28.02.1977

AFFÄRENDr. psi

Hans Bender, Ordentlicher Professor und Wortführer der „akademischen Parapsychologie“, schmückt sich seit Jahrzehnten mit dem „Dr. med.“ -- ein Fall außersinnlicher Wahrnehmung?
Wo ein Poltergeist sein Wesen treibt, ist Hans Bender nicht fern. Auch wenn es um Wunderheilung geht, um Heilsehen, Orakel, Spuk oder den sechsten Sinn, kann die deutsche Öffentlichkeit auf den grauhaarigen Gelehrten zählen: Rasch ist er am Tatort und flugs bei und in den Medien.
Der Leiter des "Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene" in Freiburg, dortselbst Ordentlicher Professor und 1974 gar Dekan der Philosophischen Fakultät, dazu nach eigener Wahrnehmung Doktor der Medizin, gilt als unbestrittenes Oberhaupt der "Psi-Forschung". "Wir sind die einzige deutsche Stelle", urteilt Parapsychologe Bender über seine eigene Bedeutung, die "zuverlässige Auskünfte" über jedwede "Okkultphänomene" zu "erteilen in der Lage ist".
Seit vierzig Jahren bietet sich Bender, ein Mann mit gefälligen Umgangsformen und gut sortiertem Wortschatz, als akademischer Kronzeuge für die "andere", die "verborgene Wirklichkeit" an. Der Psychohygieniker bescheinigt "sensitiven" Personen "magische" Kräfte. Er schützt "Jugendliche, die sich in Spukhäusern finden", vor dem "Makel des Schwindels" und legt sein Wort für die Zunft der Gabelbieger ein. In der letzten Ausgabe von "Wer ist wer?" rühmt er sich gar der "ersten deutschen experimentellen Arbeit über Hellsehen" -- 1936 in Bonn, Ergebnis positiv.
Dort spürte der Dreißigjährige als Assistent des Psychologischen Uni-Instituts der Geisterwelt nach und erkannte außerdem, wie einer seiner Schüler sich erinnert, "daß zwischen
chronologischen und biologischen Daten eines Lebenslaufes und den damit verknüpften sozialen Spielregeln sehr wohl Widerspruch bestehen mag". Den Beweis dieser These trat Bender spätestens 1942 an. Am 1. Juni übernahm der "Dr. phil. habil." eine außerordentliche Professur für Psychologie an der wiedereröffneten "Reichsuniversität" Straßburg, zu jener Zeit eine stramme NS-Hochschule.
Zugleich legte sich Bender, der 1939 ein Medizinstudium ohne Doktorarbeit beendet hatte, den schmückenden Titel eines "Dr. med." zu. Seither begleitet der akademische Grad den Hokuspokus-Forscher als psychokinetisches Phänomen, worunter Bender ganz allgemein das "Verschwinden und Wiederauftauchen von Gegenständen" versteht.
"Es gab drei Exemplare meiner Medizinischen Doktorarbeit", erinnerte sich Bender dem SPIEGEL gegenüber. Auffindbar ist freilich keines mehr. Auch sonst ist das Werk bislang spurlos geblieben: Der Professor hat keine amtliche Urkunde über sein Doktor-Diplom, was ihm selbst ein Rätsel ist: "Vielleicht habe ich sie verschlampt." Selbst in den Akten der Universitäten Freiburg, wo Bender promoviert haben will, und Bonn, wo er die Grenzgebiete der Psychologie abklopfte, findet sich keine Zeile über den "Dr. med.".
Dafür erschien der Titel alle Jahre wieder schwarz auf weiß in Freiburgs Vorlesungsverzeichnissen sowie in den Angaben zur Person, die Bender den Redaktionen von "Kürschners Deutschem Gelehrten-Kalender" und anderen Nachsehlagewerken einreicht. Ob sich Benders außersinnliche Titel-Wahrnehmung auch in den Personalakten des Stuttgarter Kultusministeriums materialisiert hat, ist ungeklärt, da diese "streng vertraulich" geführt werden. Weil aber laut Bender "geschehenes" oder bevorstehendes Unheil die Psyche zum "Detektor" macht, "der auf verborgene Wirklichkeiten hinweist", wird auch das sich bald erhellen.
So bleibt die Suche nach dem Doktortitel für den Freiburger Psychohygieniker als parapsychologische Forschung -- Bender: "Überprüfung eines außergewöhnlichen Vorganges, sei er nun echt oder illusorisch" -- vertraute Berufsarbeit.
Doktor Doktor Bender selbstkritisch: "Parapsychologische Forschung ist immer ein Duell zwischen Zufall und Betrug."

DER SPIEGEL 10/1977
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