16.05.1977

URAN-SCHIFFLevantinischer Herr

Die Uran-Fahrt des Motorschiffes „Scheersberg“ war nicht die einzige mysteriöse Reise des deutschen Frachters.
Der Ex-Chef der EG-Sicherheitsüberwachung war hilflos:
Weder die EG noch die Internationale Atomenergiebehörde, klagte Enrico Jacchia vorletzte Woche, hätten die Macht und die Mittel, Fälle aufzuklären wie das mysteriöse Verschwinden von 200 Tonnen Natururanoxid im Jahre 1968. Aber die Geheimdienste der Bundesrepublik und der USA, so der zum Ehrendirektor der Sicherheitsüberwachung gewählte Italiener, hätten damals den Brüsselern bei den Ermittlungen nicht richtig geholfen. Vielleicht wollten sie gar nicht,
Denn die Geschichte vom Geisterschiff "Scheersberg" mit seiner Uranfracht, dessen Spur zwischen Antwerpen und Genua verlorenging (SPIEGEL 20/1977), scheint neuerdings so rätselhaft nicht mehr.
Manches spricht dafür, daß deutsche und israelische Stellen mit Wissen der Amerikaner den Coup inszenierten: Die deutsche Lieferfirma des Urans hatte gute Beziehungen zu Bundesbehörden und nach Israel, ein israelischer Agent war zeitweilig Besitzer des Uran-Schiff es.
Und die Aktion fällt noch in eine Zeit, in der Bonn mit Washingtons Segen vieles nach Israel schickte, für das es "keine anderen Lieferanten gab" (so Israels damaliger Waffenkäufer und heutiger Premier Schimon Peres).
Die verwirrende Uran-Schiff-Story reicht weit zurück bis in die fünfziger Jahre. Zur gleichen Zeit, als damals in Rendsburg das Motorschiff "Scheersberg" gebaut wurde, gründete in Wiesbaden der 1897 in Gera geborene Herbert G. Scharf eine Firma. Der ehemalige Luftwaffenoffizier, nach Weltkrieg II zeitweilig Geschäftsmann in Äthiopien, benannte sein Unternehmen nach einer äthiopischen Stadt: Asmara Chemie GmbH.
Scharfs Asmara zog später ins nahe Hettenhain um. Sie stellte zunächst Schmierseife her, verkaufte Chemie-Produkte aus Frankreich und widmete sich dann Komplizierterem: der Herstellung und dem Vertrieb von Dekontaminationsstoffen, Stoffen zur Entgiftung. Zur Asmara-Kundschaft gehörten die U.S. Army, die Bundeswehr und andere Bundesstellen.
1965 veröffentlichte Herbert Schulzen, damals 25-Prozent-Partner bei Scharfs Asmara, die Broschüre "Chemische Sabotagegifte", Sonderdruck aus der Zeitschrift "Zivilschutz" im Zivilschutz-Verlag Koblenz. Chemie-Ingenieur Schulzen beschrieb die Wirkungsweise von Giften sowie Entgiftungsmaßnahmen und warb nebenbei für Asmara-Produkte. Schulzen: "Der Dank des Verfassers gilt besonders Herrn Ministerialrat Scheichl vom Bundesministerium für Verteidigung."
Asmara-Produkte gingen auch nach Israel. Kontaktmann von dort und gern gesehener Gast in Hettenhain war Oberst Elijahu Sacharow, 63, damals Manager der Tel Aviver Firma Taal, die Sperrholz-Spanplatten herstellt. Asmara schickte Farbstoffe, Weißmacher und Entgiftungsmittel nach Israel.
1968 registrierte die Brüsseler Euratom ein Asmara-Geschäft von größerem Umfang: Die Firma bestellte bei der belgischen Société Générale des Minerais 200 Tonnen Natururanoxid, Wert rund 3,5 Millionen Mark. Es sollte angeblich zur Bearbeitung bei der Saica, einem Geschäftspartner der Asmara, von Antwerpen über Genua nach Mailand gebracht werden.
Das Motorschiff "Scheersberg", das die Fracht übernehmen sollte, wechselte unmittelbar vor der Uran-Fahrt den Besitzer. John-Adolf Rinder von der Hamburger Reederei Aug. Bolten Wm. Miller's Nachfolger erinnert sich, daß ein "levantinisch aussehender Herr" namens Burhan Yarisal das Schiff für 1,15 Millionen Mark erwarb, das Bolten für den Hamburger Treuhänder Fritz R. Köpke betrieb. Herr Yarisal vertrat eine Biscayne Trading and Shipping Company in Liberia.
