11.07.2005

SPDParade der Oldies

Mit Macht drängen die alten Genossen wieder in den Bundestag. Das Gerangel auf den Landeslisten ist erbittert wie selten.
Es ist noch keine zwei Jahre her, da versicherte Bundesfamilienministerin Renate Schmidt: "Im Jahr 2006 mache ich Schluss und kümmere mich nur noch um die Familie." Nun aber will die 61-Jährige in ihrem "schönen Amt weitermachen". Einen guten Platz auf der bayerischen SPD-Landesliste hat sie sich schon gesichert, genauso wie Innenminister Otto Schily, 72.
Fast überall im Land mischen die Senioren der Sozialdemokratie ganz vorn mit, wenn es um die Mandate für den nächsten Bundestag geht. Im Zeichen der anhaltend schlechten Umfragewerte ist das Gerangel diesmal besonders heftig. Bei einem Wahlergebnis von 30 Prozent kämen die Genossen gerade mal auf rund 180 Abgeordnete - 70 weniger als heute. Und weil nur in ganz wenigen Fällen noch Direktmandate winken, sind die sicheren Listenplätze umso begehrter.
Im Bundesland Hessen, wo traditionell altgediente Genossen die vordersten Positionen erhalten, rangeln Finanzminister Hans Eichel, 63, und Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, 62, um Platz eins. Justizkollegin Brigitte Zypries, 51, muss hingegen um ihre Absicherung auf der Liste zittern. Zypries tritt in Darmstadt erstmals als Direktkandidatin an; die Chance, dass der örtliche CDU-Konkurrent Andreas Storm gewinnt, ist ziemlich groß.
In Niedersachsen belegen Bundeskanzler Gerhard Schröder, 61, Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, 54, und Verteidigungsminister Peter Struck, 62, die ersten Plätze. In Berlin stemmen sich Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, 61, SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter, 58, und Wirtschaftsstaatssekretär Ditmar Staffelt, 55, gegen eine Verjüngung der Liste.
Zu einem Duell zweier erfahrener Haudegen kam es am vorvergangenen Dienstag in Hamburg: Zunächst hatte der 68jährige Hans-Ulrich Klose, seit 1983 im Bundestag, für den Spitzenplatz auf der Landesliste kandidiert. Dann meldete Ortwin Runde, 61, auch er wie Klose ein ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt, sein Interesse an. Die Stimmung im Bürgerhaus Hamburg-Wilhelmsburg war erhitzt, das Ergebnis überraschend: Am Ende setzte sich der jüngere der beiden Senioren durch. Danach war's mit der Parteifreundschaft vorbei. Klose gab seinem Bezwinger nicht mal die Hand, verzichtete trotzig auf einen Listenplatz für die Bundestagswahl und will nun versuchen, seinen Wahlkreis in Hamburg-Bergedorf direkt zu gewinnen.
Gleich zwei Ex-Minister, denen der Kanzler seine Gunst 2002 entzogen hat, pochen in Baden-Württemberg auf ein Ticket nach Berlin. Herta Däubler-Gmelin und Walter Riester, beide 61, streben auf der Landesliste nach vorn. Zwar hatte Riester vor Monaten noch vom Abschied aus der Bundespolitik gesprochen, dann aber,
nach den überraschend angezettelten Neuwahlen, einen Rückzieher vom Rück-zieher gemacht. Der Arbeitsminister a. D. möchte sich in seinem Fachgebiet Sozialpolitik einbringen.
Däubler-Gmelin, ehemalige Justizministerin, wird mächtig gestützt von ihrem Wahlkreis Tübingen, der mit einem neuen Kandidaten nur noch geringe Chancen auf eine Interessenvertretung in Berlin hätte. So ist es häufig. Rückenwind erhalten die altgedienten Genossen von ihrer Basis, die um das eherne Prinzip der Listenaufstellung wissen: Newcomer müssen sich in der Regel hinten anstellen.
Je schlechter die SPD bei der Wahl abschneidet, desto auffälliger wird die Parade der Oldies sein. Zudem werden sich die meisten verdienten Minister und Staatssekretäre in die bequemeren Winkel des Parlaments verdrücken und den wenigen Jungen, die den Einzug geschafft haben, die aktuelle Arbeit überlassen.
Vor dem Ansturm der alternden Spitzenkräfte hat auch Parteichef Franz Müntefering kapituliert. Vor fünf Jahren bemühte er sich, damals als Generalsekretär, unter dem Motto "30 unter 40" noch aktiv um eine Verjüngung der Fraktion. Diesmal hält er sich, auch weil die Landesverbände streng ihre Autonomie einfordern, ermattet zurück.
1998 hatte der grüne Außenminister Joschka Fischer über Ex-Kanzler Helmut Kohl öffentlich gespottet: "Der liegt wie eine Grabplatte über seiner Fraktion."
Das könnte demnächst auch für eine Reihe prominenter Sozialdemokraten gelten. HORAND KNAUP
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 28/2005
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