17.07.1978

DOPINGWeiß wie Schnee

Doping ist unter Berufsradfahrern verbreiteter denn je. Noch gefährlicher als die verbotenen Aufputschdogen sind jedoch die erlaubten Mittel der „Präparation“, vor allem das Cortison,
Im riesigen Wanderzirkus "Tour de France" -- rund 100 Radfahrer, 500 Autos, 1900 Begleiter -- reist auch dieses Jahr ein Karton mit leeren Urinfläschchen über Land.
Denn allabendlich werden fünf leitende Herren zur Blase gelassen: der Tagessieger voran, die beiden Spitzenreiter des Klassements und zwei Eisentreter, die das Los bestimmt: Doping-Kontrolle.
Aus dem Urin analysieren Chemiker mühelos noch milliardstel Gramm verbotener Drogen -- gesucht wird derzeit nach siebenunddreißig verschiedenen Substanzen.
in keiner zweiten Sportart wird so entschlossen gedopt wie bei den Radrennfahrern. Der Tour-de-France-Chefarzt Dr. Philippe Misérez spricht von einer wahren "Seuche", der Wiener Sportarzt Professor Ludwig Prokop nennt den Radsport die "Brutstätte des Doping".
Alle großen Radrennfahrer -- Eddy Merckx und Felice Gimondi, Jacques Anquetil und die Deutschen Rudi Altig, Hennes Junkermann und Rolf Wolfshohl -- sind weg Doping mindestens einmal bestraft worden. Kein Tour-Gewinner des letzten Jahrzehnts. der sich nicht irgendwann gedopt hätte, und natürlich sind auch die diesjährigen Favoriten alle schon mal erwischt worden: die "Bergziege" Joop Zoetemelk aus Holland. die Sprinter Freddy Maertens und Michel Pollentier. Dietrich Thurau aus Frankfurt, in diesem Jahr nicht dabei, sagt ganz allgemein: "Die Leute reden soviel über Doping. Aber wer heut nichts nimmt, der bringt auch nichts."
Was man nicht nehmen darf, das stellt der Sportverband "Union Cycliste Internationale" (UCI) alle Jahre wieder in der "Dopingliste" zusammen. Danach sind nicht nur Heroin, Morphium oder Kokain verboten, sondern auch stimulierende Herzkreislaufpräparate wie Ephedrin und der Muntermacher Amphetamin, genannt .Speed". Amphetamin macht lahme Beine keineswegs flotter, sondern schaltet nur das Ermüdungsgefühl aus.
Wenn dieser natürliche Schutz vor totaler Überforderung fortfällt, wird das Risiko des Hochleistungssports freilich unkalkulierbar: Der Brite Tom Simpson starb 1967 während der Tour de France, nur 30 Jahre alt. beim Anstieg auf den Mont Ventoux -- gedopt mit Amphetaminen und Ronicol.
Weil in der Zweiradbranche die meisten Akteure und Betreuer schwören. daß viel Amphetamin auch viel hilft. sind am Ziel für einen kundigen Beobachter wie Prokop die Gedopten leicht zu orten: sie wirken überdreht, "euphorisch, unkeordiniert und aggressiv". Der Blick ist glasig, die Lidspalte weit aufgerissen Die Augen scheinen fast aus den Höhlen zu fallen.
Ein durch Strychnin beflügelter Sportler fällt hingegen durch eine andere Besonderheit auf. Die Droge fördert in kleinen Mengen Kraft und Schnelligkeit. Wenn es etwas mehr ist, krampft die Muskulatur. Dann gilt die Betreuer-Regel: "Tust zuviel du in den Tee, wird dein Fahrer weiß wie Schnee."
Die Betreuer. oft ehemalige Radfahrer und Masseure. sind es, die für Nachschub sorgen und den Aktiven die illegal beschafften Drogen für viel Geld verkaufen. Seit kurzem erweitern etliche dieser verschwiegenen Helfer ihr Arbeitsfeld: Sie "präparieren" auch noch. Unter "Präparieren" verstehen die Radprofis die Verabreichung von erlaubten Substanzen, vor allem von Vitaminen. Mineralien, Homöopathika" männlichen Geschlechtshormonen wie Testosteron und körpereigenen Eiweißverbindungen.
