11.07.2005

ZEITGESCHICHTENächtens in der Tiefgarage

Wie „Deep Throat“ dabei half, Präsident Richard Nixon zu entlarven / Von Bob Woodward
An einem Sommerabend 1972 in seinem Haus in Virginia sagte Mark Felt, dass wir uns, wenn wir miteinander reden wollten, unter vier Augen an einem Ort treffen müssten, wo niemand uns beobachten könne.
Mir sei alles recht, sagte ich.
Wir bräuchten ein vorher abgesprochenes Benachrichtigungssystem - eine Ver-
änderung der Umgebung, die keinem auffallen würde oder der keiner irgendeine Bedeutung beimessen würde, sagte er. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.
"Wenn du die Vorhänge in deiner Wohnung sonst geschlossen lässt, dann zieh sie auf, und das könnte ein Signal für mich sein", sagte er. "Ich könnte jeden Tag nachsehen oder jemanden vorbeischicken, und wenn die Vorhänge zurückgezogen sind,
treffen wir uns am selben Abend an einem bereits vereinbarten Ort."
"Ich lasse von Zeit zu Zeit gern Licht in die Wohnung", erklärte ich. "Wir brauchen ein anderes Signal", sagte er und ließ damit durchblicken, dass er meine Wohnung regelmäßig überprüfen lassen könne.
Da ich mich unter Druck gesetzt fühlte, sagte ich, dass ich eine rote Stofffahne hätte, knapp 30 Zentimeter im Quadrat, die eine Freundin von mir auf der Straße gefunden hatte. Sie hatte die Fahne in einen leeren Blumentopf auf dem Balkon meiner Wohnung gesteckt.
Felt und ich vereinbarten kurzerhand, dass ich den Blumentopf mit der Fahne, der normalerweise vorn am Geländer stand, nach hinten stellen sollte, wenn ich dringend ein Treffen benötigte. Das müsse jedoch wichtig sein und dürfe nur selten vorkommen, schärfte er mir ein. Das Signal bedeute, dass wir uns noch in derselben Nacht gegen zwei Uhr morgens auf der untersten Ebene einer Tiefgarage gleich oberhalb der Key Bridge in Rosslyn, Virginia, treffen würden. Die Tiefgarage befand sich hinter und unter 1401 Wilson Boulevard - einem großen Hochhaus.
Okay, sagte ich.
"Geh die Gasse entlang. Nimm nicht dein Auto. Nimm dir ein Taxi bis zu einem Punkt, der ein paar Blocks von einem Hotel entfernt liegt, wo nach Mitternacht noch Taxis warten. Steig aus und geh zu einem zweiten Taxi, das dich nach Rosslyn bringt. Steig nicht direkt an dem Parkhaus aus. Geh die letzten Häuserblocks zu Fuß. Wenn du verfolgt wirst, geh nicht in das Parkhaus. Ich weiß schon Bescheid, wenn du nicht kommst."
Felt erklärte, dass er, wenn er etwas für mich habe, mir eine Nachricht zukommen
lassen könne. Ich hatte wie viele andere in dem Apartmenthaus ein Abonnement der "New York Times". Die Zeitungen wurden in der Eingangshalle mit der Wohnungsnummer abgelegt. Ich hatte die Nummer 617, und sie war deutlich sichtbar auf jeder Zeitung mit Filzstift notiert.
Felt sagte, falls er mir etwas Wichtiges mitzuteilen habe, so könne er an meine "New York Times" gelangen. Die Seite 20 wäre in dem Fall eingekreist, und auf dem unteren Teil der Seite würde mit Uhrzeigern der Zeitpunkt des Treffens am selben Abend, wahrscheinlich zwei Uhr, stehen.
