06.06.1977

Spiel mit Millionen

Mehr als 30 Millionen Mark wollen die 18 Klubs der Bundesliga bis Ende Juni beim Transfer von etwa 50 Spielern ausgeben -- ein neuer Rekord.
Jedes Jahr hebt zwischen Hamburg und München, Köln und West-Berlin ein seltsames Handeln und Feilschen an, das Juristen wie der Schweizer Zivilrechtler Hans-Peter Stücheli "für strafbar" halten. Der Mönchengladbacher Textilfabrikant Dr. Helmut Beyer jammerte: "Mir kommt das so vor, als verkaufe ich ein Stück Fleisch, das noch zuckt." Pastor Udo Sopp in Kaiserslautern fürchtet: "Wir versündigen uns von Jahr zu Jahr immer mehr."
In Sünde fällt eine kleine, aber vielbeachtete Branche: die Fußball-Bundesliga. Vom Frühjahr bis Silvester werben, feilschen und streiten 18 Klubs um eine Hundertschaft Fußballspieler. In einem merkwürdigen Ritual legen sie fest, wer in der nächsten Saison bei wem Fußball spielt.
Vokabeln wie Ablösesummen, Handgelder und Transferlisten sickern in die Schlagzeilen der Tageszeitungen ebenso ein wie in Tagesschau und Rundfunk. "Torwart Norbert Nigbur geht nicht zum 1. FC Köln", meldete letzten Mittwochabend NDR II. Er unterschrieb einen neuen Vertrag bei seinem alten Klub Hertha BSC.
Hinter der Meldung verbirgt sich ein Millionen-Transfer: Der 1. FC Köln kann sich 800 000 Mark sparen, die er für Nigbur hätte zahlen müssen, falls der künftig in seinem Tor Wache gestanden hätte. Nun muß Nigburs alter Verein Hertha BSC, mit 2,5 Millionen Mark verschuldet und eigentlich angewiesen auf die 800 000 Mark aus Köln. zusehen, woher er 1,5 Millionen Mark bekommt, um Nigburs neuen Vertrag finanzieren zu können.
Der Tormann Nigbur hatte aus persönlicher Verärgerung den Wechsel nach Köln rückgängig gemacht. Hertha BSC, das zuvor keck die Kaufsumme (Fachjargon: Ablöse) in zähen Verhandlungen auf 800 000 Mark hochgeschraubt hatte, muß nun für die eigene Courage teuer zahlen: Denn ein Fünftel der Ablösesumme steht zusätzlich dem Spieler zu. Nachdem Köln aus dem Handel ist, muß Hertha Nigbur statt bisher 130 000 Mark 170 000 Mark Handgeld für den neuen Vertrag zahlen. Dazu noch ein Jahresgehalt von 250 000 Mark -- bis 1982. Das Geschäft mir Fußballern floriert vor dem 15. Bundesligajahr wie nie zuvor.
Bis zu 40 Transferlisten gibt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) jährlich heraus, in die sich jeder Spieler eintragen lassen muß, der den Verein wechseln möchte. Fast immer jedoch erscheint ein Spieler-Name erst auf der Liste, wenn der Handel längst perfekt ist. Manche Klubs verstecken den neu verpflichteten und von anderen Klubs umworbenen Star auf einer Karibik-Insel oder in einem Alpen-Chalet, bis der Handel vollzogen ist. Bislang sind die Wechsel von 33 Spielern zu Bundesligaklubs perfekt; bis zum 30. Juni dürften mehr als 50 Spieler und rund 30 Millionen Mark umgesetzt sein.
Aber das Transfer-Geschäft hat viele Tücken; den Kauf des schwedischen Torjägers Benny Wendt etwa behinderte die sogenannte Ausländer-Klausel: Kein deutscher Fußballklub darf nach den Statuten des DFB mehr als zwei Ausländer pro Spiel einsetzen.
Bayern Münchens Präsident Wilhelm Neudecker, der gerade "Kaiser" Franz Beckenbauer für 1,75 Millionen Mark Ablöse an Cosmos New York verkauft hatte, erklärte Wendt. wie er die Ausländerbestimmung umgehen wollte: "Wir verkaufen unsere beiden Schweden, die bis jetzt für uns gespielt haben, und machen aus dem Türken Önal einen Deutschen."
Der Plan schlug fehl. Der Türke Erhan Önal weigerte sich, Deutscher zu werden. Und als zweiten Ausländer hatten die Bayern zuerst den Jugoslawen Branko Oblak verpflichtet. Außerdem verfing sich Wendt in einem anderen Strick der Transferregeln.
Für Wendt forderten plötzlich zwei Bundesligaklubs Ablösesummen: der 1. FC Köln und Tennis Borussia Berlin. 1976 war der Schwede von den Kölnern für 100 000 Mark an Tennis Borussia ausgeliehen worden, weil er beim früheren Deutschen Meister meist nur die Ersatzbank gedrückt hatte. Binnen drei Jahren sollten die Berliner weitere 200 000 Mark nachzahlen, um volle Rechte an Wendt zu erwerben.
Wendt schoß 20 Tore für Tennis, die Berliner stiegen dennoch ab. Wendt will zwar unbedingt in der Bundesliga spielen, nicht aber zum 1. FC Köln zurück. Seitdem streiten sich Köln und Tennis um die Verkaufs-Anteile. "Der Krupp-Konzern ist leichter zu verkaufen als der Benny", spottete Tennis-Trainer Rudi Gutendorf, der nächste Saison den Hamburger SV trimmt. Jetzt wechselt Wendt zum 1. FC Kaiserslautern.
