21.02.1977

Kommt ein reicher Mann daher ...

Wenn es sonntags schneit, muß der Gemeindepräsident Alois Cavegn, 48, früh um fünfe aus den Federn. Den Unimog mit Riesentatzen steuernd, baggert er eine Schneise für Hochwürden Berther, der von auswärts zum Messe-Lesen kommt.
Drei Dutzend knorrige Gebirgler, Weiblein links im Gestühl, Mannsbilder rechts, lauschen dann dem Gottesmann, der ihnen in ihrer Muttersprache, Rätoromanisch, predigt; auf der Empore drückt Primarlehrer Cantieni, in 32 Dienstjahren ergraut, die Tasten des Harmoniums und dirigiert den zu scharfen Tönen neigenden Chor.
Heile Bergwelt? Drohen, wo der Rhein noch Wasser führt, im Schweizer Kanton Graubünden, steht auf 1367 Meter Höhe ein Dorf, das sich in jüngster Zeit arg verhöhnt fühlt als Kapitale des "Sachsenlandes" oder gar als "Sachsenhausen".
Surcuolm, so der gute alte Name der Gemeinde, zählt 87 Seelen. Ein Drittel lebt mühsam von dem, was die 77 Stück Rindvieh, sieben Geißen und 100 Schafe hergeben; der Rest verdingt sich andernorts. Malerisch buckeln sich die Bündnerhäuser um den Herrgottshügel, doch am morschen Kirchlein frißt der Schwamm, und der letzte Turmuhr-Zeiger weist seit Generationen starr auf Zwölf.
Fünf Jahrhunderte lag Surcuolm -- deutsch: Über dem Berg -- im tiefsten Schatten der Geschichte, ein vergessener Armeleute-Winkel, stets von Abwanderung bedroht. Am kommenden Samstag nun wird das Dorf die Herrschaften empfangen, die es ans Licht der Weltöffentlichkeit rissen und zu ein wenig Wohlstand bringen sollen: Gunter und Ernst Wilhelm Sachs. die Neubürger von Surcuolm, samt familiärem Anhang.
In der Turnhalle der neuen Schule sind dann die Ringe hochgezogen. Blechmusikanten. Alphornbläser, Ländlertänzer der Umgebung treten auf, Primarlehrer Cantieni präsentiert seinen Kinder- und Kirchenchor mit volkstümlichem Liedgut, und ein Bauernbüfett, angerichtet vom Hotelier Graf aus Films, soll die Feiernden bis vier Uhr früh bei Kräften halten.
Das ganze Dorf sei eingeladen, sagt Gemeindepräsident Cavegn. Der "Herr Gunter" werde einen eigenen Film vorführen, der "Herr Ernst", mit dem er schon per Du ist, eine Rede halten, und dann will Cavegn das Wort ergreifen und die "Heimatscheine" überreichen
-- "in Kraft dessen", so heißt es darin, dem Eingebürgerten "wir die Zusicherung geben. daß er als solcher zu allen Zeiten anerkannt und unter allen Umstanden wieder Aufnahme finden wird".
So groß empfängt Surcuolm seine neuen reichen Söhne, die freilich gleich nach der Feier wieder abreisen. Wohnsitz im Dorf hat überhaupt nur Herr Ernst genommen, ein "netter, einfacher Mann" (Cavegn); leider nur in einer Dreieinhalb-Zimmer-Mietwohnung im frisch gebauten Ferienhaus "Sut-Via" am Rande Surcuolms. Da will er gelegentlich einfallen und zur Pirsch oder zum Skifahren ausschwärmen.
Das nagt irgendwie an der Leber des Gemeindepräsidenten. Denn erschlossenes Bauland liegt genügend da, und Cavegn, hauptberuflich prosperierender Schreinermeister und ein Meister seines Metiers, hatte sich schon ausgemalt, wie schön es wäre, wenn der Herr Ernst sich ein Haus "ganz in Holz" errichten ließe.
Insgeheim hofft er noch, der neue Dorfgenosse könnte Gefallen an der alten Schule finden, die seit sieben Jahren verriegelt und vernagelt leersteht. Falls der Herr Ernst sie renovieren wollte, würde Cavegn ihm darin "Wohnrecht auf Lebenszeit" einräumen.
Immerhin, das offizielle Einstandsgeld (6001) Franken pro Sachs-Nase) ist erst mal ein Tropfen auf den Stein. Und daß die Brüder -- bekanntlich haben sie Anteile ihrer Schweinfurter Firma für 330 Millionen Mark verkauft -- auch noch fromme Nothilfe leisten, wird ihnen besonders hoch angerechnet: Die protestantischen Herren spendierten 100 000 Franken fürs marode katholische Kirchlein. das dem Drachentöter St. Georg geweiht ist. Der nötige Rest von 500 000 Franken muß auf andere wunderbare Weis' zusammenkommen.
