31.01.1977

FALSCHGELDKölsche Mark

Mit einem Super-Computer will die Bundesbank Geldfälschern auf die Spur kommen.
Nur wenige kennen die Formeln von Herstellung und Material, Wasserzeichen und Sicherheitsfäden sind besonders präpariert, einige Teile reagieren auf ultraviolette Strahlen, und das Ganze ist, so Werner Lucht, Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank, "absolut geheim -- selbst wenn man es verbrennen und aus der Asche rauskriegen wollte, was für Stoffe es enthält, würde man die Zusammensetzung nicht erkennen".
Mit soviel Raffinesse ist das Papiergeld ausgestattet, das in Notenwerten von zehn bis 100 Mark seit letztem Herbst in Umlauf gesetzt wird; nach und nach soll es alle Scheine älteren Datums ersetzen. Die Sicherheitsmerkmale der neuen Noten bleiben, wie die Bundesbanker beteuern, auch bei noch so genauer optischer Untersuchung verborgen -- "eine harte Nuß für Geldfälscher", frohlockt Bundesbankdirektor Günter Geppert: Wer künftig Markscheine nachmachen wolle, müsse mehr von Physik und Chemie als von Druckerei und Graphik verstehen.
Ohnehin gelten D-Mark-Scheine in Fachkreisen als besonders spröde Vorlage für Nachahmungen, und gute Fälschungen waren bislang denn auch rar. Dennoch soll nun noch eine Art Wunderwaffe gegen Falsifikate eingesetzt, soll bei der Jagd nach den Fälschern auch menschliches Versagen noch vermieden werden: Zusammen mit dem "weitestgehend fälschungssicheren" Papiergeld hat die Bundesbank eine Maschine entwickeln lassen, die falsche von echten Banknoten scheiden kann.
Geldfachmann Lucht kommt es dabei auf einen Superlativ mehr oder weniger nicht an: "Damit stehen wir an der Spitze der ganzen Welt." Immerhin scheint den Deutschen gelungen, was in Holland oder der Schweiz, in Israel oder Italien, wo ebenfalls an dem Problem gebastelt wird, noch nicht geglückt ist: die Entwicklung von Sensoren, die auf Banknoten mit spezifischen Echtheitsmerkmalen sicher ansprechen.
"Das ist der Durchbruch", schwärmt Lucht, denn nun können die beträchtlichen Papiermengen, die im großen Geldkreislauf immer wieder in die Kassen der Frankfurter Zentrale zurückfließen' maschinell gezählt, sortiert und auf Echtheit überprüft werden -- bislang eine "scheußlich stumpfsinnige Arbeit" (Lucht), die immer noch von Hand erledigt wird.
Mehr noch: Mit Sensoren, die Wert und Echtheit jeder bundesdeutschen Banknote feststellen können, lassen sich nun auch Automaten bauen, die statt Münzen Papiergeld annehmen. Die Bundesbanker erwarten "in absehbarer Zeit" eine "beträchtliche Ausweitung des Automatengeschäfts", etwa bei Tankstellen, die dann nicht mehr Benzin in Fünf-Mark-Portionen per Automat ausschenken müssen.
Post, Bahn oder kommunale Verkehrsunternehmen könnten endlich Geldwechselautomaten für Scheine aufstellen. Und im Bankgeschäft selbst, so stellen sich die Frankfurter die Zukunft vor, könnten Einzahlungen auf "Automaten mit automatischer Quittungserteilung" verlagert werden.
Vorerst aber, vom nächsten Monat an, sollen die Wunderapparate in der Praxis erprobt werden. Die ersten Geräte vom Typ "ISS 300" werden in Frankfurt und in Landeszentralbanken aufgestellt, wo sie die Arbeit von jeweils drei Geldprüfern erledigen können. Über die Entwicklungskosten mag die Bundesbank nichts verlautbaren (Lucht: "Eine ganze Reihe von Millionen"); die Konstruktionsdaten werden vom Hersteller. einer Tochterfirma des Bundesbanknotendruckers Giesecke & Devrient in München, noch geheimgehalten, denn "die internationale Konkurrenz ist übermächtig".
Kernstück des Geldprüfgeräts sind elektronische Meßstrecken, bestückt mit acht auswechselbaren Sensorenbausteinen, die jeden eingegebenen Schein in Sekundenschnelle abtasten. Dabei werden der Wert registriert, Sauberkeit und Unversehrtheit geprüft und beschädigte oder verschmutzte Scheine ausgesondert, die Noten mit besonderen Echtheitsmerkmalen schließlich abgetastet und alle Scheine gezählt. Sonderleistung des Computer-Mirakels: Es hält neue echte, alte echte und gefälschte Markscheine auseinander.