Am 15. September erhob ein Gericht Anklage gegen Howard Hunt, Gordon Liddy und die fünf Einbrecher im Watergate-Komplex. Es wurden keine höheren Chargen angeklagt oder namentlich genannt. Es war deprimierend. Wir hofften, dass US-Staatsanwalt Earl Silbert noch irgendetwas Neues vorlegen würde. Carl und ich gingen dem geheimen Bargeldfonds nach, den das Wiederwahlkomitee angelegt hatte. Wir waren uns sicher, dass es die Watergate-Aktion finanziert hatte und dass Assistenten des ehemaligen Justizministers John Mitchell das Geld kontrolliert hatten. Einen Tag nach der Anklageerhebung verstieß ich gegen das Verbot von Telefonaten mit Felt und rief ihn an. Carl und ich hatten eine Story zu der Frage entworfen, inwiefern hohe Mitarbeiter in der Nixon-Kampagne an der Finanzierung des Watergate-Einbruchs beteiligt gewesen waren.
"Zu lasch", sagte er zu meiner Verblüffung. "Ihr könnt viel härtere Saiten aufziehen." Er half mir mit verdeckten und spärlichen Hinweisen auf "andere nachrichtendienstliche Aktivitäten" über Watergate hinaus nach. Er sagte, dass Spitzenassistenten von Mitchell unter denjenigen seien, die einen Fonds kontrollierten, der nach unseren Informationen von Schatzmeister Hugh Sloan über 300 000 Dollar für derartige Zwecke verfügte. Carl und ich schrieben eine etwas dünne Story, die immerhin durchblicken ließ, dass die Anklagen im Fall Watergate nicht die ganze Verschwörung aufgedeckt hätten.
Carl hatte die Buchhalterin für die Nixon-Kampagne aufgespürt, Judy Hoback, und sie hatte uns über viele Bargeldentnahmen aus diesem Geheimfonds informiert. Die Buchhalterin hatte schließlich gesagt, dass drei Personen - Liddy und zwei führende Mitarbeiter des Wahlkampfs, der stellvertretende Leiter Jeb Stuart Magruder und Wahlkampfhelfer Bart Porter - alle über 50 000 Dollar in bar aus dem Geheimfonds erhalten hätten. Das war eine Story, aber wir brauchten noch eine Bestätigung.
Ich verstieß erneut gegen die Telefonregel und rief Felt an einem Sonntagnachmittag zu Hause an. Als er meine Stimme
hörte, entstand eine lange Pause. Das muss unser letztes Telefongespräch sein, sagte er wütend. Er bestätigte die Bargeldzahlungen an Magruder und Porter und ließ durchblicken, dass der Geldfluss wichtig war. Das wurde später auf die Losung reduziert: "Follow the money" (Geht dem Geld nach), eine Wendung, die er, soweit ich mich entsinne, nie selbst benutzt hat.
An jenem Tag klang Felt besorgt und angeekelt - auf der Hut, ernst, sogar gehetzt. Sein üblicher Humor blitzte wieder auf, als er abschließend erklärte: "Sagen wir einfach, ich bin bereit, euch die aufblühende Situation ins rechte Licht zu rücken, wenn die Zeit reif ist." Er wiederholte, dass er von mir keine weiteren Telefonanrufe wünsche. Die Anrufe ließen ihm offenbar keine Ruhe. Doch das Ganze habe eindeutig auch etwas Positives, deutete er an. In Kürze werde alles zusammenbrechen.
Ende September 1972 teilte ein nächtlicher Anrufer Carl mit, dass ein Freund namens Alex Shipley, Vize-Justizminister von Tennessee, darum gebeten worden sei, dafür zu sorgen, dass demokratische Präsidentschaftskandidaten gestört, sabotiert und bespitzelt würden. Carl rief Shipley an, der die Story prompt bestätigte. Am Ende stieß Carl auf drei Juristen, die ein Anwalt namens Donald Segretti zu derartigen Machenschaften aufgefordert hatte.
