06.06.1977

Das Verbrechen, ein Kind zu sein

Ihre Kraft muß gebrochen werden, wenn sie nicht zu biegen ist ... Der Jugend muß, wenn sie sich nicht umstimmen läßt, Zaum und Gebiß angelegt werden ... Ein solches Verfahren ist am notwendigsten gerade bei den lebendigsten Naturen, die sich in allem versuchen."
Noch deutlicher als der Schulmann Tuiskon Ziller im Jahre 1857 sagt ein pädagogisches Handbuch von 1887, worauf es in der Kinderzucht ankommt: "Zucht ist ... Lebenshem-
* Zeichnung von Ludwig Richter.
** Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung". Herausgegeben und eingeleitet von Katharina Rutschky. Ullstein Verlag, Berlin; 620 Seiten; 24,80 Mark.
mung, sie ist mindestens Einschränkung der Lebenstätigkeit ..."
Daß es dem erziehungsberechtigten Bürgertum gleichwohl an Kinderliebe nicht mangelte, bewies es sich schon allein dadurch, daß es die Kinder nicht geradewegs erschlug oder sie nach der Geburt nicht einfach sich selber überließ.
Schließlich, so pries ein Kinderfreund im ausgehenden 18. Jahrhundert die elterliche Humanität, müßte das Neugeborene "gleich in seinem Blut ersticken, wenn sich die guten Eltern nicht seiner annähmen".
Und so hielt man auch die durch die Gnade der Erwachsenen mit dem Leben davongekommenen Kinder an, Vater und Mutter zu danken, "daß ihr mir zu essen und zu trinken gegeben habt, als ich durstig und hungrig war. Ihr mußt mich wohl recht liebhaben, daß ihr das tut, denn es zwingt euch niemand dazu
Die zahlreichen Spielarten von Kinderhaß im Bürgertum hat jetzt die Berliner Pädagogin Katharina Rutschky in einem soeben bei Ullstein erschienenen Schwarzbuch der Pädagogik mit erschlagender Materialfülle dokumentiert**.
Alle Schritte der Kinder wurden sofort von fürsorglichen Vorschriften angehalten und auf diese Weise das gesamte Leben der Kinder durch pädagogischen Perfektionismus wie in Gips gegossen.
Auf dem Schulweg hatten sie gemessen einherzuschreiten, "ohne zu laufen und ohne zu springen", beim Treppensteigen "mit den Beinen regelmäßig abzuwechseln"; für das Gehen im allgemeinen galt es, "nicht zu weite Schritte zu machen" und beim Anheben der Füße "die Fußsohlen nicht in die Hohe (zu) werfen, sondern die Zehen immer etwas gegen den Fußboden (zu) ziehen".
Beim Sitzen dagegen "muß nicht gelitten werden, daß Kinder die Füße übereinander schränken" oder ein Bein über das andere kreuzen; daß sie "mit den Augen zwinkern" oder "mit offenem Mund" dasitzen. "Sie scheuen sich, auch die kleinste Bewegung zu machen ... keiner verzieht eine Miene." So soll es sein.
Das Ideal eines Kindes, das keinen Mucks von sich gibt und wie im Tode erstarrt ist, haben die Erziehungsberechtigten durchzupauken versucht, indem sie ihre Aufmerksamkeit vor allem der physischen Schwachstelle, dem Körper ihrer Zöglinge widmeten.
Obwohl man an die reinigende Kraft der Prügel glaubte, die "die Tore des Herzens sprengen oder wie die Hacke den Boden lockern" werde, spielte die direkte physische Gewaltanwendung in der Strategie, die Jugend zu (im Wortsinn) Leibeigenen der Erwachsenen zu machen, dennoch nur eine Nebenrolle.
Mit unendlicher Hingabe und einer ruhelosen Pedanterie aber tüftelten Pädagogen ein unentrinnbar dichtes Netz von Regeln etwa für die richtige Haltung beim Schreiben aus, Regeln, an die der kindliche Körper wie eine Gliederpuppe an Fäden aufgeknüpft wurde.