Den großen Sprung nach vorn aber bringen die 300 000 Franken. die der Herr Ernst, als "wohnhaft allhier", dem Dorf an Jahressteuer entrichten wird. Bislang nahm Surcuolm nur an die 30 000 Steuer-Franken ein -- zu wenig für die kommunalen Pflichten, zu denen, nach Landessitte, auch die Pflege der Armen zählt, selbst wenn diese längst woanders wohnen.
Graubünden. wegen seiner vielen Pässe beliebter Transit, hat Einbürgerung von jeher streng gehandhabt: Teils fürchteten die Rätoromanen sprachliche Überfremdung, teils bangten die Bürgersleute ums eigene karge Brot, wenn sie Landstörzer und Bärentreiber bei sieh unterkriechen ließen.
Schweizer wird man nur via Einbürgerung in einer Gemeinde. Geht es einer solchen schlecht und kommt ein reicher Mann daher, kann es leichter als sonst zu einer Liaison führen. Dies das tiefere Geheimnis der Menage Sachs-Surcuolm.
In der holzgetäfelten guten Stube, zugleich Büro des Gemeindepräsidenten, tickt die Kuckucks-Uhr, überm Kopierapparat hängen Heiligenbilder, daneben eine kolorierte Handzeichnung, dem "lieben Alois" von "Deinem Ernst" geschenkt. Mit schweren Pranken blättert Cavegn in den Glückwunsch-Schreiben; die anonymen Anpöbelungen hält er fest unter Verschluß. Sie lesen sich auch nicht schön.
"Landesverräter" wird er darin geheißen, vom ".Playboy Sachs", vom "vielmals geschiedenen Weiberhelden" ist darin die Rede und davon, "daß in der Schweiz für Geld alles zu haben ist". Wo nicht.
Auch in den beiden Gastwirtschaften Surcuolms, sie stehen vis-ä-vis, ist die Stimmung nicht ganz einhellig. Beispielsweise fragt man sich, ob der Herr Ernst nicht wieder eines Tages wegzieht, und dann wäre die stolze Steuer perdu.
Für den alleinstehenden Herrn ist da ja außer Gemsen auch nicht viel zu jagen. Ganze zwei Ehen wurden letztes Jahr in Surcuolm geschlossen; die Jungen drängt es an die Fleischtöpfe in der Ferne, und so kommt es, daß auch Gemeindepräsident Cavegn, der weise Riese, noch Junggeselle ist.
Dafür unternimmt er, der sich fürs Grobe einen Land Rover, fürs Feine einen Mercedes hält, gelegentliche Reisen. Kürzlich erst kehrte er von einem Trip an die Copacabana zurück, Afrika durchstreifte er und Bangkok auch. Trotz solcher Welterfahrenheit ist er nicht willig, eine andere Misere Surcuolms zu beheben: Das Dorf stirbt aus. Nur sieben Kinder stehen nächstes Jahr ins Schulhaus, acht müssen es sein, wenn der Ort, nach Kantons-Vorschrift, eine eigene Lehrstätte betreiben darf.
Primarlehrer Cantieni, ein lyrischer Mensch, der noch mit Feuer über die Liebe zu diskutieren vermag, sieht sich deshalb schon stellungslos "acht Jahre vor der Pensionierung". Auf einen anderen Posten hofft er nicht, denn auch die Schweiz hat ihre Lehrer-Schwemme.
Daß der Herr Ernst eines Tages in Surcuolm einen Sproß zur Schule schickt, ist nicht wahrscheinlich: In den drei Primarklassen wird nämlich rätoromanisch unterrichtet, erst ab der vierten Klasse wird in einem Nachbardorf Deutsch gelehrt.
Trotzdem expandiert Surcuolm. Denn schon vor dem Sachs-Flirt setzte das Dorf auf seine natürlichen Ressourcen, Schnee und Berge. 47 Ferienwohnungen locken Gäste an, ein Hotel ist im Bau, und die fünf Lifte um den Piz Mundaun herum gehören einer AG, an der Surcuolm beteiligt und der Rechtsanwalt des Herrn Ernst als Verwaltungsrat tätig ist. Jahresumsatz der AG: über eine Million Franken.
Er wird schon bleiben, der Herr Ernst. Denn zu seinen Rechten als Gemeindebürger zählt auch, daß er Vieh auf die Allmende treiben darf, billig Holz beziehen kann, und wenn er einmal arm sein sollte, muß Surcuolm ordentlich für ihn sorgen.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 9/1977
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