06.06.1977

WAFFENRoter Punkt

Das Automatgewehr, mit dem sogar ein Kind nicht vorbeischießen kann -- Österreich baut, Amerika verkauft es. Seine Hauptmerkmale: kleines Kaliber, Laserstrahl-Visier.
Im Zentralgefängnis des US-Bundesstaats Utah war Rabatz. Lampen splitterten, Barrikaden aus zerdeppertem Mobiliar türmten sich -- doch plötzlich, noch ehe der Aufstand recht in Gang gekommen, herrschte Ruhe. Die Anführer schickten die Gefangenen kleinlaut in ihre Zellen zurück.
Der Grund: Ein unheilkündender, scharlachroter Lichtpunkt mitten auf der Brust der Anführer hatten sie zum Rückzug veranlaßt. Gesiegt hatte, wie unlängst ein US-Waffenfachmann beinahe andächtig klingend hervorhob, "die humanste Polizeiwaffe, die jemals ersonnen wurde".
Die Waffe, ein neuartiges automatisches Gewehr namens "American 180", ist so human, daß sie einen Menschen in einer Sekunde mit 20 Geschossen durchsieben kann. Und bei Trüblicht, Dämmerschein und Nachtschatten, wenn andere Schießgewehre nur noch fast blind feuern können, trifft sie besonders genau. Denn jener rote Lichtpunkt (Durchmesser: rund sieben Zentimeter). wie ihn die Gefangenen von Utah auf den Brustkörben ihrer Anführer glimmen sahen, ist Vorbote des Todes -- der Auftreffpunkt des unsichtbaren Zielstrahls aus dem Laser-Visier, mit dem dieses Gewehr als bisher einzige Handfeuerwaffe gekoppelt ist.
Mit Hilfe des batteriegespeisten, gebündelten Lichtstrahls, der an den Schützen zurückmeldet, daß er richtig zielt, könnte sogar ein Kind als Scharfschütze antreten. Wenn der Schütze den roten Laser-Glühpunkt richtig auf das Ziel hält, trifft jede Kugel, ob einzeln oder als Dauerfeuer geschossen; ein Tellermagazin speichert bis zu 177 Patronen. Das Laser-Gerät ist nicht stark genug, um allein durch seine Strahlkraft Verbrennungen am Opfer hervorzurufen.
Doch auch bei hellem Tageslicht, ohne Laser-Steuerung, schießt das neue Gewehr beunruhigend präzise (die unter dem Lauf montierte Laser-Einheit wird in diesem Fall durch einen hölzernen Vorderschaft ersetzt), weil die Waffe kaum Rückschlag hat, so daß die Garben eng gebündelt bleiben. Dieser Effekt beruht auf dem winzigen Kaliber und der schwachen Treibladung -- Kaliber ".22" (0,22 Zoll), umgerechnet fünfeinhalb Millimeter. Ein Feuerstoß aus einer "American 180" macht daher kaum mehr Krach als eine elektrische Schreibmaschine.
"Die Waffe", lobt Charles Goff, Konstrukteur des Gewehrs und Chef der Vertriebsfirma "American International Corporation" in Salt Lake City, "hat sich außerordentlich bewährt." Rund 4000 Exemplare zum Stückpreis von 1000 bis 1200 Dollar -- je nach Ausrüstung -- sind bereits verkauft worden. Mit dem Gewehr, das die österreichische Jagd- und Sportwaffenfabrik Voere in Kufstein/Tirol zur Produktionsreife entwickelt hat und produziert (bis auf das Laser-Gerät), nutzt Goff den neuen Trend auf dem Gebiet der Handfeuerwaffen für Polizei und Militär: Das großkalibrige, weitreichende Repetiergewehr, einst von Kaiser Wilhelm als "der lange Arm der Infanterie" gefeiert, ist fast überall von weniger weit schießenden, dafür aber leichteren und kleineren Automatwaffen abgelöst worden.
Nutznießer des neuen Gewehrs sollen freilich nur Kräfte sein, die eine Regierung, wenn nicht gar das Recht hinter sich haben. Goff hält seinen rapiden Schießprügel für "die beste Anti-Terroristen-Waffe der Welt", lieferbar nur für Polizisten und Militäreinkäufer.
Wer die bisher ausgelieferten Gewehre wirklich in Besitz hat, darüber hat auch Lieferant Goff keine zuverlässige Kontrolle. So gilt beispielsweise als ausgemacht, daß die israelischen Kommandotruppen bei ihrem nächtlichen Handstreich auf den Flughafen von Entebbe vorwiegend aus geräuscharmen "American 180" gefeuert haben, obwohl ihnen derartige Waffen nicht offiziell geliefert worden sind.
Palästinensische Freiheitskämpfer oder gar Idi Amin sollen das Gewehr, so ordnete Goff an, jedenfalls nicht in die Finger bekommen. Und dasselbe gilt für Amerikas Gangster und Ganoven, Mobster und Mafiosi, die alle längst die fatale Bedeutung des roten Punkts aus dem Laser-Zielgerät kennen. "Ich hasse den Gedanken, daß Verbrecher diese Waffe besitzen", klagte Goff jüngst, "aber es ist möglich, sie haben sie schon."
Sogar wahrscheinlich. Das FBI untersucht 19 Mordfälle aus jüngster Zeit, deren Opfer -- teils FBI-lnformanten, teils Zeugen der Staatsanwaltschaft -- allesamt durch Schußwaffen vom Kaliber .22 umgebracht worden sind. Einige von ihnen hatten bis zu 15 Einschüsse, zumeist waren die Schüsse von niemandem gehört worden.
Unterdes hat Österreich noch ein weiteres neues Wundergewehr zu bieten: das "Sturmgewehr 77" der Steyr-Werke, mit dem Österreich sein Bundesheer ausrüsten will. Diese Feuerwaffe, fast in allen Teilen mit Wasser abwaschbar, verschießt aus durchsichtigen 30er-Magazinen Kugeln des Kalibers .223 (5,56 Millimeter). Es ist dem Kaliber der "American 180" ähnlich, die Geschosse haben jedoch eine viel stärkere Treibladung.
Laser hat das "StG 77" nicht zu bieten, dafür aber als erstes Automat-Gewehr der Welt eine andere Novität: ein Zielfernrohr, das zugleich als Tragegriff dient. Dr. Nikolaus Krivinyi, Sprecher des österreichischen Verteidigungsministeriums, sucht das neue Gewehr schon zu vermarkten, obwohl es bisher nur in Prototypen existiert: "Unsere Waffe ist a Knüller."

DER SPIEGEL 24/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WAFFEN:
Roter Punkt

  • Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"