"Die Querachse des Körpers", so lautet eine dieser hochkomplizierten Gebrauchsanweisungen zur Bedienung von Kindern, "steht (beim Schreiben) parallel zum Längsrande des Tisches
Die Füße stehen auf dem Boden; die Oberschenkel haben eine waagerechte, die Unterschenkel eine senkrechte Richtung. Bei der zur Weiterführung der Zeilen notwendigen Bewegung des Vorderarms hat sich derselbe um den in möglichst unveränderter Lage bleibenden Unterstützungspunkt derartig zu drehen, daß er (als Radius angenommen) auf der Tischplatte einen Kreisbogen durchläuft."
Noch in ihren theoretischen Exerzitien zur Körperkunde treten die bürgerlichen Pädagogen "vor der Front der Klasse" als Herren über Leben und Tod auf, indem sie auch das Allernatürlichste wie beispielsweise die Tatsache, daß der Mensch eine Nase im Gesicht hat, eigens in Paragraphen fassen und so in höchst persönliches Lehrer-Eigentum verwandeln, als hätte der Mensch nur dann eine Nase im Gesicht, wenn der Lehrer es sagt und will.
Oder warum hielt es etwa der Schweizer Pestalozzi für notwendig, seinen Schülern umständlich zu erklären: "Der Körper oder der Leib des Menschen geht von den Fußsohlen an bis an den Scheitel hinauf, und von dem Scheitel an bis an die Spitzen der Finger an beiden Händen ... Der Kopf ... steht auf dem Hals. Das Angesicht liegt vorne am Kopf"?
Aber wie die Erwachsenen Kindern die physische Existenz auch abzuhandeln versuchten, "weil das Fleisch die Macht ist, welche in erster Linie gebrochen werden muß", ob man die lieben Kleinen "Hunger, Durst, Schlafentbehrung, gemessene Strapazen sowie Unannehmlichkeiten aller Art" zwecks Abstumpfung gegen sich selber ertragen ließ, ob man sie bereits im Säuglingsalter "mit dem Kopf alltäglich einigemal unter das Wasser" tauchte, "weil dadurch ein Kind an Lunge und langem Atem sehr gewinnt", alle Einübung in die Leblosigkeit änderte nichts daran, daß der Körper ein letztlich unkontrollierbares Eigenleben behielt.
Nur so ist zu erklären, warum die Erzieher, die sich als "unmittelbares Organ der Gottheit" verstanden, auf alle Regungen gerade auch der physischen Eigenmächtigkeit von Kindern derart hysterisch reagierten.
So galt es als eine der unverzeihlichen Kindersünden, Fratzen zu schneiden, und es gibt in der pädagogischen Literatur des vorigen Jahrhunderts lange Abhandlungen, wie man die "für den Lehrer besonders fatale ... oppositionelle Miene" am wirkungsvollsten zur Versteinerung bringt. Der wider das Fratzenschneiden zu Felde ziehende Artikel in einem Handbuch aus dem Jahr 1878 illustriert, wie heftig der Pädagoge schon beim nichtigsten Anlaß zusammenfährt, wenn Kinder plötzlich merken, daß sie, aller Erziehung zum Trotz, noch am Leben sind.
"Irgendeinmal macht das Kind die Entdeckung, daß es mit seinen Gesichtszügen beliebige Veränderungen vornehmen kann; nun macht es ihm Spaß, von dieser Fähigkeit auch wirklich Gebrauch zu machen ... Der Erzieher hat das selbstverständlich nicht zu dulden, (sondern) durch eine drastische Zurechtweisung die Gesichtsmuskeln in eine natürliche Lage zurückzubringen."
Das versetzte den Pädagogen in eine besinnungslose Ohnmacht, daß er nicht selber der Gesichtsmuskel war. Nichts haben die Jugend- und Tugendwächter mehr gefürchtet, als daß ihre Untertanen dahinterkämen, daß sie eine von der Allmacht ihrer Aufseher unabhängige biologische Natur mitsamt einem in ihr verborgenen Innenleben besaßen. Die Onanie wurde daher ebenso heftig bekämpft wie das Fratzenschneiden oder das Lügen, durch das Kinder -- nach einer einleuchtenden Beobachtung des Psychoanalytikers Viktor Tausk -- zum erstenmal zum Bewußtsein eines eigenen Willens und geistiger Selbständigkeit kommen.