Das war seltsam. In irgendeiner Form hatte das FBI zwar Segretti im Rahmen der Watergate-Ermittlungen verhört, doch es war weder klar, welcher Zusammenhang womöglich bestand, noch, wie ernst die Sache war. Carl wollte eine Story über Segrettis Bemühungen schreiben, Leute für schmutzige Tricks zu rekrutieren.
Ich hielt mich an dem Wochenende in New York auf, und ein Entwurf für eine Story wurde mir am Telefon vorgelesen. Nicht genügend Details, argumentierte ich. Ich versprach, nach Washington zu kommen und mit "meinem Freund" Kontakt aufzunehmen, der Deckname, den ich für Mark Felt benutzte.
Die konspirative Art des Treffens verwirrte und faszinierte mich gleichermaßen. Das war etwas ganz Neues für mich. Es war auch ein wenig beängstigend so spät in der Nacht. Ich fand das Gebäude und ging die Treppe bis zur untersten Ebene der Tiefgarage hinab.
Felt wartete bereits auf mich. Er hatte sich eine Zigarette angezündet. Normalerweise war er sehr charmant mit seinem ordentlich gekämmten, grauen Haarschopf und einem verschlagenen, irgendwie allwissenden, ja fast schon blasierten Lächeln. In jener Nacht wirkte er hager, und ich konnte in dem Licht erkennen, dass seine Augen gerötet waren.
Er schien froh, mich zu sehen. Es war ein beklemmender, einsamer Ort mit ein paar geparkten Autos auf unserer Ebene. Felt hatte vermutlich seine Pistole dabei, aber ich besaß nicht einmal eine Waffe.
"Überleg mal, man führt doch nicht 1500 Interviews durch, wenn man nicht mehr in der Hand hat als einen einzigen Einbruch", sagte er und spielte damit auf die Zahl der Vernehmungen an, die das FBI bislang im Rahmen der Watergate-Ermittlung durchgeführt hatte - ein Punkt, den das Weiße Haus großspurig als Beweis für die Gründlichkeit der Ermittlungen verkündet hatte.
"Mitchell war verwickelt", sagte Felt. Daran bestehe kein Zweifel. John Ehrlichman, Nixons wichtigster innenpolitischer Berater, habe Howard Hunt angewiesen, die Stadt zu verlassen, sagte er.
Es fiel mir schwer, das zu glauben. Ehrlichman hatte bislang in Watergate oder anderen Operationen nirgends Fingerabdrücke hinterlassen. Das Ausmaß der illegalen Aktivitäten und schmutzigen Tricks sei gigantisch, sagte Felt und fügte hinzu, dass wir jeder Spur nachgehen sollten. "Ihr könntet von heute bis Weihnachten oder noch darüber hinaus Artikel schreiben."
Ich fragte nach Segretti.
"Denk daran, was ich gesagt habe. Alles war ein Teil davon ... Ich weiß, wovon ich rede." Wenn alles herauskäme, könnte das die Regierung vernichten, sagte Felt. Mitchell habe erkannt, dass er persönlich am Ende sei.
Felt hob die Reichweite der Operation hervor. Er wisse von schmutzigen Tricks in Illinois, New York, New Hampshire, Massachusetts, Kalifornien, Texas, Florida und im District of Columbia.
Wir redeten so lange miteinander, dass Felt und ich uns irgendwann auf den schmutzigen Parkhausboden setzten. Steckte denn wirklich das Weiße Haus hinter der ganzen Sache, fragte ich und drängte ihn einmal mehr um konkrete Details.
"Na klar, aber sicher, verstehst du denn nicht, was ich sage?" Er war ganz aufgebracht und sprang auf. Dann brach er unvermittelt ab. Ich packte ihn schließlich am Arm und sagte, wir würden hier eine alberne Scharade abziehen, indem wir so täten, als hätte er mir nie neue Informationen geliefert. Natürlich habe er das.
