betriebsratsvorsitzende eines Bergbaubetriebes, hätten viele der Bewerber "das Weite gesucht", als sie hörten, daß sie in die Grube fahren sollten. Sechs Männer seien eingestellt worden, aber schon nach kurzer Zeit wieder gegangen.
"Der Betriebsrat des Unternehmens", heißt es in der BDA-Untersuchung, "hat daraus geschlossen, daß die Arbeitslosigkeit nur deshalb so groß sei, weil viele Arbeitslose sich ohne Beschäftigung ganz wohl fühlen."
Von schlimmen Erfahrungen ihrer Mitgliedsfirmen wußte letzte Woche auch die Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer (ASU) zu berichten. Im April/ Mai dieses Jahres befragte Unternehmen hätten zahlreiche "krasse Beispiele von Arbeitsunwilligkeit" geschildert; sie hätten den Eindruck gewonnen, daß etwa jeder dritte Stellenbewerber arbeitsscheu sei.
Die ASU will ihren Mitgliedern "dringend empfehlen", den Arbeitsämtern die Fälle klar erkennbarer Arbeitsunwilligkeit auch zu melden. Das Problem dürfe nicht länger ein "Tabu-Thema" (ASU-Vorsitzender Wolfgang Herion) bleiben. Der Begriff der Zumutbarkeit müßte enger gefaßt werden. "Das ist", weiß die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft, Eva Odehnal, "ein gesellschaftliches Problem."
Auf Zahlen und Prozentsätze lassen sich andere argwöhnische Beobachter der Arbeitslosen-Szene in der Regel nicht ein. Meist wird der böse Verdacht, daß in der Arbeitslosenherde schon allzu viele schwarze Schafe mittraben, eher vorsichtig umschrieben.
So berichtet die Hauptgeschäftsstelle Esslingen der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Neckar, daß fast alle befragten Mitgliedsfirmen die benötigten Arbeitskräfte unter den vom Arbeitsamt geschickten Leuten "nur mit Mühe oder aber gar nicht" gefunden hätten. Einer der Hauptgründe sei der Mangel an Arbeitswillen.
Viele seien arbeitslos, poltert der Einzelhandelsverband Frankfurt, "weil sie das Nichtstun bei regelmäßigem Bezug von Arbeitslosengeld einem geordneten Arbeitsbereich vorziehen". Auch Verleger Franz Burda ("Bunte") sinnierte schon öffentlich über die "Drückeberger" nach und entdeckte den "Beruf Arbeitsloser".
Die Drückeberger sind kaum zu ermitteln.
Saugrob sprechen nur wenige aus, was offenbar viele Verbandsfunktionäre, Manager und Politiker argwöhnen; so Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann, der eine halbe Million Arbeitsunwillige in der Bundesrepublik entdeckt haben will.
Und während Otto Graf Lambsdorff, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP, nur einen "Mißbrauch" der sozialen Errungenschaften "befürchtet", sucht sein Parteifreund Heinz Herbert Karry, Wirtschaftsminister in Hessen, die Arbeitslosenzahl im Hauruck-Verfahren "zu entdramatisieren": Er will aus vielen Gesprächen mit Unternehmern erfahren haben, daß der Markt nur "Krücken, Nulpen und Nieten" anbiete.
Karry ("Ich hab' am Mittwoch zum erstenmal einen getroffen, der schon einen Arbeitslosen gesprochen hat") fand heraus, daß von 84 000 gemeldeten Arbeitslosen in Hessen bestenfalls die Hälfte tatsächlich zur Verfügung stehe. Karry: "Wenn Sie noch genauer rechnen, dann bleibt fast gar kein Arbeitsloser mehr übrig."
Methode und Machart all dieser Untersuchungen hält allerdings keiner ernsthaften Prüfung stand. Schon die Auswahl der befragten Firmen ist wenig repräsentativ. Die ausgesandten Fragebögen werden häufig nur von jenen beantwortet, die einschlägige Erfahrungen gesammelt haben und ihre Enttäuschung bekanntmachen wollen.
