07.03.1977

ZDFIrgendein Huddel

In Mainz müssen 66 Fernsehrate diese Woche einen neuen Intendanten fürs ZDF wählen -- Poker der Parteien.
Für ZDF-Dramatiker Gerhard Löwenthal ist es, wie er "Bild am Sonntag" anvertraute, eine "einmalige Blamage" und ein "echter Skandal": Eine Woche vor Ablauf der Amtszeit des ZDF-Intendanten Karl Holzamer. 70, gibt es noch keinen Nachfolger.
Immer, wenn der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs, Vorsitzender des 66köpfigen ZDF-Fernsehrats' in den vergangenen Monaten einen Termin für die Neuwahl festlegen wollte, war "irgendein Huddel" dazwischengekommen: "Mal Wahlkampf, mal der Knatsch da mit der CSU in Kreuth, dann die Bonner Regierungsbildung und schließlich die Fassenacht." Nie kamen die Räte zu Stuhle, nie, so ihr Vorsitzender, "war eine Atmosphäre vorhanden, in der nicht irgendwelche von uns unter Druck standen".
Nun will das Gremium den Mann für "eine der stärksten Machtpositionen nach Bundespräsident und Kanzler" (Fuchs) am Samstag dieser Woche küren -- 48 Stunden vor Holzamers unwiderruflichem Abgang am 14. März, unter Zeitdruck und ohne große Aussicht auf ein Gelingen. Springers "Welt" sieht die größte TV-Anstalt des Kontinents bereits intendantenlos unter der Fuchtel eines "Staatskommissars".
Tatsächlich ist die Patt-Situation im Fernsehrat so verfahren wie Anno 1962 bei der Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens, als keiner der von den Parteien nominierten Intendantenkandidaten die im ZDF-Staatsvertrag verlangte Drei-Fünftel-Mehrheit (40 Stimmen) erreichte; der damals weithin unbekannte Mainzer Philosophie-Professor und CDU-Stadtrat Holzamer war der Kompromiß-Mann (und wurde zweimal wiedergewählt).
Diesmal, am Ende der Holzamer-Ära, stehen zur Debatte:
* Dieter Stolte, 42, der sich vom persönlichen Referenten des Intendanten Holzamer bis zum Programmdirektor des ZDF nach oben hangelte und im Mainzer Regierungssprecher Hanns Schreiner, dem Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Fernsehrat ("Freundeskreis"), seinen konsequentesten Förderer fand; sowie
* Reinhard Appel, 50, einst Bonner Korrespondent, TV-Diskussionsleiter ("Journalisten fragen ...") und Deutschlandfunk-Intendant' den die Sozialliberalen 1975 als "ersten linken ZDF-Chefredakteur" mit der späteren Aussicht auf Holzamers Sessel nach Mainz lockten.
Daß auch diesmal keiner der Kandidaten in der Ratsversammlung auf Anhieb das nötige Quorum erreicht, gilt als ausgemacht. Stolte kann mit 36 (CDU/CSU-Freundeskreis), Appel mit 28 Stimmen (SPD/FDP-Freundeskreis) rechnen; einer der Räte auf der Appel-Seite ist krank, einer -- der affärenträchtige ehemalige hessische Gemeindebund-Funktionär Hans Muntzke -- schwänzt seit längerem die Sitzungen.
So trat am Mittwoch letzter Woche im Bonner Hotel "Tulpenfeld" eine ratlose zwölfköpfige (mit Christdemokraten und Sozialliberalen paritätisch besetzte) Kommission des Fernsehrats zusammen, um Taktik und Spielraum der jeweiligen Gegenseite zu erkunden. Fuchs hinterher: "Wir haben strenges Stillschweigen vereinbart."
Denn wie zu erwarten, wurde der rechte Mann auch nach zweieinhalbständiger Sitzung der "Findungskommission" (ZDF-Sprecher Hufen) nicht gefunden. Während die Christen auf Stolte beharrten, mochte sich ihr Gegegenüber nicht mehr so eindeutig wie früher auf Appel festlegen. Von einem dritten Kandidaten, dem Münchner Politologie-Professor Kurt Sontheimer, den die evangelische Kirche ins Gespräch gebracht hat, war dabei einstweilen erst am Rande die Rede.
Zur Verhinderung Stoltes möchte der SPD/FDP-Freundeskreis den Kandidaten-Reigen am liebsten noch einmal neu eröffnen. Doch die CDU-Fraktion mag nicht einsehen, wieso sie nach 15jähriger CDU-Herrschaft an der Spitze der Anstalt auf einen schon lange von ihr auserwählten Parteigänger ohne Mitgliedsbuch, Stolte, verzichten soll. "Wir haben im Fernsehrat schließlich die absolute Mehrheit", sagt Freundeskreisler Schreiner, "und für die Intendantenwahl fehlen uns nur vier Stimmen -- den anderen aber zehn oder zwölf."
Schreiner baut auf die wenigen "grauen Räte" -- die nicht regierungs- oder parteigebundenen Mitglieder, die in dem Aufsichtsgremium unabhängige Verbände und Institutionen repräsentieren, aber alle in lockerer Bindung zu einem der Freundeskreise stehen. Umgekehrt hofft SPD-Schatzmeister Wilhelm Dröscher, das. "sich die Grauen, die bei der CDU sitzen, doch noch für Appel entscheiden" -- oder aber daß "sie im letzten Moment einen ganz anderen aufs Tapet bringen".
Doch für Überraschungskandidaten sind die Rechts-Vertreter längst nicht mehr offen. Für Stoltes Wahl, so argumentiert etwa Fernsehratsvize Friedrich Zimmermann (CSU), habe die Union bereits "eine Vorleistung erbracht", als sie 1975 ihren CDU-Chefredakteur Rudolf Woller zurückzog und die Oberkompetenz fürs Journalistische und Aktuelle an Appel abtrat. Im Gegen-Zug besetzten die Christen damals mit Stolte die Programmdirektion, eine vorher sozial-liberale Domäne.
Mit Genugtuung überließ die CDU/CSU den Genossen später erneut das Amt des ZDF-Verwaltungsdirektors -- wohl wissend, daß die Sozialliberalen damit bei dem 1977 anstehenden Intendanten-Poker kaum mehr manövrierfähig sein würden, wenn sie nicht gleich wieder auf die gerade erkämpfte Chefredaktion verzichten wollten.
Intendanz und Programmdirektion schwarz, Chefredaktion und Verwaltungsdirektor blau-rot -- das soll, so meinen die Leute von der Union, so bleiben.
Und soviel, drohen nun Fernsehräte um CSU-Zimmermann, sei klar: Falls Appel es wider Erwarten als Intendant schaffen sollte, machen wir einen Mann vom Kaliber Löwenthals oder den Herrn Mühlfenzl aus Bayern zum Chefredakteur."

DER SPIEGEL 11/1977
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