"Okay", sagte er. "Die Sache ist zu ernst." Segretti war kein Einzelgänger. "Ihr könnt mit Sicherheit sagen, dass 50 Leute für das Weiße Haus und das Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten gearbeitet haben. Sie haben schmutzige Spielchen gespielt, spioniert, sabotiert und Informationen eingeholt. Einige Dinge sind schier unglaublich. Sie wollten die Opposition mit allen Mitteln fertig machen.
Er nickte zur Bestätigung, als ich eine Liste vorlas, die Carl und ich aus anderen Quellen über die Methoden des Weißen Hauses und des Wiederwahlkomitees zusammengestellt hatten: Abhören, Menschen verfolgen, falsche Presseinfos lancieren, gefälschte Briefe verteilen, Wahlkampfveranstaltungen absagen, im Privatleben der Wahlkampfhelfer herumschnüffeln, Spitzel einschleusen, Dokumente entwenden, Provokateure unter politische Demonstrationen mischen.
Dann überschritt Felt eine wichtige Grenze und sagte das Undenkbare: "Es steht alles in den Akten." Bislang waren die Akten heilig gewesen, tabu. "Das Justizministerium und das FBI wissen darüber Bescheid, auch wenn der Sache nicht nachgegangen wurde." Die Watergate-Ermittlung sei auf den Einbruch vom 17. Juni und die Abhöraktion beschränkt worden.
Ich fuhr nach Hause, legte mich für ein paar Stunden aufs Ohr und ging dann in die Redaktion. Da ich mir keine Notizen gemacht hatte, tippte ich ein dreiseitiges Memo für Carl und die Redakteure.
Damit hatten wir unsere wohl wichtigste Story. Carl tippte den Aufmacher:
Die Ermittlungsbeauftragten des FBI haben festgestellt, dass der Watergate-Einbruch mit einer massiven Kampagne politischer Spionage- und Sabotageakte in Zusammenhang steht, die von Beamten des Weißen Hauses und Mitgliedern des Komitees zur Wiederwahl des Präsidenten gelenkt wird.
Aus Unterlagen des FBI und der Justiz geht hervor, dass sich die Aktionen gegen alle wichtigen Präsidentschaftsbewerber der Demokraten gerichtet haben und seit 1971 bereits zur Strategie in den Bemühungen um Nixons Wiederwahl gehörten.
Die Story erschien am 10. Oktober 1972 über vier Spalten und unter einer zweizeiligen Schlagzeile in der oberen Hälfte von Seite eins: "FBI stellt Sabotage-Akte der Nixon-Gehilfen gegen Demokraten fest". Segretti und viele andere wurden später zu Gefängnisstrafen verurteilt, als das ganze Ausmaß des Watergate-Skandals von einem Sonderermittler aufgedeckt wurde.
Am Wochenende nach der Spionage- und Sabotagestory über Segretti veröffentlichten Carl und ich Artikel, die sich auf andere Quellen als Felt stützten, und deuteten an, dass Segretti von Dwight Chapin, dem Terminsekretär Präsident Nixons, für die Wahlkampfsabotage angeworben worden war. Chapin traf Nixon fast täglich und zählte zu den wenigen Mitarbeitern im Weißen Haus, die ohne weiteres Zugang zum Präsidenten hatten.
Der zweite Artikel meldete, dass Herbert Kalmbach, Nixons Privatanwalt, Segretti rund 35 000 Dollar Wahlkampfgelder für die Finanzierung seiner Spionage- und Sabotagekampagne gezahlt habe.
Watergate zog immer engere Kreise um das Weiße Haus und den Präsidenten selbst. Es stellte sich heraus, dass das FBI und die Watergate-Jury, die von Staatsanwalt Earl Silbert geleitet wurde, schon vor Monaten einen großen Teil der Informationen über Chapin als Segrettis Kontaktperson und Kalmbach als Geldboten herausgefunden hatten. Die Tatsache, dass die
Ermittlungen nicht massiv auf diese Aspekte ausgedehnt worden waren, zeigt, wie effektiv das Weiße Haus unter Nixon und das Justizministerium von der Angelegenheit abgelenkt und sie vertuscht hatten.