Und abgesehen davon, daß für ein bundesweit gültiges Urteil wesentlich ausgefeiltere Erhebungs- und Fragemethoden notwendig wären, bleibt die Zuverlässigkeit der Angaben durchaus zweifelhaft: Wenn beispielsweise ein Unternehmer einen schlechtbezahlten, unattraktiven, womöglich gesundheitsschädlichen Job anbietet und die ersten vom Arbeitsamt Geschickten diese Offerte ausschlagen, wird leicht die Schuld bei den Arbeitslosen gesucht.
Die Autoren der verschiedenen Studien rücken denn auch schleunigst von ihren Thesen ab, wenn sie um genauere Auskunft gebeten werden. Eva Odehnal von der ASU zum Beispiel fand die Zeitungsmeldungen, die den Inhalt der ASU-Studie bekanntmachten, unpassend: Die Studie gebe lediglich "die Stimmung und die Sorgen" einer Minderheit der Mitgliedsfirmen wieder. Keineswegs habe die ASU den Eindruck erwecken wollen, sie halte jeden dritten Arbeitslosen für einen Faulpelz.
Selbst die Experten des Arbeitgeberverbandes sind sich der Aussagekraft ihrer Arbeit nicht sicher. Abteilungsleiter Rolf Weber zum Beispiel meint, die Studie sei aus guten Gründen nicht veröffentlicht worden. Die Ergebnisse seien keineswegs repräsentativ und dürften nicht verallgemeinert werden.
Auch sein Chef Hanns Martin Schleyer, der es gewöhnlich an markigen Sprüchen nicht fehlen läßt, bleibt allgemein: "Ich halte es nicht für berechtigt, wenn ... der Schluß gezogen wird, daß eine echte Arbeitsmarktreserve nicht mehr zur Verfügung steht, weil die registrierten Arbeitslosen an Arbeitsaufnahme kein Interesse haben."
"Andererseits", gibt der BDA-Präsident zu bedenken, "verkenne ich auch nicht, daß sich unter den Arbeitslosen ein gewisser Anteil befindet, der sich nicht bereit findet, eine zumutbare Arbeit aufzunehmen."
Nur -- wie stark dieser Anteil ist, das wissen weder Schleyer und seine Experten noch jene, die es wissen müßten: Die Arbeitsämter und die Bundesanstalt für Arbeit passen, wenn ihnen exakte Zahlen oder auch nur verläßliche Schätzungen abverlangt werden.
Wilhelm Beckmann vom Stuttgarter Arbeitsamt zum Beispiel hält das Thema gar für so brisant, daß er seinen Chef abschirmen muß: "Wir streiten ja nicht ab, daß wir Arbeitsunwillige haben -- aber unser Präsident wird nicht mit Ihnen darüber reden, wir halten uns da nämlich raus."
Rolf Liesegang, Sprecher des Münchner Arbeitsamtes, hält es für "wahnsinnig schwierig", die Arbeitsscheuen von den Arbeitswilligen zu scheiden: "Die Arbeitslosen erzählen uns das ja nicht so."
Der Präsident des Landesarbeitsamtes Südbayern, Alfred Kohl, der gut 100 000 Arbeitslose verwaltet, hält es ebenso. Die Ämter könnten allenfalls "verbal zu erkunden" versuchen, "wie es mit der Arbeitsbereitschaft steht".
Doch diese Erkundungsversuche bleiben regelmäßig stecken. Denn das Dreiecksverhältnis Arbeitsloser -- Arbeitsamt -- Arbeitgeber ist auf seltene, zumeist oberflächliche Kontakte beschränkt.
Ein überlasteter Amtsmann muß jährlich mit mehr als tausend Stellungslosen fertig werden, die ihm zwangsläufig unbekannt bleiben. "Der Anteil der Arbeitsunwilligkeit ist mit unseren Mitteln nicht zu erarbeiten", resigniert ein Stuttgarter Arbeitsvermittler.
