04.04.1977

Bißchen Damenbart

Öffentlich klagen sich Athleten und Sportärzte der Manipulation durch Drogen und Spritzen an. „Spitzenleistung nicht um jeden Preis“, forderte der frühere Olympiakämpfer Professor Dr. Manfred Steinbach.
Sie schlucken und spritzen, lassen sich literweise Blut entnehmen und wieder eingeben, obwohl sie organisch kerngesund sind. "Hochleistungssportler sind Masochisten", glaubt der Münchner Sportarzt Dr. Helmut Pabst. "auch wenn sie es nicht wissen."
Seit bei den Olympischen Spielen in Montreal der Hamburger Skuller Peter-Michael Kolbe nach einer Spritze im Finale zusammengeklappt war und das erhoffte Gold verpaßte, riß die Diskussion um Pillen und Infusionen, Injektionen und Präparate im Leistungssport nicht mehr ab.
Sogar auf den Bonner Bundestag griff der Streit um die Kraft aus der Pille über. Der Abgeordnete Dr. Adolf Müller-Emmert fragte jüngst nach Maßnahmen, um "sicherzustellen, daß der gesundheitliche Schutz der Leistungssportler" durchgesetzt werde. Das von Bonn finanzierte Bundesinstitut für Sportwissenschaft arbeite an Forschungsaufträgen über "Möglichkeiten und Grenzen einer humanen Leistungsbeeinflussung", antwortete der Parlamentarische Staatssekretär Andreas von Schoeler. Auch der Deutsche Sportbund (DSB) und das Nationale Olympische Komitee (NOK) setzten eine Untersuchungskommission ein. Demnächst wird so gut wie sicher die Mehrheit der etwa 5000 bundesdeutschen Sportärzte auf einem Doping-Kongreß Siegespillen verdammen. Ob es diesmal hilft?
Zugleich mit dem Wettkampfsport hat sich auch der Einfallsreichtum bei der Entdeckung neuer Doping-Methoden und Manipulationen entwickelt. Trainer stellten Giftschränke mit Aufputschmitteln zusammen, die bei den Athleten letzte Reserven mobilisierten, wie sie sonst nur in Lebensgefahr frei werden.
Etwa 1000 Radrennfahrer" schätzten Experten, wurden durch Überdosen aufputschender Mittel getötet. Noch beim Olympia 1960 in Rom starb ein Fahrer, der Däne Knud Enemark Jensen, nachdem er aufputschendes Ronicol geschluckt hatte.
Seit 1968 etwa müssen Sportler bei nationalen und internationalen Meisterschaften, vor allem aber bei Olympischen Spielen, mit entlarvenden Doping-Kontrollen rechnen. Olympia-Veranstalter gaben etwa fünf Millionen Mark für Doping-Tests aus. Seitdem verschwanden lebensbedrohende Doping-Drogen zumindest im Amateursport so gut wie ganz. Auch Todesfälle durch Doping sind nicht mehr bekannt geworden.
Doch längst breitete sich eine neue Seuche über die Trainings- und Wettkampfstätten aus: sogenannte Muskelpillen, Anabolika oder anabole Steroide. Vor ungefähr 25 Jahren hatte ein Arzt dem amerikanischen Hammerwerfer Harold Connolly Dianabol verschrieben. Durch Kinderlähmung war sein linker Arm kürzer als der rechte. Das Medikament sollte, wie bei vielen anderen Patienten, verkümmerte Muskeln wachsen lassen.
Connolly wurde 1956 Olympiasieger. Rasch umrundete die Kunde vom Pillenwunder die Sportwelt: Die Kraftpille mästete Muskeln von Trainierenden wirksamer, als es das härteste Training allein vermochte. Der deutsche Kugelstoß-Meister Ralph Reichenbach erreichte mit Anabolikas Hilfe in vier Trainingsstunden täglich den gleichen Effekt wie zuvor in sechs Stunden.
