09.05.1977

URAN-SCHIFFSchmutziger Trick

1968 gingen 200 Tonnen Natururanoxid verloren. Doch erst jetzt enthüllten die Amerikaner den Vorfall. Ein Manöver vor dem Londoner West-Gipfel?
Das Geisterschiff verschwand vor über acht Jahren in europäischen Gewässern. Kunde darüber aber kam aus Amerika.
Kurz vor dem Londoner Gipfeltreffen ließ die US-Regierung durchsickern, was ihr einst die Brüsseler Kommission "aus freundschaftlicher Verbundenheit", so Bonns EG-Kommissar Guido Brunner, vertraulich gebeichtet hatte:
1968 war ein Schiff mit einer Ladung von 200 Tonnen Natururanoxid auf dem Wege von Antwerpen nach Genua spurlos verschwunden, seine Fracht möglicherweise nach Israel gelangt, dessen Kernzentrum Dimona das Uran verwenden könnte.
Die späte Enthüllung traf die Europäer: Jimmy Carters Regierung wolle mit der Indiskretion dartun, wie schlampig die Europäer in Atom-Angelegenheiten seien, schimpfen Diplomaten in Brüssel. Ein hoher EG-Beamter: "Das ist ein schmutziger Trick."
Die Israelis leugneten, daß sie etwas mit der Affäre zu tun hätten und wollten gleichfalls ein politisches Manöver erkennen: Washington, seit Carter gegenüber jedem Export von Kernprojekten äußerst zurückhaltend, wolle Verhandlungen über den Kauf von zwei amerikanischen Atommeilern durch Israel belasten und den Anspruch anmelden, überall in der westlichen Welt Kernprojekte mit zu kontrollieren.
Mehr Kontrolle ist schon nötig, wenn auch nicht notwendigerweise durch die USA; eher durch die Länder, in denen Atom-Anlagen entstehen und durch die radioaktives Material transportiert wird. Das zeigt die bizarre Geisterschiff-Affäre, die sich Ende voriger Woche so darstellte:
1968 kauft die Firma Asmara Chemie GmbH in Hettenhain nahe Wiesbaden bei der belgischen Société Générale des Minerais 200 Tonnen Uran, das aus Zaire stammt. Asmara plant zunächst, das Uran nach Marokko weiterzuverkaufen. Als sie von den Schwierigkeiten erfährt, Uran aus dem EG-Bereich zu exportieren, entschließt sich die Firma anders und will nun das Uran, Wert rund 3,5 Millionen Dollar, zu Katalysatoren veredeln lassen -- bei der Mailänder Firma Saica.
Die Firmen unterrichten die Euratom-Versorgungsagentur in Brüssel von dem Geschäft. Denn Verbleib und Verarbeitung des Urans müssen gemeldet werden.
Im November 1968 wird die Uran-Fracht, in 560 Spezialtonnen verpackt, in Antwerpen verladen. Sie geht an Bord des Motorschiffes "Scheersberg", Baujahr 1955, 78 Meter lang, 1142 Bruttoregistertonnen. Das Schiff verläßt Antwerpen am 16. November mit dem Ziel Genua, von wo die Ladung nach Mailand transportiert werden soll.
Da die Fracht von Menge und angegebenem Verbrauch her ("Nonnuclear use") nicht ungewöhnlich ist, erkundigt sich Euratom erst im Januar 1969 nach dem Uran. Sie erfährt von der Mailänder Saica, daß die Lieferung niemals im Hafen von Genua eingetroffen ist. Armara habe allerdings die Saica für den entgangenen Gewinn entschädigt.
Nun schlägt Brüssel Alarm. Wo ist das Uran-Schiff abgeblieben, wo vor allem seine Ladung? Die Geheimdienste Belgiens, Italiens und der Bundesrepublik werden eingeschaltet.
Erst einige Monate später wissen sie, daß die "Scheersberg" nicht etwa gesunken ist oder als "fliegender Holländer" über die Weltmeere irrt. Die Fahnder erkennen ein anderes Schiff, die "Haroula", als die "Scheersberg" wieder, anhand des Logbuches. Die Seiten der Uran-Fahrt von Antwerpen sind allerdings herausgetrennt, das Maschinentagebuch ist mit Öl unleserlich gemacht. Einige Aufbauten sind verändert. Die Besatzung vom Kapitän bis zum Schiffsjungen gibt vor, nichts über die Geschichte des Schiffes zu wissen.