Dem Europacupsieger Hamburger SV gelang letzte Woche der größte Import-Coup: Als erster Bundesligaklub verpflichtete er einen englischen Profi, Kevin Keegan, 26, für die Rekordsumme von insgesamt 2,3 Millionen Mark. Knapp zwei Millionen soll der HSV als Ablöse an Keegans Klub FC Liverpool zahlen. Mehr als 350 000 Mark erhält Keegan, Kapitän der englischen Nationalmannschaft, als Handgeld, dazu ein Jahresfixum von 350 000 Mark plus Siegprämien.
Außer Keegan warb der HSV noch den jugoslawischen Nationalspieler Ivan Buljan für 550 000 Mark Ablöse an. Insgesamt gibt der HSV diesmal rund drei Millionen Mark für neue Spieler aus.
Als der Mönchengladbacher Nationalspieler Ulrich Stielike für 1,6 Millionen Mark an Real Madrid verkauft worden war, legte der durch den Transfer-Boom irritierte DFB Protest ein. "Vor der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien darf kein deutscher Nationalspieler mehr das Land verlassen", forderte DFB-Präsident Hermann Neuberger. Inzwischen gab der DFB klein bei, denn Stielike ("Das ist Freiheitsberaubung") und die ihn beratende Deutsche Angestellten-Gewerkschaft drohten mit einem Arbeitsgerichtsverfahren, in dem der DFB keine Chance gehabt hätte.
Auch Fußballer, so der Präsident des Landessozialgerichts in Essen, Karl Heinrich Schmidt, haben ein garantiertes Recht, "Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen". Laut Schmidt verstößt der vom DFB mit jedem Bundesligaspieler abgeschlossene Lizenzspieler-Vertrag gegen Artikel 12
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des Grundgesetzes
Dennoch möchten die Spieler in der Bundesliga das Ablösesystem nicht missen: Es bringt ihnen im DFB-Bereich vor allem hohen Gewinn.
"Es gibt kein besseres System", gibt der frühere Nationalspieler Günter Netzer zu; Nationalspieler Paul Breitner hatte noch vor Jahresfrist von "Sklavenhaltung" gesprochen.
Inzwischen kehrte Breitner für eine Ablösesumme von 1,6 Millionen Mark von Real Madrid zu Eintracht Braunschweig in die Bundesliga zurück, kassiert ein Handgeld von nahezu 300 000 Mark und lobte seine Einkäufer als "korrekte Geschäftspartner".
Rechtsanwalt Paul Märzheuser, Präsident des Bundesligaklubs MSV Duisburg, verwies auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes, in dem beiläufig festgestellt worden sei, "daß Ablösesummen Rechtens sind". Die Abstandszahlungen seien als Ausgleich für den abgebenden Verein zu werten, für den die Spieler, die er ausgebildet und gefördert hat, das wichtigste Kapital sind.
* Braunschweigs Mäzen Günter Mast, Eintracht-Präsident Ernst Fricke.
** Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen ... Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht."
"Eine Million Mark oder gar mehr ist kein Spieler der Welt wert", erklärte Borussia Dortmunds Trainer Otto Rehagel. "Aber die Klubs überbieten sich auf Teufel komm raus." Vor Jahren kletterte allenfalls bei Stürmern, deren Torgefährlichkeit an der Trefferquote nachzulesen war, die Ablöse auf eine Million Mark. Rehagels Dortmunder Borussen warfen für den Verteidiger Werner Schneider fast 900 000 Mark aus. Rehagel: "Ein Irrsinn."
Aber der Irrsinn hat Methode: Die rund 370 Bundesligaspieler, von denen Jahr für Jahr mehr an die goldenen Krippen drängen, begnügen sich längst nicht mehr mit sechsstelligen Handgeldern und Jahresgehältern, die durch Siegprämien zwischen 500 Mark in Meisterschaftsspielen und 20 000 Mark in Europacup-Treffen beträchtlich aufgerundet werden.
Nicht selten bewerben sich allerdings Spieler bei anderen Klubs nur zum Schein, um im eigenen Verein ihr Gehalt aufzubessern. Borussia Mönchengladbachs dänischer Stürmer Allan Simonsen wollte angeblich nach Spanien. Doch als sein Jahresgehalt von 350 000 Mark auf 400 000 stieg, blieb er in Mönchengladbach.
Vereine, die sich vor Beginn der nächsten Bundesligasaison Anfang August nicht zur Verpflichtung neuer Spieler durchringen konnten, haben bis zum 31. Dezember Zeit, ihren Kader zu verstärken.
Das nützte 1976 der 1. FC Saarbrücken. Im letzten Herbst lag der Klub am Tabellenende, der Abstieg schien unvermeidlich zu sein. Da kaufte er für 800 000 Mark den Bochumer Stürmer Harry Ellbracht und von Hannover 96 für 550 000 Mark den Linksaußen Roland Stegmayer. Die 20 Tore der beiden retteten Saarbrücken vor dem Abstieg.

DER SPIEGEL 24/1977
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