Die Personalchefs der Unternehmen haben an den untauglichen oder desinteressierten Bewerbern ohnehin kein Interesse. Sie schicken die vom Arbeitsamt geschickten Jobsucher mit dem lapidaren Hinweis zurück, der Bewerber sei "nicht geeignet" -- auch wenn die Drückeberger die inzwischen standardisierten Floskeln vorbringen: "Ich bin gewissenhaft, deshalb brauche ich sehr viel Zeit", "leider macht mir meine Bandscheibe schwer zu schaffen" oder auch "ohne meinen Hund kann ich nicht arbeiten".
Nur selten zeigt eine Firma dem Arbeitsamt an, welcher Bewerber seine Einstellung nach Kräften zu hintertreiben versucht hat. Sperren die Beamten dem Simulanten die Geldüberweisung, dann könnte leicht ein langwieriger und kostspieliger Prozeß auf dem Sozialgericht bevorstehen.
Ein Stuttgarter Beamter schildert seine Erfahrungen so: "Die sagen mir am Telephon: "Der will ja gar nicht arbeiten. Und wenn ich nachhake oder gar darum bitte, daß der Unternehmer das schriftlich reingibt, kneifen sie. Das ist keine Kooperation, das ist Kokolores."
Zwangsläufig bleiben schon deshalb alle globalen Aussagen über Arbeitswillen oder Faulheit, über Wohlleben oder Elend der Arbeitslosen allenfalls halbwahre Behauptungen. Zwar läßt sich die Million nach Altersgruppen und Vorbildung, Geschlecht und Berufserfahrung aufspreißeln. Muß ein gefeuerter Buchhalter sich als Pförtner verdingen?
Doch die reale Situation der Stellungslosen kommt dabei zu kurz. Eine laut Statistik Teilzeitarbeit suchende Frau kann ebensogut
* eine mit einem gutbezahlten Ingenieur verheiratete Chefsekretärin sein, deren Mann versetzt wird und die ohnehin nicht länger arbeiten will. Sie bewirbt sich in ihrem neuen Wohnort vergeblich um einen der raren Teilzeitjobs, nimmt dafür das Arbeitslosengeld von einigen tausend Mark im Jahr entgegen und finanziert so eine kleine Weltreise.
* Oder auch die Frau eines Hilfsarbeiters, dessen Gehalt von brutto 1100 Mark nicht ausreicht, die Familie zu ernähren. Sie muß dazuverdienen und sich nachmittags um ihre drei schulpflichtigen Kinder kümmern. Schon deshalb ist sie auf einen Teilzeitjob angewiesen.
Unbestreitbar verbergen sich in der amtlichen Statistik etliche Westdeutsche, denen das Arbeitslosengeld allenfalls ein willkommenes Taschengeld ist: Die Eisenbahner-Witwe Luise Winter aus Frankfurt zum Beispiel bekommt Monat um Monat 1800 Mark Witwenpension von der Bundesbahn. In diesem Jahr wird ihre eigene Angestelltenrente fällig. Und um die Zwischenzeit optimal zu nutzen, sprach sie mit ihrem langjährigen Arbeitgeber ein für beide Seiten vorteilhaftes Geschäft ab: Die Firma feuerte sie, das Arbeitsamt registrierte und zahlte -- und wenn es viel zu tun gab, diente sie wieder an ihrem alten Arbeitsplatz, ohne Vertrag, aber nicht ohne Entgelt.
Ebenso unzweifelhaft allerdings, daß die überwiegende Mehrzahl der Arbeitslosen allein durch das soziale Netz vor dem Absturz in soziales Elend bewahrt wird. So wehrt sich Helmut Minta, Vizepräsident der Nürnberger Bundesanstalt, "entschieden dagegen, daß die Arbeitslosen und ihre Familien pauschal diffamiert werden".
