14.03.1977

RADRENNENLangsam aufgehen

Auf eine Karriere nach Maß trimmen Manager den Frankfurter Radprofi Dieter Thurau. Durch seine Siege sollen mehr britische Fahrräder in die Bundesrepublik rollen.
Das größte Fahrrad-Werk der Welt hofft für sein Deutschland-Geschäft auf einen deutschen Rennfahrer. Dieter Thurau, 22, fährt für Großbritanniens Fahrrad-Industrie.
Im dritten Jahr als Berufsfahrer brachte Thurau die britischen Raleigh-Werke (Jahresproduktion: zwei Millionen Fahrräder, Weltmarkt-Anteil: 60 Prozent) ihrem Verkaufsziel in der Bundesrepublik näher: Er siegte in der Andalusien-Rundfahrt und erspurtete vordere Plätze in weiteren Rennen. Nun konkurriert er im Etappenrennen Paris-Nizza (10. bis 17. März) erstmals in diesem Jahr mit der Weltelite.
Raleigh verfügt über 40 Lizenzfirmen in aller Welt und erwarb auch eine Firma in der Bundesrepublik für den Vertrieb. Wie Raleigh stellen auch die französischen Peugeot-Werke auf Messen in der Bundesrepublik ihre Rennräder aus.
"Peugeot, das ist der Mercedes unter den Rädern", verglich Hans Joachim Hangstein, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Auch die Franzosen heuerten, mit dem Blick auf ihren ostrheinischen Markt für Fahrräder, Mofas und Autos, einen Deutschen an, den Doppel-Olympiasieger Gregor Braun, 21. Bei seinem dritten Profi-Rennen, der Mittelmeer-Rundfahrt, gewann er schon eine Etappe.
Die besten Chancen und die günstigsten Voraussetzungen erkennen die Fachleute Thurau zu. Mit 18 Jahren trainierte der Jugendmeister schon in der Nationalmannschaft. Sein Vorbild, Ex-Weltmeister und Bundestrainer Rudi Altig, nahm ihn allerdings nicht in sein Aufgebot für die Straßen-Weltmeisterschaft der Amateure auf.
Enttäuscht wechselte Thurau zu den Bahnfahrern in die Halle." Der Junge ist ungeheuer begabt", fand Bundestrainer Gustav Kilian, "so etwas findet sich nur alle paar Jahre einmal."
Mit Kilians Vierer strampelte Thurau 1974 zur Weltmeisterschaft. Doch nach seinem 150. Amateursieg gab er seinen Beruf als Schriftsetzer auf und unterschrieb bei Raleigh -- mit 20 Jahren ungewöhnlich jung für einen Profi-Start. Gewöhnlich beginnen Neulinge als Wasserträger. Nur wenige lösen sich aus der Domestiken-Rolle.
Aber Raleigh, ein Werk, das 1887 in gediegener Handarbeit mit einer Wochenproduktion von drei Rädern begonnen hatte, baute auch Thurau mit Geduld auf. "Ein Stern muß langsam aufgehen", begründete der holländische Raleigh-Rennleiter Peter Post. "damit er nicht zu schnell verglüht."
Nach sieben Siegen und 17 zweiten Plätzen im ersten Profijahr bestimmte Post ihn neben dem niederländischen Olympiasieger Henni Kuiper zum "weiten Kapitän. "Als einziger Kapitän", vertröstete ihn Post, "muß man erst eine Persönlichkeit sein."
Seine britischen Arbeitgeber garantierten ihm 22 000 Mark Jahrespauschale. Mit Prämien und Zulagen brachte Thurau es schon auf 50 000 Mark. Vorsichtig dosierte Post seine Starts: nur zwei Sechstagerennen in den ersten beiden Wintern. Die Sechstage-Veranstalter honorierten die Fähigkeiten Thuraus sofort mit der Spitzengage von 1400 Mark pro Nacht.
Sein belgischer Partner, Patrick Sercu, prophezeite: "Der kann mal die Tour gewinnen." Zuviel Vorschußlorbeer durchkreuzte allerdings Posts Pläne von einem unbehelligten Aufbau. Die französische Sportzeitung "L"Equipe" stellte Thurau als "Entdeckung des Jahres" heraus und feierte seinen "harmonischen Stil", der glauben lasse, er sei "auf einem Rad geboren
Im zweiten Profijahr glückten ihm schon 18 Siege. Aber ein Versagen brachte ihn auch um seinen ersten Rundfahrtsieg. Als Spitzenreiter der Spanien-Rundfahrt büßte er auf einer Bergetappe drei Minuten ein und fiel auf den zehnten Platz zurück." Für die Mannschaft ist es schlecht", sagte Rennleiter Post, "für ihn ganz gut."
"Dieser tote Punkt erwischt mich irgendwo am Berg", übte Thurau Selbstkritik. "Aber das Auf-die-Zähne-Beißen fällt mir immer leichter." Zweimal mußte Thurau aufgeben, weil er seine Kräfte falsch eingeteilt hatte. An Taktik und Erfahrung sind ihm Weltklassefahrer wie Merckx noch überlegen.
Schon in diesem Jahr kann sich erweisen, ob Thurau der internationale Durchbruch gelingt. Im Winter nahm er an vier Sechstagerennen teil, zwei gewann er. Thurau, bei 1,85 Meter Körpergröße nur 75 Kilo schwer, arbeitete mit Krafttraining und durch Skilangläufe an seiner Kondition. Bis zum Beginn der Straßen-Saison fuhr er zudem schon 5000 Trainings-Kilometer, 2000 Kilometer mehr als im Vorjahr, eine Strecke wie von Paris bis zum Ural.
Im Juli soll Thurau erstmals an der Tour de France teilnehmen. "Einen Platz unter den ersten zehn und einen Etappensieg" wünschte er sich. Der spanische Tour-Sieger Luis Ocana warnte schon: "In zwei bis drei Jahren gibt es keinen mehr, der diesen Deutschen in einer Rundfahrt schlagen kann."
So bald wird die Konkurrenz Thurau nicht mehr los. Er plant 15 Jahre als Berufsfahrer ein. Aber: "Mit 35 Jahren werde ich so viel angeschafft haben, daß ich ausgesorgt habe."

DER SPIEGEL 12/1977
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