11.04.1977

FERNSEHENGewisse Brechung

„Der Alte“. ZDF-Krimiserie mit Siegfried Lowitz. Pilotfilm am 11. April, 21.00 Uhr.
Seit der Mainzer "Kommissar" Keller -- Ode hab ihn selig -- die verdiente Pension verzehrt, fehlt der TV-Nation ein väterlicher Schutzmann.
Sieben Jahre, 97 Serienfolgen lang hatte sie vertrauensvoll zu ihm aufgeschaut. Wenn Keller, das charismatische Kerlchen, zum Tatort schritt, versöhnten sich verzankte Eheleute. Er wirkte, wie Münchner Psychologen eruierten, beruhigend wie Mozarts "Kleine Nachtmusik"; er hat sogar das deutsche Liebesleben nachhaltig befruchtet. Wer könnte ihn ersetzen, sein gemeinnütziges Werk fortführen?
Der Nachfolger naht, wieder mal, aus Mainz -- ein Charakterrecke wie Keller, reich an Jahren und Erfahrung: Erwin Köster, Hauptkommissar im Morddezernat, genannt "Der Alte". 30mal wird er vorerst, in Gestalt des Münchner Schauspielers Siegfried Lowitz, 62, den Zweiten Kanal heimsuchen und -- falls das Publikum ihn und seinen stotternden Assistenten Haymann akzeptiert -- wohl bis in die 80er Jahre amtieren.
Ostermontag, 21 Uhr, gibt der alte Köster sein Debüt als knorriger Einzelgänger, den die Unterwelt "wegen seiner ungewöhnlichen Fahndungsmethoden fürchtet" (ZDF-Annonce). Und um dieser "Figur mit unkonventioneller Charakteristik volle Entfaltungsmöglichkeit zu bieten", löst der neue Seriendetektiv seinen ersten Fall in Überlänge: Im 90-Minuten-Pilotfilm "Die Dienstreise". Da trumpft der Alte auf wie ein jugendlicher Held.
Bei einem Banküberfall läßt er sich gegen drei Geiseln austauschen. Dem Gangster Klaus Rott wird freier Abzug gewährt, Köster soll den Fluchtwagen steuern. Die Knarre im Genick, muß Köster kreuz und quer durchs bayrische Land kutschieren. Unterwegs steigt, als ahnungslose Anhalterin, noch eine herzige Walburga zu, die den Räuber Klaus gleich viel sanfter stimmt. In einem Dorfgasthof bittet er freundlich zu Tisch, nach dem Diner geleitet er seinen Flirt galant bis vor die Haustür -- mild und stoisch blickt Old Erwin auf die keusche Romanze.
Denn Rott dient ihm nur als Köder, der ihn zum langgesuchten Profikiller Teretti führen soll. Die List verfängt: In einer City-Garage kommt es zum schauerlichen Showdown, bei dem auch Rott verblutet. Kleinlaut inspiziert der Alte das Schlachtfeld: "Ich habe alles falsch gemacht."
Solche Köster-Sätze und, bei aller Brutalität auch manch humoristisches Intermezzo, deuten darauf hin, wie das
* Mit Michael Ande (l.) als Haymann
ZDF den neuen Kommissar profilieren will: Der Alte sei eine melancholische "Figur mit einer gewissen Brechung" und "ironischer Distanz". Die Serie solle überdies zeigen, daß "Kriminalität auch Produkt gesellschaftlicher Zustände sein kann" -- doch diese Verheißung löst schon das Premieren-Spektakel nicht ein.
Um den Verschleiß des "Alten"-Serials zu verhüten, haben die Mainzer ein Team ausgebuffter TV-Autoren engagiert. Der Fließbandarbeiter Herbert Reinecker, dem schon zu seinem "Derrrick" nichts mehr einfällt, wird vom "Alten" weitgehend ferngehalten.
Für den Schauspieler Lowitz ist die satt dotierte Serienrolle (18 000 Mark pro Folge) eine "feine Pension" und Gelegenheit, "auf breiter Front Beachtung zu finden". Im Kino war er bisher -- in vielen Edgar-Wallace-Filmen etwa -- nur zweite Wahl. Das moderne Theater ist dem Traumdeuter und Freizeit-Philosophen (Lebensmotto: "Nur der künstlerische Mensch lebt, alle anderen vegetieren") komplett ein Greuel. Da sieht er "eine kleine Mafia" am Werk, die "sich die Bälle zuspielt und die Wünsche des Publikums ignoriert".
Daß ihm der "Alte" auf seine alten Tage noch einen "gewaltigen Rummel" beschert, ist ihm -- nach Mordandrohungen -- schon klargeworden. Vorsorglich hat er das Namensschild an seiner Bogenhauser Wohnung entfernt, einen Waffenschein samt Ballermann erworben und eine geheime Telephon-Nummer beantragt.
Heraufziehenden Turbulenzen sieht er im übrigen gelassen entgegen: "Nulla crux, nulla corona", so spricht er sich selbst zum Trost: "Wo kein Leid ist, da ist auch keine Freude." Peter Stolle

DER SPIEGEL 16/1977
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