14.03.1977

REEDERKommunistische Vendetta

Im Vergleich zur Blitzkarriere des Reeders Tikkoo wuchsen selbst griechische Tanker-Imperien nur gemächlich. Durch Vertreibung einer streikenden Besatzung zog er sich nun einen Gewerkschaftsboykott zu.
Durch eine geheimnisvolle Formel fühlte sich Tanker-Tycoon Ravi N. Tikkoo gegen Krisen und Katastrophen aller Art gefeit. Seine komplizierte, von ihm selbst entwickelte Gleichung für die Kalkulation von Bau und Betrieb eines Supertankers, gab der studierte Mathematiker vor, gehe sogar dann noch auf, wenn die Saudis ihre Ölfelder in die Luft jagten und er seine gesamte Flotte einmotten lassen müßte.
"Nur wenn die Welt zerbirst oder die Erde aus ihrer Bahn geworfen wird und wir uns auf die Sonne zubewegen und verglühen oder in den Weltraum hinausrasen und erfrieren", hatte der Londoner Großreeder unmittelbar nach dem Ölschock vom Oktober 1973 geprahlt, "wird meine Formel mich im Stich lassen."
Doch Tikkoos Rechenwerk hielt nicht einmal dem Druck von 28 philippinischen Matrosen stand. Als die südostasiatische Mannschaft des Tikkoo-Tankers "Globtik Venus" das Schiff Mitte Februar im französischen Ölhafen Le Havre besetzte, um für höheren Lohn zu kämpfen, verließ sich der Schiffseigner nicht mehr auf Formeln, sondern nur noch auf Knüppel.
Ein Reederei-Beauftragter heuerte in den Kneipen des englischen Fischereihafens Grimsby eine Horde beschäftigungsloser Seeleute an. Behelmt und mit Äxten und Stöcken bewaffnet, enterten die 40 Tikkoo-Söldner Mitte vorletzter Woche zu nächtlicher Stunde den bestreikten Tanker und trieben die Crew von Bord.
Da die Asiaten sich gegen das zahlen- und kräftemäßig weit überlegene Prisenkommando nicht zu wehren wagten, ging das Knüppel-Unternehmen ohne Blutvergießen aus. Tikkoo ließ die Filipinos mit je einer Dose Bonbons und einem Rückflug-Ticket in die Heimat ausstatten -- und hielt die Angelegenheit für weitgehend erledigt. Eine neue, nicht gewerkschaftlich organisierte Mannschaft sollte seiner "Globtik Venus" wieder freie Fahrt verschaffen.
Doch daraus wurde einstweilen nichts. Nach dem nächtlichen Coup in Le Havre rief die Internationale Transportarbeiter-Föderation, in der über 300 Seeleute- und Transportgewerkschaften aus 82 Staaten zusammengeschlossen sind, zum weltweiten Boykott aller Tikkoo-Tanker auf. Die Hafenarbeiter in Le Havre lehnten es in der vergangenen Woche ab, die umstrittene "Venus" abzufertigen.
"Mr. Ravi Tikkoos Sturmtaktik", wertete die Londoner "Financial Times" bereits die Affäre, "scheint sich zu einer cause célèbre in der Schifffahrtswelt zu entwickeln."
Denn mit Tikkoo forderten die internationalen See- und Hafen-Gewerkschafter einen Unternehmer zur offenen Kraftprobe heraus, der seit Anfang der siebziger Jahre als Wunderkind im exklusiven Klub der Supertanker-Reeder gefeiert worden war. Im Vergleich zu dem Tempo, in dem der Eigentümer der Londoner Schiffahrtsgesellschaft Globtik Tankers Limited Karriere machte, wirkt nämlich selbst der einstige Aufstieg der griechischen Tankerkönige Onassis und Niarchos oder der noch erfolgreicheren Hongkong-Chinesen Pao und Tung geradezu bedächtig.
Noch vor zehn Jahren hatte Tikkoo, 44, kein einziges Schiff und kein Kapital. Schon 1973/74 aber stellte der Jung-Reeder mit den beiden 483 000-Tonnen-Tankern "Globtik Tokyo" und "Globtik London" (Stückpreis: etwa 160 Millionen Mark) die damals größten Schiffe der Welt in Dienst.
