04.07.2005

SAUDI-ARABIENMachtkampf im Hause Al Saud

Kronprinz Abdullah Ibn Abd al-Asis, stellvertretender Ministerpräsident und Bruder des schwerstkranken Königs Fahd, 83, will seine Regierung durch Umbesetzungen auffrischen - um sie krisenfester zu machen. Der 82-Jährige befürchtet, dass nach dem Tod des seit langem nur noch bedingt handlungsfähigen Monarchen ein Gerangel um die Posten ausbricht und seine Vorstellungen kein Gehör mehr finden. Da die Königswürde allein nicht ausreicht, um eine politische Linie durchzusetzen, will Abdullah möglichst rasch personelle Veränderungen in die Wege leiten, die vom Saudi-Familienrat, dem wichtigsten Entscheidungsfaktor der Erdölmonarchie, mitgetragen werden und daher Bestand haben.
Doch im 42-köpfigen Gremium der Al-Saud-Sippe verschieben sich die Gewichte, der machtbewusste Kronprinz muss schnell handeln. Den Anfang wollte Abdullah mit Bandar Ibn Sultan machen, der seit über 20 Jahren erfolgreich die Interessen des Königreichs als Botschafter in Washington vertritt. Durch sein persönliches Verhältnis zu Präsident George W. Bush und anderen Entscheidungsträgern verhinderte Bandar eine gefährliche Abkühlung im engen Beziehungsgeflecht mit der Supermacht, als sich stark abweichende Positionen in der Irak-Politik herausstellten. Dass der Diplomat in Washington seit einem Monat nicht mehr gesehen worden ist, wurde von manchen als Zeichen für seine Rückkehr in die Heimat gedeutet. Abdullahs Versuch, den erfahrenen und reformorientierten Bandar zum Geheimdienstchef zu machen, schlug indes fehl. Abdullahs Halbbruder und politischer Gegenspieler, Innenminister Prinz Naïf, stellte sich im alles entscheidenden Familienrat quer. Für den Kronprinzen war die Abfuhr auf der höchsten Entscheidungsebene im Lande eine schwere Schlappe - dennoch kämpft er anscheinend weiter mit allen Mitteln darum, das Stimmenverhältnis zu seinen Gunsten zu verändern.
Andere Projekte müssen warten, weshalb auch die Namen jener Kandidaten, die Abdullah in hohe Regierungsämter hieven möchte, vorerst geheim bleiben. Für Bandar, der den Posten des Geheimdienstchefs nur ungern angenommen hätte, ist die Pattsituation von Nutzen. Er wird wohl vorerst in seiner zweiten Heimat Amerika bleiben dürfen, wohl wissend, wie wichtig er dem nächsten König ist.

DER SPIEGEL 27/2005
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