Das ist schon möglich. Denn die "Scheersberg" hat im Jahre ihrer Geisterfahrt mindestens dreimal den Besitzer gewechselt.
Bis zum 27. September 1968 bereedert sie die angesehene Hamburger Firma Aug. Bolten Wm. Miller's Nachfolger, das heißt, sie besorgt für das Schiff Aufträge und die Besatzung. Besitzer ist damals laut Schiffsregister der Hamburger Diplom-Volkswirt Fritz R. Köpke. Köpke heute: "Ich habe das Schiff nur treuhänderisch verwaltet. Keine Auskünfte über Besitzer und Weiterverkauf."
Tatsächlich steigt Ende September Kapitän Ludwig Hansen mit der Bolten-Mannschaft in Antwerpen aus. Das Schiff übernimmt eine Firma "Biscayne Shipping and Trading Association", Monrovia. Die "Scheersberg" hat noch ihren deutschen Namen -- jetzt "Scheersberg A", aber eine neue Mannschaft mit einem britischen Kapitän namens Barrow" neue Besitzer und die Flagge Liberias, als sie in Antwerpen beladen wird und ausläuft -- zu jener geheimnisumwitterten Fahrt, deren Rätsel noch nicht gelöst ist.
Das Schiff wird dann angeblich im Atlantik, im Mittel- und im Schwarzen Meer gesichtet. Im rumänischen Donauhafen Galatz, der vom Schwarzen Meer zu erreichen ist, soll es auch geankert haben -- mit dem spanischen Kapitän Cousillas.
Aber schon im Dezember fährt die "Scheersberg", offenbar wieder neu bemannt. für eine neue Firma: die griechische "Oregal Cia S.A." in Piräus, unter dem Namen "Haroula". Heute ist diese Firma nicht mehr auszumachen.
1976 wechselt das wiederauferstandene Geisterschiff wiederum den Besitzer. Die "Scheersberg" heißt nun "Kerkyra" und gehört der Pidalion 111 Shipping im zyprischen Limassol.
Die heutigen "Scheersberg"-Besitzer wis"en nichts von der Geisterfahrt des Jahres 1968. Der von Land her in das mysteriöse Unternehmen verwickelte Asmarn-Chef Herbert G. Scharf, 79, ist unerreichbar in Italien, seine Hettenhainer Firma längst pleite. Wo Scharf einst seine Geschäfte machte, wird heute Hundefutter hergestellt.
1969/70 ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Asmara, stellte aber das Verfahren ein. Untersuchungen in Belgien und Italien führten nicht einmal zu einem Verfahren -- fast so rätselhaft wie das Verschwinden des Schiffes.
Neben der wahren "James-Bond-Story", so die Londoner "Times", hatten die Amerikaner vor dem Londoner Gipfel auch Unwahres gestreut.
So soll der ehemalige Generaldirektor von Euratom, Cancellario d Alena, angeblich wegen der Geisterschiff-Affäre seinen Posten verloren haben. In Wahrheit war Cancellario 1971 auf eigenen Wunsch aus Gemeinschaftsdiensten ausgeschieden, um in Italien seine Karriere im Auswärtigen Dienst weiterzuführen: Er ist jetzt Roms Botschafter in Bulgarien.
Für den deutschen EG-Kommissar Wilhelm Haferkamp aber hat das verjährte Uran-Drama möglicherweise noch ein Nachspiel. Er war 1969 in der Brüsseler Kommission für Energie zuständig und trägt damit die politische Verantwortung für die Affäre. Am Donnerstag will sich Haferkamp der Presse stellen.
Die Amerikaner haben allerdings wenig Grund, sich über die Uran-Schlamperei der Europäer zu mokieren: Einem Bericht des US-Rechnungshofes zufolge ist in Amerika in den vergangenen Jahren immer wieder Uran abhanden gekommen.
So verschwanden zum Beispiel 1965 aus der Anreicherungsfabrik Apollo, Pennsylvania, rund 175 Kilo hochangereichertes Uran Material für mindestens zehn Bomben.

DER SPIEGEL 20/1977
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