Erst Anfang vergangenen Monats verblüffte er die von einer tiefen Krise geschüttelte Tanker-Branche wieder einmal mit einem gigantischen Plan. Der Globtik-Reeder gab bekannt, er habe mit der US-Werft Newport News Ship Building & Drydock Co. einen Vorvertrag über den Bau von drei atomgetriebenen 600 000-Tonnen-Öltankern (gegenwärtig geschätzter Stückpreis: 800 Millionen Mark) geschlossen.
Alteingesessene Reeder-Dynastien aus Griechenland, Skandinavien und Hongkong schnitten den Emporkömmling dennoch, nicht nur aus Konkurrenzgründen. Ihnen war auch die für einen Tanker-Tycoon völlig ungewöhnliche Herkunft des Branchen-Außenseiters suspekt.
Ravi (Sanskrit für "Sonne") Tikkoo wurde nämlich im ehemaligen indischen Himalaja-Fürstentum Mandi geboren, wo sein Vater dem Herrscher als Finanzminister diente. Nach einem Mathematik-Studium trat der Brahmanen-Sproß 1953 in Indiens Marine ein. Denn wie so mancher Bergbewohner verspürte Tikkoo "den Drang, zur See zu fahren und zu reisen".
Sieben Jahre später beschloß der zum Offizier avancierte Seemann, sich selbst ein paar Dampfer zuzulegen. Er ging nach Hamburg. um dort ein kleines Schiff zu kaufen.
Doch an der Elbe fand er niemanden, der bereit gewesen wäre, ihm das Startkapital vorzuschießen. Tikkoo mußte sich damit begnügen, andere Reeder bei der Finanzierung ihrer Schiffe zu beraten.
Erst in London gelang dem Asiaten der Aufstieg zum Reeder. Im Frühjahr 1967 gründete er mit einem Nominalkapital von 100 Pfund seine Schiffahrtsgesellschaft Globtik Tankers und fand Kreditgeber für sein erstes Schiff: einen gebrauchten norwegischen 55 000-Tonnen-Pott.
Durch seine Finanzierungskünste steigerte Tikkoo den Wert der Reederei inzwischen auf rund 600 Millionen Mark. Erstaunlicher noch: Trotz dieser gewaltigen Expansion behauptete er die Alleinherrschaft über seine Globtik-Gruppe.
Auch privat gewöhnte sich Tikkoo längst in den Lebensstil der kleinen Clique großer Reeder ein. Er legte sich im vornehmen Londoner Vorort Hampstead eine Zwei-Millionen-Mark-Villa mit Schwimmbad, Tennis- und kleinem Golfplatz zu. Einen Rennstall unterhält der vielbeschäftigte Unternehmer allein zur Zerstreuung seiner Frau.
Als Zweitwohnung in den USA erwarb der Neureiche 1974 für drei Millionen Dollar eine Residenz im fashionablen Greenwich (US-Staat Connecticut).
Als die mit 22 Dollar pro Monat plus Bonus weit unter internationalem Standard bezahlte "Globtik Venus"-Besatzung nach Intervention der Internationalen Transportarbeiter-Föderation eine verdoppelte Heuer und Lohnnachzahlungen in Höhe von 255 000 Dollar verlangte, gab sich Millionen-Jongleur Tikkoo allerdings zugeknöpft. Da die Crew wegen bahamesischer Flagge des Schiffs keine Lohnsteuer gezahlt habe, rechnete der Reeder vor, habe sie netto mehr als eine vergleichbare britische Besatzung verdient.
Der philippinische Chef-Ingenieur habe sogar ein höheres Netto-Gehalt als der Geschäftsführer der Globtik-Verwaltungsgesellschaft bezogen. Die Filipinos seien daher "meuternde Kriminelle", ihr vom Dachverband der Transportarbeiter unterstützter Streik sei nur eine "kommunistische Vendetta" gegen ihn gewesen.
Schließlich drohte Tikkoo sogar, noch in diesem Monat aus England auszuwandern. "Wenn er sein Konzept des Umgangs mit Arbeitnehmern mit sich nimmt", konterte das Londoner Wirtschaftsmagazin "The Economist" daraufhin gelassen, "wird sein Verlust vielleicht zu ertragen sein."

DER SPIEGEL 12/1977
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