24.01.1977

Die grauen Tinten des Peter Hacks

Der DDR-Dramatiker Peter Hacks hat sich im Westen wieder einmal unbeliebt gemacht. Wie 1961, als er wegen seiner Zustimmung zum Mauerbau boykottiert wurde, haben jetzt die Münchner Kammerspiele Hacks Stücke vom Spielplan gestrichen. Grund: Hacks gab bekannt, daß er Wolf Biermann immer noch nicht leiden kann.
Neues von Biermann", verhieß im vergangenen Monat den Lesern der Ost-Berliner "Weltbühne" ein Aufsatz des Dramatikers Peter Hacks. Wer noch ein Exemplar der innerhalb weniger Stunden ausverkauften Wochenschrift ergattert hatte, erlebte jedoch eine Enttäuschung.
Denn das Neue, das Hacks als DDR-Bürger mit Zugang zum Giftschränkchen der Westpresse seinen aufs "Neue Deutschland" angewiesenen Landsleuten wohl hätte mitteilen können, erschöpfte sich in einer merkwürdig beleidigten Wiederholung dessen, was er, Hacks, ja schon immer gesagt hatte: "Wolf Biermann ist nicht so gut, wie man annimmt." Seine Reime seien "schlecht", die Verse "holprig", die Gedanken "kraus"; seine Lieder "wunderlich wie die, welche die Schäfer auf der Heide und die Dienstmädchen in den großen Städten singen".
Was gibt es dagegen zu sagen, daß ein Schriftsteller der DDR die Werke eines Kollegen, wohl auch den Kollegen selbst, nicht ausstehn kann, nie ausstehn konnte und sich über ihn ausläßt wie ein verschmähter Liebhaber über seinen erfolgreichen Konkurrenten?
In der Bundesrepublik jedenfalls war die Entrüstung über Hacks' Biermann-Äußerungen so allgemein und so heftig, als sei Biermann ein zweites Mal ausgewiesen worden. Diese Attacke stelle "an Widerwärtigkeit alles in den Schatten" was in diesem Zusammenhang zu Papier gebracht wurde", hieß es in der "Frankfurter Rundschau", und die "Zeit" empörte sich: "Welches Kunststück" einen (offiziell) Toten noch einmal zu schlachten."
Und während jeder im Westen auch nur dem Namen nach bekannte DDR-Schriftsteller" der sich an der Zustimmungskampagne im "Neuen Deutschland" nicht beteiligt hatte, dafür gelobt wurde, nimmt man Hacks gerade dies übel: "Fein, wie er auch als Sozialist ist" ("Frankfurter Rundschau"), "mochte sich Hacks nicht unters gemeine Mundvolk mischen, das in den Spalten des ND zu Wort kam" ("Süddeutsche Zeitung").
Daß auch Hacks einmal zu den scharfen Kritikern des realen Sozialis-
* "Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern"
mus in der DDR gehörte, das vermerken seine Kritiker zwar wohlwollend, aber nur, um ihm die Gegnerschaft zu Biermann desto herablassender vorzuhalten, wie der Theaterkritiker Joachim Kaiser, der bei Hacks die "Großmut" vermißte.
Wie denn, wenn nun Hacks zu den weniger heroischen Menschen des Ostens zählte, wenn er sich nach den Erfahrungen aus dem Jahre 1962, als er wegen seines Stückes "Die Sorgen und die Macht" den Dramaturgenposten am Deutschen Theater in Ost-Berlin verlassen mußte und seine Stücke in der DDR mit Aufführungsverbot belegt wurden, wenn er sich nach diesen einschneidenden Erfahrungen entschlossen hätte, fortan den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen?
In München, in der Stadt, die Hacks 1955 in Richtung Ost-Berlin verlassen hatte, war es, wo man gegen den verlorenen Sohn nicht nur mit kräftigen Worten, sondern mit Taten einschritt. Die Münchner Kammerspiele setzten das Hacks-Stück "Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" kurzerhand vom Spielplan ab; die für Ende Februar vorgesehene und vorvertraglich bereits zugesicherte Erstaufführung eines anderen Hacks-Stückes wurde vorläufig gestrichen. Für den Chefdramaturgen der "Kammerspiele", Ernst Wendt, war diese Reaktion auf Hacks' "Weltbühnen"-Aufsatz nicht ein einfacher Theaterboykott, sondern gleich eine "Charakterfrage".
Das aber ließ den Chefredakteur der "Weltbühne", Peter Theek, nicht ruhen: Gallig bedankte er sieh für die aufschlußreiche Belehrung darüber, was man "unter Pluralismus, Meinungsfreiheit, Freiheit künstlerischen Schaffens und all den anderen schönen Tugenden der kapitalistischen "Demokratie" zu verstehen" habe.
So endete das Hick-Hacks um den geschmähten Biermann im Streit, welches Deutschland das bessere sei, dieses, in dem Hacks nun als Zyniker gilt, oder jenes, wo man ihn nunmehr als "einen international hochgeachteten Dramatiker" rühmt. Und der, um den es da angeblich ging, geriet allen aus den Augen.