Am 19. Oktober rückte ich den Blumentopf wieder einmal nach hinten, in der Hoffnung, mich an diesem Abend mit "Deep Throat" in Rosslyn treffen zu können.
Wie wir erst Jahre später erfahren sollten, traf sich am gleichen Nachmittag Nixon in seinem Rückzugsbüro im Old Executive Office Building mit Haldeman. Das geheime Aufnahmesystem zeichnete das Gespräch zwischen den beiden auf.
Haldeman berichtete ihm, er habe von seiner eigenen Geheimquelle verbindlich erfahren - die er dem Präsidenten allerdings nicht näher bezeichnen wollte -, dass es beim FBI eine undichte Stelle gebe.
"Jemand im Umfeld von FBI-Chef Patrick Gray?", wollte Nixon wissen.
"Mark Felt", gab Haldeman zur Antwort.
"Aber warum zum Teufel sollte der so etwas tun?", fragte der Präsident.
"Wir können darüber nichts verlauten lassen, weil das unsere Quelle hochgehen ließe, und das darf auf keinen Fall passieren."
Haldeman meinte dann noch, dass Felt eben an die Spitze des FBI wolle.
"Ist er katholisch?", fragte der Präsident.
"Nein, Sir. Jude."
"Um Himmels willen, ein Jude auf diesem Posten?", rief Nixon aus.
"Nun, auch das könnte eine Erklärung sein", sagte Haldeman.
Das bedeutete, dass wir bei der "Post" vielleicht unser eigenes "Deep Throat"- Problem hatten, jemand, der Einzelheiten über unsere Quellen an das Justizministerium und das Weiße Haus weitergab. Wir fanden nie heraus, wer das sein könnte, aber das Weiße Haus stand offensichtlich sehr kurz davor, Felt definitiv als einen unserer Informanten zu identifizieren.
Am nächsten Tag war in meiner "New York Times" die Seitenzahl 20 eingekringelt
und als Treffzeit drei Uhr früh angegeben. Diesmal kam ich zu früh, aber Felt war bereits da.
Auch wenn Carl und ich eigentlich noch gar nicht so weit waren, erzählte ich Felt, dass wir in der nächsten Woche eine Story veröffentlichen würden, in der Haldeman als die fünfte und letzte Person bezeichnet werde, die Verfügungsgewalt über den Geheimfonds gehabt habe.
"Das müsst ihr auf die eigene Kappe nehmen", lautete Felts Kommentar.
Darauf äußerte ich die Erwartung, dass er mich warnen würde, wenn wir falsch lägen. Felt sagte, das täte er.
Könne er also bestätigen, dass es Haldeman war?
"Nein", entgegnete er. "Das müsst ihr auf die eigene Kappe nehmen."
Am Montag, den 23. Oktober, ging ich dies alles noch einmal mit Carl durch, der sich unbehaglich fühlte. Wir suchten noch einmal Hugh Sloan auf, den Schatzmeister des Wiederwahlkomitees, der den Geheimfonds verwaltet hatte. Sloan, der früher in Nixons Weißem Haus für Haldeman gearbeitet hatte, war ebenfalls sehr verschlossen, wenn es um seinen früheren Boss ging. Carl fragte ihn, ob es falsch sei, wenn wir schrieben, dass Haldeman der fünfte Mann sei.
"Lassen Sie es mich so ausdrücken", entgegnete Sloan: "Ich habe keine Schwierigkeiten damit, wenn Sie eine solche Story bringen."