Rasch ergriff die Sucht Kugelstoßer und Werfer, vor allem aber die Gewichtheber. Der sowjetische Heber-Olympiasieger Wassilij Alexejew schwoll auf 157 Kilo an. Eine Flut von Rekorden in den Kraftübungen folgte -- als Lohn der Angst. Denn auf die Heberbühnen und in den Kugelstoßring stampften nun "Hormonmonster mit ihren charakteristischen Merkmalen", wie Brigitte Berendonk beschrieb -- Oberstudienrätin und frühere Diskus-Meisterin -, mit "Anabolika-Akne und knörendem Frauenbaß".
Anabolika-Gegner zogen Untersuchungen heran, die Nebenwirkungen von Leberschäden bis zum Krebsverdacht auf Anabolika zurückführten. Eine "Zunahme von Lebertumoren" nach Anabolika-Konsum verlange "äußerste Vorsicht", warnte etwa der US-Professor Madison.
Der Freiburger Sportarzt Professor Dr. Josef Keul, der schon mehrmals bundesdeutsche Olympia-Mannschaften betreute, verfolgte die Spuren und stellte fest, daß es sich bei den Bezugsfällen um Patienten gehandelt habe, "bei denen schwere, lebensbedrohliche Grundkrankheiten" bestanden hätten, "an denen diese Patienten teils gestorben sind". Leberstörungen hätten sich zurückgebildet, sobald der Athlet die Muskeldroge abgesetzt habe.
Meist entdeckten die Sportärzte Leberschäden an Athleten, die sich ohne ärztlichen Rat Anabolika verschafft und dann Überdosen vertilgt hatten.
In der Sowjet-Union dagegen veröffentlichte das Fachblatt "Leichtathletik" einen Bericht der Wurftrainer Otto Grigalka und Kirn Buchanzew -- zweier früherer Weltklasse-Werfer -- zu DDR-Forschungen über die "Anwendung von Eiweiß- und Hormonpräparaten zwecks Steigerung der Muskelmasse der Sportler". Seit 1971, verriet der frühere DDR-Turner Wolfgang Thüne, hätten Pillen die Athleten-Kost angereichert: "Ihre Zusammensetzung war geheim."
Das Teufelskarussell rotierte: Immer mehr West-Athleten sprachen von Chancengleichheit und meinten Dianabol. Die zweite Anabolika-Generation ruft zwar keine Leberstörungen mehr hervor, "vorausgesetzt" daß therapeutische Dosen verwandt werden" (Keul). Doch "niemand kann garantieren, daß diese Hormongaben unschädlich sind", warnte gleichwohl Sportarzt Pabst.
Bei Kindern und Frauen treten Nebenwirkungen jedenfalls auf: Das Wachstum setzt womöglich aus, die Stimmen rutschen in sonoren Baß ab. Als Journalisten den DDR-Schwimmtrainer in Montreal auf die tiefe Stimmlage seiner Medaillengewinnerinnen ansprachen, antwortete er: "Die sind doch nicht zum Singen hier."
Martin Lauer, der ehemalige Hürden-Weltrekordler und Staffel-Olympiasieger, ironisierte: "Das bißchen Damenbart und Männerbusen hat keinen geschreckt." Bei einer verletzungsbedingten Injektion hatte er sich selber einen Abszeß zugezogen. Mit einem steifen Bein mußte er die Sportkarriere auf seinem Leistungsgipfel beenden.
"Versuchen wir zu helfen, und der Sportler verliert trotzdem, sind wir schuld", schilderte Sportarzt Pabst das Dilemma. "Helfen wir nicht, weil wir es ärztlicherseits nicht vertreten können, sind wir Spielverderber." Bei den Olympischen Spielen in Montreal standen Anabolika jedenfalls erstmals auf der Verbotsliste.
Doch nachzuweisen vermochten die Tests 1976 nicht alle und auch die restlichen Anabolika nur dann, wenn sie nicht länger als drei Wochen zuvor eingenommen worden waren. Als Ersatz diente einigen Sportlern zudem das Geschlechtshormon Testosteron, das vom körpereigenen Testosteron nicht zu unterscheiden ist.
Immerhin ertappten die Kontrolleure unter den Gewichthebern sieben Anabolika-Sünder, darunter zwei Olympiasieger. Ohne Muskeldrogen müßten die Heber sich auf ein Niveau etwa einen halben Zentner unter den bisherigen Höchstleistungen herablassen. Warum eigentlich nicht?
