11.07.2005

BILDUNG„Kann eine Blume bügeln?“

In dieser Woche wird der mit Spannung erwartete Bundesländervergleich der neuen Pisa-Studie vorgestellt. Lassen sich daran bereits erste Erfolge der ehrgeizigen Schulreformen ablesen?
Donnerstagmorgen, kurz nach acht: Im zweiten Stock der Bremer Kita Wasserturm treffen sich die "Quasselkasper". Halil, Melis, Aron, Furkan, Gisem, Sena und die anderen stürmen ins Zimmer und stempeln nacheinander ein blaues Q hinter ihre Namen. Das Q ist "Buchstabe der Woche", so weit sind sie im Alphabet schon gekommen.
Es ist die letzte Quasselkasper-Stunde vor den Ferien. Ab Ende August gehen die meisten der zwölf Kita-Kinder in die Grundschule gegenüber. Zum Abschluss dürfen sie sich etwas wünschen, und alle sind sich schnell einig: noch einmal Seifenblasen machen! Eilig schleppen die Kleinen drei Plastikschüsseln voll Wasser herbei, eines spritzt Spülmittel hinein, ein anderes verteilt Strohhalme. Dann drängeln sich vier Kinderköpfe über jeder Schüssel, es blubbert, drei schimmernde Blasenberge wachsen aus dem Wasser.
Die Kinder interessiert vor allem, wer den größten Berg zustande bringt; den Pädagoginnen jedoch geht es um mehr. "Die Kinder lernen ganz nebenbei viele Wörter und Wendungen, und die müssen sie auch gleich benutzen, wenn sie zum Beispiel in der Küche nach den Schüsseln oder nach Handtüchern zum Unterlegen fragen", erklärt Erzieherin Margrit Haußmann.
Denn gerade das Quasseln ist es, was die "Quasselkasper" noch lernen müssen. Die "Sprachstandserhebung bei Vorschulkindern", die seit 2003 Pflicht ist in Bremen, hat erbracht, dass sie alle gezielten Deutschunterricht brauchen, um von der ersten Klasse an mithalten zu können.
Alle rund 5000 Kinder, die jährlich in Bremen eingeschult werden, müssen ein Jahr vorher zum Sprachtest. Die Erzieherinnen zeigen ihnen dann Karten mit Zeichnungen und fordern: "Zeig bitte auf das Bild, das am besten zu dem Wort Schrank passt." Und sie wollen Kniffliges wissen: "Kann eine Hausnummer heizen? Kann ein Tisch wackeln? Kann eine Blume bügeln?" 15 Prozent der Kinder, viele davon aus Ausländerfamilien, werden dann in Vorlaufkurse geschickt.
Ohne den Pisa-Schock vor drei Jahren gäbe es die Quasselkasper heute wohl nicht. Die Einsicht, dass Deutschlands Schüler allenfalls Mittelmaß sind, hatte die Kultusminister damals ins Reformfieber versetzt. Am Donnerstag dieser Woche, wenn der neue Pisa-Bundesländervergleich veröffentlicht wird, werden sich viele wieder über die Ergebnisse beugen mit der Frage: Zeigen die Bemühungen schon Wirkung?
In den meisten Fällen, wie bei den Bremer Vorschulkursen, lautet die Antwort schon deshalb Nein, weil bei Pisa ohnehin nur 15-Jährige getestet werden. Dennoch warten die Länder mit Spannung und Sorge auf diesen zweiten Wettbewerb der deutschen Schulsysteme. Wie vor drei Jahren beginnt dann der erbitterte Streit um die Deutungshoheit: Haben Bayern und Baden-Württemberg, die auch dieses Mal wieder ganz vorn mit dabei sind, wirklich das bessere Schulsystem?
Weil sich die Diskussion um das effektivste Lernen trefflich als Wahlkampfthema eignet, haben die Kultusminister den Ländervergleich
diesmal extra vorverlegt. Laut offiziellem Pisa-Zeitplan sollten die Forscher vom Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften ihre Ergebnisse erst Mitte September präsentieren. Doch dann kündigte der Bundeskanzler für just diesen Zeitraum Neuwahlen an, und die Minister drängten die Pisa-Forscher zur Eile. Rasch trugen die daher einige Teilergebnisse zusammen, darunter vor allem die brisante Länder-Rangliste.