Doch wie perfekt die "ISS 300" auch immer funktionieren mag -- sie wird Nachahmer kaum hindern, sich weiterhin an Falsifikaten zu versuchen. "Fälschen läßt sich schließlich alles", meint dazu ein leitender Beamter im Falschgeldreferat des Bundeskriminalamts. Aber das "Risiko bleibt groß" und die Herstellung von Falschgeld in größeren Mengen "sehr kostspielig". Daran liegt es, wie der BKA-Experte glaubt, daß in Westdeutschland "an sich sehr wenig" Fälschungen in Umlauf kommen. Bei einer Banknoten-Umlaufmenge von 58 Milliarden Mark wurden vergangenes Jahr nur 2700 gefälschte Scheine im Gesamtwert von 275 000 Mark im Zahlungsverkehr registriert.
Gedruckt allerdings und, bevor sie abgesetzt werden können, von der Polizei kassiert werden ganz andere Mengen. Vor knapp zwei Jahren etwa wurde in Bayern ein Drucker verhaftet, der 15 000 falsche Hundertmarkscheine hergestellt hatte. Und seit einigen Monaten werden Polizei und Banken zunehmend durch eine Serie gefälschter Hunderter beunruhigt, die den Falsifikatumlauf im letzten Jahr gegenüber 1975 auf immerhin das Dreifache hat anschwellen lassen.
Die ersten falschen "Blauen" wurden in Düsseldorf ausgemacht. Für Laien sind sie vor allem an dem nur aufgedruckten Sicherheitsstreifen zu erkennen, der lediglich auf der Vorderseite wiedergegeben ist und nicht, wie bei echten Scheinen, bis an den Rand läuft. Nach Meinung von BKA-Experten werden diese blauen Blüten in Italien hergestellt.
Gelegentlich kommen auch Detailisten. kleine Gauner oder Spaßvögel ins Falschgeldgeschäft -- "einfach unglaublich, was da alles in Zahlung genommen wird", sagt Fachmann Lucht. In der Tat: Die Falschgeld-Sammlung der Bundesbank verwahrt beispielsweise Reklamegeld. mal auf "Kölsche Mark" lautend, mal geziert mit den Konterfeis des Filmkomikers Jerry Lewis oder des Titelhändlers Hans Hermann Weyer; es wurde für echt angenommen.
Mehr oder minder primitiv mit der Hand gezeichnete Falschnoten oder aus allen möglichen Druckerzeugnissen zusammengeschnippelte Falsifikate werden vorzugsweise im Schummerlicht von Bars und Bordellen unter die Leute gebracht. Was der nach seiner Verhaftung so genannte "Blüten-Rembrandt von München" jedoch leistete, ließ sich auch bei Licht sehen.
Der Münchner Günther Hopfinger hatte vor zwei Jahren 1000-Mark-Scheine nachgemacht, bis zum letzten Strich mit Tusche auf gewöhnlichem Schreibmaschinenpapier selbst gemalt; elf solcher Kunstwerke konnte er absetzen, bevor er geschnappt wurde -- dann drehte die Kripo einen Lehrfilm über seine Schöpfungen.
Weniger künstlerisch, aber gleich erfolgreich verfuhr ein Zivilangestellter der Bundeswehr, der nach einem Jahr gefaßt werden konnte. Er klebte Farbphotographien von 500-Mark-Noten zusammen und legte als Sicherheitsfaden Stanniolstreifen aus Zigarettenpackungen ein; mindestens 18 solcher Scheine brachte er unter -- "die einzig ernst zu nehmende Fälschung auf diesem Gebiet" (Geppert).
Möglich, daß die Ausgabe der besonders gesicherten Bundesbanknoten-Serie Fälscherkreise weiter entmutigt. Denkbar aber auch sind ehrgeizige Versuche, die Sicherungen mit noch raffinierteren Fälschungen zu überwinden. Die Bundesbank jedenfalls sorgt vor: Schon ist ein Vollautomat ("ISS 3000") in der Entwicklung. der 40 Scheine pro Sekunde bearbeiten kann; er soll "in den achtziger Jahren" (Lucht) eingesetzt werden.
Für diesen Zeitraum auch ist geplant, die "Merkmale zwecks verstärkter Fälschungssicherheit" weiter zu erhöhen, so ein Bundesbank-Bericht, "unter Änderung des äußeren Erscheinungsbildes". Genauer: Dann gibt es für die Westdeutschen ganz neues Geld.

DER SPIEGEL 6/1977
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