Doch die Sucht ergriff nun sogar Sprinter, denen Muskeldrogen eher schaden: Wenn sie das Körpergewicht übermäßig erhöhen, mindern sie die Geschwindigkeit. Der bundesdeutsche Exmeister Manfred Ommer verputzte nach eigener Aussage monatlich etwa eine 100-Pillen-Packung zu 87 Mark. Doch seit 1975 glückte ihm kein herausragender Erfolg mehr.
Im ZDF-Sportstudio unterstellte er der Sprint-Olympiasiegerin Annegret Richter, sie habe Anabolika geschluckt. "Noch nie", empörte sich die Weltrekordlerin und kündigte an, Ommer wegen übler Nachrede zu verklagen. "Wenn ich das müßte, würde ich sofort aufhören", versicherte sie und forderte ein strenges Verbot.
Die Chancen, den Anabolika-Bann auch durchzusetzen, stehen günstig: Der Belgier Alexandre Prince de Mérode, der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des IOC, verkündete, mittlerweile könnten auch Anabolika ausgefiltert werden, die in Montreal noch verborgen geblieben seien.
Bei deutschen Leichtathletik-Meisterschaften sollen künftig alle acht Endkampf-Teilnehmer überprüft werden, auch auf die Gefahr hin, daß Bundessportler international im Kugelstoßen und Diskuswerfen zurückbleiben.
"Das ist nur international zu lösen", meinte NOK-Präsident Willi Daume. Nach Gesprächen mit dem sowjetischen Sportchef Sergej Pawlow glaubt DSB-Präsident Willi Weyer, "daß mit der Sowjet-Union ein Abkommen über Dopingfragen möglich ist". Gesprächsweise erwogen Funktionäre schon mobile Analyse-Stationen, die Athleten überall, auch während des Trainings, überrumpeln könnten.
Doch mit gesundheitsgefährdenden Manipulationen hätte es damit noch lange kein Ende. Wozu Athleten willens und bereit sind" bewiesen die bundesdeutschen Olympia-Schwimmer, als sie sich im Trainingslager ein bis zwei Liter Luft in den Darm pusten ließen -- in der Hoffnung, höher im Wasser zu liegen. Die olympische Pumpen-Premiere fiel ins Wasser: In Montreals Schwimmhalle fand sich kein Raum zum diskreten Aufblasen.
Vitaminspritzen und schmerzstillende Injektionen vor wichtigen Wettkämpfen gehören, besonders im Bundesliga-Fußball, zum Athleten-Alltag. Nach dem Prinzip des Elektroschocks stärken Sportler sogar bestimmte Muskeln gezielt durch Stromstöße.
Auch gespritzte Mixturen mit Mineralien und Spurenelementen, die "sowieso im Körper sind" (Sportarzt Professor Dr. Josef Nöcker), unterspülen das Doping-Verbot. Sie beeinflussen den Stoffwechsel und erhalten Ausdauer-Sportlern ausreichenden Sauerstoff-Nachschub für die Muskeln.
Die Entnahme von einem halben bis einen Liter Blut und Rückübertragung kurz vor dem Wettkampf zur besseren Sauerstoff-Versorgung der Muskeln entlarvten Forscher mittlerweile als unwirksam.
Hormongaben, die bei jungen Turnerinnen die Pubertät hinauszögern und das Wachstum stoppen, sind medizinisch möglich. Nachweislich schädigen stauchende Sprünge bei Turnerinnen und Eiskunstläufern, die als Kinder ein Leistungstraining aufnehmen, Rückgrat, Füße und Gelenke.
Kürzlich glossierte die "Los Angeles Times" die Manipulationen durch Technik, Pharmakologie und Medizin. Ein fiktiver Dr. Baldur von Schweinhund berichtete, er habe einem Sprinter Löwenblut eingegeben. "Als wir ein Zebra an die Ziellinie stellten, schoß er davon wie eine Rakete."

DER SPIEGEL 15/1977
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