Schon am vergangenen Freitag versuchte die Lehrergewerkschaft GEW, sich an die Spitze der Pisa-Deuter zu setzen. Zum Seminar "Pisa verstehen" luden sie den Leiter der internationalen Pisa-Studie, OECD-Statistiker Andreas Schleicher, und den Essener Bildungsforscher Klaus Klemm nach Berlin. "Man darf die Pisa-Ergebnisse nicht aus ihrem Kontext reißen", mahnt Schleicher. Es müsse immer auch berücksichtigt werden, unter welchen Voraussetzungen die Länder ihre Rangplätze erzielten.
Das meint auch Klemm. "In Bayern, Baden-Württemberg und Hessen lernt es sich am besten", sagt er. Der Grund: In Ländern mit niedrigen Arbeitslosenquoten, hoher Wirtschaftskraft und hohem Akademikeranteil hätten die Schüler nun einmal bessere Bildungschancen - zumal in Deutschland, wo der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in kaum einem anderen Staat der Welt.
Kein Wunder, dass da die Bremer beim Länder-Ranking vor drei Jahren das Schlusslicht waren: Etwa 40 Prozent aller 15-jährigen Schüler haben dort mindestens ein Elternteil, das nicht in Deutschland geboren ist. In Bayern haben nur 22 Prozent einen solchen Migrationshintergrund, in Sachsen sind es kaum mehr als 5 Prozent.
Den Bremern bleibt da nichts anderes übrig, als bei den Vorschülern anzusetzen. Bis zu zwei Schuljahre hinkten die Bremer Kinder beim letzten Pisa-Test hinter den innerdeutschen Testsiegern aus Bayern her.
"Eine Katastrophe", erkannte Bremens Bildungssenator Willi Lemke (SPD) und versprach eine Aufholjagd: "Wir schaffen das!" Deshalb gibt es in Bremen jetzt Kurse wie die Quasselkasper, in der Sozialbehörde arbeitet eine "Pisa-Projektkoordinatorin", und Lemke schickte im letzten August 150 Drittklässler zum "Summer Camp" ins Schullandheim.
Im Bremer Umland spielten die Neunjährigen dort nachmittags Theater und Fußball, vormittags lernten sie, wo in einem Satz das Verb hingehört. Und siehe da: Nach drei Wochen hatten sich Sprachkompetenz und Lesefähigkeit der Migrantenkinder messbar verbessert, das fanden Lernforscher vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in anschließenden Tests heraus.
Aber nicht nur die abgeschlagenen Bremer basteln Pisa-geschockt an ihrem Schulsystem herum. So viel Reform war nie zwischen Kiel und Konstanz. Kein Kultusministerium, das nicht seitenlange Pläne präsentieren könnte, wie die landeseigenen Schulen besser werden sollen.
Das fängt an bei der Sprachförderung für die Kleinsten und reicht bis zum Zentralabitur, das inzwischen 14 der 16 Länder haben oder demnächst einführen wollen. Sieben "zentrale Handlungsfelder" hat die Kultusministerkonferenz (KMK) gleich nach dem ersten Pisa-Schock identifiziert. An denen reformieren die Länder jetzt entlang, jedes mit eigenen Schwerpunkten.
In Schleswig-Holstein zogen im letzten Herbst erstmals sogenannte Schulinspektoren durch die Bildungsstätten. Im Auftrag des Kultusministeriums fahndeten die Teams nach Ideen zur Verbesserung von Unterricht und Schulorganisation. Andere Bundesländer ziehen nach: In Niedersachsen waren in diesem Sommer Inspektoren unterwegs, in Brandenburg startet das "Visitationsprogramm" im Herbst.
Auch beim deutschen Primus Bayern soll sich einiges ändern: Sprachunterricht in Grundschule und Kindergarten, die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre mit Intensivkursen am Nachmittag, individuelle Förderung von Begabten und der Ausbau der Schulbibliotheken - all das steht auf der Wunschliste des neuen Kultusministers Siegfried Schneider (CSU).