Dabei ist noch der mit allerlei wohlgefälligen Bosheiten, umständlichen Gehässigkeiten und herrischen Beteuerungen -- "Ich habe der SED keine Ratschläge zu erteilen" -- sich dahinwindende Biermann-Kommentar des Peter Hacks als das Produkt eines von vergangenen Maßregelungen gezeichneten Künstlers der DDR unschwer zu identifizieren. Früheren Ungehorsam kann er nur noch als artigen Witz übers "Neue Deutschland" formulieren, das ihn noch mehr ärgere als der SPIEGEL: "Weil ich öfter darin lese."
Lassen kann er's eben noch immer nicht ganz, der DDR-Kritiker Hacks, der 1962 der Arbeiterin Emma Holdefleiß in dem Stück "Die Sorgen und die Macht" die nicht gerade zimperlichen Verse in den Mund legte:
Kollegen, Kommunismus, wenn ihr euch den vorstelln wollt, dann richtet eure
Augen
Auf, was jetzt ist, und nehmt das
Gegenteil;
Denn wenig ähnlich ist dem Ziel der Weg. Nehmt so viel Freuden, wie ihr Sorgen
kennt,
Nehmt so viel Überfluß wie Mangel jetzt Und malt euch also mit den grauen unten der Gegenwart der Zukunft buntes Bild,
Vor der Strafe der Partei, die ihn nach der Ost-Berliner Aufführung des Stückes im Oktober 1962 ereilte, konnte Hacks auch nicht bewahren, daß er im Jahr des Mauerbaus Vaterländisches verfaßt hatte, das ihm im Westen einen Aufführungsboykott eintrug. "Wir Söhne der Fabriken", hatte der Rechtsanwaltssohn Hacks etwa gereimt, "wir fahren in die Nacht, / das gute Gewehr auf dem Rücken, für die Arbeitermacht! / Die roten Sterne glänzen, / wenn wir auf Wache zieh'n; / wir schützen unsre Grenzen, / wir schützen, wir schützen / den Frieden in Berlin.
Daß es Hacks auch mit derlei Parteitagslyrik nicht gelang, sich als krisenfester Sozialist zu empfehlen, lag weniger an seinen Stücken als an seiner bourgeoisen Lebensart, die den Funktionären so wenig zusagte, daß sie Hacks im Parteiorgan rieten, "mit den Werktätigen" zu leben, dann werde er auch wirklichkeitsgetreu über die DDR schreiben können.
Hacks zog es freilich vor, keine Stücke mehr über die DDR zu schreiben. Seine Stoffe bezog er nur noch aus risikoloser Vergangenheit, aus Antike und Mittelalter, und die Verse drechselte Hacks zu kunstreicher Erhabenheit, die allen wohl- und niemand wehtat.
Nachdem er 1965 bei dem zweiten Versuch, die klassizistische Kunsthandwerkschmiede zu verlassen, abermals bei der Partei angeeckt war, diesmal mit "Moritz Tassow", einem Stück über die Entwicklung der Landwirtschaftspolitik in der DDR, zog sich Hacks endgültig auf Kunst aus Samt und Seide zurück.
Das Gefallen an dieser Kunst-Kunst war gesamtdeutsch. Und Hacks avancierte zu einem der meistgespielten deutschen Bühnenautoren.
Wenn er bei Gelegenheit über die DDR lyrisch spöttelte:
Mein Dörfchen, das heißt DDR, Hier kennt jeder jeden.
Wenn Sie in Rostock flüstern, Herr, Hört Leipzig, was sie reden.
Das Mädchen, das zu lieben lohnt, Kennt auch mein Freund genauer.
* Im Deutschen Theater in Ost-Berlin 1962.
Es gibt nichts Neues unterm Mond, Nicht dieserseits der Mauer.
dann rief kein Funktionär ihn zur Ordnung.
Und ebenso setzte in der Bundesrepublik kein Theaterintendant seine Stücke ab, als Hacks im Januar 1967 Wolf Biermann (in der Zeitschrift "Theater heute") im selben neckisch-bösen Tonfall wie heute verspottete als Poeten von "hübschem Talent und enormem Geltungsbedürfnis".
Daß Hacks seinen Frieden mit der DDR gemacht hat, daß er in seinem Kunsttempel nur Leisetreter wie sich selber noch duldete und nicht von jede Etikette verletzenden Rabauken wie Biermann behelligt sein wollte, daß Hacks kein Sozialist ist, niemand hat ihm das im Westen je vorgeworfen.
In der "Weltbühne" aber äußert sich kein anderer als dieser im Museum der gut-bürgerlichen Kunstvorstellung verharrende Peter Hacks, dem die holprigen Verse des Wolf Biermann genauso lästig sind wie der Krach der Ausbürgerungs-Protestanten, vor denen Hacks die Fenster schließt, mißgestimmt wie der Bürger durch den Lärm der Straße.
Er hat sich nun einmal fürs klassische Dasein des Dichters im schalldichten Raum der Kunst entschieden, in dem der Satz gilt: "Alle Künstler haben ein Auge für Kunst, keiner ein Ohr für Vorhaltungen." Nicht mal für die Vorhaltungen der Partei.
Denn, auch das steht in der Kritik des Künstlers Hacks an dem schlechten Künstler Biermann, holprige Verse seien nicht durch Maßnahmen amusischer Staatsorgane zu widerlegen, sondern: "Schlechte Kunst ist ausschließlich durch bessere zu widerlegen."

DER SPIEGEL 5/1977
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