Die Beamten seines Hauses ziehen mit. Lutz Reyher vom anstaltseigenen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hält es für ausgeschlossen, "daß mehr als vier bis fünf Prozent der Arbeitslosen" arbeitsscheu sind.
In der Tat deuten seine Statistiken darauf hin, daß es um die Moral des Millionenheeres nicht allzu schlecht bestellt sein kann: In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden gut 760 000 offene Stellen gemeldet. Zur gleichen Zeit vermittelte das Amt knapp 760 000 Arbeitslose. Zwei von drei dem Amt angezeigten offenen Stellen werden noch im gleichen Monat besetzt.
Im übrigen, meint Reyher, belegen auch die volkswirtschaftlichen Daten, daß mehr Arbeitslose derzeit einfach nicht unterzubringen seien.
Weil die Wachstumsrate der westdeutschen Wirtschaft etwa so hoch ist wie ihr Produktivitätsfortschritt, also die Arbeitseinsparung durch Rationalisierung, sei mit einem deutlichen Abbau der Arbeitslosigkeit in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Handel und Gewerbe hätten, unabhängig von Arbeitswillen und Qualifikation der Stellungslosen, im Schnitt einfach nicht mehr Jobs zu vergeben.
Dennoch: Um ganz sicher zu gehen, korrigierte die Anstalt inzwischen ihre Formulare. Auf der Vermittlungskarte sollen die Firmen jetzt unter den vorgedruckten Ablehnungsgründen die Zeilen ankreuzen.
Bonn will überdies "die Zahl der Arbeitsvermittler um etwa 1000 Beamte erhöhen, damit die Arbeitslosen besser bedient, die Arbeitsscheuen beizeiten erkannt werden.
Auch die neuen Vermittler werden das Kernproblem kaum lösen: Welche Arbeit ist "zumutbar", oder, anders gesagt, welche vom Arbeitsamt offerierte Stelle ist ein Angebot, das ein Stempler nicht ablehnen kann?
Das Arbeitsförderungsgesetz hilft den Vermittlern kaum weiter: "Bei der Beurteilung der Zumutbarkeit sind die Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes, die Interessen der Gesamtheit der Beitragszahler und die des Arbeitslosen zu berücksichtigen."
Was genau diese Kriterien zu bedeuten haben und wie sie jene Entscheidung beeinflussen, die am Ende das Leben des Arbeitslosen bestimmt -- darüber wird ein Konsens kaum herzustellen sein. Muß ein gefeuerter Buchhalter sich als Pförtner verdingen, nur weil dieser Job gerade frei ist? Ist es einer Hilfsarbeiterfamilie aus dem Niederbayrischen zuzumuten, nach Frankfurt zu ziehen und auf die billige Wohnung, die Verwandten und Freunde, vielleicht auch einen kleinen Nebenjob der Ehefrau zu verzichten?
Gewiß, in der Massenarbeitslosigkeit der zwanziger Jahre waren solche Fragen rasch beantwortet: Die karge soziale Sicherung ließ gar keine Wahl. Doch 50 Jahre später, im Sozialstaat Bundesrepublik, muß die Antwort schwerfallen.
"Das geb' ich ganz ehrlich zu", erzählt ein 57 Jahre alter Elektromeister aus Ludwigsburg, "ich denk' nicht mehr daran zu arbeiten. 24 Jahre lang war ich in derselben Firma. Dann haben die uns entlassen, uns Alte zuerst. Ich war was in dem Betrieb, habe mich hochgearbeitet, und jetzt soll ich womöglich als Hiwi irgendwo rein. Ich denk' ja gar nicht dran." Resümiert der Meister: "Der Sozialplan hat mir einiges gebracht. Arbeitslosengeld kriege ich auch. Wegen hundert oder zweihundert Mark mehr gehe ich doch nicht wieder irgendwo ganz unten rein.

DER SPIEGEL 21/1977
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DER SPIEGEL 21/1977
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