Nach einigem denkwürdigen Hin und Her mit anderen Informanten, die unsere Story zu bestätigen schienen, entschlossen wir uns, den Artikel zu schreiben. Wir würden nun Haldeman als den fünften Mann bezeichnen, der Kontrolle über den Geheimfonds hatte, mit dem Watergate und andere Spionage- und Sabotageakte während des Nixon-Wahlkampfs finanziert wurden. Wir stützten unsere Story auf Sloans Aussage vor der Grand Jury. Dies würde ihr eine solide Basis geben.
Aber dies war ein Fall, bei dem eins und eins nicht zwei ergab, wie wir bald herausfinden sollten. Am nächsten Tag antwortete Sloans Anwalt vor den Kameras des Fernsehens auf die Frage, ob sein Mandant vor der Grand Jury Haldeman erwähnt habe: "Unsere Antwort darauf ist ein eindeutiges Nein. Mr. Sloan hat bei seiner Aussage Mr. Haldeman überhaupt nicht miteinbezogen."
Jetzt brach die Hölle los. Carl und ich dachten, wir müssten die "Post" verlassen. Sloan teilte uns schließlich mit, dass Haldeman tatsächlich den Fonds kontrolliert habe, aber er, Sloan, nie von der Grand Jury danach gefragt worden sei. So hatte er natürlich darüber auch keine Aussage gemacht. Das Ganze war ein fast vollständiges Desaster.
Am nächsten Morgen rückte ich auf meinem Balkon die Flagge mitsamt Blumentopf wieder einmal nach hinten.
Felt wartete bereits.
Etwa 15 Minuten lang redete ich mir meine ganze Verwirrung, mein ganzes Bedauern vom Herzen und bat ihn um Hilfe.
Er trat mit seinem Absatz gegen die Garagenwand. Die Wahrheit werde nun niemals ans Licht kommen, der Irrtum mit Haldeman habe das besiegelt, sagte er. Felt fluchte. Er trat näher an mich heran und flüsterte mir zu: "Von Anfang bis Ende ist das Ganze eine Haldeman-Operation. Er verwaltete das Geld. Aber die Funktionäre um ihn herum sicherten ihn nach außen ab."
Ich fühlte mich wie ein geprügelter Hund.
Im März 1973 ging dann die Watergate-Bombe mit James McCords Brief an Richter John Sirica endgültig hoch, in dem der Watergate-Einbrecher zugab, er habe einen Meineid geleistet und es habe tatsächlich eine Vertuschungsaktion gegeben. Im April gab es dann fast täglich solche Explosionen, wie die Aussage, dass Liddy sich dreimal mit Mitchell, Dean und Magruder getroffen habe, um die Spionageaktivitäten bei den Demokraten und die Watergate-Operationen zu planen.
Am Abend des 16. April rief der dienst- habende Lokalredakteur der "Washington Post" mich zu Hause an, um mir mitzuteilen, dass die "Los Angeles Times" am nächsten Tag eine Titelgeschichte herausbringen werde, in der stehe, dass das Weiße Haus bald einige dramatische Eingeständnisse zum Watergate-Fall bekannt geben werde.
Felt hatte zugestimmt, dass ich ihn im Notfall aus einer vorher festgelegten Telefonzelle zu Hause anrufen dürfe. "Du brauchst mir gar nicht erst zu sagen, warum du mich anrufst", begrüßte er mich.
Was ist eigentlich los, wollte ich wissen. Die ganze Stadt sei voller Gerüchte.
"Ich sage nur das eine", antwortete er mir, "Dean und Haldeman sind erledigt, das steht fest. Erledigt. Sie werden zurücktreten. Der Präsident kann da gar nichts mehr machen." Dies sei eine absolut zuverlässige Information. "Einige werden schon reden - findet sie heraus!", sagte er und klang dabei wie ein Chef vom Dienst. "Ich muss jetzt weg. Ich meine es ernst - findet sie heraus."
Wir beschlossen, den Artikel über Haldeman und Dean erst einmal nicht zu bringen.