Weil die meisten dieser Wirkstoffe nicht einmal dem geschundenen Organismus eines Berufsfahrers fehlen, entfalten sie allenfalls einen Suggestiveffekt: Nur der feste Glaube hilft.
Anders ist es mit Cortisonen, Hormonen der Nebennierenrinde, die in dieser Saison die neue Wunderdroge der "Präparation" sind. Für den "Tour"-Arzt Dr. Misérez ist die Cortisongabe "ein wahres Desaster".
Mit den Cortisonen verfügen Präparatoren in der Tat über Wirkstoffe, deren potentielle Gefährlichkeit die der Amphetamine weit übertrifft. Während die herkömmlichen Dopingmittel nach wenigen Stunden, längstens nach einem Tag, ihre Wirkung verloren haben. zieht hochdosiertes Cortison nahezu alle Organe in Mitleidenschaft -- und das womöglich lebenslang.
Beim Gesunden produziert die nur wenige Gramm schwere Nebennierenrinde rund 40 verschiedene Cortison-Fraktionen, die in nahezu alle Stoffwechselvorgänge eingreifen. auch in die Muskelarbeit.
Weil diese Hormone entzündungshemmende, antiallergische und eiweißabbauende ("katabole") Wirkungen haben, werden sie von den Medizinern bei Rheumatismus, Asthma und bestimmten Krebsleiden verordnet -- stets unter großen Vorsichtsmaßnahmen. Denn oft übertreffen die unerwünschten Nebenwirkungen bei weitem die erstrebte therapeutische Hauptwirkung: Cortisongaben setzen die körpereigene Widerstandskraft gegen Infektionen herab, sie können die Knochen entkalken und damit brüchig machen, Magengeschwüre bewirken, Impotenz und Depressionen auslösen.
Den Radrennfahrern kommt es auf eine andere Nebenwirkung an: Cortisongaben erhöhen auch noch den Blutzuckerspiegel, weil das Hormon durch vermehrten Eiweißabbau in der Leber Zucker freisetzt und überdies den Bedarf der Muskelzelle an Zucker senkt. Es entsteht eine Stoffwechsellage wie beim Zuckerkranken ("Cortison-Diabetes"). Doch eben darauf kommt es den Präparierten an: Mit viel Zucker im Blut können sie länger hart durchtreten" der Muskelkater kommt später.
Jedenfalls in der ersten Zeit. Abhängig von der Cortison-Dosis -- die meist gespritzt, manchmal auch geschluckt wird -- stellen sich nach oder schon während der schweren Rundstreckenrennen die bösen Folgen ein: Die Muskelmasse nimmt ab, obgleich das Körpergewicht steigt. Diese Gewichtszunahme ist durch Wassereinlagerung bedingt, eine weitere Hormonwirkung.
In den Dopingkontrollen wird nach Cortison nicht gefahndet. Aus dem Harn ließe sich ohnehin nichts ermitteln, weil Cortison eine körpereigene Substanz ist, deren Abbauprodukte auch normalerweise vorhanden sind. Als verläßlicher Indikator der Präparation können hingegen die bisher unerklärlichen Formschwankungen prominenter Fahrer ebenso gelten wie ihre zunehmende Empfindlichkeit gegen Infektionen und die immer langsamer heilenden Schürfwunden.
Um wenigstens dem "katabolen" Muskelabbau, der schlimmsten Berufsschädigung, Paroli bieten zu können, greifen einige Radprofis nunmehr auch noch zu den eiweiß- und muskelbildenden "Anabolika".
Weil diese aber nicht nur an Wade und Oberschenkel hilfreichen Zuwachs bringen, sieht mancher Radler, sagt der Schweizer Ex-Profi Iwan Schmid, "schon aus wie ein Brauereipferd". Ein anderer Fahrer drückt seine Endspurtsorgen so aus: "An manchem Arsch kommst du schon gar nicht mehr vorbei."

DER SPIEGEL 29/1978
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