Um das zu verhindern, mußte neben dem ideologischen ein praktisches Überwachungssystem installiert werden, das keinen, der für sich zu sein versuchte, "ungesucht und unverfolgt" ließ und eine Omnipräsenz der Erzieher suggerierte, unter der kindlicher "Eigensinn", diese verwerflichste Eigenschaft, dem schönen Gefühl weichen sollte, den Aufsehern ausgeliefert zu sein und nichts tun zu können, was nicht sogleich auf dem Radarschirm ihrer Fürsorge sichtbar würde.,. Die sorgfältige Inspektion" heißt denn auch eine goldene pädagogische Regel, "ist der eigentliche nervus der Erziehung."
So betätigten sich Lehrer und Eltern als rastlose Spitzel, ihrem selbsterteilten Auftrag entsprechend, Kinder "auch nicht auf kurze Zeit allein zu lassen". Lehrer "mußten" auf dem Nachhauseweg ihren Schülern hinterherspionieren, Eltern in der Korrespondenz und in den Tagebüchern schnüffeln, selbst die "regelmäßige Verdauung" mußte strikt "überwacht" werden, nicht aus Gesundheitsgründen etwa, sondern weil "Anfüllung des Darmes und der Blase leicht wollüstige Gefühle bewirken".
Nur zu verständlich, daß Stubenhocker, Kinder mit "dem Hang zur Einsamkeit", zum "langen Verweilen an dunklen Orten, auf heimlichen Gemächern" "einige Besorgnis" erregten. Und ebenso zwangsläufig resultiert aus dem totalen Eigentumsanspruch auf das kindliche Leben die Furcht vor der Nacht, wenn die kleinen Häftlinge dem Luchsauge der Erwachsenen in den Schlaf entschwanden und unkontrollierbar träumen konnten.
* "Plisch und Plum" von Wilhelm Busch.
Der ohnmächtige Befehl ans Kind, "die Träume (zu) meistern", die übernervöse Fürsorge, mit der man es im Kampf gegen die "unmoralische" Langschläferei zwingt, vor Tau und Tag aufzustehen, und strengstens verbietet, nach dem Wecken noch "wachend im Bett zu liegen", kulminiert schließlich in einer Pädagogik, die überhaupt die Kinder aus der Welt schaffen möchte, deren Einflüsse nur die Erziehungsarbeit erschweren.
Und die bis heute bestgehütete pädagogische Lieblingsidee ist nicht zufällig die vom Kind als dem unbeschriebenen Blatt, in das die Erwachsenen ihre Befehle und Wünsche nur einzutragen brauchen.
Lange bevor der amerikanische Verhaltensforscher Skinner die Lerntheorie weiterentwickelte, die sich den neugeborenen Menschen als das geschichtslose Wesen vorstellt, zu dem sie ihn dann durch Konditionierungstraining macht, hatte Immanuel Kant bereits dekretiert: "Der Mensch kann nur werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht."
Diese Illusion, Kinder seien "von Natur nichts", nur "der rohe Stoff, den (der Erzieher) bearbeitet", ist die Leitidee, die sowohl die maßlose Selbstüberschätzung als auch den rigiden Eifer der Erzieher erklärt, die mit jedem ihrer vermeintlich im Jahr Null geborenen Zöglinge auch die Möglichkeit in der Hand zu haben wähnten, die Geschichte der Menschheit auf eigene Faust von vorn zu beginnen und die Welt durch Kinderzucht zu erneuern.
Was sich in 200 Jahren Erziehungsgeschichte auch geändert hat, daß etwa die Onanie nicht mehr als Verbrechen gilt, daß die Prügelstrafe an den Schulen kaum noch praktiziert wird oder (laß antiautoritär gestimmte Pädagogen ihre Erziehungsmaßnahmen erklären, statt sie wie Gottesurteile zu verhängen -- geblieben ist der totalitäre Charakter der Erziehung, der sich heute wie früher in der beflissenen Aufmerksamkeit ausdrückt, mit der das Kind schon in der Wiege pädagogisch überwacht wird von Müttern, die nichts "verkehrt" machen wollen.
Was "richtig" ist, erschließen sie sowenig wie Eltern des 19. Jahrhunderts aus der alltäglichen Erfahrung des Umgangs, sondern aus einem Gang in den Buchladen, in dem für jede Wachstumsphase und kindliche Verhaltensweise ein Ratgeber bereitliegt, der die Kinderseele nach dem neuesten Stand der Forschung präsentiert und wissenschaftlich exakt angibt, wie sie wann zu handhaben ist.