Am 26. April um 19.45 Uhr rief mich jemand aus dem Kapitol an, um mir zu sagen, dass in der "New York Daily News" ein Artikel erscheinen werde, in dem stehe, dass der amtierende FBI-Direktor Patrick Gray Dokumente vernichtet habe, die aus Howard Hunts Safe im Weißen Haus stammten. Von den beiden zerstörten Aktenordnern habe der eine von Hunt gefälschte Telegramme des Außenministeriums enthalten, die Präsident Kennedy mit der Ermordung des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem in Verbindung brachten.
Der zweite Ordner enthielt Material, das Hunt über Senator Edward Kennedy gesammelt hatte.
Um 21.30 Uhr klingelte mein Telefon in der "Washington Post"-Redaktion.
"Habt ihr schon von der Geschichte mit Gray gehört?", fragte Felt. "Nun, sie stimmt."
In einem Treffen mit John Ehrlichman und John Dean war Gray mitgeteilt worden, die Akten seien politischer Sprengstoff, der mehr Schaden anrichten könne als die Abhöraktion im Watergate-Komplex. Gray hatte daraufhin die Ordner in sein Haus in Connecticut mitgenommen, sie dort fast sechs Monate aufbewahrt und sie dann im Dezember 1972 zusammen mit dem Weihnachtsabfall verbrannt. Gray war damit erledigt. Die Freude in Felts Stimme konnte man deutlich heraushören, als er diese Geschichte erzählte.
Carl und ich schrieben die Story für den nächsten Tag. An diesem Tag trat Gray zurück. Fast drei Stunden lang war Felt tatsächlich amtierender FBI-Direktor. Am Ende bekam Felt den Job dann doch nicht. Nixon ernannte William D. Ruckelshaus, den bisherigen Leiter der US-Umweltschutzbehörde, zum amtierenden Direktor. Jahre später schrieb Felt in seinem Buch, dass er den Tag, an dem Ruckelshaus das Hauptquartier des FBI betrat, als "traurigen Montag" bezeichnet habe.
Am 30. April wandte sich Nixon in einer Fernsehansprache an die Nation. Er verkündete, dass Haldeman, Ehrlichman sowie Justizminister Kleindienst zurückgetreten seien. Dean war entlassen worden.
Mitte Mai bat ich Felt um ein Treffen in der Tiefgarage. Er meinte, wir könnten uns dieses Mal früher treffen, etwa gegen 23 Uhr. Ich dachte, er sei froh über die letzten Entwicklungen in der Watergate-Sache. Aber ich wusste natürlich auch, dass er unglücklich darüber war, dass man ihn nicht einmal zeitweise zu Grays Nachfolger bestimmt hatte. Felt war nervös, sein Unterkiefer zitterte. Er machte rasend schnell eine ganze Reihe von Aussagen, und es war klar, dass sich irgendetwas verändert hatte.
Als Erstes behauptete er, unser aller Leben sei in Gefahr und wir würden elektronisch überwacht - von der CIA. Außerdem habe Präsident Nixon Dean ganz persönlich bedroht. Die andauernden Bemühungen, das Schweigen Hunts, Liddys und der fünf Watergate-Einbrecher zu erkaufen und die Kosten der Vertuschungsaktion beliefen sich auf etwa eine Million Dollar. Am alarmierendsten sei, dass Geheimoperationen vor sich gingen, in die die gesamten Geheimdienste der Vereinigten Staaten verwickelt seien.
Ich ging in meine Wohnung zurück, rief Carl an und bat ihn vorbeizukommen. Ich ließ laute Musik laufen, um eine mögliche elektronische Überwachung zu übertönen, und begann in die Maschine zu tippen, was mir Felt erzählt hatte.
Carl und ich fuhren dann mit diesen Informationen zu Chefredakteur Ben Bradlees Haus und weckten ihn so gegen zwei Uhr morgens. Wir baten ihn herauszukommen, wo wir nicht abgehört werden konnten. Ich überreichte Bradlee eine Kopie meiner Notizen. Er las sie durch.