Landesvater Edmund Stoiber duldet keinen Zweifel: Bayern soll den dichtesten Lehrplan, das schwierigste Abitur und die beste Pisa-Platzierung aller Bundesländer vorweisen. Nach Ansicht der Elternvertreter zahlen die Kinder dafür einen hohen Preis: "Der Leistungsdruck ist immens", klagt Karin Simeth, Sprecherin des Elternverbandes Oberbayern für Grund- und Hauptschulen. "Die Selektion wird noch stärker, es gibt immer mehr Tests, die Übertrittsnote nach der Grundschule wird zum Teil auf Hundertstel genau ausgerechnet." Inzwischen bekämen schon 20 Prozent der Grundschüler in Bayern Nachhilfe, klagt Albin Dannhäuser, Vorsitzender des Bayerischen Lehrerverbandes: "Das ist doch Wahnsinn!"
Zudem fehlen für viele der Reformen Geld und Lehrer: Weil Ministerpräsident Stoiber keine neuen Schulden machen will, kürzte er alle Ressorts gewaltig zusammen, auch die Bildung. 42 000 Unterschriften überreichten aufgebrachte Eltern vergangene Woche Schulminister Schneider: Protestnoten gegen massenhaften Stundenausfall, fehlende Lehrer und überfüllte Klassen.
Für ein anderes Patentrezept, das angeblich Schüler klüger macht, ist dagegen
mehr als genug Geld vorhanden: für den Ausbau von Ganztagsangeboten, Punkt sieben der KMK-Handlungsliste und Lieblingsprojekt von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Sie verweist darauf, dass in den meisten erfolgreichen Pisa-Staaten die Kinder auch nachmittags zur Schule gehen.
Vier Milliarden Euro hat die Sozialdemokratin deshalb für Ganztagsschulen bereitgelegt. Doch zwei Jahre nach dem Start des Programms haben viele Bundesländer nur einen Bruchteil der Fördermittel abgerufen. Das Problem: Über die Schulpolitik vor Ort entscheiden allein die Länder. Sie bestimmen, ob etwa zusätzliche Lehrer oder Erzieher für den Betrieb am Nachmittag eingestellt werden. Bulmahn darf nur Mittel für Renovierung oder Neubau der Einrichtungen stiften.
In Niedersachsen zum Beispiel hatten die Schulen bis 2004 gerade einmal 25 Prozent der vorgesehenen knapp 130 Millionen Euro abgerufen. Was die, die doch Geld wollten, damit anfangen, lässt sich die Ministerin dieser Tage beim Lokaltermin vorführen. Auf ihrer Tour kann sie sich davon überzeugen, dass, wenn sie einmal nicht mehr Bildungsministerin ist, vor allem Kantinen von ihrem Wirken künden werden. Dort hängen dann die riesigen Uhren, die sie allen Schulleitern überreicht: "Ganztagsschulen. Zeit für mehr.", steht darauf.
Und dann ist da noch Punkt fünf des Pisa-Aktionsplans, mit dem sich Olaf Köller, Professor für Empirische Bildungsforschung an der Berliner Humboldt-Universität, befasst. Hier geht es um "Maßnahmen zur konsequenten Weiterentwicklung und Sicherung der Qualität von Unterricht und Schule auf der Grundlage von verbindlichen Standards sowie eine ergebnisorientierte Evaluation" - so steht es im KMK-Papier.
Frei übersetzt bedeutet das, dass Köller im Auftrag der KMK eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Pisa-Studie umsetzen soll: Entscheidend ist nicht, dass man den Schulen möglichst genaue Lehrpläne aufdrückt. Wichtig ist, was die Schüler am Ende können. Pisa fragt anders als so manche Klassenarbeit kein reines Faktenwissen ab - Pisa testet Kompetenzen. Sind die Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Schullaufbahn in der Lage, selbständig mit Texten, Tabellen und Grafiken umzugehen? Können sie mit ihrem mathematischen Wissen alltagsnahe Probleme lösen?
"In Deutschland gibt es keine Tradition der Schulleistungsforschung", erklärt Köller, Chef des neugegründeten Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Jahrelang habe man einen neuen Lehrplan nach dem anderen erstellt: "Was aber überhaupt die Erträge eines solchen Systems sind, blieb bisher völlig im Nebel." JULIA KOCH, CONNY NEUMANN
Von Julia Koch und Conny Neumann

DER SPIEGEL 28/2005
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