Hinter der Riscayne Trading aber stand als Alleinaktionär ein Mann, der später als israelischer Agent entlarvt werden sollte: der dänische Jude Dan AErbel' alias Erbol, alias Ert, 31.
Euratom-Beamte vermuten heute, daß die neue "Scheersberg"-Mannschaft, die im November 1968 die Uran-Ladung aufnahm, aus israelischen Agenten bestand und das in "Scheersberg A" umgetaufte Schiff in der Nacht vom 16. zum 17. November nach dem israelischen Haifa auslief statt nach Genua. Am 2. Dezember jedenfalls machte das Schiff im türkischen Hafen Iskenderun fest, keine Tagesreise von Haifa entfernt -- ohne Uran.
Die Mittelmeerfahrt der "Scheersberg A" vom November 1968 läßt sich wie vieles andere nicht genau rekonstruieren. Denn die Listen von Lloyd's of London, die Schiffsbewegungen in aller Welt registrieren, verzeichnen weder die Fahrten des Schiffes noch die Namen- und Besitzerwechsel vollständig, sicher nicht Schuld der Engländer. Die "Scheersberg A" gehörte, wie AErbel 1973 angab, noch seiner Biscayne Trading, als sie Ende 1969 eine weitere mysteriöse Reise unternahm. Sie verließ am 22. Dezember den südspanischen Mittelmeerhafen Almeria und traf am 30. Dezember in Brake an der Wesermündung ein.
Dabei kreuzte sie in der Biskaya fünf für Israel gebaute Schnellboote, die israelische Agenten in der Weihnachtszeit aus dem französischen Hafen Cherbourg entführt hatten, weil Paris sie aufgrund eines Waffenembargos nicht mehr nach Israel liefern wollte.
Die Schnellboote konnten damals das ferne Israel nur erreichen, weil sie auf hoher See mit Treibstoff versorgt wurden. Es liegt nahe, daß die "Scheersberg A" diese Aufgabe übernahm.
AErbel ließ jedenfalls sofort nach dem Schnellboot-Coup seine Liberia-Firma löschen und verkaufte das Schiff mit mindestens 350 000 Mark Verlust. Kopenhagens "Politiken" hielt für "ziemlich unwahrscheinlich", daß AErbel persönlich finanziell imstande war, einen solchen Betrag zu verkraften.
Von der jetzt hochgespülten Uran-Schiff- und der Schnellboot-Affäre hatte AErbel schon 1973 in Norwegen erzählt. Er war damals als Mitglied eines Kommandos verhaftet worden, das im norwegischen Lillehammer einen arabischen Kellner ermordet hatte, den es fälschlich für einen Terroristen-Führer hielt. AErbel wurde wegen Beihilfe zum Mord zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, nach 12 Monaten aber zu Ehefrau Deborah und seinen drei Kindern nach Israel entlassen.
Der Angeklagte AErbel hatte offensichtlich ein Motiv, als er dem norwegischen. Staatsanwalt Häkon Wiker über seine Schiffs-Geschichten berichtete: Er wollte wohl dokumentieren, Angehöriger des israelischen Geheimdienstes zu sein. Den Polizisten Steinar Ravlo bat er sogar, eine Nummer des Geheimdienstes, "25 62 30 Tel Aviv", anzurufen. AErbel wußte, daß westliche Geheimdienste, sicher auch das Nato-Land Norwegen, mit den israelischen Kollegen zusammenarbeiten, und mag sich Protektion erhofft haben.
Heute bestreitet der nun in Israel lebende Agent, je von Schiffen geredet zu haben. Staatsanwalt Wiker aber kann anhand der Protokolle von 1973 nachweisen, daß AErbel lügt.
Zweifel haben muß man wohl auch an den Worten von Wilhelm Bargon, einst Prokurist der 1974 in Konkurs gegangenen Asmara und heute Besitzer der florierenden Firma Scharf-Chemie GmbH, die einst Asmara-Chef Scharf gegründet hatte. Bargon weiß nichts über das Uran-Geschäft von 1968: "Irgendwelche Leute haben einfach unseren Namen mißbraucht."
Ein anderer Ex-Asmare sieht die Dinge anders: "Es wird noch einiges ans Licht kommen."

DER SPIEGEL 21/1977
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