"Was zum Teufel machen wir jetzt?", fragte er dann.
Am nächsten Tag versammelten sich Carl und ich sowie das gesamte Führungspersonal der "Washington Post" im Dachgarten im achten Stock, drei Etagen über der Nachrichtenredaktion, da wir da oben wohl vor allen Abhöranlagen sicher sein konnten. Richard Harwood, der damalige Leiter des Ressorts Innenpolitik, fand die
ganze Geschichte wenig plausibel. Er stellte alles in Frage und deutete an, wir hätten jetzt endgültig jede Bodenhaftung verloren und unsere Berichterstattung ähnele immer mehr Phantastereien, einer Art Verfolgungswahn.
Bradlee wollte nur wissen, was wirklich vor sich ging und was bestätigt werden könnte. Aber er ließ doch jemand kommen, der die Telefone der "Post" überprüfte. Dieser Mann kontrollierte auch mein Apartment, entdeckte aber keine Anhaltspunkte für irgendwelche Abhöraktionen.
Am 22. Juni 1973, drei Tage bevor Dean vor Senator Sam Ervins Watergate-Ausschuss aussagte, dass Nixon in die illegale Vertuschungsaktion verwickelt sei, verließ Felt das FBI.
Aber die Aufklärung der Watergate-Affäre ging weiter. Die Senatsanhörungen, die Entdeckung von Nixons geheimen Tonbändern aus dem Weißen Haus, die Berufung von Sonderermittler Archibald Cox und dessen Entlassung durch Nixon im Oktober 1973 hielten Carl und mich auf Trab.
Nachdem Felt nicht mehr beim FBI arbeitete, glaubte ich, er sei auch nicht mehr auf dem Laufenden. Aber in der ersten Novemberwoche 1973 rief ich ihn doch zu Hause an, und wir vereinbarten ein Treffen in der Tiefgarage. Es war nur sehr kurz. Er war aus der Bundespolizei ausgeschieden, aber er stand immer noch in Kontakt mit vielen Freunden dort. So funktionierte diese Organisation eben. Er hatte nur eine ganz einfache Mitteilung zu machen: Auf einem oder mehreren der Nixon-Tonbänder gebe es bewusste Löschungen.
Carl und ich schrieben in einem Artikel, dass es "verdächtige" Lücken gebe, die "zur Annahme führen könnten, dass die Bänder frisiert wurden".
Nixons Pressesprecher Ziegler leugnete gegenüber Carl entschieden, dass diese Geschichte wahr sei. Am Nachmittag des 21. November rief Ziegler Carl an. Nixons Anwälte hatten in Richter Siricas Gerichtssaal mitgeteilt, dass eines der Bänder eine Lücke von 18,5 Minuten enthalte. "Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich davon nichts wusste, als wir uns neulich unterhielten", entschuldigte sich Ziegler.
Wir glaubten dem Pressesprecher des Präsidenten, aber ich fand nie heraus, wie Felt von diesem wichtigen Detail erfahren hatte. Diese Lücke auf dem Band wurde bald zu einem Symbol für Nixons gesamtes Watergate-Problem. Die Wahrheit war gelöscht worden. Die Wahrheit fehlte.
WATERGATE: Amerika 1972, die Watergate-Affäre erschüttert die Weltmacht, sie endet mit dem Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon zwei Jahre später. Die beiden jungen "Washington Post"-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein deckten die kriminellen Machenschaften im Weißen Haus auf und erlangten Weltruhm. Ihre Quelle, der stellvertretende FBI-Direktor Mark Felt, enttarnte sich vor kurzem selbst. In seinem neuen Buch, aus dem der SPIEGEL Auszüge druckt, erzählt Woodward zum ersten Mal die innere Geschichte des größten Polit-Skandals der Vereinigten Staaten*.
Von Bob Woodward

DER SPIEGEL 28/2005
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