Katharina Rutschky, die Herausgeberin des pädagogischen Schwarzbuches" behauptet in ihrem einleitenden Essay, daß die moderne, sich wissenschaftlich und kinderfreundlich gebende Pädagogik den "destruktiven Charakter" traditioneller Erziehung nicht nur nicht aufgehoben hat, sondern ihn "erst ganz offenbart".
In der Tat behandelt ja selbst die antiautoritäre Erziehung Kinder wie Automaten, in die der Pädagoge nur die Münze seiner abstrakten Erkenntnisse hineinzuwerfen braucht, um das gewünschte Produkt zu erhalten. Und die Ratschläge von Kinder-Mechanikern wie Alexander Neill ("Summerhill") sind denn auch nur technische Anweisungen wie zur Reparatur tropfender Wasserhähne. "Wenn Kinder in sexueller Beziehung nicht moralistisch erzogen werden, dann werden sie als Jugendliche gesund sein und nicht zu Ausschweifungen neigen."
Die Individualität von Kindern, ein Verbrechen, das früher "in einem besonderen Buch, dem Individualitätenbuch, möglichst präzise und detailliert verzeichnet" wurde, muß die nach wissenschaftlichen Gesetzen verfahrende Pädagogik nicht mehr mit Strafen ahnden, weil sie sie von vornherein ausschließt, indem sie theoretische Verallgemeinerungen auf den konkreten Einzelfall anwendet. Will der aber nicht so typisch sein, wie das Gesetz es befiehlt, so stehen Schulpsychologen und Erziehungsberater, qualifizierte Experten, bereit, den defekten Automaten zu reparieren, an dem im vorigen Jahrhundert, vergleichsweise menschlich, der Erzieher noch persönlich schlug und rüttelte, bis die vom kindlichen Eigensinn zugeklemmten Fächer endlich aufsprangen.
Die technifizierte Erziehung leugnet indes nicht mehr nur das spezifische Eigenleben von Kindern. Sie schaltet überdies auch die individuelle Person des Erziehers aus, der als "Bezugsperson" nur noch die Funktion eines Handlangers der wissenschaftlichen Pädagogik ausübt.
Beruhte die bürgerliche Erziehung zwar immer schon auf der Verleugnung der gegenseitigen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, die sich daher nach hierarchisch-offiziellem Protokoll wie Richter und Angeklagter gegenübertraten, indem etwa Kinder den Vater zu siezen oder strammzustehen hatten, wenn der Lehrer die Schulklasse betrat, so hat der Fortschritt in der Pädagogik noch diese verzerrten Formen von persönlicher Bindung nach und nach beseitigt und Erziehung zu einem von den Experten ferngesteuerten Vorgang gemacht.
Denn "unter dem Druck der wissenschaftlichen Literatur und den populären Versionen von ihr bezweifeln die Eltern inzwischen selbst gründlich, ob sie ihre Kinder erziehen können" (Rutschky).
Nach Indizien für diese pädagogische Ratlosigkeit muß man nicht lange suchen. Der nach Hunderttausenden zählende Bucherfolg des zu Beginn der siebziger Jahre das neue Heer der pädagogischen Laien alleinseligmachenden Alexander Neill belegt die elterliche Bereitschaft, die Erziehung in fremde Hände zu legen, ebenso wie die steigende Zahl von Kindesmißhandlungen (die Dunkelziffer lag 1975 zwischen 6000 und 400 000 Fällen) darauf hinweist, daß Eltern die leibhaftige Existenz ihrer Kinder immer weniger ertragen können.
Und schon ist es selbst für eine Frauenzeitschrift wie "Brigitte" kein Sakrileg mehr, den mütterlichen Kinderhaß ("Es klingt hart. Aber es muß einmal ausgesprochen werden") beim Namen zu nennen.
Unter der Überschrift "Manchmal hasse ich meine Kinder" beschwichtigt eine Mutter und praktizierende Psychotherapeutin die "Brigitte"-Leserinnen: "Oftmals macht es uns (Mütter) ärgerlich, daß da eine Kreatur ist, die ganz einfach lebt und genießt ..." Das Erschrecken über diese Entdeckung scheint gerade so tief zu sein, als sei -- verflixt noch mal -- der Hefekuchen wieder nicht aufgegangen.

DER SPIEGEL 24/1977
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